Message in a bottle

14.09.2004 um 06:54 Uhr

Gaensespiel: FELD VIER

von: hibou

DAS KIND
Auf diesem Feld solltest Du länger bleiben, spielend. Vielleicht "Himmel und Hölle"? oder "Ich ging einmal nach Buschlabee"? Ein Tag konnte wie ein Jahr sein, damals. Und nie wieder waren wir so versunken und ernsthaft wie beim Spiel.
So ihr nicht werdet wie die Kinder......und eine winzige Änderung, nur ein Komma ist es de facto: So ihr nicht werdet, wie die Kinder....
Also doch weiter! Entwicklung!

16.April 2000
Auf den Rat von N. hin bin ich heute in "American Beauty" gewesen. Was für ein Film! Das erste Beeindruckende: es wird aus der finalen Perspektive erzählt: "Ich hatte nur noch ein Jahr zu leben. Aber eigentlich war ich schon irgendwie tot." Das zweite: jede Figur erlebt ihr ganz eigenes Waterloo, ihren Offenbarungseid. Sozusagen nackt vor der Lebenslüge. Das dritte: der Blick auf die Schönheit des kleinen, der küselnden Plastiktüte, der Leiche am Wegesrand. Buddha sagt: auch an einem toten Hund ist etwas Schönes! Und nicht zuletzt: der Todespunkt, der eine Landschaft ist! Ich mag die Filme, die bewirken, dass man hinterher auf der Straße für eine Weile mit ganz anderen Augen auf die Leute schaut.
Was sind die Tempel, Kirchen und Moscheen der Moderne? Die Kinos? Die Tanzpaläste? Die Banken und die Einkaufszentren sollten es nicht sein.

 

13.09.2004 um 15:50 Uhr

Über rätselhafte Stämme.

von: hibou

Einen davon fand ich in mittelalterlichen Texten erwähnt:

 

Benjamin von Tudela fand sie 1170 an den Abhängen des Gebirges, als er Kreuzzugsgeschichte schrieb: „Sie werden Heiden und Ungläubige genannt, weil sie sich zu keiner Religion bekennen. Ihre Wohnstätten befinden sich auf den Höhen der Berge und auf Felsrücken; sie sind keinem König oder Fürsten untertan. Dieses Volk lebt in Blutschande, der Vater wohnt der eigenen Tochter bei, und einmal im Jahr versammeln sich alle Männer und Frauen zu einem Fest, wobei sie nach Speise und Trank sich unterschiedslos paaren...“

 

Ich bekam die Gelegenheit, auf die Berge und Felsrücken zu reisen und fand die Angelegenheit bei Benjamin von Tudela zu allgemein beschrieben. Tatsächlich verhält es sich so: Dle jährlichen Feste sind nur die Folge einer Lebensweise, die versucht, unter den Dorfbewohnern alle Eifersucht und die daraus folgenden Gedanken von Hass und Taten der Blutrache zu vermeiden. Die weisen Frauen und Männer haben – allerdings erforderte dies Jahrzehnte – ganz besondere Sitten und Gebräuche eingeführt: Findet eine Hochzeit statt, schläft die Braut, angefangen mit dem Bräutigam, mit allen Männern des Dorfes. Nicht umsonst dauert eine solche Zeremonie dort vierzehn Tage (und Nächte. In dieser Zeit ist es der Braut möglich, ohne allzuviel Anstrengungen mit den 28-30 jungenMännern (zwischen 21 und 60 Jahren) ins Bett zu gehen. Umgekehrt hat der Bräutigam das Recht, in den zwölf Monaten, die auf das Fest folgen, mit allen Frauen des Dorfes zu verkehrten. Keiner und Keine hat Ursache und Anlass zu Neid und Wut. Alle sind sich im täglichen Leben irgendwie vertraut. Intime Anspielungen, Verlegenheiten beim Anblick verfänglicher Körperteile und Szenen, Kopftuchzwang oder dörfliche Kontrolle, Tuscheleien und Affären, die solche bewirken könnten, fallen aus. Alle lächeln sich zu. Unter diesen Voraussetzungen ist das oben erwähnte jährliche Fest eine Selbstverständlichkeit. Mit einer Ausnahme. Dass der Vater der Tochter beiwohne, hat Benjamin von Tudela wohl aus der katholischen Priesterschaft übernommen.

10.09.2004 um 18:16 Uhr

Qedeshim qedeshot - Gonzalo Rojas. Unglück bringt es, sich zu Phönizierinnen zu legen...

von: hibou

 

     Unglück bringt es, sich zu Phönizierinnen 
     zu legen, ich legte mich zu einer in Cadiz, 
     der schönsten, und kannte mein Horoskop nicht,   bis dass  
     viel später das mediterranische Meer 
     mir noch und noch Wellenschlag abzufordern begann; zurück- 
     rudernd langte ich ziemlich erschöpft bei der 
     12.Zenturie an: alles war weiss, die Vögel, das Meer, 
     das Morgengrauen waren weiss. 

     Ich gehöre dem Tempel, sagte sie, ich bin der Tempel. Keine 
     Hure, dachte ich, die nicht Worte vom Ausmass 
     solchen Entgegenkommens äusserte. 50 Dollar 
     für den Eintritt in die Andere Welt,gab ich lachend zur Antwort,  
     oder nichts. 
     50 Dollar oder nichts. Krampfhaft 
     weinte sie gegen den Spiegel an, malte darauf 
     mit Rouge und Tränen einen Fisch: Fisch 
     erinnere dich an den Fisch. 

     Sie redete und beschien mich mit ihren grossen 
     flüssigen Augen aus Türkis, und genau hier begann 
     sie auf dem Teppich mit dem Ritual ihres Tanzes, legte 
     zuerst eine Platte aus Babylon auf und 
     spannte das Lager, löschte die Kerzen: das Lager 
     war ohne Zweifel ein tausendjähriges Grammophon, von 
     solcher Pracht war die Musik; Tauben, auf  
     einmal tauchten Tauben auf. 

     All das natürlich in ihrer ganzen Nacktheit mit 
     rotem Haar und diesen hohen Schuhen, grün, die sie 
     marmorn und heilig hervorhoben wie 
     in Tyros, als sie verlost wurde mit den anderen Strassen- 
     mädchen aus dem Hafen, oder wie in Karthago, 
     wo sie Tänzerin war mit dem Recht auf saubere Laken, 
     mit fünfzehn, all dies. 

     Aber ach, nun in Prosa gesprochen wird man 
     verstehn, dass so ein engelgleiches 
     Schauspiel mir einen Stoss ins 
     Rückgrat versetzte und ich geil 
     und gierig über sie herfiel in ihrer Ekstase, als ob 
     dies nicht ein Tempel sei, sondern ein Puff, und sie 
     rauh küsste und ihr 
     weh tat, und sie 
     mich ebenso küsste 
     in einer Flut aus Blütenblättern, wir 
     befleckten uns genießerisch gegenseitig, brannten in auf- 
     lodernden Flammen tief in Cadiz in der 
     röchelnden Nacht, in einem Öl aus 
     Mann und Frau, wovon in keinem punischen Alphabet 
     geschrieben steht, wenn die Einbildung 
     einer Einbildung mich nicht täuscht. 

     Qedeshim qedeshot, Persönlichkeit, wahnsinnige 
     Theologin aus Bronze, Geheul aus Bronze, nicht einmal 
     Augustinus von Hippo, der auch leichtsinnig und 
     sündig in Afrika war, hätte eine ganze Nacht 
     der durchsichtigen Phönizierin 
     ausweichen können. Ich 
     Sünder, bin geständig vor Gott.  
  
     written by: Gonzalo Rojas 

10.09.2004 um 18:08 Uhr

FELD DREI - Galaxis

von: hibou

GALAXIS
Hera, die Göttermutter, fand den ausgesetzten Säugling Herakles und legte ihn voller Mitleid an ihre Brust. Doch des künftigen Heroen Biss war so kräftig, dass sie ihn schon im nächsten Augenblick wieder wegriss. Aber ihre Milch strömte schon, und es entstand - die Milchstraße.
Was wären wir ohne Muttermilch, wenn wir nie Säuglinge gewesen? Ist doch eine direkte Wirkung auf die Ausbildung unseres Gehirns durch diese "Milch der frommen Denkungsart" höchst wahrscheinlich. Solches bedenkend, verweilen wir sinnend auf diesem Feld.

 

                       Zurück aus Wien und den mäandrigen Lauf der Dürrwien noch nahe vor Augen, und auch den Traumteppich von Buschwindröschen (Anemone nemorosa), denke ich zwar flüchtig an vergangene Kindheitsträume - "hier weinte Orpheus um Eurydike" - aber viel mehr an Gegenwart: "Jede Einzelheit neu entdecken, jede Qualität! Die Sinne neu spielen lassen! Das ist das neue Programm!" (Rolf Dieter Brinkmann:)...

09.09.2004 um 19:50 Uhr

Belkis - fleckenlos

von: hibou

Wenn Belkis Hanım, unmäßig dick aber kerzengerade, unsere Kemerstrasse entlanggeht, wird einem wieder einmal klar, warum Muttergöttinnen rund von Form und rund von Charakter sind. Sie verkauft uns Milch und Eier – ihr Mann ist vermutlich wie Muzafer auch Dolmuşchauffeur – ihr Name ist der von Balqis, der Königin von Saba. (Ebenso muss ich mir öfter wieder neu klarmachen, dass der biedere, aber stille Herrscher Selahattin im Haus über uns den Namen Sultan Saladins trägt.) Als ich gestern in Bodrum vor der Apotheke wartete, stieg ein junges Mädchen auf ihren Roller, und zwischen T-Shirt und Shorts leuchtete dunkel ein fünfmarkgroßer Leberfleck, nur dunkler, fast bläulich-schwarz, genau auf dem Kreuzbein! Da fiel mir natürlich der Mongolenfleck wieder ein. Ich forschte nach: 90% der mongolischstämmigen Leute schmückt er, daher sein Name, doch auch andere haben ihn von Geburt an, diese stammen meist aus dem Mittelmeergebiet. Ich erinnere die Geschichte aus der Champagne: dort taucht dieser Fleck überdurchschnittlich häufig auf. Vor mehr als 15 Jahrhunderten fand dort – auf den Katalaunischen Feldern – eine Völkerschlacht statt: auf der einen Seite Aėtius mit dem letzten Aufgebot des Römischen Imperiums, darunter überwiegend Soldaten von Vasallenvölkern, auf der anderen Attila aus den östlichen Räumen, auch er von vielen anderen Völkern begleitet – so dass an diesem Tage unter anderem der König der Westgoten gegen den König der Ostgoten kämpfte (aber das ist eine andere Baustelle). Nun, Attilas Vormarsch kam irgendwie zum stehen. Doch viele Hunnen wurden versprengt, blieben in der Gegend zurück, fanden Freundinnen, zeugten Nachkommen und gaben ihren Rückenflecken weiter….

 

06.09.2004 um 09:37 Uhr

zum Fragezeichen (Kneipen 12)

von: hibou

Ich warte in der Kafana „Na Pitanje“ – zum Fragezeichen – auf Ljubica, die ein Vorstellungsgespräch für einen neuen Job hat. Das geduckte, fein weißgeputzte Haus mit schwarzbraunen geschwungenen Holzfenstern ist im Innern mit niederen Tischen und Hockern bestückt, ein alter türkischer „Han“? Vom goldverzierten Zwiebelturm gegenüber  seilt sich gerade einer der Restaurateure ab. Ich pfeife „sinking ships – crashing planes“ vor mich hin, betrachte die Vorübergehenden, schreibe meine Notizen.

Zurück ins Funkhaus

05.09.2004 um 10:20 Uhr

ulrikes lied

von: hibou

Musik: element of crime

über nacht  kamen die wolken

und ich  habs nicht mal gemerkt

schon sind am ersten strassenbaum

die ersten blaetter verfaerbt

ich will immer so viel erleben

und verschlafe doch nur die zeit

und kaum dass ich einmal nicht müde bin

ist der sommer schon wieder vorbei

 

über nacht kamen die  vögel

und bildeten einen verein

der verzieht sich bald ans mittelmeer

und laesst uns im regen allein

ich will immer so gern berauscht sein

und bin doch immer nur breit

und kaum dass ich einmal nüchtern bin

ist der sommer schon wieder vorbei

 

über nacht kam die erinnerung

an laengst vergangenes glück

und voller wehmut stell ich mir

die uhr eine stunde zurück

ich will mich so gerne vergessen

und bin dazu doch nicht bereit

und kaum dass ich dich einmal wiederseh

ist der somme schon wieder vorbei

 

(sven regener)

04.09.2004 um 13:09 Uhr

Schamil

von: hibou

Ich recherchiere grade über die Tschetschenen. Bisher weiss ich, dass sie weder Indoeuropaeisch noch ein Turkvolk sind. Sie sind Vainakhen (das tönt nach Eskimo, pardong: Inuit). Sie waren nach Clans organisiert. Sie nahmen eine besondere Form des Islam, den Sufismus, an. JedeTschetschenin und jeder Tschetschene gehörten einem von mehreren Clubs der Sufi an, und das unabhaengig von der Clanzugehörigkeit. Alles in allem also eine konsequent nichtfeudale Gesellschaft.

Seit der Zeit Peters des Grossen und Katharinas hatte Tschetschenien unter den Eroberungsfeldzügen der russischen Heere zu leiden. Diese suchten zwecks Erweiterung des Imperiums Zugang zum Schwarzen Meer. Schon Alexandre Dumas schrieb ein Buch über den Widerstand Schamils gegen die Invasoren.

In nonchalanter Umkehrung der Tatsachen heisst es in dem selbst bei uns bekannten russischen Wiegenlied "Bajuschka Baju": "Der Tschetschene wetzt das Messer" (Schlaf mein Kind in guter Ruh....)

Heute wird die Geiselnahme in der Schule zu Beslan dem Tschetschenen SCHAMIL Bassajew zugeschrieben. Wer kanns kontrollieren.... Ich recherchiere über die Tschetschenen. Wurden sie nicht von Stalin zur Gaenze nach Sibirien verbannt?

Und: interessiert sich Putin wirklich für sie?

 

02.09.2004 um 18:14 Uhr

denk jetzt

von: hibou

02.09.2004 um 09:35 Uhr

Pripjat - für die Katz

von: hibou

In 100 000 (einhunderttausend) Jahren, sagen die Radiologen, werden wir wieder in Pripjat leben können. Eine ganze Stadt, und viele Dörfer wie Kopatschi, Schipelitschi ...  rings um Tschernobyl, wo am 25.April 1986 der Reaktorblock IV eines Atomkraftwerks explodierte, eine weite Landschaft, sind zum Sperrgebiet erklaert und eingezaeunt. "Natur"schutzgebiet der neuen Art. Auf der Tafel eines Kindergartens steht: eine rückkehr gibt es nicht. lebt wohl! pripjat 28.April 1986.

Blumen blühen, Laub raschelt im Wind. Eine Katze streift durchs Gras. Nur der Mensch fehlt.

(siehe dazu den fantastischen Photoband von Robert Polidori: Sperrzonen - Pripjat und Tschernobyl)

Eine Schule in Nord-Ossetien ist zur Zeit ebenfalls abgesperrt. Scharfschützen auf umliegenden Daechern. Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrer drinnen als Geiseln festgehalten. Sogenannte tschetschenische Terroristen, die mit Blutbaedern drohen. Was weiss man von ihnen? Zunehmend stellen Frauen ihr Leben zur Verfügung, um "Feinde" mit in den Tod zu reissen.

Was tun die Regierungen? Sie mauern Betonsaerge um den Kernbrand. Sie töteten vor langer Zeit den Tschetschenischen Praesidenten Dudajew mit einer gezielten Rakete. Seither ist Krieg da. Sie daemmen wenig ein. Man könnte meinen, sie züchten "das Böse"?? Gewagt These. Aber ich schau mich um. Sie errichten Absperrungen. Schutz vor Viren! Safer life! Kampf gegen den Terrorismus! Alles für die Katz.

01.09.2004 um 11:28 Uhr

rauchfang (kneipen 11)

von: hibou

mit dem rücken zur sonne auf einer backsteinmauer am urachplatz gesessen. ich will eine tasche voller bücher verkaufen, aber noch ist nicht ganz drei uhr und der laden zu. links von mir die kneipe "rauchfang", jetzt "shangri-la". vor achtunzwanzig jahren hab ich da manchmal mit einigen andern gesessen. ich war wie genau wie diese ein wenig in christine verliebt. christine mochte das. später in hamburg hab ich ihre tochter unterrichtet. über dem rauchfang die wohnung der tochter meiner rätoromanischen patentante. seraina und ich sind fast gleich alt. vor sechs jahren hatte ich sie da zufällig wiedergetroffen. es gab tee. hinter mir und dem mäuerchen ein spielplatz. da hatte ich auch mal kinder beaufsichtigt. heilfroh, dass sie sich grad nicht die haare ausrissen. rechts von mir die staffel, wo es zum atelier der woloschina raufging. dort war ich als kind gewesen. meine tasche ist urschwer. gleich aber wird sie leer und leicht sein. mein märchen war schon immer hans im glück. und ich stolper fröhlich über meine eignen spuren.

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