Message in a bottle

31.10.2004 um 14:45 Uhr

“ kost und logis “ (gastbeitrag) Kneipen 26

von: hibou

 

  1. titel: ulrich lepka und karsten neumann sehen handlungsbedarf „kost und logis“
  2. ort des vorgangs: café geyer, hein köllisch platz 4, d-20357 hamburg, tel: 040/310318.
  3. zur raumsituation: der verkehrsberuhigte hein köllisch platz in st.pauli, an dem sich das café geyer befindet, ist ein intensiv genutzter treffpunkt für menschen verschiedenster gruppierungen und lebensanschauungen. der gleiche charakter prägt auch das café selbst, das sich mit drei grösseren fensterscheiben und einer glastür zum platz hin öffnet.
  4. datum des vorgangs: 14.7.  94, 13.00 bis 21.7.94, 1.00. die aktion erstreckt sich über den gesamten zeitraum.
  5. beschreibung des vorgangs: mit einem möglichst kleinen pinsel werden wir während der öffnungszeiten des cafés (ca. 13.00 bis 2.00) systematisch fensterscheiben und glastür im takt eines metronoms zumalen. einer von uns wird auf der straßenseite die scheibe mit weisser farbe, der andere vom innenraum her die scheibe mit schwarzer farbe „versiegeln“, bis nach den acht tagen der raum völlig verschlossen ist. die weiteren lebensumstände: für die zeit der aktion werden wir zudem auch an diesem ort leben, schlafen, essen, uns waschen usw… das café bleibt natürlich regulär geöffnet. die aktive arbeitszeit wird ca alle 1 ½ stunden von kurzen pausen unterbrochen, wobei wir nur in diesen arbeitspausen ansprechbar sein werden.
  6. (zurück in die gegenwart)

31.10.2004 um 10:03 Uhr

Schöne Namen

von: hibou

Was geschah am 24. August 1929 in Kairo? Ein Junge wurde geboren. Er erhielt den Namen Abdül-Rauf Arafat el Gudva el Hüseyni.

30.10.2004 um 23:00 Uhr

Lebt der Rudi Dutschke noch?

von: hibou

Lebt der (Name einsetzen) noch?

Ja, er lebet noch

Er hängt an keinem Baume

Er hängt an keinem Strick

Er hängt an seinem Traume

von der deutschen Republik

29.10.2004 um 09:54 Uhr

Von den demokratischen Traditionen, die die Türkei (nicht) lernen muss. Neue Kolumne aus Anatolien

von: hibou

Sie haben ja noch manches von uns zu lernen, heißt es wohl, wenn von der Türkei und ihrem Wunsch, nach Europa zu gelangen, die Rede ist. Etwa an demokratischen Traditionen…….

Heute – wo auf dem Kapitol in Rom die erste europäische Verfassung unterzeichnet wird - feiern wir den 81. Jahrestag der Türkischen Republik. Ich rechne zurück. 1923. War nicht damals der Hitler-Putsch in München? Die Weimarer Republik wurde gerade mal noch zehn Jahre älter. Dann der Neubeginn in Deutschland nach 1945, gewiss ein Umschwung. Und nun sind die Demokratien in ganz Europa  etabliert und gefestigt,, bis nach Bulgarien und Rumänien hinab.

 

Gut, Atatürk ist so etwas wie eine Vaterfigur. Tito war es für Jugoslawien, Mao für China, Fidel Castro für Kuba. Schwellenvölker brauchen eben noch die väterliche Autorität. Mustafa lernt im English-Unterricht den Superlativ. The highest mountain of Turkey is….? The biggest town…? The most important man in modern Turkish history is….?

 

Ich verfolge heute natürlich auch Euronews und die Nachrichten aus Deutschland. „Berlin fiebert dem Besuch der Königin von England entgegen. Schon werden Verbeugungen und Hofknicks geübt. Es ist nicht möglich, die Queen von sich aus anzusprechen, vielmehr wartet man, ob man von Ihrer Majestät angesprochen wird (sagt der Protokollchef des Bundespräsidenten). Das erste Deutsche Fernsehen wird in drei Sondersendungen ausführlich berichten. Die Suite im ‚Adlon’ steht für die Queen bereit….“

Die anschließende Werbung wirbt für „Das Neue Blatt“, Das Goldene Blatt“, „Die neue Frau“(!) und ähnliche Postillen mehr. Wie Letitia den Kronprinzen Felipe völlig veränderte. Was Stefanie und Mette Marit und Sophie und Silvia denken, fühlen und wollen. Über die jüngste Blähung einer Gunilla und den Harndrang Ernst Augusts von Hannover. TV Sendungen (mit sehr guten Quoten) heißen „Die Royals“, ich habe selten jemanden so lange, detailliert und Kenntnisreich über fürstliche Brautkleider referieren hören wie die dortigen Hofberichterstatter. Und natürlich heißen die Leute in der täglichen Soap „Von Anstetten“.

 

Es gibt im türkischen Fernsehen Berichte über das Osmanische Reich und den Serail in Istanbul. Ich schätze sie, obwohl sie eher selten ausgestrahlt werden. Professor Ilber Ortay erzählt von der vergangenen Kultur, den Kunstschätzen, er analysiert die Ereignisse vom ersten Eindringen der Turkstämme nach Anatolien über Mehmet den Eroberer und Süleyman den Prächtigen bis zum „Kranken Mann am Bosporus“, dem Niedergang des Reiches. Es ist sehr fundiert geschildert und mit Dileks Hilfe kann sogar ich seiner klaren Diktion folgen. Es ist Wissenschaft. Keinerlei Haremsstrunkenheit oder so. Der Fez ist verboten. Topkapi Saray nurmehr ein wunderschönes Museum.

Daneben weiß jedermensch um die Geschichte der Türkischen Republik.

 

Die Abendnachrichten sind heute von einem Blasorchester in Phantasietracht untermalt. Ich denke gerührt an unsere „Abbaye“ im welschen Dorf, wir waren stets von den Märschen der Kapelle magnetisch angezogen worden. Es ist – wie die Backen der Tubabläser und Posaunisten – imposant. Es ist sehr westlich.

 

Ich lese in der “Zeit” einen Bericht über den Hohen Asperg . Wie oft bin ich  an der Burg, die noch heute Zuchthaus ist, vorbeigefahren. Sie liegt nicht weit von Stammheim mit dem Hochisolationstrakt. Vom 18. Jahrhundert des Württembergischen Absolutismus über die Revolutionsjahre 1848-49 bis hin zum Tausendjährigen Reich der Nazis diente der Asperg als eine Art Bastille (diese war längst geschleift). Wer den Ludwigs und Carl Eugens und Karl Alexandern in Stuttgart nicht gefiel, wer Freiheitsrechte forderte oder sie auch nur als Journalist beschrieb, landete dort im kalten und sicheren Verließ. „Demokratenbuckel“, „großes Freiheitsgrab“, Tränenberg“ wurde dieses Symbol der Unterdrückung vom Volk genannt. Daniel Schubart, Friedrich List, Joseph Süß -Oppenheimer (der „Jud Süß“), die Sängerin Marianne Pyrker (sie hatte das Verhältnis des Landesfürsten mit einer Gräfin ausgeplaudert), Gustav Adolf Rösler und noch der letzte württembergische Staatspräsident Eugen Bolz 1933, um nur einige wenige zu nennen, saßen hier als Gefangene. Viele verliessen es fürs Leben gebrochen. Friedrich Schiller konnte eben noch nach Mannheim fliehen.

Frage: wer kennt in Deutschland den Hohen Asperg oder sein sächsisches Pendant, die Festung Königsstein an der Elbe?

 

Keine zehn Kilometer entfernt liegt Ludwigsburg. Dort wurde soeben das Schloss, eine der größten Barockanlagen Europas – die ein Stuttgarter Fürst für seine Geliebte (und sich) bauen ließ – für 92 Millionen Euro umfassend renoviert, nicht unpassend zum allgemeinen Feudalismusrausch jener Weltgegenden.

 

Im Grundwasser Englands wurden vor kurzem Prozac festgestellt. Prozac ist ein Antidepressivum, das mehr und mehr und im letzten Jahr 24 Millionen mal verschrieben wurde. Über die Ausscheidungen gelangt es in die Erde, von dort ins Trinkwasser eines jeden. Wozu noch zum Arzt gehen?

Aber: was macht die Europäer so traurig?

28.10.2004 um 23:32 Uhr

Doğan (Kneipen 25)

von: hibou

Café DO-AN, ich nehme an, der Name ist von Doğan, dem Falken abgeleitet. "seis kanaken" steht an der Bretterwand gegenüber, wo ein Paar auf einem Holzbalken sitzt, die Köpfe ganz dicht an der Wand weil der Schatten so schmal ist, und Dönerkebab wie eine Kauharmonika hält.

(zurück ins Funkhaus)

27.10.2004 um 18:51 Uhr

der wirtschaftsaufschwung muss her. ratschläge an die regierung von hibou.

von: hibou

 man könnte doch den tag um eine stunde auf 25 verlängern um die produktivität zu erhöhen - ist dazu laut verfassung eine zweidrittelmehrheit nötig? hab nichts davon im gg gelesen.... -, oder wie wär’s überhaupt mit einführung eines zusätzlichen wochentages, der die verluste durch streiks wieder auffängt? es hieße dann, montag, dienstag, mittwoch, streiktag, donnerstag,..., noch kühner wäre es, zwei parallele wochen je für arbeitende und für arbeitslose einzuführen, die arbeitswoche à 3 tage (gibt ja eh kaum arbeit), die gammlerwoche à 7, so wäre es den arbeitslosen noch langweiliger, und sie müssten doppelt für ihre faulheit büßen, während der job immer kurzweiliger würde - sagt der chef zur sekretärin: "sie werden mich jetzt für eine weile nicht sehen". die sekretärin: "ah, gehts wieder zur tagung nach madrid?". der chef: "neinnein, ich werde sie jetzt von hinten ficken" - . ich persönlich wäre aber für eine ganz andere, eine radikale lösung: wir streichen einen wochentag ersatzlos weg. dadurch gelangten wir schneller in die zukunft als unsere nachbarstaaten. hm. vielleicht ist’s doch am einfachsten, die armen länder wie bisher weiter gnadenlos auszubluten?

26.10.2004 um 19:26 Uhr

Hurra! zwischen Kölibri und Geyer (Kneipen 24) (für filip)

von: hibou

Hein Köllisch-Platz, verschiedene Leute, verschiedene Jahreszeiten, Migräne

 

Marie: Natur, dein mütterliches Sein.....bei der Polarität Mann-Frau sind auch die Antagonismen Mutter-Tochter sowie Vater-Sohn und vor allem die Überkreuzverbindungen zu berücksichtigen. Wieviele Freundschaften mögen diese gleichzeitig und unentwirrbar dem Unbewußten verwoben enthalten? Worte, Begriffe, diffus wogend, dann sich abnabelnd, ins Hirn eintauchend, von Alltagsfetzen unterbrochen, dann plötzlich ganz klar im Kopf, gleichsam in Leuchtschrift stumm aber umso deutlicher lesbar.

Ärgerlich, daß der Schlachter wieder das Gulasch nicht kleingeschnitten hat! Gut, das Kit da ist...Sie kann schon mal die Zwiebeln schälen.

 

Kit: Das Studium macht mich fertig. Praktikum. Ist schon anders. Im Kinderladen hab ich mich über Mittag mit den Kleinen hingehauen und eine oder zwei Stunden geschlafen, wer schläft denn heute, haben wir drei uns immer vor dem Essen gefragt. Tut schon gut.
Und sie streicht sich flüchtig über den Drachen, den sie an der Schläfe und über Ohr tätowiert hat, die Haare beginnen schon wieder zu wachsen.

 

Marie: Ich fliege nächste Woche nach Rhodos, meine Mutter hat mich eingeladen, warum nicht? - ab und zu mit der Mutter verreisen? Zwar muß ich mich meist nach einigen Tagen in eine Migräne flüchten.....sie ist so penetrant!

 

Päan (unerkannt über den Platz schreitend):

Phöbus liebt, und begehrt der gesehnten Daphne Vereinung,

Was er begehrt, das hofft er; ihn täuscht sein eignes Orakel...

Mehreres strebt er zu reden, da ängstlichen Laufs die Penidin

Floh, und mit jenem verließ die unvollendeten Worte...

Doch der Verfolgende rennt, wie mit Amors Fittichen fliegend,

Schneller daher, und versaget ihr Ruh...

Jetzt nach geschwundener Kraft erblaßte sie, matt von der Arbeit

Jenes geflügelten Laufs, und schauend die Flut des Peneios:

Rette mich, Vater, rief sie, o Vater, wenn Macht euch Ströme beseelet!

Du, wo zu sehr ich gefiel, zerspalte dich unter mir, Erde!

Oder verwandle diese Gestalt, die mir Kränkungen bringet!

Kaum war geendet das Flehn, und gelähmt erstarren die Glieder.

Zarter Bast umwindet die wallende Weiche des Busens;

Grün schon wachsen die Haare zu Laub...

Jetzo sagte der Gott: Da du mein als Gattin nicht sein kannst,

Wenigstens sei als Baum du die Meinige! Immer umwind uns

Du das Haar!...

(Päan endigte so; der jüngst entsprossene Lorbeer

Nickte dazu, und schien wie ein Haupt zu bewegen die Wipfel.)

 

Kit: Umwerfende Migräne-Theorie! Aber weißt, bei homosexuellen Paaren ist es auch nicht anders, alles wie gehabt, Rollenspiel und Eifersucht und Doppelgängerdiskussionen und so...ich geh mal den Tisch decken.

(Raymonde und Ingo von der Bücherhalle, dann die dicke Özlem, Elcin und Nihal drücken sich grad durch die Tür des Kölibri).

 

Zur Einweihung tragen die Frauen von der Gemeinwesenarbeit mal ein Namensschild. Filip, in engem Rock und Glitzerweste, nimmt einen Strauß roter Rosen vom Kabarettisten in der Mondmaske entgegen, und ihr Gesicht nimmt deren Farbe an. Im Angesicht des Jahrhunderts. Ein einziger Mensch kann eine ganze Stadt verändern. Was ist Zivilisation? Vor drei Tagen wurde die alte Brücke von Mostar endgültig auf den Grund der Neretva geschossen. Sie hat es gestern abend gelesen. behutsam umarmt sie einen Freund.

Marie ist mit dem Tablett voller Sektgläser unterwegs.

Bleich und dickbäuchig steht Ingo Kleist im Gegenlicht, unwohler Machtmensch im Reich der Phantasie. Ein Hundeverbot für diese Räume? da liegste aber voll nebem Stadtteilfeeling!

Jutta berührt Anno an der Schulter. Habt ihr gut gemacht (Für Anno trug ich Schuhe)

Den dort kenn ich doch auch, denkt Adrian, ich sollte mit dem Kiffen aufhören mit meinem durchlöcherten Kurzzeitgedächtnis. Manfred und zwei seiner Kumpel kommen eben mit der ersten Nummer der Obdachlosenzeitung.

 

Anne sitzt mit Locke in der Bar. Hast du das Modell der Stadtteilhalle schon ins Baubüro gefahren?

Kleist: jeder muß selbst sehn, wo er seine Knochen findet. Wir brauchen nicht noch mehr Leute, die ihren Müll aus dem Fenster werfen. Die sollten lieber gar keine Kinder kriegen.

Obdachlosenspeisung? das lockt die ja noch an! Für einen vorhandenen Stadtteil braucht man kein Konzept.

 

Ein Junge steht vor dem Haus und ruft zum vierten Stock hoch, öffnet rufend ein Fenster hinter der Satellitenantenne, läßt rufend eine füllige Frau in hellrosa Morgenkleid darin erscheinen, ruft ein Kind an ihre Seite, ruft ihre Brüste aufs Fensterbrett herunter und vier Augenbrauen steil in die Höhe.

Der Junge: Timucin, ich wart auf dich!

Und das Fenster schließt sich hinter den Nichtmehrgerufenen.

Endlich sind auch Barbara und Simone da. Schwesterlich waren sie auf dem Schanzenfest Ohrringe kaufen, eine der anderen. Grüner Stein mit Maserung, Brasilien, oder vom Pamir? Sie haben die beiden amerikanischen Mädchen singen hören, Augenaufschläge, weiße Hosen mit Schlag! Tja, als wir uns noch zwischen Vespa und Lambretta entscheiden mußten!

Ach, Rocky, ich hab noch nie ein Kind gekriegt....

Erwin: Nein, das war nicht bloß schön, da stiegen einem die Tränen in die Augen!

 

Nils liegt auf der Fensterbank, zwinkert backig wie ein Bäcker: Kommt um vier zum Laue-Bau, murmelt er den Vorbeigehenden zu. Schnell haben diese Infotafeln und Transparente herbeigeschafft.

Die Hausbesetzer: Hier läßt der Senat seit zwei Jahren Wohnraum leerstehen. Aber nicht wir. Hep, hep, wir kommen!

Lydia ist im Alter von 50 Jahren mit ihrer Familie aus Kasachstan hergezogen. 50 ist alt da. Manche wohnen bis zu zwei Jahre im Interrast, dem früheren Eros-Center. Ein Zimmer pro Familie. Sie verschränkt die Hände  wie zum Gebet hinter dem Rücken ihres Mannes, wenn dieser mit ihr schläft.

Lydia: Ach Gott, was sollte aus mir werden, wenn es den Tod nicht gäbe? Das Leben würde ebenfalls aufhören.

Die Coole von gegenüber öffnet ihre Handtasche, um unauffällig die supergroße Tube Pattex aufzuschrauben.

Auf dem Bordstein vor der Telefonzelle kauern zwei Achtunsechziger und raunen sich ihr Lied zu:

Sie: Mein Geliebter fiel in der Schlacht um Plei Me/ er fiel in der strategischen Zone D/ mein Geliebter fiel in der Schlacht von Dong Soai/ fiel in der Schlacht von Chu Prong und Hanoi/ er fiel überall an der Front/ er fiel auf Reisfeldern und im Wald/ Sein Leichnam blieb hier verkohlt liegen....

Er: Liebling, ich will dich ewig wie den Himmel lieben/ wenn einmal Wind ist, will ich deinen Namen nennen/ und wo immer du bist, dahin soll der Wind ihn wehen/ mein Name ist wie der deine, wir sind Vietnamesen/ unsere Sprache ist weich, unsere Farbe ist gelb/ und ich träum von dir/ hörst du mich?

(Von drinnen aber ein) Bleicher Rapper: ich bin der Farmer  dzungg ponk ponk dzungg

ich krieg keine Frau

ich melk die Kühe ponk ponk dzu

und mein Daddyistschonfroh

daß ich Trecker faahn kann

ich binderfama...

 

Aihan reizt einen Penner, Lars, Manuel und Erol stehen im Halbkreis und hören ohne zu verstehen der Suada aus dessen heiserer Kehle zu. Der Regen hat nachgelassen. Ernesto hat inzwischen den Waschsalon aufgesucht, wollte fürs Fest um Strom bitten. Um die Ecke ist grade ein Tourist erstochen worden. Der Vater des Täters macht sich auf den Weg in die Beratung zu Livia, um von ihr in Erfahrung zu bringen, ob ein Besuch im Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll Haus 18 möglich sei. Livia aber tanzt zur Zeit mit Monsieur Coffey von der Elfenbeinküste, der im Container wohnt, dessen Frau schwanger ist, der morgen auf Vereinskosten zum Boule-Turnier nach Konstanz fahren wird. Monsieur Coffey hat auch zum Tanz seinen olivgrünen Anorak nicht ausgezogen, er tanzt genauso unbewegten Gesichts mit seiner Angebeteten, wie er zuvor auf sie gewartet hat.. Abschiebungen, Wohnungskündigungen, Gewalttätigkeiten, Vergewaltigungen gehören zu ihrem Alltag. Sie schaut aber unter einer Alltagshärte sanft und langmütig in die Welt.

 

In den Ritzen des Kopfsteinpflasters ist - gefördert durch den nassen Sommer 93 - recht viel Gras gewachsen. ferner liegen seit kurzem oder schon länger, festgetreten oder lose, allerlei verlorene Gegenstände darin: Kronenkorken, Knöpfe, Kaurimuscheln, Nägel, Fingernägel, Gummibären, Pfennige, Haarnadeln und -kämme, Kondome, Patronen, Ringe, Kettchen, Lippenstifthülsen und noch vieles mehr.

Ernesto (denkt): All die Leute, die mit der Zeit über den Platz gehen, ziehen ein Netz von kaum sichtbaren Trampelpfaden...man müßte sich am Rand auf eine Bank setzen, oder oben vom Glasturm mit einer Netzhaut wie eine Fotoplatte kucken, so daß sie alle sichtbar würden, ihre Wege zurück und ihre Schicksale voraus - .Oder was einsähen, isländisch Mohn, Fingerhut, Ginster, Lupinen und Nachtkerzen....Farben!..... auf solche Art die Wege zum Vorschein bringen....sozusagen negatives Plastizieren...ganz unbegangene Stellen wären dazwischen zu sehen, wo selbst die Katzen Umwege machen, Erdstrahlungen, Verwünschungen, ("Morgen in der Schlacht denk an mich und es falle dein Schwert ohne Schneide: Verzag und stirb. Möge ich morgen auf deiner Seele lasten, möge ich Blei sein in deiner Brust und mögen deine Tage enden in blutiger Schlacht: Es falle deine Lanze..."). Oder wo der Engel steht. Compañero.....

 

Huskie Cem mit dem einen hellbraunen und dem anderen wasserklaren Auge rekelt sich gähnend, der dreibeinige vom Hafen humpelt flink in Richtung "Tierischer Futternapf", ein ortsfremder schwarzer Schäfer mit rotem Emailleherz um den Hals schnüffelt an Tante Lilys Pinscher und auch das greulich wollige Vieh wird wieder einmal dicht an den Hauswänden entlang Gassi geführt. Pittbulldame Leila bellt träge und markiert den Espenstamm bei Pötzscher.

Und schon erscheinen Liz und Frank in liebevoll lässigem Gleichschritt. Sie haben eingekauft. Frank, der kurzhaarige Texter trägt die Tasche über der Schulter. Liz schwenkt eine Tüte mit Eiern? Marshmallows? Champignons? Das herabhängende Haar verbirgt ihr Gesicht bis auf die gezeichnete Nase und die immer leicht fiebrigen Wangen. Warum läßt sie sich tätowieren? Um das Blau von Franks Augen auf der Haut zu beantworten? Um bestimmte Träume anzulocken? Frank und Liz wohnen in Sichtweite, er im obersten Geschoß von "Schmaals Hotel" in der Hafenstraße, sie direkt gegenüber, so daß sie sich in die Fenster schauen. Wo werden sie kochen?

 

Eine Unbekannte in grüner Hose sitzt auf der Bank vor Geyers Bar, schaut sich um, stößt Rauch aus

Die Unbekannte vor Geyers Bar: Was? Freitag? gute Stimmung auf dem Platz. OK. Der Corso in Dubrovnik einstmals, oder in Split rund um den Diokletianspalast...und die ewig trippelnden Tauben. Grau, bräunlich. Taubenblau, sagt man. Stinkend und voller Milben, mit verstümmelten Fängen und schlechter Mauser. Degenerierte Viecher, sie spazieren ja unten in den U-Bahnhöfen herum...Meine Schöne, mein Täubchen sagte Danilo damals zu mir, haha...Gurren und balzen ohne Ende, wie die Männer, ja, möchten ihn auch alle gern bei mir reinhalten. Ob die die Landschaft hier düngen? Oh, sieh mal die rote in der Bluse da drüben. Ob die auch anschaffen geht, die Arme. Aber bescheuert, dieses Handy am Ohr. Eines Tages werden hier die Penner auch mit Handy aufkreuzen. Hm...Kinder haben? Ich?? Javielleichtnein. Torsten soll kommen. Freu mich. Da drüben geht Norman. Praller Hintern, Tonnenbrust. Ambulante Jugendbetreuung oder wie heißt das. Ambulieren kann er ja gut. Aber die Kids machen ihn fertig...Konstellationen, Gestirne. Hundeformationen wie Tätowierungen auf der Stadthaut, der schorfigen......

 

Ernesto ist mit einer Kabelrolle ins Baubüro gegangen. Die Antonistraße hinunter, zwischen Kirche und Staat, dann nach links und hinein in Schmaals Hotel. Und Klaus hat sogar eine neue Gasflasche für den Ofen geholt.

Klaus: Ja, heute hatte ich Zeit. Dein Buch? Bismillah, hab's fast durch. Ich bring's dann mit. Hallo Mina!

Mina: bin bedröselt, hab meine Tage, da könnt ich immer die Wände hoch!

Sie macht katzenartige Gesten.

Liz kuckt zur Tür rein. Eine halbleere Weinflasche in der Hand zwinkert sie uns mit beiden Augen zu, mit einem Blick wie durch Glas.

26.10.2004 um 19:24 Uhr

noch Hurra!

von: hibou

In den Ritzen des Kopfsteinpflasters ist - gefördert durch den nassen Sommer 93 - recht viel Gras gewachsen. ferner liegen seit kurzem oder schon länger, festgetreten oder lose, allerlei verlorene Gegenstände darin: Kronenkorken, Knöpfe, Kaurimuscheln, Nägel, Fingernägel, Gummibären, Pfennige, Haarnadeln und -kämme, Kondome, Patronen, Ringe, Kettchen, Lippenstifthülsen und noch vieles mehr.

Ernesto (denkt): All die Leute, die mit der Zeit über den Platz gehen, ziehen ein Netz von kaum sichtbaren Trampelpfaden...man müßte sich am Rand auf eine Bank setzen, oder oben vom Glasturm mit einer Netzhaut wie eine Fotoplatte kucken, so daß sie alle sichtbar würden, ihre Wege zurück und ihre Schicksale voraus - .Oder was einsähen, isländisch Mohn, Fingerhut, Ginster, Lupinen und Nachtkerzen....Farben!..... auf solche Art die Wege zum Vorschein bringen....sozusagen negatives Plastizieren...ganz unbegangene Stellen wären dazwischen zu sehen, wo selbst die Katzen Umwege machen, Erdstrahlungen, Verwünschungen, ("Morgen in der Schlacht denk an mich und es falle dein Schwert ohne Schneide: Verzag und stirb. Möge ich morgen auf deiner Seele lasten, möge ich Blei sein in deiner Brust und mögen deine Tage enden in blutiger Schlacht: Es falle deine Lanze..."). Oder wo der Engel steht. Compañero.....

 

Huskie Cem mit dem einen hellbraunen und dem anderen wasserklaren Auge rekelt sich gähnend, der dreibeinige vom Hafen humpelt flink in Richtung "Tierischer Futternapf", ein ortsfremder schwarzer Schäfer mit rotem Emailleherz um den Hals schnüffelt an Tante Lilys Pinscher und auch das greulich wollige Vieh wird wieder einmal dicht an den Hauswänden entlang Gassi geführt. Pittbulldame Leila bellt träge und markiert den Espenstamm bei Pötzscher.

Und schon erscheinen Liz und Frank in liebevoll lässigem Gleichschritt. Sie haben eingekauft. Frank, der kurzhaarige Texter trägt die Tasche über der Schulter. Liz schwenkt eine Tüte mit Eiern? Marshmallows? Champignons? Das herabhängende Haar verbirgt ihr Gesicht bis auf die gezeichnete Nase und die immer leicht fiebrigen Wangen. Warum läßt sie sich tätowieren? Um das Blau von Franks Augen auf der Haut zu beantworten? Um bestimmte Träume anzulocken? Frank und Liz wohnen in Sichtweite, er im obersten Geschoß von "Schmaals Hotel" in der Hafenstraße, sie direkt gegenüber, so daß sie sich in die Fenster schauen. Wo werden sie kochen?

 

Eine Unbekannte in grüner Hose sitzt auf der Bank vor Geyers Bar, schaut sich um, stößt Rauch aus

Die Unbekannte vor Geyers Bar: Was? Freitag? gute Stimmung auf dem Platz. OK. Der Corso in Dubrovnik einstmals, oder in Split rund um den Diokletianspalast...und die ewig trippelnden Tauben. Grau, bräunlich. Taubenblau, sagt man. Stinkend und voller Milben, mit verstümmelten Fängen und schlechter Mauser. Degenerierte Viecher, sie spazieren ja unten in den U-Bahnhöfen herum...Meine Schöne, mein Täubchen sagte Danilo damals zu mir, haha...Gurren und balzen ohne Ende, wie die Männer, ja, möchten ihn auch alle gern bei mir reinhalten. Ob die die Landschaft hier düngen? Oh, sieh mal die rote in der Bluse da drüben. Ob die auch anschaffen geht, die Arme. Aber bescheuert, dieses Handy am Ohr. Eines Tages werden hier die Penner auch mit Handy aufkreuzen. Hm...Kinder haben? Ich?? Javielleichtnein. Torsten soll kommen. Freu mich. Da drüben geht Norman. Praller Hintern, Tonnenbrust. Ambulante Jugendbetreuung oder wie heißt das. Ambulieren kann er ja gut. Aber die Kids machen ihn fertig...Konstellationen, Gestirne. Hundeformationen wie Tätowierungen auf der Stadthaut, der schorfigen......

 

Ernesto ist mit einer Kabelrolle ins Baubüro gegangen. Die Antonistraße hinunter, zwischen Kirche und Staat, dann nach links und hinein in Schmaals Hotel. Und Klaus hat sogar eine neue Gasflasche für den Ofen geholt.

Klaus: Ja, heute hatte ich Zeit. Dein Buch? Bismillah, hab's fast durch. Ich bring's dann mit. Hallo Mina!

Mina: bin bedröselt, hab meine Tage, da könnt ich immer die Wände hoch!

Sie macht katzenartige Gesten.

Liz kuckt zur Tür rein. Eine halbleere Weinflasche in der Hand zwinkert sie uns mit beiden Augen zu, mit einem Blick wie durch Glas.

zurück ins Funkhaus?

26.10.2004 um 12:08 Uhr

Graffiti

von: hibou

Ein überholtes Projekt

 

Mir fiel ein altes Protokoll, wohl aus den Jahren 1966 oder 67 in die Hände. Die darin erwogenen Pläne sind auf überraschende Weise anders als gedacht Wirklichkeit geworden. Hier das Protokoll:

 

Sitzung des Kulturausschusses von XX zum Thema Kunst - Zeitgeist - Jugend

Teilnehmer

Herr Prof Dr. Hensl, Universität

Frau Engelbrecht, Städtisches Jugendamt

Frau Schlegtsam, Freie Waldorfschule

Herr Oberwachtmeister Hünich, Schutzpolizei

Herr Leibbrand, Nassauische Landeskirche

Herr Finanzinspektor Ratjen

Kulturdezernent Wüstrich

und Alfons Wrlitzka als Gast

 

1.   Unmotivierte Jugend

 

Mehr und mehr Jugendliche finden nur noch schwer in die Arbeitswelt, in die Formen sozialen Zusammenlebens. Oft sind Aggressionen gegen unsere Gesellschaftsform wahrzunehmen, oder aber Lethargie und Passivität. Mit Lernprogrammen und Schulungskursen ist dem nur schwer zu steuern.

Sollte die kreative Ebene stärker angesprochen werden?

 

2.   Ungastliche Städte

 

Mit den jüngsten Phasen des Umbaus unserer Innenstädte wuchs der Anteil ungegliederter Betonwände (Viadukte, Straßenböschungen, Bahnkörper, Parkhäuser u.ä.). Zu fragen ist, inwieweit sich Städtebau bis in soziales Verhalten der Bewohner hinein fortpflanzt, zum Beispiel in den neuen Block-Wohnsiedlungen. Gibt es eine Korrelation zwischen wüster Umwelt und unangepaßtem Verhalten? Hier sei auch auf die wachsende Zerstörung an öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen hingewiesen.

 

3.   Der Plan

 

Das Treffen des Ausschusses war der Erörterung eines künstlerischen Projektes gewidmet: Inwieweit könnten Jugendliche zur Verschönerung unserer Städte beitragen, in dem sie obengenannte Betonflächen farbig gestalten? Wrlitzka schlägt dafür die Bezeichnung „Graffiti“ vor. Es werden zunächst auch die Bedenken ausformuliert:

die in Frage kommenden Jugendlichen sind keine Künstler. Wer bildet sie aus?

Es kommen große Flächen in Frage, um überhaupt eine Wirkung auf das Städtebild zu erzielen.

Wie könnte so ein Projekt finanziert werden? Allein die Materialkosten wären enorm.

Für dessen Durchführung müßte auch die Freizeit der Jugendlichen, von Fall zu Fall bis in den Nachmittag hinein, in Anspruch genommen werden. Wer motiviert sie dazu?

Wie kann so ein Vorhaben koordiniert, kontrolliert und gesteuert werden? Müßten dafür nicht eine ganze Reihe fester Stellen geschaffen werden?

Wer übernimmt die Verantwortung für die künstlerische Gesamtkonzeption?

Man sieht jedoch auch die Vorteile eines solchen Vorhabens.

25.10.2004 um 19:32 Uhr

Algirdas Brazauskas

von: hibou

smile, der Name klingt für mich wie ein missglückter Stabhochsprung mit Stabbruch.....

Nach den Wahlen in Litauen, die für ihn nach Medienmeinung schlecht ausfallen würden, liess er Cheergirls in Flitter vor sich tanzen. Die Musik dazu: Waterloo von Abba. Muss ein Lebenskünstler sein!

24.10.2004 um 16:23 Uhr

Paris – Budapest (Kneipen 23)

von: hibou

die decke des speisewagens ist vanillecrèmeweiß und als lange kuppel durch verborgene lampen in einem goldenen sims indirekt beleuchtet. darunter, am rand, halbkugelförmige lampen aus quergestreiftem mattglas, die verhalten licht ausströmen. sitze, überdeckchen auf den weißen tischtüchern und die westen der kellner sind bordeauxrot, bordeauxlila, die vorhänge oben weiß dann orange und unten auch weinfarben. selbst das verglaste kästchen mit dem roten nothammer glänzt wie frisch poliert. („zwölf stunden war ich zuerst gerannt, dann gegangen, dann gekrochen, um möglichst weit von der bahnlinie wegzukommen. ich weiß nicht mehr warum, aber ich hatte einen roten nothammer in der hand. hatte ich mir mit seiner hilfe den weg aus den trümmern gebahnt? jedenfalls schlug ich mit der spitzen seite jetzt sinnlos auf einen felsen ein, wie ein irregewordener geologe, wie ein verendender specht“). die kellner sind große, dicke aber in ihrer fülle behende männer, der eine stellt beim gehen die füße vorne weit auseinander, beider gesichter sind blank und weich und rund, sie wirken kindlich trotz der kurzen grauen haare. sie empfehlen in vornehmem deutsch das puszta-omelett und, selbstverständlich, orangensaft zum kaffee, der herr. auch die weißbrotschnitten sind groß und weich. wie kommt der tschusch in unseren wagen?

(zurück ins funkhaus)

23.10.2004 um 15:58 Uhr

dock zwei

von: hibou

 

sie stand in einem gelben kleid da. das floss an ihr herunter. aber sie wie gemeißelt. überlebensgroß. auch die nackten füße in bronze

ich spielte zu ihr hinauf. mir war alles inszenieren längst ausgetrieben...ich erstarrte zusehends. sie – jetzt unbewohnt.

 

hola? was willst du von mir? mich herausfordern? mir zeigen, wie gut du bist? was? ich verstehe dich nicht. moment, hier ist ein heidenlärm. ja, ich bin in meinem tanzlokal. du weißt doch, das ich türsteherin bin. jetzt tu nicht so! kommst du vorbei?

blinklicht: cosmos. plärrende musik. akkordeon aus der konserve. anfahrendes taxi. treten sie ein, treten sie ein!

 

sie wollte nicht, dass ich sie ansah. wir standen aber minuten aug in auge. jeder mit blicken wie die pfeile der paradiesvogeljäger. wer zuerst die lider senkt. man band uns fest, knebelte uns mit klebeband, umzäunte uns mit weidengeflecht. die augen ganz nah jetzt. im blick die nachwirkungen von curare abgeklungen, und die haut in fetzen vom rücken hängend.

 

er hielt mich in beiden händen. ich spürte die wärme seiner handflächen und daumenballen an meinem hinterkopf, die wärme durchs eng an den schädel gestrichene haar hindurch. langsam kreisten sie, als ob mir nun für immer eine kappe anliegen sollte. ich ernst, ich flach atmend und hingegeben.

22.10.2004 um 19:45 Uhr

„Séchaud“ (mit Berühmtheiten) (Kneipen 22)

von: hibou

War es eine Brasserie oder doch eines der alten Kaffeehäuser, die heute ausser in Wien alle verschwunden sind? Séchaud liegt an Montreux‘ Grand Rue, nur einen Traubenwurf vom Marktplatz entfernt, es ist einstöckig und wie vorläufig in eine Baulücke zwischen die typischen mehrstöckigen, mit Stuck und Balkonen behangenen Gebäude der Schweizer Riviera gebaut, die grossen Glasfenster gehen auf  die Strasse, welche sich da eben mit der Rue des Alpes, die vom Bahnhof kommt (mein Vater sagte grundsätzlich „die Strasse fährt...“) trifft. Noch ohne die Autobahn, die einst auf Stelzen am Steilhang über dem Ort kleben wird, fliesst in der Tat der gesamte Verkehr über den Grossen St. Bernhard und den Simplon nach Italien zäh und oft stockend vor dem Café vorbei. Man geht nach dem Einkauf hierhin, alle Tische sind dicht besetzt, die Bedienungen sehen aus wie in ihren Uniformen altgewordene Internatsschülerinnen, die Tassen sind italienisch und dickwandig. Selbstverständlich gab es Éclairs und Diplomates, aber wo gab es die nicht? Selbst in den Kasernen Lausanne uns St.Maurice tranken wir unser Bier zu Crèmeschnitten. Die Sandwiches bestanden aus dicken Brotschnitten, mit Butter und Senf bestrichen, die auslappenden Hinterschinkenscheiben darin waren von Cornichonschnitzchen verziert und ergänzt. Ein Grundgericht. Aber noch nach vierzig Jahren läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Manchmal sass ich auch abends da, dann war es leer. Ich schrieb. Noch war ich zu heissblütig. Im Herzen eines Schriftstellers sitzt ein Splitter aus Eis, hatte Graham Greene - vielleicht hier? -vermerkt. Sommerset Maugham war ganz gewiss früher hier gewesen. Heutzutage traf man zuweilen Chaplin mit Oona und Kokoschka. Dass Peter Ustinov und vor allem Nabokov mit Frau Vera -  dieses Paar für über ein Jahrzehnt – im nahen Palace-Hotel lebten, wussten wir nicht. Kaiserin Sissi und Marschall Mannerheim vermochten wir wegen ihrer bereits feinstofflichen Beschaffenheit nicht wahrzunehmen. Wir plauderten mit Dr. Charbonnier, Herrn Cuendet, Marie Madeleine oder Annika.

(zurück ins Funkhaus)

21.10.2004 um 19:21 Uhr

Ötzi

von: hibou

Ist es nicht seltsam, dass der Ötzi-Entdecker nun selbst in den Bergen verschollen ist?

20.10.2004 um 23:39 Uhr

Gaensespiel: FELD ACHT

von: hibou

DER WALD


Das Märchen geht immer in den Wald hinein, genau wie der Pfannkuchen oder das verstoßene Schneewittchen oder der König oder Jorinde und Joringel. Der Wald: das Reich der Phantasie, die uns eher denkt als dass wir sie denken. Da gibt es härene Mädchen im Hemde, die in hohlen Bäumen wohnen, da gibt es den Eisenhans, der den Brunnen bewacht, dessen Wasser golden machen, da gibt es Brüderchen und Schwesterchen - "verläßt Du mich nicht, verlasse ich Dich auch nicht" - da steht das Waldhaus mit dem schlohweißen Alten ("Duks!" sagten die Tiere), da schlägt der Wind den Stock an den Stamm, auf dass die ausgesetzten Hänsel und Gretel denken, ihr Vater fälle da noch immer mit der Axt das Holz.....
Lass uns ein Märchen erzählen!
Komm in den Wald hinein

20.10.2004 um 11:46 Uhr

Worte des Poul Bengtson

von: hibou

"Die Zeit ist nichts anderes als umgestülpter Raum - der Raum ist die Kehrseite der Zeit"

19.10.2004 um 19:15 Uhr

Staunen

von: hibou

Kepler hatte die Supernova im Sternbild Skorpion noch ohne jedes Teleskop entdeckt. Wir haben seit 50 Jahren das Riesending auf dem Mount Palomar, seit einigen Jährchen Hubble, welches selbst im Raum schwebt und durch Luftverunreinigungen wie Auspuffgase etc. nicht in seiner Sehschärfe behindert wird. Und immer noch werden größere und leistungsstärkere Instrumente für unseren Blick in die unendlichen Weiten geschaffen.

Nun ist ein dänischer Forscher ganz am Rande – aber gibt es einen Rand des Unendlichen? per Definition wohl nicht – also ist er weiter draußen denn je auf weit rätselhaftere Sonnensysteme gestoßen, als es sich seine Schulweisheit je hat träumen lassen: Dort haben sich die Planeten nicht in Kugel- oder Ringform, sondern in Buchstabenform ausgebildet! Kann man sich einen Himmelskörper in Form eines riesigen „F“ vorstellen? Und doch scheint es so zu sein. Das hat den Vorteil, dass man von unserm kleinen Planeten aus den Namen des jeweiligen Systems lesen kann! Falsch geraten! Die weiteren Planeten dort sind nicht „U“, „C“ und „K“. Poul Bengtson, so heißt unser Astronom, las „AMA“. Die Evolution ist doch um so vieles weiser und vorausschauender als wir es vermuten! Denn auch vom andern Ende des Kosmos aus gelesen wird dieses System denn gleichen Namen tragen. Unser Forscher ist gleichzeitig Semiot und entwickelte sogleich die Hypothese, dass es sich bei der Gesellschaftsform dieses fernen Systems vermutlich um ein Grandmatriarchat handeln täte….

Im Übrigen ist Bengtson Junggeselle und kennt nur seine Berufung. Nachts träumt ihm zuweilen, das ganze Universum sei eine Frau, die in seinen Armen läge und ihm „Tiefer!“ zuseufzte. Wie seltsam entwickeln sich doch die Menschen in unserer nächsten Nähe (ist doch Dänemark kulturell nur einige Parsec von uns entfernt).

18.10.2004 um 20:22 Uhr

Ramazan

von: hibou

Als ich heute abend heimfuhr war der Himmel einmal wieder so farbig, dass es fast so unwahrscheinlich wie die Hitze dieser Tage (nahe an dreissig Grad) war, schwarze Berg- und Inselumrisse, das Meer wie altes Zinn, der Himmel mit orangen Wolkenstrichen versehen und einer schmalen Mondsichel, ja, logisch, wir stehen am Anfang des Fastenmonats. Ich mach den Brauch nicht mit, aber mich erfreuen die Lichterkronen an den Minaretten trotzdem - ah, endlich ist es soweit, Fastenbrechen, jetzt aber aufgetischt!

Die Abrahamitischen Religionen sind eigentlich seltsam: diese Fastenwochen, sie sind zur Besinnung, vielleicht zur Umkehr gedacht. Mensch, aendere Dich! Oder aber zumindest sündige mal für ein paar Tage nicht. Sollte es nicht lieber umgekehrt sein (ich meine, waers nicht besser für die Welt?): man führt ein- zwei Sündenwochen ein. Fressen, Saufen, Fluchen, Betrügen, Stehlen usw. erlaubt - aber dafür den Rest des Jahres nicht. Heisst das Fasten, dass man die anderen 11 Monate getrost schlecht sein darf?

Da waren die pantheistischen Religionen vor Jahrtausenden schon weiter: der Karneval - als letzte Auspraegung bei den Römern, von da direkt nach Köln exportiert, war der grosse Braus vor der Besinnung (carne vale = Fleisch leb wohl): jetzt mal tüchtig über den Strang hauen! Aber nicht nur das: alle Verhaeltnisse waren auf den Kopf gestellt: der Knecht wurde zum Herrn, dieser zum Diener, die Frauen wurden bedient :-). Dafür herrschte den Rest des Jahres Ordnung. (Heute noch am ausgepraegtesten im Muttertag erhalten:-))

Mein atheistisches Herz flüstert mir ganz unanarchistisch etwa das Folgende zu. Wie waers, wenn Du einfach auf Dauer gewisse Ideale einhaeltst? Deinen Nachbarn nicht in die Fresse haust und so. Versuchs! Es gibt zwar kein Gesetz, an dass Du Dich halten musst, ausser Dein eigenes. Und natürlich schweigt der innere Schweinehund nicht immer. Aber als Naeherung? Meine süsse asymptotische Moral.....

17.10.2004 um 16:44 Uhr

Barbaresco (Kneipen 21)

von: hibou

noch in der leeren wohnung kommt mir der spruch vom zigarettenautomaten. ich spreche also im barbaresco eine frau an, die ich vom sehen her kenne. sie hat drei brüste und fällt wohl überall auf. wir kommen schnell ins gespräch. mitten im dialog sage ich: warten sie ein wenig? ich geh bloß eben zigaretten holen! da fällt mir wieder ein, dass ich von der frau des agrarkommissars fischler geträumt habe. ich träume sonst nicht so oft von eu-kommissaren. wenn dann aber von den schwestern palacio. es war ein peinlicher traum. sie war eine halbsirene oder halbmeerjungfrau – naja, viele österreichische oder bayrische kommissare sind ja durchaus halbrindviecher – wir schwammen im meer. mir entfuhr ein pupser. der schall unter wasser trägt weit. so kamen alle wale aus hundert seemeilen umkreis angeschwommen, grindwale, tümmler, delphine. frau fischler erstarrte zu gips. auf dem weg nach hause stellte ich sie unbemerkt in eine gartenbauhandlung. am nächsten tag hatten alle gipsfiguren dort die gestalt frau fischlers. a propos wale: wisst ihr was pottwaleltern zu ihren kindern sagen? kommt ihr zu potte, kinnings? und wenn sie nicht hören wollen: wart wir rufen cäptn ahab! jajaja, auch ich las weiland die haiopais. am besten gefällt mir immer noch, wie der eine hai sagt: schau da, der leuchtturm, der warnt die schiffe vor den klippen! und der andere ganz erstaunt fragt: du verstehst leuchttürmisch??

der chef vom barbaresco ist ein genialer kerl. gerade baut er – er baut immer – kupferne säulen, worauf er gipserne löwen und büsten von madame de pompadour stellt. außerdem hat er rings ums gelände feigenbäume in großen töpfen aufgestellt und hinter der bierschwemme einen ergiebigen kräutergarten gepflanzt. und da schreibt virilio vom ende des optischen eindrucks... permettez moi de rire!

(zurück ins weinhaus)

16.10.2004 um 23:42 Uhr

Sie kicherten (Die kleinen Unsichtbaren)

von: hibou

Sie kicherten. Soviel  konnte ich inzwischen von ihnen schon wahrnehmen. Sagt schon! Wir finden, meinten die Kleinen Unsichtbaren, dass du das perfekte Gegenteil von König Fahd Ibn Abdul Asis von Saudi Arabien bist. Da waere ich nun nicht darauf gekommen. Also pass auf: der landet mit sechs Jumbo-Jets, 200 Tonnen Gepaeck und 400 Leuten in Cointrin, du fliegst mit einem Koffer in einer müden Hapag-Lloyd-Mühle davon. Er mietet, obwohl im Palast am See residierend, saemtliche Genfer Hotelsuiten an, du traegst dein Klappbett eigenhaendig davon. Für ihn öffnen sich alle Modeboutiquen, Kaufhaeuser, Geschaefte selbst um Mitternacht, dir schliesst die Post zwei Minuten vor halb den Schalter vor der Nase. Der gesamte Mietwagenpark der Stadt steht ihm zur Verfügung. Dich erwischen sie in der Tram als Schwarzfahrer. Er badet in halbedelsteinenen Hallen, du duschst mit Kernseife. Er hat Frauen, Günstlinge, Leibwaechter, Leibaerzte, Diener. Du musst dich selbst am Hintern kratzen.

Ja, sage ich. Ihr habt wohl recht. Aber ich, ich habe keine Angst vor Spinnen, ich sitze nicht im Rollstuhl, ich habe keine Untertanen, die mich bedrohen.

Und Und Und: ich fliege zu Dilek.