Hein Köllisch-Platz, verschiedene Leute, verschiedene Jahreszeiten, Migräne
Marie: Natur, dein mütterliches Sein.....bei der Polarität Mann-Frau sind auch die Antagonismen Mutter-Tochter sowie Vater-Sohn und vor allem die Überkreuzverbindungen zu berücksichtigen. Wieviele Freundschaften mögen diese gleichzeitig und unentwirrbar dem Unbewußten verwoben enthalten? Worte, Begriffe, diffus wogend, dann sich abnabelnd, ins Hirn eintauchend, von Alltagsfetzen unterbrochen, dann plötzlich ganz klar im Kopf, gleichsam in Leuchtschrift stumm aber umso deutlicher lesbar.
Ärgerlich, daß der Schlachter wieder das Gulasch nicht kleingeschnitten hat! Gut, das Kit da ist...Sie kann schon mal die Zwiebeln schälen.
Kit: Das Studium macht mich fertig. Praktikum. Ist schon anders. Im Kinderladen hab ich mich über Mittag mit den Kleinen hingehauen und eine oder zwei Stunden geschlafen, wer schläft denn heute, haben wir drei uns immer vor dem Essen gefragt. Tut schon gut.
Und sie streicht sich flüchtig über den Drachen, den sie an der Schläfe und über Ohr tätowiert hat, die Haare beginnen schon wieder zu wachsen.
Marie: Ich fliege nächste Woche nach Rhodos, meine Mutter hat mich eingeladen, warum nicht? - ab und zu mit der Mutter verreisen? Zwar muß ich mich meist nach einigen Tagen in eine Migräne flüchten.....sie ist so penetrant!
Päan (unerkannt über den Platz schreitend):
Phöbus liebt, und begehrt der gesehnten Daphne Vereinung,
Was er begehrt, das hofft er; ihn täuscht sein eignes Orakel...
Mehreres strebt er zu reden, da ängstlichen Laufs die Penidin
Floh, und mit jenem verließ die unvollendeten Worte...
Doch der Verfolgende rennt, wie mit Amors Fittichen fliegend,
Schneller daher, und versaget ihr Ruh...
Jetzt nach geschwundener Kraft erblaßte sie, matt von der Arbeit
Jenes geflügelten Laufs, und schauend die Flut des Peneios:
Rette mich, Vater, rief sie, o Vater, wenn Macht euch Ströme beseelet!
Du, wo zu sehr ich gefiel, zerspalte dich unter mir, Erde!
Oder verwandle diese Gestalt, die mir Kränkungen bringet!
Kaum war geendet das Flehn, und gelähmt erstarren die Glieder.
Zarter Bast umwindet die wallende Weiche des Busens;
Grün schon wachsen die Haare zu Laub...
Jetzo sagte der Gott: Da du mein als Gattin nicht sein kannst,
Wenigstens sei als Baum du die Meinige! Immer umwind uns
Du das Haar!...
(Päan endigte so; der jüngst entsprossene Lorbeer
Nickte dazu, und schien wie ein Haupt zu bewegen die Wipfel.)
Kit: Umwerfende Migräne-Theorie! Aber weißt, bei homosexuellen Paaren ist es auch nicht anders, alles wie gehabt, Rollenspiel und Eifersucht und Doppelgängerdiskussionen und so...ich geh mal den Tisch decken.
(Raymonde und Ingo von der Bücherhalle, dann die dicke Özlem, Elcin und Nihal drücken sich grad durch die Tür des Kölibri).
Zur Einweihung tragen die Frauen von der Gemeinwesenarbeit mal ein Namensschild. Filip, in engem Rock und Glitzerweste, nimmt einen Strauß roter Rosen vom Kabarettisten in der Mondmaske entgegen, und ihr Gesicht nimmt deren Farbe an. Im Angesicht des Jahrhunderts. Ein einziger Mensch kann eine ganze Stadt verändern. Was ist Zivilisation? Vor drei Tagen wurde die alte Brücke von Mostar endgültig auf den Grund der Neretva geschossen. Sie hat es gestern abend gelesen. behutsam umarmt sie einen Freund.
Marie ist mit dem Tablett voller Sektgläser unterwegs.
Bleich und dickbäuchig steht Ingo Kleist im Gegenlicht, unwohler Machtmensch im Reich der Phantasie. Ein Hundeverbot für diese Räume? da liegste aber voll nebem Stadtteilfeeling!
Jutta berührt Anno an der Schulter. Habt ihr gut gemacht (Für Anno trug ich Schuhe)
Den dort kenn ich doch auch, denkt Adrian, ich sollte mit dem Kiffen aufhören mit meinem durchlöcherten Kurzzeitgedächtnis. Manfred und zwei seiner Kumpel kommen eben mit der ersten Nummer der Obdachlosenzeitung.
Anne sitzt mit Locke in der Bar. Hast du das Modell der Stadtteilhalle schon ins Baubüro gefahren?
Kleist: jeder muß selbst sehn, wo er seine Knochen findet. Wir brauchen nicht noch mehr Leute, die ihren Müll aus dem Fenster werfen. Die sollten lieber gar keine Kinder kriegen.
Obdachlosenspeisung? das lockt die ja noch an! Für einen vorhandenen Stadtteil braucht man kein Konzept.
Ein Junge steht vor dem Haus und ruft zum vierten Stock hoch, öffnet rufend ein Fenster hinter der Satellitenantenne, läßt rufend eine füllige Frau in hellrosa Morgenkleid darin erscheinen, ruft ein Kind an ihre Seite, ruft ihre Brüste aufs Fensterbrett herunter und vier Augenbrauen steil in die Höhe.
Der Junge: Timucin, ich wart auf dich!
Und das Fenster schließt sich hinter den Nichtmehrgerufenen.
Endlich sind auch Barbara und Simone da. Schwesterlich waren sie auf dem Schanzenfest Ohrringe kaufen, eine der anderen. Grüner Stein mit Maserung, Brasilien, oder vom Pamir? Sie haben die beiden amerikanischen Mädchen singen hören, Augenaufschläge, weiße Hosen mit Schlag! Tja, als wir uns noch zwischen Vespa und Lambretta entscheiden mußten!
Ach, Rocky, ich hab noch nie ein Kind gekriegt....
Erwin: Nein, das war nicht bloß schön, da stiegen einem die Tränen in die Augen!
Nils liegt auf der Fensterbank, zwinkert backig wie ein Bäcker: Kommt um vier zum Laue-Bau, murmelt er den Vorbeigehenden zu. Schnell haben diese Infotafeln und Transparente herbeigeschafft.
Die Hausbesetzer: Hier läßt der Senat seit zwei Jahren Wohnraum leerstehen. Aber nicht wir. Hep, hep, wir kommen!
Lydia ist im Alter von 50 Jahren mit ihrer Familie aus Kasachstan hergezogen. 50 ist alt da. Manche wohnen bis zu zwei Jahre im Interrast, dem früheren Eros-Center. Ein Zimmer pro Familie. Sie verschränkt die Hände wie zum Gebet hinter dem Rücken ihres Mannes, wenn dieser mit ihr schläft.
Lydia: Ach Gott, was sollte aus mir werden, wenn es den Tod nicht gäbe? Das Leben würde ebenfalls aufhören.
Die Coole von gegenüber öffnet ihre Handtasche, um unauffällig die supergroße Tube Pattex aufzuschrauben.
Auf dem Bordstein vor der Telefonzelle kauern zwei Achtunsechziger und raunen sich ihr Lied zu:
Sie: Mein Geliebter fiel in der Schlacht um Plei Me/ er fiel in der strategischen Zone D/ mein Geliebter fiel in der Schlacht von Dong Soai/ fiel in der Schlacht von Chu Prong und Hanoi/ er fiel überall an der Front/ er fiel auf Reisfeldern und im Wald/ Sein Leichnam blieb hier verkohlt liegen....
Er: Liebling, ich will dich ewig wie den Himmel lieben/ wenn einmal Wind ist, will ich deinen Namen nennen/ und wo immer du bist, dahin soll der Wind ihn wehen/ mein Name ist wie der deine, wir sind Vietnamesen/ unsere Sprache ist weich, unsere Farbe ist gelb/ und ich träum von dir/ hörst du mich?
(Von drinnen aber ein) Bleicher Rapper: ich bin der Farmer dzungg ponk ponk dzungg
ich krieg keine Frau
ich melk die Kühe ponk ponk dzu
und mein Daddyistschonfroh
daß ich Trecker faahn kann
ich binderfama...
Aihan reizt einen Penner, Lars, Manuel und Erol stehen im Halbkreis und hören ohne zu verstehen der Suada aus dessen heiserer Kehle zu. Der Regen hat nachgelassen. Ernesto hat inzwischen den Waschsalon aufgesucht, wollte fürs Fest um Strom bitten. Um die Ecke ist grade ein Tourist erstochen worden. Der Vater des Täters macht sich auf den Weg in die Beratung zu Livia, um von ihr in Erfahrung zu bringen, ob ein Besuch im Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll Haus 18 möglich sei. Livia aber tanzt zur Zeit mit Monsieur Coffey von der Elfenbeinküste, der im Container wohnt, dessen Frau schwanger ist, der morgen auf Vereinskosten zum Boule-Turnier nach Konstanz fahren wird. Monsieur Coffey hat auch zum Tanz seinen olivgrünen Anorak nicht ausgezogen, er tanzt genauso unbewegten Gesichts mit seiner Angebeteten, wie er zuvor auf sie gewartet hat.. Abschiebungen, Wohnungskündigungen, Gewalttätigkeiten, Vergewaltigungen gehören zu ihrem Alltag. Sie schaut aber unter einer Alltagshärte sanft und langmütig in die Welt.
In den Ritzen des Kopfsteinpflasters ist - gefördert durch den nassen Sommer 93 - recht viel Gras gewachsen. ferner liegen seit kurzem oder schon länger, festgetreten oder lose, allerlei verlorene Gegenstände darin: Kronenkorken, Knöpfe, Kaurimuscheln, Nägel, Fingernägel, Gummibären, Pfennige, Haarnadeln und -kämme, Kondome, Patronen, Ringe, Kettchen, Lippenstifthülsen und noch vieles mehr.
Ernesto (denkt): All die Leute, die mit der Zeit über den Platz gehen, ziehen ein Netz von kaum sichtbaren Trampelpfaden...man müßte sich am Rand auf eine Bank setzen, oder oben vom Glasturm mit einer Netzhaut wie eine Fotoplatte kucken, so daß sie alle sichtbar würden, ihre Wege zurück und ihre Schicksale voraus - .Oder was einsähen, isländisch Mohn, Fingerhut, Ginster, Lupinen und Nachtkerzen....Farben!..... auf solche Art die Wege zum Vorschein bringen....sozusagen negatives Plastizieren...ganz unbegangene Stellen wären dazwischen zu sehen, wo selbst die Katzen Umwege machen, Erdstrahlungen, Verwünschungen, ("Morgen in der Schlacht denk an mich und es falle dein Schwert ohne Schneide: Verzag und stirb. Möge ich morgen auf deiner Seele lasten, möge ich Blei sein in deiner Brust und mögen deine Tage enden in blutiger Schlacht: Es falle deine Lanze..."). Oder wo der Engel steht. Compañero.....
Huskie Cem mit dem einen hellbraunen und dem anderen wasserklaren Auge rekelt sich gähnend, der dreibeinige vom Hafen humpelt flink in Richtung "Tierischer Futternapf", ein ortsfremder schwarzer Schäfer mit rotem Emailleherz um den Hals schnüffelt an Tante Lilys Pinscher und auch das greulich wollige Vieh wird wieder einmal dicht an den Hauswänden entlang Gassi geführt. Pittbulldame Leila bellt träge und markiert den Espenstamm bei Pötzscher.
Und schon erscheinen Liz und Frank in liebevoll lässigem Gleichschritt. Sie haben eingekauft. Frank, der kurzhaarige Texter trägt die Tasche über der Schulter. Liz schwenkt eine Tüte mit Eiern? Marshmallows? Champignons? Das herabhängende Haar verbirgt ihr Gesicht bis auf die gezeichnete Nase und die immer leicht fiebrigen Wangen. Warum läßt sie sich tätowieren? Um das Blau von Franks Augen auf der Haut zu beantworten? Um bestimmte Träume anzulocken? Frank und Liz wohnen in Sichtweite, er im obersten Geschoß von "Schmaals Hotel" in der Hafenstraße, sie direkt gegenüber, so daß sie sich in die Fenster schauen. Wo werden sie kochen?
Eine Unbekannte in grüner Hose sitzt auf der Bank vor Geyers Bar, schaut sich um, stößt Rauch aus
Die Unbekannte vor Geyers Bar: Was? Freitag? gute Stimmung auf dem Platz. OK. Der Corso in Dubrovnik einstmals, oder in Split rund um den Diokletianspalast...und die ewig trippelnden Tauben. Grau, bräunlich. Taubenblau, sagt man. Stinkend und voller Milben, mit verstümmelten Fängen und schlechter Mauser. Degenerierte Viecher, sie spazieren ja unten in den U-Bahnhöfen herum...Meine Schöne, mein Täubchen sagte Danilo damals zu mir, haha...Gurren und balzen ohne Ende, wie die Männer, ja, möchten ihn auch alle gern bei mir reinhalten. Ob die die Landschaft hier düngen? Oh, sieh mal die rote in der Bluse da drüben. Ob die auch anschaffen geht, die Arme. Aber bescheuert, dieses Handy am Ohr. Eines Tages werden hier die Penner auch mit Handy aufkreuzen. Hm...Kinder haben? Ich?? Javielleichtnein. Torsten soll kommen. Freu mich. Da drüben geht Norman. Praller Hintern, Tonnenbrust. Ambulante Jugendbetreuung oder wie heißt das. Ambulieren kann er ja gut. Aber die Kids machen ihn fertig...Konstellationen, Gestirne. Hundeformationen wie Tätowierungen auf der Stadthaut, der schorfigen......
Ernesto ist mit einer Kabelrolle ins Baubüro gegangen. Die Antonistraße hinunter, zwischen Kirche und Staat, dann nach links und hinein in Schmaals Hotel. Und Klaus hat sogar eine neue Gasflasche für den Ofen geholt.
Klaus: Ja, heute hatte ich Zeit. Dein Buch? Bismillah, hab's fast durch. Ich bring's dann mit. Hallo Mina!
Mina: bin bedröselt, hab meine Tage, da könnt ich immer die Wände hoch!
Sie macht katzenartige Gesten.
Liz kuckt zur Tür rein. Eine halbleere Weinflasche in der Hand zwinkert sie uns mit beiden Augen zu, mit einem Blick wie durch Glas.