16.10.2004 um 22:35 Uhr
16.10.2004 um 19:47 Uhr
frühlingsrollen (Kneipen 20)
die füllung ist reicher und vielseitiger als bei den chinesischen, der teig knuspriger und weniger fetttriefend. sie kommen eben nicht vom tiefkühlfach nochmals in die friteuse, sie sind frisch, sagt lili. ich schaue zur bar hin. an der rückwand die aufgeklebte postkartenkollektion: die wartburg, bikinis, badetücher, hotels in marbella oder so, buddhistische tempel mit geschwungenen dächern, meeresbuchten blau blau blau, das rathaus von retz und der platz mit den arkaden, pamukkale, die nürburg. dazwischen unterschiedlich oder gar nicht tallierte biergläser. der bambus leuchtet im gegenlicht. der bambus ist die birke des ostens, etwas förmlicher, nicht so unbeschwert flatternd, aber weiblich wie sie, schlank an wuchs,wohlgestaltet, mit musik drin. lili fragt mich über dilek aus. schön! sagt sie, und legt mir die finger ihrer rechten auf den unterarm. die tulpengleichen, aus feinstem rattanpetticoat geflochtenen lampenschirme an der bar schaukeln sacht im wind vom offenen fenster, durch das lindenblütenduft und die klare lakonische sprache der kirchenglocken hereinwehen. ich bin stumpf dafür. denke mir kalauer aus. worauf freuen sich chinesische schauspieler im märz? auf frühlingsrollen. die disparate welt von der hand des menschen zur einheit gestaltet. am herd, am schreibpapier. selbst der bildzeitungschefredakteur diekmann sagt: wir bringen den kosmos in ordnung.
(zurück ins Funkhaus)
14.10.2004 um 19:25 Uhr
Im Westen was Neues? - Kolumnen aus der Türkei
Von der Türkei sagt man, ja, Istanbul ist eine Weltstadt, aber schon in den Außenbezirken liegt die Dritte Welt und wenn man erst weiter nach Anatolien rausfährt….Ja, sagt man, Atatürk, aber haben die Leute da ein wirkliches Interesse an Demokratie? Wie ist es um die politische Kultur bestellt (das sagt man freilich nur, wenn man noch nie die Eloquenz anatolischer Kaffeehausgespräche miterlebt hat). Na klar, sagt man, aber wird da nicht einiges untern Teppich gekehrt? Und was ist mit dem Versuch, das ganze Land fundamentalistisch umzubauen? Wo bleibt da die hart erkämpfte Weltoffenheit?
Abwägend neigt man sein Haupt. Lass uns hören, was es im Westen neues gibt.
Wim Wenders über Amerika (das er liebte):
“Wenn man in Amerika nicht das Glück hat, die New York Times zu finden, muss man Zeitungen lesen, in denen absolut nichts drinsteht. Man macht den Fernseher an und sieht nur von Jingles unterlegte News-Fetzen, zumeist lokaler Art. Oft genug kommen einem die Nachrichten eher vor wie Trailer zum nächsten Blockbuster. Es gibt in Amerika im Grunde gar keine ‘Nachrichten’ mehr. Die politische Diskussion ist absolut verkommen und das Interesse an Demokratie gleich null.”
“Die Landschaften sind eigentlich mehr denn je Windmühlen- und Don Quichotte-Landschaften. Wenn man da im ‘Land of Plenty’ (Wenders neuem Film) das Monument Valley sieht, dann sieht man in der nächsten Einstellung auch die armselige Indianer-Siedlung daneben. Los Angeles … besteht aus den paar Hochhäusern, die man kennt, und ansonsten aus Einstellungen, die aussehen wie aus der Dritten Welt.”
„Aber gerade das, was ich in Amerika immer als unzerstörbar, als mythisch angesehen habe, ist ja im Moment dabei, ausgebeutet und in sein Gegenteil verwandelt zu werden. Im Zuge des fundamentalistischen Umbaus dieses Landes wird gerade alles unter den Teppich gekehrt…“
“Die Entzauberung ‘meines’ Amerikas war ein langsamer Prozess. Es fing an, als ich zum ersten Mal aus New York rausfuhr, über den Hudson nach New Jersey und dann weiter südlich. Je weiter man vordrang, desto ärmer wurde die Gegend. Ärmer an Variationen, ärmer an Kultur und Weltoffenheit. Und das war vor 30 Jahren, eigentlich noch Kinderkram im Verhältnis zu dem, was man wahrnimmt, wenn man heute in Amerika über Land reist.“
(Quelle: Die Zeit Nr.42,2004)
13.10.2004 um 22:14 Uhr
Gaensespiel: noch sieben
Die Sieben taucht allerdings noch in manch anderen Zusammenhängen auf. Warum braucht jeder Mensch seine sieben Sachen? Und Rom ist auf sieben Hügeln erbaut.("Sieben Hügel" heißt auch eine sehr sehenswerte Ausstellung über die menschlichen Bedingungen im 21.Jahrhundert, die bis zum Sommer 2000 im Berliner Martin Gropius-Bau zu sehen war).
Es gibt sieben freie Künste, aber auch sieben Schwaben. Im Märchen tauchen sieben Schwäne, sieben goldene Kühe, sieben Raben auf. Wann werden wir das siebente Siegel erbrochen haben? Vielleicht wenn die sieben fetten und die sieben mageren Jahre um sind. Und über wieviele Brücken muss Peter Maffay gehen?
12.10.2004 um 19:29 Uhr
Les neiges du Liban (Kneipen 19)
Das Lokal „Schnee vom Libanon“, wobei Schnee in der Mehrzahl steht, was einen automatisch an den Schnee vom letzten Jahr erinnert, ist im Ort HaGosherim über der Hule-Ebene zu finden. HaGosherim ist einer der letzten Kibbutzim am Abhang der Golan-Höhen, schon mitten im Drusenland. Die weiße Kuppe des Antilibanon ist in der Tat von hier aus zu sehen, aber auch die überall verteilten Eukalyptusbäume, wo im letzten Krieg die syrischen Geschütze standen. Auch Kanoniere wollen Schatten. Die Speisen sind koscher hier, und da wir vorm Passah-Fest stehen, ist auch die Matze salzlos. Raketen, wie in der Hauptstadt Qiryat Shemona, schlagen hier keine ein. Ich trinke Tee, süssen arabischen. Meine Begleiterin Sima hat Löwenhaare. Sie trägt einen alten Blazer. Sie ist müde von der Küchenschicht, eigentlich wollte sie stracks ins Bett, jetzt habe ich sie angesprochen. Fräulein Simas Gespür für Schnee.
(zurück ins Funkhaus)
10.10.2004 um 12:56 Uhr
Zapatero
Namen sind nicht alle gleich (schön)
Sprechen sie den folgenden laut und mit Zungen-rrr:
José Luis Rodríguez Zapatero
(trallalero trallalero trallalero trallala!)
08.10.2004 um 19:39 Uhr
Türkei. Nachrichten aus dem Morgenland
Frauen haben in der Türkei das Wahlrecht früher als die Französinnen und Deutschen gehabt. Und schon gar als die Schweizerinnen.
Im türkischen Strafrecht wird Vergewaltigung in der Ehe erst seit diesem Jahr (2004) verfolgt. In Deutschland schon seit 1997.
Selamlar! Hibou (Korrespondent)
07.10.2004 um 21:08 Uhr
Lunch with Bowden (Gastbeitrag von Thursday Next (Kneipen 18)
Bowden guided me to a transport café on the old Oxford road. I thought it was an odd choice for lunch; the seats were hard orange plastic and the yellowing Melamine-covered table-tops had started to lift at the edges. The windows were almost opaque with dirt and the nylon net curtains hung heavily with deposits of grease. Several flypapers dangled from the ceiling, their potency long worn off, the flies stuck to them long since desiccated to dust. Somebody had made an effort to make the interior slightly more cheery by sticking up a few pictures hastily cut from old calendars; a signed photo of the 1978 England soccer team was hung above a fireplace that had been filled in and then decorated with a vase full of plastic flowers. ‘Are you sure?’ I asked, sitting gingerly at a table near the window. ‘The food’s good’, responded Bowden, as though that was all that mattered.
(Courtesy of Jasper Fforde)(back to the studio....)
05.10.2004 um 20:15 Uhr
Karl I., Karol, Hindenburg und Hugo (Ball)
Drei amerikanische Physiker erhalten den Nobelpreis. Sie forschten über starke Wechselwirkungen bei Quarks. Gibt es keinen Soziologienobelpreis? Ich forsche etwa über die weniger starken Wechselwirkungen in der Gesellschaft. Nimm mal die Vergangenheit, damit es abgeklaerter wird. Also: Wirkungen zwischen den aufgeklaerten und den irrationalen Gruppen der Gesellschaft. Die rationalen Nationen (wir schreiben in diesem Beispiel 1916) liefern sich den blutigsten und totalsten Krieg, den ersten Weltkrieg. Tausende von Toten taeglich, oft tausende von Toten minütlich. Die Irrationalen gründen "Dada", explizit als Antikriegsperformance. Das macht die Polizei doch sehr misstrauisch. Die müssen überwacht werden! Die schaden der Menschheit mit ihrer Verrücktheit! (Nun mal dir selbst ein Beispiel in unseren Tagen aus: was gilt als normal und was als verraeterisch?)
Der Papst hat Karl I. von Habsburg seliggesprochen. Auch so ein Kriegsherr. Es komme nicht so auf die Taten sondern auf die Gesamteinstellung an, erklaeren seine Verteidiger. Gute Nacht Marie! Sowohl für die Taten und Einstellungen Karls als auch Karols.........
04.10.2004 um 19:38 Uhr
03.10.2004 um 09:20 Uhr
die kleinen unsichtbaren - klug
die kleinen unsichtbaren philosophieren inzwischen ganz anders. warum, meint einer (nennen wir ihn „klu-a“), warum sind lebewesen so sensationelle aggregate? sie modifizieren alles allgemeine zu spezifischem. die eiche macht aus kohlendioxyd, sonnenlicht und wasser eichenblätter. die birke aus denselben stoffen birkenblätter. der rosmarin macht nadeln. und erst tiere und menschen!! die antilope macht gras zu antilope. dilek macht bulgursalate zu dilek-substanz. ein mirakel. und xavier naidoo macht alles zu himmelsbrot, wirft klu-e ein. naja, abfälle gibt es auch ein paar, und klu-mp zählt auf: scheiße, pisse, schweiß, haut und haar, blut und milch, sekrete, sperma, popel, ohrenschmalz, speichel, schorf, halbmondförmig abfallende finger- und zehennägel..... ich mag die sekrete von spiderman, seufzt klu-m. am rätselhaftesten, da einigen sich schließlich alle drauf, ist das zee-oo-zwei. menschen und andere lungenatmer scheiden es aus, die pflanzen ein. mit dem sauerstoff läufts umgekehrt. mir sind die kleinen unsichtbaren zuweilen zu klu-g.
02.10.2004 um 22:29 Uhr
schreib wieder lürik
Was mein Mund nicht sagen kann
sagen Tulpen aus Amsterdam
was meine Hand nicht schaufeln kann
schaufeln Spaten aus Amsterdam
was mein Hirn nicht wissen kann
wissen Laptops aus Amsterdam
und auf meinem Arsch den Schorf
heilen Ärzte aus Düsseldorf
02.10.2004 um 15:35 Uhr
Thamar, Rahab, Ruth, Batsheba, Maria
Schau schau: die Bibel auf Platz 2 der ZDF-Fünfzigbestenbücher! Ob wir sie mal echt gelesen haben?
Immer hin spricht schon das Alte Testament von fünf sehr fortschrittlichen Frauen, Frauen die nicht den Traditionen folgen, die nicht Gehorsam üben, die sich außerhalb männlicher Macht und ihrer Gebote stellen. Hier sind sie
Thamar („die hoch aufragende Palme“): die Inzest begeht
Rahab („Freiheit/Raum): die sich prostituiert
Ruth: („die liebend Geliebte, „die sich selbst geistig Schauende)“: die ohne Blutsbande, die Ausländerin
Batsheba („Tochter der Sieben“): die Ehebrecherin
Maria: („die Bittere“): die Jungfrau, die gebiert
Und noch was: sie alle sind im Neuen Testament bei Matthäus im Stammbaum Jesu erwähnt, sind also Mütter des Religionsstifters…….
02.10.2004 um 10:02 Uhr
logisch
Ich glaube nicht an Koinzidenzen.
Ich auch nicht
Das ist eine Koinzidenz!
01.10.2004 um 20:39 Uhr
Café Künstlerbund (Kneipen 17)
der schlossplatz ist voller volksmusik, lederhosen, miedern und federhüten. es ist heiß und es regnet. scharenweise pilgern die züge mit den ausgebeulten instrumentenkoffern zwischen ihren bühnen hin und her, im kontrapunkt aber schwarz rot gold trunken gebrüll. weit und breit keine guys aus guay oder gar para-guay. eine dame breitet ihren malvenblauen schirm zum trocknen. sie hat darmpflegemittel gekauft. ein jeder wandert inmitten der masse in einer aura aus subjektivität. die welt wartet gleichmütig, dass wir ihr bedeutung beimessen. die kapelle spielt „siam’giovani e siam‘ soldati, e per la patria.....“, aber ich höre „de‘ vieni alla finestra, ohe bruna, la bella bruna“. und sie spielt „leb wohl piräus, lebe wohl mein athen...“ die welt hebt irritiert die braue. der regen zeichnet brustwarzen auf gespannte t-shirts. die mieder bleiben undurchdringlich. zahme bürger essen wilde kartoffeln. dazu einen desperado. gibt es inspirados?. ein tubaspieler gähnt mir zu. die sehnsucht nach der regel. die exakt gepflanzten geranien wissen davon. aber die leute? trotz drängender marschmusik schlendern sie ohne plan herum. mittels neuester handy-ortungstechnik könnten alle ihre wege genauestens registriert werden. vielleicht würde dahinter eine absicht deutlich? sie sind schläfer, sie denken, sie liefen frei herum. doch an unsichtbaren fäden folgen sie dem ablauf des samstags. streichen aus dem schoß die kleine trauer.. . jetzt prasselt der regen. ärsche, gelbe busse, tandems, blindenhunde, cheerleader, stimmengewirr, juchzen. durchnässtes gedrängel in der loggia. endlich cha-cha-cha. wir sehen wie in einem spiegel. wir sehen nur stückwerk. aber dereinst werden wir alles sehen. mir ist nach ausflippen, mir ist nach sombrero. blitzlicht. harndrang. henry miller vermissen das prasseln wird stärker und macht die menge kreischen. die eg- gesundheitsminister: regen nützt der gesundheit. mit heilandsandalen die pfützen bepatschen. lachen spiegeln weiß, und die luftballons, die zum himmel treiben. wie wundersam wäre das mit facettenaugen anzuschauen. kafka geht ins kino. ein pärchen fickt auf dem klo. das runde muss ins dreieckige. sartre reinkarniert sich spontan und schreibt „huis ouverts“. ein messingglanz in der luft. an sidolin nicht gespart. platsch da fällt das weizen vom tablett des kellners auf die travertinplatten. mein tischnachbar der unterlippengepiercte japaner schreibt wie wild mit. heavens sake! ich kann nicht alles allein notiern. lady sunshine – und mr- moon – können gar nichts – dagegen tun. meine neigung zur erkenntnistheorie verblasst in vernacciaschlucken. musik! ist trumpf! so lang der globus sich noch
01.10.2004 um 20:31 Uhr
Nachtexpress - Sandwichnachtrag
„… alles ist Denkmal für Zeiten, da es ein Oben und Unten gab, Himmel und Hölle, und dazwischen den wollüstig fühlenden Körper statt des freudlos gestählten.“
(Petra Kohse in der taz über Jelineks Sportstück)01.10.2004 um 06:43 Uhr
Nachtexpress
Analyse macht wach
Synthese schläfert ein
Die Kunst – liegt dazwischen (Kunst ist ein Sandwich?)
Für den gegenwärtigen Menschen ist es angemessen, nicht mehr zur Wahrheit geführt zu werden. Aber deshalb gleich ganz auf Erkenntnis verzichten?
Unsere Performance bietet Fragmente, Worte und Fetzen.
Jeder kann sich sein ganz eigenes Erleben daraus zusammensetzen (By the way war Kunst schon immer Performance. Wer hat dasselbe Bild von Rembrandts Bathseba?)
Das geschieht mittels geschärfter Aufmerksamkeit. (Die Liebe ist ein Messer in mir)
Wir sind die Messerschleifer.
Freie Rezeption – der kulturelle Akt par Exellence
(es wirken mit: Liotard, Valéry, Malebranche, Goethe, Pipilotti Rist – I’m not the girl who misses much! -, Eichendorff, Mörike, Stüttgen, Warhol und andere. Brigitte Bardot konnte nicht gewonnen werden)