Ukraine
Ich schau mir das Land auf der Karte an. Eine natürliche Zweiteilung bildet der Verlauf des Dniepr (ırgendwo bei Domoprolsk“ würde Beckenbauer sagen). Gehören Krasnodar und Kropotkin auf der Halbinsel östlich der Krim eigentlich auch zur Ukraine? Nein, denke ich, Putin fährt doch nach Sotschi in den Urlaub. Vor dem Atlas fällt mir der Name des wunderbaren Anarchisten und Naturforschers Fürst Kropotkin wieder ein. „Gegenseitige Hilfe bei Tieren und Menschen“ heißt eines seiner Büchlein, selbstverständlich viel weniger bekannt und gerühmt als „Survival of the fittest“ und „Clash of Civilisations“. Die Krim haben die Russen ja nur unter Schmerz und Tränen dem ukrainischen Staatsgebiet überstellt, aber sie taten es schon in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, das so schnell fernerrückt (soviel zu russischen Großmachtträumen). Nun also wird das junge Land von Spaltung bedroht. Die Präsidentschaftswahlen (siehe Gedanken eines dummen Waehlers). Menschenmassen, seit mehr als einer Woche, auf dem Platz der Unabhängigkeit in Kiew, sie wollen korrekte Wahlen, sie wollen Juschtschenko. Tak! Orange Fahnen, orange Wimpel, selbst der ukrainische Journalist in der sonntäglichen Runde im Ersten trug eine orange Krawatte. Natürlich erwärmen die Massen nicht nur sich selbst im Schneetreiben, sondern auch mein Herz! Ebenso plötzlich wie selten bricht Gemeinsamkeit der LEUTE auf: man stellt Quartiere für die Angereisten – „Ganz Kiew ist ein Gratishotel“ -, Frauen kommen mit warmem Essen und heißem Tee zu den Demonstranten, Musikanten, die gemeinhin in Heiratsshows arbeiten, spielen Akkordeon und Fiedel, die Gewinnerin des Eurovisions-Grandprix ist na klar zur Stelle, Rockgruppen spielen auf, Reden werden gehalten, wieder und wieder. Schwer zu beurteilen aus der Ferne, zumal die „Juschtschenko!, Juschtschenko!“-Rufe pünktlich zum Live-Fernsehtermin um die volle Stunde aufbranden, aber gewiss, da ist ein Bewusstsein erwacht, das sonst so tief tief im erfahrungslosen Alltag schläft. Wer wird es am geschicktesten ausnutzen? Da ist Julia Timoschenko, die blonden Haare im Kranz zu Zöpfen geflochten, die schöne Wasilissa aus dem Märchen, „nicht so zögerlich und zaudernd wie Juschtschenko“, liest man. Lösen zum guten Ende die neuen die alten Oligarchen ab? Sicher scheint: es hat massive Wahlverfälschungen gegeben. Ich mochte es nicht sofort glauben, die „georgische Rosenrevolution“ im Sinn, wo unter verborgenem amerikanischem Einfluss ein von den USA bezahlter „Volksheld“ als Präsident installiert wurde. „Die Russen, allen voran Putin, üben Druck aus“ heißt es nun allenthalben. Nur wenige sprechen von dem amerikanischen Netzwerk, das Juschtschenko unterstützt Beobachten, sorgsam beobachten. Eine echte Revolution! Es wär zu schön…
Diesen Sonntag Präsidentschaftswahlen in Rumänien. Am Montag gab es Proteste der Unterlegenen Parteien. Man sprach von Wahlfälschung.



