Message in a bottle

08.11.2004 um 17:25 Uhr

Von spontaner Zuneigung, Parteinahme. Von Kriegen und vom Schlachten (Teil III)

von: hibou

III. Die Wahhabiten

 

Die tschetschenischen Kämpfer werden massiv mit Geldern aus Saudi-Arabien unterstützt, ebenso wie alle islamischen Gemeinden und Gruppen ein der ganzen Welt, einschließlich etwa der Türkei, einschließlich auch von Gruppen in Europa, in Amerika, in den USA. Saudi Arabien ist der globale Financier des Islam über die ganze Welt hin, verfügt dazu unter anderem über ein weltweites Netz von islamischen Banken und pumpt riesige Summen von Geld (welches aus Erträgen vom Erdölverkauf stammt) in die Propagierung und Ausbreitung des islamischen oder vielmehr des wahhabitischen Glaubens. Was ist der Wahhabismus?

„Mitte des 18. Jahrhunderts hatte Muhammad Ibn Abd al-Wahhab, ein unbedeutender Mullah aus der winzigen Siedlung Uyaina im zentralarabischen Nedschd, seine Lehre als Reaktion auf die Dekadenz des Osmanischen Reiches begründet. Im Kern machte sie den Abfall der Gläubigen vom reinen Ursprung des Islam für die politische Krise verantwortlich, die damals die muslimische Welt erschütterte. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde dann (diese Lehre) aus einer tausend Jahre währenden Überlieferung, Zivilisation und Kultur herausgelöst, und ein aggressiver Klan – das zukünftige Haus Saud, das entschlossen war, dem zerfallenden Osmanischen Reich ein Königreich zu entreißen – bemächtigte sich der wahhabitischen Lehre, um sie zu einer schlagkräftigen politischen Waffe umzufunktionieren.“

(Loretta Napoleoni, Mit dem Feind im Bett, Lettre International Nr. 66, 2004). Seitdem bildet der Wahhabismus die religiöse Wurzel der Dynastie und einer Saudischen Politik, die auf die religiöse Kolonisation der gesamten muslimischen Welt abzielt.

 

Wiederum: Wie kämpfte ich mit Lawrence von Arabien mit und freute mich, wenn im Wüstensand mal wieder eine türkische Lok aus den Schienen gesprengt wurde! Und dass nebenbei alles das gleichzeitig vom britischen Kolonialismus instrumentalisiert wurde und allen Konfliktherden im Mittleren Osten zugrunde liegt, entging dem Knaben auch.

 

Die Wahhabiten finanzieren die Tschetschenischen Kämpfer, die Taliban, die Hisbollah, den islamischen Dschihad, die Hamas, die Abu Sayaf und wie sie alle heißen.

(Sie finanzieren auch Bücher für den islamischen Religionsunterricht, der in aller Welt erteilt wird. Der Inhalt dieser Bücher entspricht selbstverständlich ihrer Anschauung und wird so weltweit und täglich gelehrt. Ich habe erst vor kurzem begonnen, die islamische Religion genauer zu studieren, habe aber schon mitbekommen, dass viele islamische Gelehrte den Wahhabismus für eine Verdrehung und Verfälschung ihres Glaubens halten. (Ich weiß aber ganz sicher, dass Jesus dem wiedergeborenen und inzwischen wiedergewählten Präsidenten Bush nicht sagt: Verteidige Amerika! Und wenn die Fetzen fliegen. Führe völkerrechtswidrige Angriffskriege. Lasse foltern und morden! Lüge wie gedruckt! Täusche auch deine Nächsten und Freunde, wenn es dir dient! Unterhöhle das nationale und internationale Recht! Schere dich einen Dreck ums Weltklima! Falte dann die Hände und sage mit ergreifendem Augenaufschlag: God bless America! Ähnlich mag es sich mit Mullah Wahhabs Eingebungen verhalten)

 

Gut. Aber wenigstens haben wir nun eine klare Ausgangslage. Der Endkampf, das Armageddon Ost gegen West, der Clash of Civilizations.

Dabei vergessen wir mal eben zwei Dinge: Der erbittertste Feind der Dynastie Saud ist Osama Bin Laden aus dem eigenen Land.  Der große Freund und Verbündete von Saudi Arabien, der Beschützer und Waffenlieferer: die USA und insbesondere die letzten Regierungen (Es wird gesagt, die jüdischen Amerikaner hätten wie immer hauptsächlich die Demokraten gewählt, die „arabischen“ die Republikaner). Die Verflechtungen der Dynastie Bush (einschließlich Cheney, Rumsfeld, Haliburton etc.) mit den Saudis sind zahlreich, nachgewiesen und fortdauernd. Eine Woche nach dem Anschlag auf die Twin Towers ist Bush im Weißen Haus zusammen mit unter anderem Prinz Bandar,  „dem Begründer der Beduinendiplomatie in Washington“ (noch einmal Loretta Napoleoni, welche als Wirtschaftswissenschaftlerin für Banken und internationale Organisationen in Europa und den USA arbeitet. Sie befasst sich vornehmlich mit den Auswirkungen des Internationalen Terrorismus) auf einem Pressefoto zu sehen. 2002 ist derselbe Prinz als einer von vier Ausländern zum Lunch auf Bushs Ranch in Texas geladen. Alle übrigen Gäste waren Staatschefs. Es gäbe von unzähligen anderen Connections zu berichten. Klar ist, dass die US Behörden und die internationale Finanzwelt lange vor dem 11. September 2001 über die Eigentümlichkeiten der saudischen Politik Bescheid wussten. Ihnen war auch klar welche Rolle saudische Banken und die Mitglieder der saudischen Elite im tödlichen Spiel des islamistischen Terrors spielten. Warum sollte da Osama Bin Laden der Feind sein? Oder die USA?

 

Aber wer…. ist der „Feind“? Allahım yarapım, mein Gott, ist das kompliziert und unübersichtlich…..

 

Ich schließe: Mithin wären viele der Unabhängigkeitskriege nur Pokerpartien zum Beispiel dieser Mächte und die Freiheitskämpfer in Gefahr, als pure Marionetten zu figurieren? (Was ganz besonders ätzend ist, wenn man diesem Kampf soeben alles einschließlich seines Lebens geopfert hat). Und jetzt kommt mir nicht, dass seien Verschwörungstheorien, bei Strafe, mir zu erklären, wie es wirklich läuft…  und vergesst dabei nicht den schiitischen Iran, der ein anderer großer Feind der Saudis und der USA ist

 

Und wir sind mit unseren Kausalitätsketten endgültig in Absurdistan gelandet. Deshalb zurück nach Kurdistan: Die Wohngebiete der Kurden, wo auch immer gelegen, sind Spielball der Großmächte, vor allem der USA, die sowohl den Irak, als auch die Türkei, als auch den Iran und Syrien in den Griff zu bekommen beziehungsweise gegeneinander auszuspielen versuchen. „Unabhängigkeits“-Forderungen, wo auch immer in diesem Gebiet, das Gegenstand des strategisch und langfristig geplanten und ausgeführten „Großen Mittelost-Projekt“ der Planer im Weißen Haus und im Pentagon ist, Emanziaptionskämpfe jeder Art müssen folglich gegen die Politik der USA (und die Gehirnwäsche durch die Saudis) gerichtet sein.

 

Dass die Türkische Republik ihrerseits bereit ist, mit Hilfe der EU vom Ausnahmezustand in den südöstlichen Teilen abzugehen – und das, obwohl die PKK ihren Waffenstillstand neulich beendet hat – ist gut. Die Lage im ganzen Raum hängt aber am allerdünnsten der seidenen Fäden…..

07.11.2004 um 23:51 Uhr

Von spontaner Zuneigung, Parteinahme. Von Kriegen und vom Schlachten (Teil II)

von: hibou

II. Fatih Sultan Mehmet

 

Es gibt geschichtliche Ereignisketten mit ganz und gar erstaunlichen Wendungen Auch da helfen Sympathie und Antipathie nicht weiter.

Nehmen wir mal die Eroberung von Byzanz durch Sultan Mehmet im Mai 1453.  Eine letzte Emanation des abendländischen römischen Reiches verschwand (einmal abgesehen davon, dass Unterlegene meist  die Sieger mit ihrer Kultur tränken und nicht umgekehrt. Warst Du etwa grade in Istanbul? Vergleiche doch die Hagia Sophia mit der Süleymanie-Moschee). Aber die Seidenstrasse nach Asien, dieser wichtige Handelsweg, war für die Europäer nun unterbrochen. Wie wäre es einen Seeweg, einen neuen, in westlicher Richtung zu suchen… Die Geschichte ist denkwürdig. Sind sie der Kolumbus? fragten die Indianer. Ja. Oh, dann sind wir entdeckt…..Recht schnell wurden alle alten einheimischen Kulturen und deren Träger ausgerottet. Später entstanden die Vereinigten Staaten von Nordamerika auf der Erde der Indianer. Das Weitere ist je bekannt. Wir haben unseren Global Player, der unter vielen anderen Ländern nun auch die Türkei fest im Griff hat. Wenn Fatih Sultan Mehmet das wüsste… ( „das Herz würde ihm im Leib zerspringen“)

 

Oder die Demokratie. Sie entstand in Amerika, aus einigen englischen Wurzeln. Nein, NICHT Athen. Was ist nun aus ihr geworden. Wenn George W…  ashington das wüsste…..

 

Freiheit für die Minderheiten!

 

Nationengründung zum zweiten. Was als Emanzipation vom antik-mittelalterlichen Heiligen Römischen Reich progressiv gewesen sein mag, könnte leicht in der Neuzeit regressiv und deshalb in der Wirkung fatal sein. Erste Anfänge: zum Beispiel die Entstehnug des modernen Griechenland. Was für ein Mythos! Palikaren. Freiheit oder Tod! Lord Byron! Was entstand, war ein Staat von Großbritanniens Gnaden, besetzt mit deutschen Monarchen, der den Interessen des Imperialismus zu dienen hatte. Welche Interessen stecken nun hinter der Entstehung der allerjüngsten Länder? „Nation building“ ist ein Schlagwort geworden. Kennen Sie Transnistirien? Moldawien entstand zwischen Rumänien und der Ukraine – die eben aus der Sowjetunion entsprungen war. Jenseits des Flusses Dnjestr war aber eine russischsprachige Minderheit, dies spaltete sich ab und gründete Transdingens….

 

Wir haben das Entkommen der baltischen Staaten aus den Klauen der kommunistischen Diktatur begrüßt. Was ist nun mit den russischen Minderheiten dort? Freiheit für….!? Oder sind sie selber schuld??

Der Flickenteppich im Kaukasus… Georgien. Ja! Abcharien und Abchasien, Inguschetien und Dagestan? Ja, oder?

 

Oder Mazedonien. Gerade wird dort wieder ein heißer Konflikt entstehen, da die albanische Minderheit sich nicht mit dem Status Quo zufriedengibt. Was also unternehmen? Das Land – „Former Yugoslavian Republic of Macedonia“ was das interessante Kürzel FYRoM ergibt – in zwei Teile teilen? Würde dann der eine sich Alabanien zu einem Großalbanien anschließen, zusammen mit dem Kosovo? Was geschähe mit dem Rest? Da Griechenland es nicht anerkennt (Dieselbe Begründung wie beim gestrichelten Kurdistan: Mazedonien in Griechenland könnte dann aus Hellas wegbrechen…) Aber Moment: ist Griechenland zu Alexander des Großen Zeiten nicht überhaupt im mazedonischen Reich aufgegangen? Dann müsste es wohl zu „Mazedonien“ geschlagen werden.

Wir stehen ratlos vor Begründungsketten ohne Ende.

 

Nun zu Tschetschenien. Bevor die heutigen Gräueltaten der beiden Unabhängigkeitskriege begannen war schon einmal das ganze Tschetschenische Volk von Stalin nach Sibirien deportiert worden. Die Zaren hatten früher pro Tschetschenen mehr als einen Soldaten dort stationiert, um die Kontrolle zu behalten. Wiederum: meine Sympathie galt den Partisanen, Dudajew, Maschadow, Bassajew etc. Wenn je ein Land die Unabhängikeit verdient hat, dann dieses, dachte ich und: hadı! zeigt’s den Russen (ähnlich wie damals in Afghanistan – Asche auf mein Haupt: zur Zeit der russischen Besatzung verfügte Afghanistan über ein sehr gutes Bildungssystem, Universitäten, an denen Mädchen und Jungs gleichberechtigt und unverschleiert studierten und anderes uns eher „westlich“ anmutende mehr. Wir erinnern uns, wie Kabul dann aussah, als es von den Mudschaheddin zusammengeschossen und den Taliban reformiert worden war. Ich sage das jetzt ganz unverhüllt).

07.11.2004 um 10:09 Uhr

Von spontaner Zuneigung, Parteinahme. Von Kriegen und vom Schlachten (Teil I)

von: hibou

Es ist eine schwierige Sache mit der Sympathie. Meine ist immer mit den Kleinen, den Schwachen, den Unterdrückten. Leider sieht die Sache 2, 5 oder 25 Jahre später oft anders aus. Die Gequälten haben sich selbst zu Unterdrückern gemausert. Algerien! Libyen! Israel (ich war ehrlich begeistert vom Sechstagekrieg, jetzt erröte ich darüber)! Ich rede von Zeitgeschichte.

Nehmen wir zum Beispiel Leyla Zana. Wer fühlte nicht mit der kurdischen …  Politikerin (ich verkniff mir grade „Jeanne d’Arc“: aber da ist das Beispiel! Jeanne d’Arc war lange Zeit eine meiner absoluten Leuchtgestalten, das schwache Mädchen, das den vertriebenen König wieder auf den Thron führt, in eiserner Rüstung im Kampf voranstürmt, Engelsbotschaften gegen die Engländer unter der alten heidnischen Buche empfängt, zum Schluss für ihre Heldentaten eingekerkert, gefoltert, verbrannt wird – von der fiesen katholischen Kirche, ihr Ankläger heißt auch noch Bischof Cauchon, was genau wie cochon, Schwein, klingt -. Fällt da eine Identifikation schwer? Und doch entstand mit durch ihre Handlungen der Nationalstaat moderner Prägung, der Nationalismus erwachte, und ob das in den folgenden Zeiten so glücksbringend und heilsam war?). Also, Leyla Zana kämpft unerschrocken für einen kurdischen Staat in der Türkei, redet sogar Kurdisch im Parlament, wofür sie eingeknastet wird. Was fühlt man?

 

Ich kannte in Deutschland viele TürkInnen und KurdInnen, arbeitete mit ihnen, sah vertriebene kurdische Familien in Notquartieren von St.Pauli, der Vater zum Säufer geworden. Ich versuchte sie dazu zu bringen, ihre Frauen nicht mehr zu schlagen. Ich sah ihre alten Wunden, die vermutlich Spuren der Folter waren. Die Kurden feierten ihr Neujahrsfest auch in Hamburg, ließen viele gelb-rot-grünen Fahnen wehen. Die Bullen marschierten auf. Da ging man dann doch spontan mit der Demo mit!

 

Jetzt bin ich seit zwei Jahren in der Türkei und habe zusätzlich gelernt. Ich versuche es, mit dem anderen, was ich weiß, zusammenzubringen:

Die Türkei ist von Atatürk als ein übernationales Modell konzipiert. Das wusste ich nicht! Außer den Kurden gibt es hier noch Lazen, Tscherkessen, Araber, Griechen, Italiener, Tataren, Bosnier, Albaner, Russen u.a., aber sie alle sind „Türken“ und seit vielen Generationen hier ansässig. Unsere Nachbarin ist blond, unverschleiert und „arap“, der syrische Typ. Ich erinnere mich, dass das weiland osmanische Reich die Minderheiten nicht allzu sehr unterdrückte. Das scheint nachzuwirken. Welche anderen übernationalen Länder fallen mir ein? Die USA. Jugoslawien. Die Schweiz. Die alte Sowjetunion. Zwei davon sind bereits verschwunden.

Ich gestehe: ich hielt zu den Slowenen, als die Serben gegen deren Unabhängigkeitsstreben Panzer ausschickten. Wer fühlte nicht mit den Bosniern? Die Belagerung von Sarajewo war ein großer Schmerz und abgesehen von allem Blutrausch das totale Versagen der Politik. Hatte Genscher wirklich Recht, Kroatiens Unabhängigkeit anzuerkennen? „Mein“ Jugoslawien ging dann kaputt. Der ganze Balkan begann, sich in kleinere und kleinste Einheiten aufzuteilen. Parallel dazu kamen vagabundierende  „Gross“machtsträume auf. Milosevic, bleich und fanatisch…. Serbischer, grosserbischer Nationalismus: wofür war das nun gut?? Gleichzeitig lebten wir schon länger in „Europa“, meint, in postnationalen Entwicklungen.

 

Die alte Schweiz hält noch zusammen, aber – lacht nicht – selbst die Idee der Schweiz ist gefährdet. Angenommen – abstruser Gedanke, hirnrissig sozusagen - die Alemannen würden in politischen Seminaren der Universität Zürich mit einem Mal anfangen, von „Gross-Alemannien“ zu träumen (aber an der Uni Belgrad wurde dass getan, und wovon die amerikanischen Neocons träumen, na, gute Nacht, Marie…..). Also die Deutschweizer Kantone (wobei bald ein blutiger Befreiungskampf der rätoromanischen Minderheit die Folge wäre), das Elsass, das Land Baden bis Pforzheim hoch und alles an Oberlauf von Inn und Donau etwa bis Donauwörth hin, der Schwarzwald, Teile von Südungarn und Kasachstan zu vereinigen…..

Irgendwann dann würden diese Gebiete in den TV-Nachrichten über die noch gültigen Landesgrenzen hinweg schraffiert dargestellt, und das täglich. Oh, so was gibt’s! Erinnert man sich an das jahrzehntelange „Dreigeteilt? Niemals!“ und die schattierten Gebiete von Mittel- und Ostdeutschland – bis Schlesien und Königsberg – in der Adenauerzeit? Nein? Aber dann bestimmt an „Kurdistan“, das über Teile von Syrien, Irak, Iran und die Türkei hinwegschraffiert wird. Ich habe es erst hier empfunden, aber es ist wahr: auch eine bloße TV-Grafik kann als bedrohlich empfunden werden. Mit welchem Recht schraffieren irgendwelche Mächte Teile eines Landes?? So viel erstmal zu Kurdistan. Dessen Probleme beginnen ja erst, und Nordirak ist jetzt das Pulverfass und viele werden da eingreifen. Qui bono? Wem nützt’s…. OK, die Slowenen mögen ja ganz glücklich sein – aber halt: haben sie sich nicht grade in die EU diffundiert? Was wäre ohne? Serbien. Eine Art weißer Fleck mit Rücksturz in die Vormoderne.

Was tun? Bosnien lieben? Serbien hassen? Kurdistan bauen? Die Türkei zerstückeln?

Davon weiter im zweiten Teil

 

06.11.2004 um 16:03 Uhr

Feiertage abschaffen

von: hibou

Was nicht alles versucht wird, um Geld zu sparen, bezeihungsweise Löcher zu stopfen...

Nicht, dass der Tag der Deutschen Einheit mir wichtig waere.. (Er geht mir sozusagen am geteilten Arsch vorbei)

Ich haette aber Alternativvorschlaege: Wie, wenn wir alle wie Sau über rote Ampeln fahren, falsch parken, zu schnell die Chaussee entlangsausen - ach, wie war es doch vordem/mit meinem GTI so schön -, damit die Milliarde, die der Staat an Bussgeldern einnimmt, vielleicht auf drei, vier, fünf anwüchse? Gleichzeitig wird mir aber mulmig: die Staatsfeinde könnten meine Ideen ins Gegenteil verkehren:

Wir könnten so gesehen auch alle nicht mehr bei Rot über die Ampeln fahren, dann würde Deutschland z.B. jährlich die Milliarde Euro aus Bußgeldern fehlen… Wenn wir dann auch noch das Rauchen und Saufen bleiben ließen, brächen noch massivere Steuern weg und damit der gesamte Finanzhaushalt zusammen. Hans Eichel – und das wäre endlich seinem Namen kongenial – bliebe nichts anderes übrig, als das Vögeln zu besteuern. Öff, das würde nie klappen, welches Mautsystem käme denn zur Anwendung??? Hasi, bist Du eingeloggt? Ich will Dich (stöhn)

 

 

04.11.2004 um 20:56 Uhr

Mühlacker, Bahnhofskneipe. Vom Munkeln (Kneipen 28)

von: hibou

Sie ist groß, dunkel und leer, mit griechischer Musik und einem stummen Fernsehbild. Einige Männer spielen Karten und rauchen, eine junge Frau serviert, den Pferdeschwanz superoxydiert, die Brauen schwarz und gerade, der Blick bestimmt. Keiner hier tuschelt oder munkelt. Yassou! Ich trinke Tee und lese „Fräulein Christine“. Auf einem heruntergekommenen Gutshof, so munkelt man, geschehen schauerliche, blutige Dinge, und sie, so munkelt man weiter, ist daran beteiligt. Vom sicheren Mühlacker mit seiner vitalen anatolischen Bevölkerungsmehrheit finde ich mich in die Puszta versetzt, rieche anstatt der Brenz die ferne, weithinströmende Donau

(zurück ins Rheinland)

03.11.2004 um 19:45 Uhr

damals im Mai (Gaensespiel)

von: hibou

zum weltnichtrauchertag zünde ich mir eine players p&s an. ich geb zu viel geld aus. ich mag, wenn’s mir vom rauchen schlecht wird. ich hab einfach sehnsucht. merkst du das?
inzwischen fange ich endlich an, den bei mir bestellten gastronomie-führer mitteleuropa runterzuschreiben. heute ein kapitelchen aus der abteilung personal:

köchin ayshe: man denke, eine ältere türkin in samtblauen leggins, vorne zwar durchaus islamisch von langer weißer schürze bedeckt, hinten aber die körperformen abbildend. ihr rötlichglattes haar trägt sie wuselig hochgesteckt, hat eine teestubennase, gemütliche augenwinkel und diesen unbezahlbaren anatolischen zug um den mund, verschmitzt und traurig zugleich.

bedienung jana: sie wiegt sich im gehen, setzt die sandalen kaum auf. zeitlupenhaft gehen wellenförmige bewegungen an ihrem körper hoch, weiten sich an schoß, hüfte und hinterteil, tauchen kurz im bauch unter, verebben fast an den rippen, verwandeln sich am busen und den drallen polstern schräg unter den schulterblättern in eine flüchtige melodie und branden bis in die kräftigen schultern hinein. der kopf aber, ruhig, gerade, das haar stramm zum dutt hochgebunden, er wirkt nackt und auch stolz, ihr kopf, wie auch das gesicht mit den ausgezupften und nachgezeichneten augenbrauen, dem nasenpiercing den roten lippen, den sehr großen ohrringen und der reihe weißer zähne. der feine pullover: dunkelviolett, der lange enge rock samtschwarz, auch bei ihr hinter weißer schürze, die finger- und zehennägel helltürkis lackiert. sie ist nicht jung, eine mutter. sie ist nicht dick, nein, sie ist groß und stattlich. wenn sie mich ließe, würde ich ihr ein maori-tatoo mit diesen tintenfischigen spiralen auf eine der waden machen.

30.Mai 2001
So lange war ich von hier weg. Jetzt blüht vor meinem Fenster der prollig scharlachrote Rosenbusch, dass sich die ganze Straße zu mir hin umdreht. Der Mai, der unvergleichliche... Mir kannst immer mit Oktober, November oder April kommen. Ich werde vom schönen Wetter bewußtlos, vielleicht wie der Fisch wenns Wasser zu lau wird.

weiße fahnen hängen von weißen deckenbalken herunter. das schöllkraut wächst durch mauerritzen. wie barbara. von frauen verstehe ich nichts. ihr mann schlug sie. aus dem paradies verstossen zu werden wäre manchmal schön. trommeln und tamburins und kaffeemühlen sehr aufdringlich. ganz im widerspruch zur großen gelassenheit, ja du liest ganz recht, zur großen ruhe, mit der ich die dinge jetzt sehe. brotkrümel. aufgetautes fleisch aus bse-zeiten. fürstin von thurn und taxis schnackselt auch gern. frauen lassen es oft zu lange laufen. glasklare, helle schläge einer buffetuhr. eine rose aus seide, verschiedene alte vasen und sodaflaschen, ein kerzenständer. parmaschinken, sublimation von schweinebacke zu rosenblatt. fast eine. über der gemüsevitrine eine recht leere campariflasche und eine mit ligurischem orangenlikör. sopransaxophon und die stimme von sade. o-beinige apfellehrlinge. sterne, roheisenskulpturen. kaum kampfhunde. zeitungen von gestern. azamoah schlug gleich auf anhieb zu.

 

02.11.2004 um 19:01 Uhr

zu den US Wahlen

von: hibou

„Großer Manitou! Gib mir meine alte Kraft wieder: Die Dinge geschehen zu lassen.“

Old Lodge Skins, Cheyenne-Häuptling

02.11.2004 um 18:59 Uhr

Der Imam fiel in Ohnmacht

von: hibou

"Nachgeschmack auf Vorbeterzunge"

siehe

http://www.blogigo.de/hibou_nachtexpress/entry/32130

01.11.2004 um 19:26 Uhr

Die Dampfnudelküche in Regensburg (Kneipen 27)

von: hibou

Die Dampfnudelküche in Regensburg ist in einen Turm gebaut, hat gewissermaßen einen Turm wie einen riesigen Hut über sich. Regensburg ist die einzige deutsche Stadt, die mich wegen ihrer Türme an Bologna und andere mittelitalienische Städte erinnert. In jüngsten Jahren ist der Turm rosa – oder vielmehr pink – gestrichen worden. Ich weiß es aus der Glotze. Er dient jetzt auch der Fernsehkommissarin Lukas als Bleibe. Ich bin nicht mehr dagewesen, seitdem Irene sich und mir einen heißen Tee über die Oberschenkel geschüttet hat. Die Dampfnudelküche ist nicht weit von der berühmten Brücke entfernt, sozusagen in der innersten Innenstadt. Eine Brückenserie wäre wohl auch noch zu schreiben. Die Brücke über die Drina, die über die Neretva (es war einmal), Prag, Istanbul, Venezia, Seitentäler bei Locarno, die sieben von Peter Maffay….. Dampfnudeln müssen schön bleich und schliffig sein, sonst sind sie nicht echt. Zum erstenmal sah ich die Dampfnudelküche, als ich mit meinen Eltern nach Prag fuhr, es war wohl 61 oder 62, jedenfalls so urlange her, dass es mir in der Erinnerung vorkommt, ich habe damals noch in schwarz-weiß gesehen. Regensburg ist schon besonders. Schon weil es in Französisch Ratisbonne heißt. Was heißt wohl Dampfnudel? Nouille à vapeur? Kepler lebte hier. Don Juan d’Austria, der Sieger über die Türken bei Lepanto, wurde hier geboren. Kaiser Karls Auge, als er einmal in die Stadt einritt, fiel auf eine schöne (dralle?) junge Bäckerin. Vielleicht arbeitete sie ja in unserer Dampfnudelküche, wäre gut möglich, genauso wie es möglich wäre, dass ihre Haut der der Dampfnudel an Bleichheit gliche, jedenfalls schreibend kommt einem diese Vorstellung. Karl – es war der berühmte Fünfte aus Madrid! Er hatte bereits die berühmte hängende Habsburger Unterlippe! – schickte jedenfalls abends seine Diener aus, sich die Bäckerin aufs Gemach zu holen. Wir wissen nicht, wie lange sie blieb. Wir wissen nur, dass sie es schwanger wieder verließ. Daraus wurde der berühmte Bastard Don Juan. Karl aber dachte: In meinem Reich geht die Dampfnudel nicht unter!

(zurück ins Funkhaus)