An der Linie BIM, kleiner Platz, gleich um die Ecke in der Mondscheingasse liegen Ketten-Smejkal und die International University. Grüne Kuppeln, grüne Fußgängerampeln, grüne Bankomaten. Im Schanigarten sitzt neben mir ein Geschwisterpaar. Er: man behandelt mich wie Mobiliar. Ich leb hier immer noch wie ein Tourist. Sie: Was soll ich sagen? Keine Wohnung, keine Beziehung... komm ich lad dich ein.
30.12.2004 um 09:47 Uhr
28.12.2004 um 15:13 Uhr
27.12.2004 um 10:48 Uhr
Julia Timoschenko und Wiktor Juschtschenko (Wiktoria!)

Nach dem Wahlsieg im dritten Anlauf sieht man wieder Bilder der beiden auf dem „Meydan“ (Platz der Unabhängigkeit) („meydan“ ist ein türkisches Wort und heißt: Platz) inmitten eines Menschenmeeres und viel viel Orange.
Eine ukrainische Fassung von „Die Schöne und das Biest“? Biest ist Juschtschenko freilich nur vom Aussehen her, mit seinem seit der Vergiftung aufgedunsenen und pockennarbigen Gesicht. „Die Schöne und der Elefantenmensch“ passt besser. Elefant scheint Juschtschenko auch durch seinen Bedacht, sein Zögern zu Beginn, das dann gründlicher Entschlossenheit und ruhigem Mut weicht. (Alles das ist freilich nur so gut wie möglich aus der Ferne beurteilt, eher als Frage oder Hypothese, ganz so wie auch das Folgende). Er war bis vor vier, fünf Jahren nach eigenen Worten ein unpolitischer Mensch, ein „Staatsdiener“, ein Banker – also wohl mit Wissen um ökonomische Gesetzmäßigkeiten. Er wurde dann von Kutschma zum Ministerpräsidenten gemacht, mit Julia Timoschenko als Vize. Die trieb ihn an, es wurden Reformen versucht. Die beiden wurden schnell wieder entlassen.
Sie, die Julia: wie gesagt, Juschtschenkos „treibende Kraft“. „Sehr umstritten“, „äußerst ehrgeizig“, „würde am liebsten sehr viel schneller und weiter vorangehen“, „die Apassionaria der ukrainischen Revolution“ (alles Presse- und TV-Wortlaute). Auf älteren Bildern ist sie dunkel-, schwarzhaarig. Jetzt fiel sie mir – und vielleicht vielen – durch ihre blonden, um den Kopf gelegten Zöpfe auf, das Bild einer ukrainischen Märchenprinzessin, wohl bewusst ein Teil ihres Images? Baute sie Juschtschenko als Präsidentschaftskandidat auf? Würde sie den Job nicht lieber selber haben, beurteilt aber die geringeren Chancen einer Frau richtig und hält sich als „blonde Eminenz“ im Hintergrund? Man ist gespannt auf ihre weitere Karriere, auf den Fortgang und die Art der Reformen im Land.
Vorläufig sind mir beide sympathisch. Das ist bei Politikern aber eine Art der Zuwendung, die man manchmal bereut.

Aus: Neue Revue 2001:
Julia Timoschenko (40), verheiratet, ein Kind. Sie könnte ein gefeierter TV- Star sein oder ein Model, das uns von den Titel-Seiten anschaut. Sie ist Politikerin und Unternehmerin. Sie kämpft für mehr Freiheit, gegen die kalten Machtkartelle. Sie hat immer Fertigsuppen und Schokolade dabei.” Damit ich was zu essen habe, wenn sie mich wieder ins Gefängnis stecken.” Ihr
mächtiger Feind: Russland’s Präsident Wladimir Putin.
aus: T-Online-Nachrichten, 27.12.2004:
Interpol jagt Ikone des ukrainischen Widerstands
Interpol sucht eine der führenden Persönlichkeiten der ukrainischen "Revolution in Orange": Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko ist wegen Verdachts auf Betrug zur Fahndung ausgeschrieben. Den Haftbefehl habe die russische Justiz ausgestellt, teilte die Organisation auf ihrer Website mit. Falls Oppositionsführer Viktor Juschtschenko die wiederholte Stichwahl am 26. Dezember gewinnt, gilt die 44-Jährige als aussichtsreichste Anwärterin auf das Amt der Ministerpräsidentin.
26.12.2004 um 18:04 Uhr
Miller's (Kneipen 43)
26.12.2004 um 17:56 Uhr
Rhetorische Fragen an Tony Blair
Vereint im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, Schulter an Schulter mit den amerikanischen Freunden – so etwa lautete doch sein Credo der letzten Jahre, nicht? Es gilt, die Brut auszuheben, mit Waffengewalt und an jeder Stelle der Erde, gleichzeitig gilt es die ideellen und vor allem die finanziellen Unterstützer der Boswichte wirksam an ihren Vorhaben zu hindern. Dazu müssen die schnellen Eingreiftruppen binnen Wochen in der Lage sein. War es in etwa so, Mr.Blair?
Nun. Seit vielen Jahren fordert der „Terrorismus der IRA“ in Irland inzwischen viele Tausende von Toten und zwingt die Engländer zu Truppenpräsenz in Belfast und zur größten Vorsicht und Überwachung im eigenen Land. Weshalb dann die Anführungszeichen? Weil Terror nicht gleich Terror ist. Sonst müsste Blair seit geraumer Zeit die USA angreifen. Von dort her, von den Iren Bostons zu diesem Zweck gesammelt, kommt nämlich der Löwenanteil des IRA-Geldes. Aber was rede ich. Ist doch fast jedem klar, dass die nicht meinen, was sie sagen, und nicht sagen, was sie wirklich im Schilde führen.
P.S Dieses Nordirlandproblem: Menschenrechte weithin missachtet, Minderheiten brutal unterdrückt: Erfüllt Großbritannien eigentlich die Kopenhagener Kriterien für eine Mitgliedschaft in der EU?
Grüsse aus Anatolien, Hibou
26.12.2004 um 10:45 Uhr
des ano
des ano (österr. = auch das noch): der ausspruch stammt von einem kuk general, dem über nacht regenwasser in die stiefel gelaufen ist, der sich in der früh den heissen kaffee über die hose schüttet, der schliesslich aufs pferd klettert, um seine armee in die schlacht zu führen. als ihn die kugel des feindes vom ross wirft, aechzt er sterbend: des ano!
ausserdem ist es der name einer sehr sehr feinen band, halb rap, halb h.c.artmann-like, tolle jazzige saengerin und supermusiker, texte max gruber "wiener rap" = "rhythmisch ausgeführte poesie":
herr
mia brauchn unsa fettn
um uns fua dem lebm zrettn
weil eines is doch ganz gewiss
das as lebm tödlich is und
das man sich schützn muss
mit rauchn, saufn oda schuss
25.12.2004 um 11:33 Uhr
LISTENING TO ISTANBUL
I am listening to Istanbul, my eyes closed;
First a soft breeze blows;
Slowly they stir
The leaves in the trees:
Distant, very distant,
The water carrier's endless ringing grows;
I am listening to Istanbul, my eyes closed;
I am listening to Istanbul, my eyes closed;
Just then birds fly by;
High up, in huge flocks, screaming.
Fishing nets are being drawn out of the water;
The water touches a woman's toes;
I am listening to Istanbul, my eyes closed;
I am listening to Istanbul, my eyes closed;
The cool covered bazaar;
The crowded Mahmutpasa market;
Pigeon filled courtyards.
The sound of hammers come from the docks,
The smell of sweat and the spring breeze juxtaposed;
I am listening to Istanbul, my eyes closed;
I am listening to Istanbul, my eyes closed;
A villa with it's secluded boathouses,
Drunk with the flavor of past days;
Under a dying south wind's force
I am listening to Istanbul, my eyes closed;
I am listening to Istanbul, my eyes closed;
A coquette walks down the street;
Swearing, singing and approaches galore.
Something falls from her hand to the ground;
It must be a rose;
I am listening to Istanbul, my eyes closed;
I am listening to Istanbul, my eyes closed;
A bird flutters about your skirt;
I know that your face is flushed;
I know that your lips are wet;
A white moon is rising behind the trees
I can tell; your hearbeat is so full;
I am listening to Istanbul.
24.12.2004 um 10:23 Uhr
Topkapi-Kebap-Salon (Kneipen 42)
Vor dem Topkapi-Kebap-Salon in der Amerlinggasse hält ein grauweißer Lieferwagen, Zwei Männer steigen aus, betreten das Lokal, verlassen es nach einigen Minuten mit einer Teppichrolle über den Schultern wieder. Diese laden sie vorsichtig in ihren Wagen. Darin eingerollt ist Ufuk, am vorläufig dunkelsten Punkt seiner Lebensbahn, nachdem er vor zehn Tagen bei Kiskoeroes illegal über die serbisch-ungarische Grenze geschmuggelt worden war.....
Den wenigen Gästen im Lokal war nichts Ungewöhnliches aufgefallen, auch nicht den beiden jungen Polizistinnen mit ihren am Hemdärmel baumelnden Dienstmarken, die um Toilettenbenutzung beim alten Ali-Bey nachgesucht hatten.
(zurück ins Funkhaus)
22.12.2004 um 16:17 Uhr
Schanzenviertel (Kneipen 41)
De Sousa konnte, wie außer ihm vielleicht nur noch seine Tante Amparo, alten wie jungen Leuten den Zeitpunkt ihres nahen Todes ansehen. Auch auf kerngesunden Wangen. Es gibt offensichtliche Fälle, bei denen selbst wir das könnten, sagen wir Anna Oppermann oder unsere Annette vom „Stay alive“, die meisten Todesaugenblicke bleiben uns aber tief verborgen.
De Sousa war mit den Jahren darüber immer schweigsamer geworden.
Frühling. Die braunen Knospen der Felsenbirne strecken sich erst beträchtlich in die Länge, haben die samtene Tönung der Innenhaut von Edelkastanien angenommen, bevor sie sich zu Grün entfalten.
De Sousa sitzt noch im Café drin, die Türe steht aber schon auf, damit die laue Luft zu den Gästen gelangt. Keiner beachtet ihn. Ansonsten gibt es Melodien aus Afrika, ein Schwirren vieler Sätze, dann die Stimme Louis Armstrongs, Schlagzeilen, heißen Amaretto mit Zimt, Schalen Milchkaffee, Amaryllis nebst Schleierkraut, Cosmopolitain und Spex, ein Nein ohne Nachspiel, Zigarillos light, rasselnde Geldstücke im Telefonautomaten, die Klospülung im Zufallen der Tür (die Feder knarrt), Kichererbsen, Plakate, Gratispostkarten, Riffs, Wandsprüche, die Quote für Damenfahrräder, Schweiß- und Parfumwolken, eine flache Hundeschnauze auf Parkett, gelbe Halstücher und noch vieles mehr.
(zurück ins Funkhaus)
21.12.2004 um 13:46 Uhr
Café in der Kunsthalle mit Doppelgängern (Kneipen 40)
Heute besonders zu empfehlen: Selbstbedienung
(featuring Gerhard Altenbourg and Octavio Paz)
Ist das ihre Gruppe? Aber sie machen doch auch Kunstführungen?
Dann verwechsle ich sie
Tasse Kaffee: 2.30
Das Personal dankt
Heute malen die Künstler wieder mit den ganzen komischen Stoffen
Eiweiß Milch Kasein Terra di Siena
Unterschreiben sie hier, sie kriegen alles zugeschickt
Jedes Jahr eine andere Farbe
Ein Kunstmanager in feinen schwarzen Schuhen, ockerfarbenem Sakko, Rollkragenpullover und Täschchen hoch am Herzen kommt wippenden Schrittes daher und wirft den ruhelosen Blick des Organisators durch die Säulenfluchten
Would you like to take out some minutes?
Lieber gehasst werden für das, was man ist, als geliebt werden für das, was man nicht ist
Eine Wechselrede hin und her und deine heimliche Wegschau
Eine schwarzgekleidete Art Direktorin bläst Rauchringe, ihr Begleiter kaut an Weinschlucken
Blumen waren damals etwas sehr kostbares
Die Lippen bewegen sich, ohne dass ein Wort herausdringt
la palabra que baia en lenques de fuego sequebro
Soll ich dir nicht manches ins Ohr flüstern?
Schnepfenthaler Suite
Aus Muschelkalk in schlichtem Neoklassizismus erbaut 1914-1919
tapp tapp tapp auf langen Linoleumbahnen
Ort Wort Wort Ort
Calypso, Rauschen und Hoffen
Vorübergehend entfernt. Der Direktor
Hunger und Durst
Brackwasser. Ein Mann schöpft die Haseldorfer Marsch aus
caidos caines neblinosos abeles en jirones
sectarios sicarios idolatras letrados
ladinos ladrones de los muertos perdido
en los giros del ombligo de la luna
Kommt noch was dazu oder kann’s schon weg?
halldeutschland fast gutenachtgesagt meingott der kuchen ist wohl zu teuer wieistdas wasistdas geschmolzene deckenreste auf den fußboden getropft trübe
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Symmetrie. Der Leseschrank
In die Tiefe des Bildes hineinführen
It‘s real life. How could this happen to me?
30 Schüler auf der Fensterbank. Frau Senatorin, das haben sie zu verantworten
Die überkuppelte Rotunde bestimmt als Würdeformel die Front zum Hauptbahnhof
Der Raum erdrückt die Bilder
Der ist übrigens noch gekommen, mit dem ich sie verwechselt habe!
Einen Doppelgänger hat jeder, sagt man.
(zurück ins Funkhaus)
19.12.2004 um 12:52 Uhr
Gegendarstellung
Durch das Pressegesetz sind wir verpflichtet, diese Gegendarstellung der CDU kommentarlos abzudrucken.
„Es ist wahr, dass wir Autonomie für die Kurden in der Türkei als eine wesentliche Bedingung für die Annäherung des Landes an Europa fordern. Die kulturelle Unabhängigkeit, die gleichberechtigte Stellung der kurdischen Sprache und die rechtliche Gleichstellung müssen gewährleistet sein. Es ist ein Unding, von allen Schülern zu verlangen, dass sie ‚Wie glücklich bin ich, Türke zu sein‘ aussprechen.
Unwahr ist hingegen, dass wir Autonomie für die Kurden in Deutschland gefordert haben sollen. Wer in unserem Land leben möchte, hat dessen Sprache zu erlernen und sich den Werten der deutschen Leitkultur anzupassen. Wir werden keine Parallelgesellschaften dulden. Ein jeder soll wieder unbefangen sagen können, wie stolz er ist, ein Deutscher zu sein.“
gez. Angela Merkel
18.12.2004 um 16:00 Uhr
Brüsseler Spitzen
Einen Tag nach dem Abschluss des Brüsseler Gipfels, auf dem der Beginn von Beitrittsverhandlungen der Türkei zur EU beschlossen wurde – und wir wissen, dass dies nur unter Einschränkungen geschah – sind uns nun zusätzliche, geheime Bedingungen bekannt geworden. Sollten also die in den Nachrichten genannten Vereinbarungen nur die Spitzen des Brüsseler Eisberges sein? Unsere Korrespondentin Ina Bottle offenbarte uns die Zusatzklauseln:
1. Außer der Lösung von Zypern- und Armenienfrage soll die Türkei die Verantwortung für die Eroberung von Byzanz übernehmen (Erdoğan: kein Problem).
2. Österreichs Bundeskanzler Schüssel fordert bis zum 3.10.2005 eine offizielle Entschuldigung für die Belagerung Wiens durch die Ottomanen.
3. Mit der Mär, dass der Nikolaus aus dem anatolischen Myra stamme, müsse sogar ab sofort Schluss sein, spätestens aber zum 6.12.2005.
4. Malta fordert, dass sämtliche in der Türkei liegenden Kreuzritterburgen (Bodrum, Antalya, etc.) entschädigungslos an den Malteser Hilfsdienst übereignet werden.
5. Die Frage, ob Johannes die Apokalypse im griechischen Patmos oder im türkischen Ephesus schrieb, bleibt weiter strittig und ist bis zum 31.12.2024 zu klären.
6. In allen Quellen und vor allem Schulbüchern ist der Geburtsort von Kemal Atatürk zu ändern: nicht mehr Saloniki sondern Kars in Ostanatolien
Zusätzlich wird von der UNO in einem zweiten Annan-Plan die Rücknahme der Besiedelung von Syracus, Messina, Neapel und Marseille durch Kolonisten aus dem westanatolischen Milet verlangt.
Der Papst wiederum sprach sich gegen zusätzliche Konditionen aus. Man vermutet, dass der Vatikan sich vor dem Aufbrechen alter innereuropäischer Streitigkeiten fürchtet. So ist ja bekannt, dass der griechische Patriarch seit Jahren fordert, das bekannte Adventslied „Es kommt ein Schiff geladen“ durch das griechisch-orthodoxe „Ich bin ein Mädchen von Piräus/ein Schiff wird kommen“ zu ersetzen.
Aber auch die türkische Regierung stellt, wie wir von unserer Quelle erfahren konnten, zusätzliche Forderungen:
- Abschaffung des Volksliedes „Sei doch kein Muselmann, der es nicht lassen kann“
- Umbenennung des Plumpsklos von „alla Turca“ in „Bulgarische Stätte“
- Anstatt Beethoven Mozart als europäische Hymne: Türkischer Marsch. Ersatzweise käme „Oh Mustafa, oh Mustafa“ als Kompromiss in Betracht.
- Anerkennung des Völkermordes an den Trojanern durch Mykene.
- Offizieller Verzicht Skopjes, ersatzweise Athens, auf alle Ansprüche aus dem Reich Alexanders des Großen.
- Verbot des Kopftuches in allen Europäischen Behörden und Schulen (auch für Nonnen gültig).
- Ernennung von Günter Walraff oder Fatih Akin zum EU-Botschafter in Ankara
Es ist uns also nur zu klar wie lange und dornig der Pfad bis zur Gemeinsamkeit noch sein wird….
Allein die Internationale der Schwulen und Lesben fordert den sofortigen und bedingungslosen Beitritt der Türkei. Nur so könne erreicht werden, dass Lesbos aus seiner Randlage wieder mitten in Europa zu liegen komme.
Brüssel, im Dezember 2004
17.12.2004 um 11:12 Uhr
kosmos - selber wirt sein (Kneipen 39)
frühstück, "cuz nobody's home" von meredith brooks aufgelegt. lese "bakterielle mischinfektionen", "moderhinke", "fäulnisgeruch", "ablösendes klauenhorn", "ausschuhen", "horizontale übertragungswege", "fieberbläschen an der rüsselscheibe". ich schaue mit bernhard in die wasserklaren äuglein meines schweins.
an einem andern tag kommt susanna
suchste was? frage ich
jeder mensch befindet sich auf der suche nach sich selbst. kaum einer hat sich schon gefunden. obwohl der mensch sich selbst das nächste ist.
manchen verhaltensweisen nach zu urteilen, befinden sich manche noch auf der anderen seite des universums. aber wer, verdammt noch mal, nimmt sich dann das recht raus, hier in mir zu stecken
ich jedenfalls nicht, sage ich
heut abend? fragt susanna
auf dieser seite des kosmos, schlage ich vor
16.12.2004 um 17:13 Uhr
Turkey comes to Europe

Dont be afraid. We are young, we have power. And we are beautiful.
15.12.2004 um 12:41 Uhr
Ena zivil greco (Nachbemerkung)
Bei der ersten Reise, der ohne Vicky, ließen wir den 2CV in Piräus auf einem Parkplatz neben einem verhüllten Gebilde stehen. Als wir wiederkamen, war das Auto weg und aus dem Gebilde eine enthüllte Statue geworden. Wir machten uns auf den Weg zur Polizeiwache, um den Verlust anzuzeigen, fanden aber den Wagen zwei Strassen weiter unversehrt stehen. Es war auch nichts gestohlen worden.
14.12.2004 um 12:21 Uhr
Perlen der Pressefreiheit
13.12.2004 um 15:28 Uhr
Ottensen mit Mundtanga (Kneipen 38)
Liebe Renate, derweil ich in Altona im Restaurant sitze, und eigentlich bloss Kaffee trinken will, steigen mir die Grünkohl- und Bratendüfte in die Nase, durch den Kopf bis ins Gemüt. Angesichts versprengter Hühnerknochen, verlorener Erbsen und Wurzeln, zerknautschter Servietten inmitten von Saucenflecken denke ich: Mit Essen ist es wie mit Sex: Frau/man sollte es so tun, dass die Lust hinterher verwandelt, aber nicht verschwunden ist. Mit zuviel Gier angepackt bleibt bald nurmehr Ekel über, nicht? Also wie lieben? Nicht den Kuchen als Objekt der Begierde in Besitz nehmen, sondern die Tätigkeit des Essens geniessen. Dann kommen zum Teig und der Sahne auch die Aesthetik des Vorgangs, die seelische Stimmung, die beim Essen entstehen kann, nicht zuletzt die Gespräche und der Blickwechsel mit dem Gegenüber. Mit den Mahlzeiten fällt es ja leichter, einer gewissen Verwechslung nicht zu erliegen, dass man nämlich nicht den andern auffrisst, sondern gemeinsam isst, sprich: einer sehr erfreulichen Betätigung obliegt. „Shugarbaby! Hab dich zum Fressen gern! Süss! Das alte Volkslied: Mein Schatz ist kein Zucker, des bin ich so froh, ich hätt in gegessen, jetzt hab ich ihn no(c)h“.
Die besondere Rolle des Mundes fällt mir ein. Mensch braucht ihn zum essen, trinken, lieben, reden – und das heißt etwa zum fragen, erzählen, mahnen, rufen, bitten, lügen, beten etc - und atmen. Knödelfressen ist also nur das eine, sehr prosaische. In skurrilen Momenten stelle ich mit manchmal vor, die Gesellschaft würde plötzlich das Essen so tabuisieren, wie sie den Geschlechtsakt tabuisiert hat: Restaurants mit Einzel- und Doppelkabinen, Peep-Shows mit Frikadellen, Badestrände voller nackter Menschen mit Mund-Tanga, Lebensmittelläden ab 18, Rotlichtzone Naschmarkt… Genug davon! Muss die obszöne Atmosphäre hier sein.
Machs gut. Sieh zu!
Hibou
12.12.2004 um 14:35 Uhr
Zurück in die Gegenwart: die Farbe Orange
Bei der heutigen Stichwahl in Rumaenien hat der führende Kandidat eine blaue, der zurückliegende aber eine orange Jacke an. Heisst das was für die naechsten Wochen? Man sagt in blauen Kreisen, die Massen der Ukraine seien von den Orangen, die sie pausenlos assen, so high geworden, dass sie die Ukraine veraendern konnten. Wird die Farbe Orange nun demnaechst in Russland verboten werden?
Der clou ist aber wieder einmal: vor all diese Ereignissen ist Kandidat Juschtschenko mit "Agent orange" vergiftet worden!
11.12.2004 um 16:45 Uhr
Lemanitude
Wer kann Sommerwiesen mit Mohn und Skabiosen so filmen wie Jean-Luc Godard? Und wer Kornfelder und Eichbaumalleen? Dazu die abfallende Kurve einer Landstrasse am Genfer See, auf der ein gelbes Sportcoupé entlangfaehrt, als wolle es die Mille Miglia gewinnen? Eigentlich, wurde mir klar, als ich neulich “Hélas pour moi” wieder anschaute, will er das Licht, den Wind und den Regen damit zeigen – meine Tochter sagte als ganz kleines Kind: ohne Baeume gibt es ja keinen Wind, gell? – und sucht ausdauernd die Sprache einer menschenleeren Landschaft. Mich lenkt die “Lémanitude” seiner Filme von solcher Analyse ab. Mich berührt viel mehr das weisse Dampfschiff “Italie”, das auf der Leinwand schwerfaellig elegant auf mich zusteuert. Ich bin als Junge damit gefahren und auch mit den Schwestern “Simplon”, “Suisse” und “General Dufour”, und damals fuhren diese Schaufelradschiffe mit dem schöngeschwungenen Rumpf sogar noch wirklich mit Dampf. Im Innern konnte man die Kolbenmotoren sehen, die Wellen schwangen ganz dicht an einem vorbei und glaenzten, und wie Krönlein trugen sie Ölglaeser an ihren Spitzen, die sich immer aufrecht im Kreise drehten und in denen das Öl wie in einer Wasserwaage tanzte. “Spirit level” heisst das auf Englisch; haette ichs damals gewusst, waer mir gewiss der Geist in der Flasche eingefallen. Bald aber rannten wir an die Reling, denn die naechste Anlegestelle kam in Sicht, das Schiff tutete die Schwimmer und die Boote aus dem Weg, der Kapitaen betrat seitlich seiner Komandobrücke einen kleinen Balkon, von wo aus er wie ein Papst im richtigen Moment den Maschinentelegraphen auf “Volle Kraft zurück” kippte, worauf das Wasser nahe den Schaufelraedern grün aufwallte und das Schiff die Poller berührte. Taue wurden geworfen, ein Passerelle auf Rollen ausgefahren, Leute strömten erst hinaus dann hinein und schon ging es weiter. Manchmal schlichen wir so weit wie möglich nach vorne und beugten uns über Bord um die Bugwelle anzustarren. Wir liebten diese Schiffe (Heute weiss ich, dass Istanbuls Faehren über den Bosporus ganz aehnlich aussehen). Wir hatten Proviant dabei, Chlöpfer, Brot und Kaese und etwas zu trinken, wir fuhren nach Le Bouveret, um dann den Grammont zu besteigen, wir fuhren nach Evian hinüber. Der Algerienkrieg war voll entbrannt und bis zum dortigen Friedensschluss sollten noch ein- zwei Jahre vergehen. Oder wir machten die Rundfahrt, wenn wir faul waren. Auf dem Schiff konnte keiner der “Montolieu”-Schüler verlorengehen. Die Orte am Ufer kannten wir so genau wie die Schiffe, das Schloss Chillon mit dem aufgemalten Wappen der Berner Besatzungsmacht, “Baeremutz”, für uns schmachtete der von Byron besungene Gefangene noch immer in seinen Verliesen, die Insel mit der klassizistischen weissen Villa, Schauplatz einer Dürrenmatt-Verfilmung, die ebenso weisse Statue der Kaiserin Sissy, der auf einem dieser Schiffe eine Feile in die Rippe gerammt wurde, so dass sie lautlos und langsam verschied, die Châtelard-School, wo die Maedchen in den Uniformen wohnten, die Röcke waren braun und die Blusen grün und wir seufzten, da wir wussten, dass sie sie nachts auszogen, das Grand Hotel Palace, das Beau-Rivage und das Hotel Nuss, dessen Name uns nachdenklich machte, die Weinbergterrassen und jedes winzige Dorf bis Lausanne hinüber. Gegenüber die Savoyer Alpen, der Grammont, die Jumelles, die Cornets de Bise und die Dent d’Oche. Weiter gegen Genf zu erschien dann seine Hoheit der Mont Blanc. Auf der Schweizer Seite war die Gegend ein riesiges gen Süden offenes Theaterhaus, daran Höhenorte klebten: Glion und Caux, wo die “Moralische Aufrüstung” hauste, und unser Chamby fast ebensogross, ehemaliges Hotel, erbaut 1907, sieben Stockwerke hoch und mit unzaehligen Balkonen behangen.

Etwas niedriger über Vevey der Mont Pélérin. Dahin kamen wir in einem Sommer, in dem wir uns ausdauernd mit Geheimschriften beschaeftigten, ganze Tage hatten wir mit dem Chiffrieren einer Botschaft verbracht. Als erstes verschoben wir die Buchstaben innerhalb des Alphabets, so dass etwa aus “Liebe” “Ifbyb” wurde, usw. Dann schrieben wir den entstandenen Text mittels einer quadratischen Schablone in z.B. 8x8 Felder, die Schablone war raffiniert und schön zugleich so ausgeschnitten, dass nach viermaligem Drehen um 90 Grad jedes Feld einen Buchstaben zeigte. Doch an dem Tag war uns selbst das noch nicht sicher genug, so verbrannten wir das Ganze und vergruben die Asche, sorgfaeltig in eine leere Sardinendose gebettet, am Fusse einer Mauer dieses Berges. Denselben Abend lagen wir schlaflos und überdachten, ob wirklich nichts entziffert werden konnte....
Aber die Schiffe zuerst. So wie wir an Land zuerst die Wege und Strassen erinnern, den trockenen Geruch gemaehter Dinkelfelder und den glattgetretenen Lehmstaub, die Wegwarten und die abgebrannten Böschungen, schwarz mit weissen Schleiern, und erst dann die Orte und erst dann die Menschen.
11.12.2004 um 16:33 Uhr
Gaensespiel, Feld Neun: Das Auge
Der Mensch und besonders der Schriftsteller ist sehr Auge. Der Blick durchdringt alles und jedes und schreiben ist bestimmt ohne ein wenig Voyeurismus nicht denkbar. Nabokov schildert diesen Zustand, oder eher diesen Vorgang, in seinem frühen Roman „Der Späher“. Um sich selbst dabei zu schützen, verwandelt sich der Späher, löst sich auf, wird – anders als Gregor Samsa, dessen Verwandlung Kafka fünfzehn Jahre vor Vladimir Nabokovs Buch beschrieben hatte, nicht zum Käfer -, er wird gleichsam vom „I“ zum „Eye“.
Nabokovs Erzählung heißt in englischer Übersetzung „The Eye“. Dafür, dass er alles sieht, zahlt er einen zweifachen Preis: er wittert hinter allem und jedem ein Geheimnis, eine Verschwörung, und zum andern: er ist nunmehr unfähig, sich selbst zu sehen.
Das Gänsespiel fordert auf Feld neun von allen die vorübergehen, einen Gedanken zu den Bedingungen ihres Sehens und Schreibens zu haben.
