Message in a bottle

10.12.2004 um 13:34 Uhr

Romy. Nein Sissi

von: hibou

Ich gerate in den alten Visconti-Streifen "Ludwig", mit Helmut Berger als König  und Trevor Howard. als Wagner. Helmut Griem! grade verstorben. Und da ist ja auch Sissi. Nie würde man die wirkliche Sissi akzeptieren. Romy Schneider ist die viel echtere. Selbst Kaiserin Elisabeth, würde sie vom Dolch auferstehen (oder wars ein Schraubenzieher?), würde vor Romy erblassen.

10.12.2004 um 13:28 Uhr

Hinter dicken Gläsern (Kneipen 37)

von: hibou

liz schaut mich durch ihre massive brille an. meine mutter, sagt sie, war noch ein kleinfuß. und trotzdem hat sie es in den schweren zeiten geschafft, sich alleine durchzubringen. wurde sogar buddhistin, rasierte sich das haar, ging als mann im kloster durch, wenig zu essen, tofu, manchmal betteln, stockschuhe und matten herstellen. fast wäre sie wegen der schrift entdeckt worden. es gibt ja im chinesischen eine frauen- und eine männerschrift. ihre war zuerst zu weiblich gewesen. aber erst als ich geboren wurde, flog sie aus dem kloster.frauen bekamen noch viel später kein fleisch auf dem markt. was sollte sie machen, bevor mein bruder geboren wurde und sie ihn schicken konnte?

mein vater, sagt stojko, mit dem ich im eissalon eine wein nehme, war kapitalist. vater, sage ich ihm, warum sollen nicht auch die armen was haben? lass mich mein leben leben. und ich wurde kommunist. in belgrad war alles gut, so lange tito lebte. jetzt? pah!!! bush, schröder, berlusconi, eine mafia! die haben alles kaputt gemacht. der priester kommt und will mit mir reden. die jungfrau maria. lass mich lachen. nix ficken, nix jesus, sage ich zu ihm. huren sind das, und die parteien auch. er formt die finger und den daumen seiner linken zu einer röhre und haut ein paar mal mit der flachen rechten drauf. seine augen sind hellblau hinter dicken gläsern.

(zurück ins funkhaus)

10.12.2004 um 11:21 Uhr

Die Iraklion ging unter

von: hibou

Damals war „Alexis Zorbas“ grade erst gedreht und wir fühlten uns inmitten der Handlung, hörten in Ierapetra Bouboulinas Klageweiber schreien und suchten das Dorf in den Bergen, wo die schöne Marianne Pappas den Tod fand. Auch sonst vermischen sich ja Rollen und Schauspieler in unserem Gedächtnis, vor allem die eine, die große Rolle. Play it again, Anthony. Wir fuhren aber auch den Ausgrabungen nach. Pu ine Apollontempel? fragte Vicky den Bauern nahe Gortys. Wir übernachteten im „Hotel Elbetia“ zwischen uns und Sitia, am nächsten Tag sahen wir die Lasithi-Hochebene in grün. Mit ihren Windmühlen winkte sie uns schon etwas müde zu. Wir saßen auf den zugewachsenen Stufen eines Theaters wie ich jetzt Jahrzehnte später in dem von Iasos in Karien. Wieder rätselten wir über die Urkulturen. Die Linear B war grade entziffert worden, die Linear A noch nicht. Einen Krug Honig und zehn mit Getreide für.... Erdbeben und die Dorer aus dem Norden (also grosso modo wir) hatten die altmittelmeerische Kultur vernichtet. Heute wird der Stier bei der Corrida erlegt, damals schwang man sich im Salto über den heranstürmenden Bullen und steckte ihm Blumen an die Hörner. Woher mag der Ausdruck „gehörnt“, „Hörner aufsetzen“ kommen. Pasiphae, des Minos Frau, hatte sich ja in einen Stier verliebt, der kunstfertige Daidalos hatte ihr darauf einen täuschend echten Kuhhintern gestaltet, in den sie hineinsaß und  sich begatten ließ. Der Minotauros wurde geboren, unglückseliges Mischwesen aus Stier und Mensch, sitzt er nun in des Labyrinthes Mitte und wartet voller Brunst und Blutrunst auf die zu opfernden Jungfrauen. Auch Theseus konnte ihn nicht töten, denn er lebt in uns fort.

Die Labrys, die Doppelaxt! Sie war das Zeichen der großen Muttergöttin des Mittelmeeres, des „reinen Meeres“. Nu baumelt sie an den Halsketten der Lesben. Solches und anderes beredeten wir, und ich ahnte noch nicht, dass ich viel später nicht weit von Labranda leben würde.

Als unser Geld zuende war, nahmen wir die Autofähre „Minos“ zurück nach Piräus. Hin waren wir mit der „Iraklion“ gekommen, in einer stürmischen Nacht, im Zwischendeck, fast seekrank. Aber zum Glück erlebten wir da die erste Lammfleisch& Chips parea unserer Reise, mit viel Wein und Schnaps, mit Gesang und Tanz. Die Leute sangen in Wechselstrophen, jeder war man dran, es schien politisch und improvisiert, viel Lachen und dann auch Tanz!

Nun saßen wir auf einem Hügel über Athens Hafen, es war wieder abend, wir sahen die alte „Iraklion“ in See stechen. Schwarz sah der Kahn aus, und etwas schief lag er im Wasser. Einige Tage später lasen wir, dass sie im Sturm gekentert und untergegangen waren. Die meisten ertranken, vor allem die unter Deck. König Konstantin umkreiste die Unglücksstelle mit dem Helikopter. Aber wir, wir denken noch heute an das Schiff.

 

 

09.12.2004 um 17:15 Uhr

Im Schwarzen Walfisch (Kneipen 36)

von: hibou

     

Günter, mit seinem Dreitagebart und den dicken Brillengläsern, die stets beschlugen, wenn er gegen zehn vom Kino kam – er sah dann einer eben dem antarktischen Meer enttauchten Robbe sehr ähnlich – war unser Chefideologe. Bernd, spitzmundig lächelnd, und seine Dorit im Pfeifenrauch, Anna, die mit seifigem Gesicht nach ihren entfallenen Kontaktlinsen suchte, der lange Hans, Christoph im beigen Blazer, Franziska ganz durchsichtig scheinend, Micha, der Fassbinder-Cowboy und Verbalanarchist, und ich am Stammtisch. Immer um fünf Minuten vor vier legte der Wirt „Spanish Eyes“ auf. immer wartete er stumm, bis gegen halb fünf der Letzte von uns heimzog. Und Uli, ja Uli der Kellner. „Halben Russen oder Currywurst? Ich hab‘ da noch 'nen Stapel Deckel von dir....“. Wir engagierten ihn als Kolumnisten für die Marburger Blätter. Ich noch unberührt, Micha noch nicht beim Film, Franziska noch nicht Dozentin am Politologischen, Christoph noch nicht Staatssekretär, Hans noch nicht Lindenstraßen-Produzent, Bernd noch nicht Chefpsychologe in Düsseldorf, Günter noch nicht tot. Nur Anna war schon sie selbst, und das lange bevor es Punks gab. Fast war die Runde für unsere Marathondiskussionen komplett. Der Mehrwert. Proseminar eins. Strukturwandel der Öffentlichkeit. Die vielen Nazis unter den Professoren. Haut dem Reichel auf die Eichel!, schlug Dorit vor. Haut dem Hans auf die Glans!, rief Anna. Die Vergesellschaftung des historischen Instituts. Brüder zur Sonne zur Freiheit....., ach ja, und Engelchen, Angelika Engel mit Namen, Engelchen hatte langes blondes Haar und Isisaugen, sie glühte für Marx und ich glühte mit.

08.12.2004 um 12:02 Uhr

Wie Nikos wohnte

von: hibou

Nikos wohnte gleich neben der US Airbase, aber nicht in einem Haus, sondern in einer Art Kral aus dem Müll der Amerikaner. Aus alten Platten, Türen, Pingpongtischen etc. hatte er eine Umzäunung für seine Schweine gebaut, gegenüber dem „Tor“ türmte sich dieser Metall- Holz- und Plastikberg höher, so dass darunter in einigen Nischen eine Wohnung entstand. Wir fanden uns auf einem ausladenden Sofa im Salon sitzend, Nikos fegte noch schnell mit dem Besen die glatte Erde, dann erzählte er, immer wieder sprang er dabei auf und zeigte uns etwas, eine Flinte, ein Fischernetz, seine Geige eben, machte uns Kaffee. Bei hastigeren Bewegungen sprang quiekend ein Schwein unter einem der „Möbel“ hervor und rannte hinaus. In einer offenen Truhe lag auch eines, wie ein Mensch, bis zum Hals unter Decken. Es war violett. Die erkälteten Tiere brauchen Spritzen („ena zivil pinks krank – gesundmachen“), deshalb male er sie violett an, um sie unter der Herde herauszufinden. Richtig, da waren noch verschiedene priesterfarbene Läufer. Wir schauten uns bewundernd um. Diese Wohnung würden wir ein Leben lang nicht mehr vergessen. Keine Wand war grade, keine Wand war eine Wand, sondern eine geschickt stabilisierte Ablagerung aus Plastiktonnen, Ölfässern, unzähligen Resten des nahen Fliegerlebens. Die Wände waren multifunktional. Der Besen etwa hatte darin gesteckt.

Nikos erzählte weiter. Wie die deutschen Fallschirmjäger vom Himmel fielen. Wie sie in die Berge gingen – was sie sowieso bis heute täglich tun. Wie sie nach dem Krieg als Kommunisten verfolgt, Waffen und Munition hoch da droben in Bienenstöcken versteckten. Da seien sie immer noch. Könne ja nicht schaden, falls die Türken wiederkämen. Er bat uns, ihm später Batterien für seine Stabtaschenlampe aus Deutschland zu schicken.

 

Eine Woche lang lag ich mit Stirnhöhlenentzündung in Zelt. Jeden morgen brachten die Hirten frische Schafsmilch und stellten sie – in Whiskyflaschen – ans Kopfende. Später musste Andonis seine Frau nach Athen zum Augenarzt bringen. Er bat uns, das Restaurant so lange zu übernehmen und zu betreiben. Das war nicht sehr schwer. An Speisen gab es außer Käse, Oliven und Nüssen nur Omelett und Lammkotelett, beides auf der Dreifußkohle zubereitet. Ah, und frittierte Kartoffeln, überall, wo die Engländer das Mittelmeer vereinnahmt hatten, „Chips“ genannt. Nun nahm der Schwede bei uns sein Frühstück.. Für ein paar Tage fuhren wir nicht über Land.

07.12.2004 um 12:12 Uhr

ouaki mama (Kneipen 35)

von: hibou

bin heute abend endlich wieder einmal bei ouaki mama vorbeigegangen. "die madame erwartet ein kleines geschenk (so um 20 dinar)". wie immer sitzt sie ganz ruhig im dunkel ihrer erdhöhle. draußen der große couscoustopf, vage geräusche, wind voller sandkörner. hier kannst die betten fegen. ich stehe noch am oberen rand des kraters, hinter mir der salzsee. hab palmwein getrunken. tu das nicht, sagt sie jedesmal, du wirst durchfall bekommen. auf dem weg fahren dreiradvespas, beladen mit raffiamatten. ich steig den krater hinunter. ouaki mama wippt mit dem oberkörper hin und her. nach sidi bou said kommt sie nie mit. wie gerne würde ich mit ihr reisen.



06.12.2004 um 18:59 Uhr

Andonis Frau mit Dreifüssen

von: hibou

Abends tranken wir Minos – „wine makes everybody hopeful“ stand innen auf dem Etikett – und redeten über Minos, den sagenhaften König und Totenrichter. Wir waren uns aber einig, dass die Minoer im Matriarchat lebten, also Königinnen hatten, weißhäutige, schlangengezierte Prinzessinen mit stolz getragenen Apfelbrüsten. Ariadne und Europa lebten hier, aber der kleine Zeus brüllte schon in der Höhle am Diktegebirge, und seine Hüterinnen taten alles, ihn vor seinem mörderischen Vater Kronos zu verbergen, indem sie das Gebrüll des künftigen Männergottes mit Ziegenglocken übertönten. Ungläubig streiften wir durch Knossos‘ wirre Grundrisse. Die von Sir Arthur Evans wieder aufgerichteten Teile sahen zu künstlich aus. Doch was heißt das schon. Auch das Parthenon in seiner ursprünglichen Bemalung sähe für uns neben der amerikanischen Zentralbank, der französischen Madeleine oder dem Brandenburger Tor total unglaubwürdig aus. Wir haben schließlich im europäischen Klassizismus der bürgerlichen Zeiten die Antike geschaffen, mit Winckelmann, mit Schinkel und wohl auch mit Goethe.

Uns gefielen die kykladischen Idole in den verborgenen Vitrinen des Museums, flach, geometrisch und rätselhaft in ihren trapezförmigen Körpern und Köpfen. Primitiv, so dachten wir, heißt eben „nah am geistigen Ursprung“. Schließlich hatten Picasso, Modigliani und Brancusi inzwischen auch gelebt und gewirkt.

Noch später am Abend kamen die Hirten zu Andonis. Sie trugen das schwarze, gefranste Stirnband und die Elefantenhosen. eine Art Pluderhose in seidig schwarzem Glanz und mit vielen Falten im Gehänge zwischen den Beinen. Sie wirkten zuerst immer stumm, fingen dann an, zu erzählen, dann zu musizieren, dann zu tanzen. Musizieren sah so aus: Nikos hatte eine Geige, worauf er grauslich zu kratzen anfing. Nach einiger Zeit wurde sein Spiel langsam besser und man konnte eine Weise erkennen, dann zog ein anderer ein Tamburin hervor, dann kam Schwung und Rhythmus in die Sache. Nach einer guten halben Stunde spielte Nikos hinreißend. Die anderen Männer begannen den Kolo zu tanzen. Andonis Frau stellte Dreifüsse mit glühender Kohle unter die Tische. Dle Nächte waren sehr frisch. Auf den Tischen entfalteten sich mit Lammfleisch und gebratenen Kartoffeln gefüllte Zeitungsbündel. Man spießte die Sachen mit dem Messer auf und reichte die besten Stücke den Gästen zum Mund. Andonis hinter der Theke schaute zustimmend auf sein belebtes Lokal. Außer uns waren noch andere Westler da: der Schwede, dann Karin aus Österreich, die sich als Korrespondentin in Iraklions Rosinenexport niedergelassen hatte und auf sich gestellt hier lebte („Zugeständnisse an die Männer sind schon hier und da nötig“), eine schwarzhaarige Spanierin, direkt aus einem Gemälde El Grecos entsprungen, klar, bildschön in unserer Erinnerung, Witwe eines GI, dann Joachim, den wir am Strand aufgegabelt hatten („Tiefe, dunkle Nacht. Eine Schneeflocke kann von links“ waren seine ersten Worte gewesen).

05.12.2004 um 11:13 Uhr

Ena zivil greco

von: hibou

Ena zivil greco, sagte Nikos Frangoulis, wenn er einen seiner Mitbürger meinte. Wir ahmten nach einigen Wochen seine lingua franca nach und wandten sie auch an, wenn wir unter uns waren….. Es muss 1964 oder 65 gewesen sein, jedenfalls kurz bevor die Obersten putschten. Als wir auf der Heimreise hinter Triest die erste italienische Zeitung kauften, lasen wir von dem Staatsstreich und von den Verhaftungen. Zuvor hatten wir uns über die erregte und gedrückte Stimmung im Lande (in den Kafeneions) gewundert, aber nicht alles kapiert, obwohl wir „ena ena tessera“ (eins eins vier, ein Artikel der Verfassung, der zweifellos die persönlichen Freiheiten meinte) mitskandierten. Wir waren wohl zweimal da, jedes Mal im Winter für Wochen und Monate, denn einmal war Vicki mit und es war nicht unser 2CV sondern ihrer. Michael – Du kennst ihn, Seben :-) wir tranken in Gräfelfing oder wo von seinem Wein – fuhr nie, drum war ich recht froh, als Viktoria mitkam. Sie war (auch) eine Poetin und entstammte dem Geschlecht der Tachometerhersteller VDO und ihre Familie oder Stieffamilie saß in Kronsberg im Taunus. Später verwechselte ich sie ständig mit der gleichnamigen Dressurreiterin, aber nein, Vicky war ein Kopf, aber kein Hintern fürn Sattel. Viele Jahre später besuchte ich sie im Frankfurter Ostend, da war sie schon längst Professorin und lehrte im Westen, in Trier? Sofort holte sie die Fotos aus Kreta hervor: die Kinder in dem Bergdorf, Michael beim Zähneputzen, der Rekordversuch mit zehn Palikaren in einem 2CV, die Furt, wo wir im Wasser stehenblieben, der Schmied, der uns mit dem Gummihammer den Ventilator ausbeulte. Nikos war einige Jahre einige Jahre LKW-Fahrer in Deutschland gewesen – in der DDR! Sagte er stolz -, daher seine Deutschbrocken. Ena zivil greco hieß ein Grieche, ein Mensch, ich! One pinks sprechen hieß, lass uns eine Unterhaltung haben (wörtlich „ein Schwein sprechen“= er war Schweinehirte). Ena zivil greco thispinis striptease hieß: (lass uns) zu den Mädchen gehen (thispinis = Fräulein). Erst nach vielen Wochen zeigte er uns sein Stadthaus, wo Frau und Kinder wohnten, erst da schnallten wir, dass er kein armer Mann war.

Nach einer verregneten Nacht, in der wir unser Zelt in einem schlammigen Hühnerhof neben dem Palast von Knossos aufbauen durften, fanden wir unser Standquartier in Karteros, einer Bucht westlich von Iraklion. Heute ist da wohl die Landebahn des Flughafens drübergebaut. Damals stand da nur ein weißer Würfel, das Gasthaus von Andonis Parasiris nebst einer Reihe von Badekabinen. Unser Zelt dicht vor den Kabinen, wegen des scharfen Windes mal aus Nordwest, mal aus Süd. Riss dieser das Zelt weg, schliefen wir in den Kabinen. Frühstück gab’s an einem Tischchen vor der Ostwand des Hauses, Mezes, Kaffee und Ouzo. Wie oft hab ich die Geschichte erzählt. War der Wasserwagen nicht gekommen, wuschen wir uns mit einem Hauch Ouzo hinter den Ohren. Mit uns am Frühstück saß ein alter Schwede, darum weiß ich sehr wohl, warum man „Hey, alter Schwede!“ sagt. Er trank aber stets Jim Beam und war wortkarg. Was er tagsüber und nachts so tat, wussten wir nicht. Wir lagen am Strand und maßen die vorgelagerten Inseln in Zigarettenlängen, oder wir kletterten die Macchia zur kaum zwei Steinwürfe entfernten Grotte der Geburtsgöttin Eleythia empor (was aber nur mir was brachte, Vicky und Michael blieben kinderlos). Wir fuhren kreuz und quer übers Land und in die Berge. Wir waren, ohne es zu wissen, die Hippies, für die Kreta kurze Zeit darauf berühmt wurde.

04.12.2004 um 13:04 Uhr

augenwinkelbegehren (Kneipen34)

von: hibou

die flüchtigen blicke, zuerst der eine, dann der andere, schnell abwenden, bevor die augen ineinandergehen. er blättert durch die zeitung, sie redet mit dem chef. die gedanken fahren karussell. die ihren springen auf die weißen pferdchen, er schüttelt den lederriemen am klöppel der feuerlöschglocke. vorsichtig hinsehen und gleichzeitig wie durch zufall. er mag ihre schwarzen halbstiefel und findet ihr ohrläppchen ziemlich bezaubernd. eros, das engelchen, eine rotgefleckte etruskische vase in menschenform in der hand, gießt zuversichtlich süße in sie beide. zehrendes frisches blut strömt in ihre brustspitzen, ihre schamlippen, regt sein glied auf. zwischen zwei blicken ziehen sie einander aus, katapultieren sich auf die zeltplane, die an de decke ausgespannt, fallen in umarmung. er rührt mit dem löffel im capucchino. sie dreht am schmalen ring an ihrer linken. der chef spendiert frischgepressten orangensaft. sie legt ihre beine über seine schultern. sie ficken. seine hüften an ihren schenkeln. niemand in der markthalle hört sie, wie sie seufzen, die luft melodisch ausstoßen, stöhnen. der chef füllt einer kundin knoblaucholiven in öl ab. die lilien vom blumenstand gegenüber duften durchdringend. er fasst ihre brüste, ihre schultern. sie ruft ja! ja. die stadt leuchtet jetzt. wir sollten bald einmal die plane reinigen lassen, sagt die chefin. nun schauen sich die beiden verstohlen zärtlich an. gleichzeitig holen sie ihre mäntel vom haken.

03.12.2004 um 17:54 Uhr

Arbeitseinführung für Eunuchen

von: hibou

Nu schaut, wie ihr die Damen gut pflegt und verwöhnt. Aber dass ihnen kein Schamhärchen gekrümmt wird!

03.12.2004 um 17:51 Uhr

Ohne Flax!

von: hibou

Gentechnisch kann man jetzt Säuglinge, die frei von Krebs und anderen ererbten Leiden sind, erzeugen. Gesunden Nachwuchs für eine kranke Welt. Sieht man Nachrichten, tun die einem leid. Sie werden in ein Tollhaus geboren, in eine Mördergrube, in apokalyptische Klimakatastrophen. Aber wenigstens ohne Metastasen im Leib.

 

Heute die Schlagzeile in Milliyet: Man hat ein „Glaubens“-Gen gefunden! Nun wird man dem Fundamentalismus auf medizinischem Weg wehren können. Zu schade, dass ErdoÈan, Bush, Karol Woytila und Bischof Lehmann nicht nachträglich zu Atheisten umoperiert werden können....

 

Aber ohne Flax: So wundervoll die Vorstellung, dass künftig ein Leben ohne Krankheit und vielleicht sogar ohne die üblen Gefühle und Depris möglich sein wird, so schnell wird einem klar, dass ein soziales Zusammenleben ohne Leute mit freiem Willen und einem irgendwie schicksalshaften Geschehen Folgen haben wird.

Denn dass Religion oder auch ziviler Gehorsam und andere seelischen Eigenschaften genetisch reguliert werden können, heißt doch die freie Entscheidung eines jeden ausschalten. Ich kann nichts dafür, dass ich Fanatiker bin!  Das stimmt, sagt der Staat. Und wir müssen dich folglich ausmerzen. Ich werde mein Möglichstes tun, dich zuerst ranzukriegen, antwortet der. Kopf ab! Und Kampf aller gegen alle.

 

Ich bin ohne Krebsanfälligkeit, ohne Diabetes, Pocken und Aids geboren. Sollen die Kranken für ihre Kosten aufkommen, selber schuld. Aber was tun, damit mir kein Härchen gekrümmt wird? Am besten bleibe ich zu Hause. Alarmanlage her! Weia, die marodierenden Banden wachsen an und an.....Zum Glück darf ich da reinschießen, sind ja genetisch altmodische Typen…….

02.12.2004 um 18:31 Uhr

Am Rande (Kneipen 33)

von: hibou

Mittwochabendkneipe Oldenburg in Holstein. Die Musik spielt Herzilein und dann The emperor’s new clothes. Ich esse die Tagessuppe. Überm Poster ist hingeschrieben: Puttgarden Atomtransporte Old hilft mi. Der Franzose mir gegenüber sieht so was von französisch aus. Er liest „Initiation à la langue coréenne“. Es riecht nach kaltem Frittenfett. Die Nacht werde ich wie jede Woche im Kindergarten verbringen. Vor dem Haus steht eine alte Kiefer, durch die der Mond scheint. Meine Matratze ist zu weich. Morgens erwache ich, wenn die Treppenstufen unter der Kindergärtnerin knarren. Vor der Mittwochabendkneipe ist kein Baum, kein Rapsfeld, keine Düne aber ein architektonisch völlig misslungener Platz, dazu noch ohne Kino und die einstöckigen Buden mit Toshiplatten gedeckt. Sind wir vielleicht in den 50er Jahren? Weit gefehlt. Aber am Rande der Neuzeit.

( zurück ins Funkhaus)

01.12.2004 um 10:17 Uhr

die Titel meiner (Bücher-)Bestellung, nachtraeglich gemerkt:

von: hibou

Walks on the wild side

Alle Tage

Spurlos vorhanden

Where shall I fly?