Message in a bottle

31.01.2005 um 12:59 Uhr

vom kommen

von: hibou

Gelin, "die, die kommt", heisst die Braut in der Türkei. Das erinnert mich an das norddeutsche Lied

Dat du min levste bist/ dat du wohl weest/komm bi de Nacht, komm bi de Nacht/ sag wo du weest.......

Gab es nicht mal eine Zeitung "Die Kommenden" von einer sozialesoterischen Bewegung? Und sagte nicht DER Schriftsteller unserer Abiturzeiten, Wolfgang Borchert (wer kennt ihn noch?): "Wir sind eine Generation ohne Abschied, doch wir wissen, dass alle Ankunft uns gehört!"

Ich komme! ruft jede/r beim Vögeln dem anderen zu. ("Gefühle ändern sich. Die Technik bleibt. Sex ist das Erste")

Ich komme aus Anatolien, sagt die gekaufte Braut - natürlich auf Türkisch -, FALLS sie dann in Deutschland, ohne Kenntnis des Landes, ohne Sprache, ohne Kontakte, ohne Visum, überhaupt mit jemandem spricht.

Wir müssen das Kommen reformieren. Dont we?

30.01.2005 um 09:51 Uhr

Ode an die Zeit

von: hibou

Wir denken: sie fließt. <br> oder ist sie Granit aus Tirol und schrotet uns allmählich klein,<br>zermahlt sich selbst und mischt sich uns unter?<br>Ist sie Scheinriesin und reicht<br>den Himmel am Horizont,<br>so wie sie zum Staubkorn gerät<br>uns vor Augen,<br>die Zeit?<p>

Wie Latex tropft sie<br>wenn der Sammler am Amazonas die Rinde schneidet,<br>und wie Milch in Artemis Becher,<br>der vielbrüstigen:<br>Guttapercha,<br>Parakautschuk,<br>Gummi arabicum,<br>passt sich an dem Taucher wie Haut,<br>dem Flaschenhals und dem Rad,<br>hindert im Zentrum der Leidenschaft<br>Zeugung und Tod –<p>und kann sie beide gleich nicht besänftigen,<br>so läßt sie sie ihrer selbst sicher <br>an sich vorbeidefiliern,<br>unbewegt,<br>und doch marschiern sie <br>mitten hindurch,<br>nehmen von ihr eine Regung ein Timbre einen Klang,<br>so dass sie herrscht in ihren Subjekten,<br>die Zeit.<p>Ein Schwamm ist die Zeit<br>und noch jeder Verzweiflung Pfütze hat sie getrocknet,<br>und jeder Hoffnung.<br>Sie reinigt den Rücken der Schuldigen<br>wie den Busen der Braut.<br>Sie schweigt wo wir hadern,<br>sie nimmt das Unerwartete<br>ohne wie wir mit der Wimper zu zucken.<br>Sie genießt das Erwartete <br>neu.<p>Am Härtesten nagt sie.<br>Wer wäre geduldig wie sie:<br>ein Tropfen,<br>ein Nager,<br>ein erodierender Luftzug,<br>sie eifern ihr nach.<br>Ihre Bremsbacken schimmern wie Stahl,<br>eisern macht sie die Luft,<br>die Grashalme schneiden uns wund wenn sie zögert.<br>Im Tausendschwung schleudert sie alle Trägen,<br>oder im Grillenflug durchs Jahrhundert,<br>und Dir <br>zieht sie ins Antlitz ihr Fazit.

29.01.2005 um 14:13 Uhr

Klopfzeichen

von: hibou

Im Osten Anatoliens haben die Häuser zwei verschiedene Türklopfer, einer ist ein Ring mit geheimnisvollen Ornamenten und Schriftzeich, der andere ein einfacher gerader Stab. Die Stimmen der beiden Klopfer sind, wie Ihr Euch denken könnt, verschieden. Je nachdem, wer als Gast kommt, wird dieser oder jener Klopfer benutzt. So wissen die Leute im Haus schon bevor sie die Tür öffen, ob eine Frau oder ein Mann davorsteht. Nun wäre das auszubauen (und vielleicht gibt es auch entsprechende Verfeinerungen): durch die Anzahl der Klopfzeichen wäre die Zahl der Besucher bekanntzugeben. Durch die Stärke der Zeichen vielleicht die Gemütsverfassung, durrch einen bestimmten Rhythmus noch weitere Details. Ja es wäre vorzustellen, dass ALLES was zu sagen ist, bereits vor der Tür mit dem Klopfer mitgeteilt werden würde. Bloss der Genuss des Teetrinkens und die angebotenen Mezes würden dann na klar wegfallen.......

28.01.2005 um 12:32 Uhr

borderline

von: hibou

hatte grad die idee, mal ein kapitel über alltägliche sachen anzufangen, über dinge in der gosse (wo ja bekanntlich marschallstäbe liegen, über gedanken, die einem wie schäfchenwolken durch den kopf ziehn, über große fluchten und kleine erkenntnisse. gestern dachte ich etwa an hannelore kohl und die bildhaftigkeit des lebens. sie nahm - wie es sich gehört (ironie) - ihrem mann immer vieles ab. nun zum schluß auch noch, und das sehr imaginativ: er scheut das licht und sie stirbt an lichtallergie..... ich werd hier weitersinniern, freu mich aber natürlich an mithilfe. würzige grüße (life is a salad dressing) estragon)

26.01.2005 um 12:36 Uhr

Krone, Kreuz und Rössli (Kneipen 56)

von: hibou

Ich bin reformiert aufgewachsen. Bei uns im Dorf ging man nur in die “Krone”, der Gasthof “Kreuz” war den Katholiken vorbehalten. Die Türken, ihren Atavismen folgend, gingen ins “Rössli”, Denn auf wessen Rücken waren sie bis vor Wien und tief nach Russland hinein gekommen? Von der Goldenen Horde nicht zu sprechen. Seltsamerweise riefen wir den andersgläubigen Kindern auch „Katholisch – Rossbollisch!“ nach (Pferdeäppel heißen in Helvetien „Rossbollen“) (Jedenfalls im St.Gallischen) (Eben lief hier auf SFI eine Reportage über Sumatras Kaffeeplantagen, aber es war im Rätoromanischen Programm – alors cummens la fermentasiun…. -, ich konnte es der Schwiegermutter nicht erklären. Warum reden die auf Java Ladino? fragte sie. Und dann erklang auch noch so ein typisches Glockenspiel mit fernöstlichen Porzellanstimmen, ich konnte die grazilen Hände der Javanerinnen förmlich vor mir sehen – nur förmlich, ich bügelte dabei das grüne Tischtuch, auf welchem wir Karten spielen). Back to religion. (Aber ich bin stolz drauf, dass wir (!) auch Rätoromanisch sprechen). Also: Religion wäre für mich Gesellschaftsform: nämlich nicht Gewinn sondern Verlust „zu machen“. Dann und nur dann würde es auch den anderen („Brüdern und Schwestern“ jaja) gut gehen. So lange ich für mich Gewinn mache, beute ich aus. Richtig, ich bin Kommunist. Ein hiesiger Schauspieler reiste kürzlich nach Kuba. Ich suchte die ganze Welt nach Kommunisten ab, sagte er. Aber auch in Kuba gab es nur noch zwei: Fidel Castro und mich. Oder mit Michel Houellebecq zu sprechen: „Die einzige Überlegenheit, die ich anerkenne, ist die Güte."

24.01.2005 um 17:25 Uhr

Die Bremer Stadtmusikanten 1991 (Kneipen 55)

von: hibou

 

Al-Kamis in derselben Imbißbude. Er bestellt nen halben Hahn. Sandra klappt die Warmhaltebox auf, sticht mit der Gabel in den zu oberst liegenden Grillhahn, legt ihn auf ein extrem fettiges und krümeliges Brett und sägt ihn mit dem Elektromesser mittig durch, gibt ihn in eine Tüte und wickelt das ganze noch in ein Blatt Zeitungspapier. Auf der einen Seite stehen Todesanzeigen und Glückwünsche, auf der Innenseite ist zu lesen: "dpa Sept. 91. In Ostalgerien ist eine Preisexplosion auf dem Eselsmarkt zu verzeichnen. Der Preis für ein Exemplar ist von 300 Dinar auf bis zu 8000 gestiegen. Der Preisanstieg geht auf ein plötzliches Interesse von Pferdehändlern zurück, die jeden Esel kaufen, den sie kriegen können. Einige Algerier vermuten, die Esel würden in Europa zu Hunde- und Katzenfutter verarbeitet. Andere spekulieren, die Tiere endeten als Salami. Eines ist jedoch sicher: die Haschisch-Schmuggler an der algerisch-marokkanischen Grenze haben einen großen Bedarf an schlauen Eseln, da diese allein die Grenze überqueren und zurückkehren, wenn sie einmal an eine Strecke gewöhnt worden sind."

Al-Kamis zahlt, nickt und geht. Er trägt zwar eine Brille mit dicken Gläsern, liest aber nur selten. Seine viele Zeit, die er hat, teilt er zwischen dem Besuch von Fitness-Studios und dem Fernseher, wo er mit Vorliebe Blind-Date-Shows betrachtet.

23.01.2005 um 11:06 Uhr

Sonntag. Kurban Bayram ist vorüber

von: hibou

Drei Tage dauerte das Gewitter, jetzt ist es abgezogen. Im Keller waren nur drei Eimer Wassers abzuschöpfen. Wir hatten jüngst auch schon 4-Eimer- und gar 7-Eimer-Regen.....

Ich werde Brennesseln für die Suppe holen gehen, nebenbei sehen, was sonst so neu auf der Wiese ist. (Die Engelwurzsaat ist aufgegangen!) (Aber die Anemonen müssten bald kommen?) (Unser Asphodelos ist der erste blühende weit und breit)(Vinca minor, das Immergrün, soll gut gegen Krebs sein, sagen wir zu Nermin).

Viele Klammern/ wenn der Wind pfeift

 

22.01.2005 um 21:54 Uhr

Künstlerbund (Kneipen 54)

von: hibou

Sonntagmittag lohnt es sich, ins Café Künstlerbund zu gehen, aber nur, wenn das Wetter es zuläßt, draußen unter den Arkaden zu sitzen. Das Gebäude dient dem Württembergischen Kunstverein und hat Eins-A-Lage am Schloßplatz. Die Arkaden sehen wie eine mehr oder weniger geglückte Verbindung aus Loggia dei Lanzi in Florenz und Berliner Olympiastadion aus. Travertin! „Poröse, krustige Kalksteinabscheidung aus Quellwässern“ Ich mag diesen tuffigen Stein.

Auf der hohen grünen Kuppel thront ein goldener Hirsch. Der Aktionskünstler Edgar Harwardt hat vor wenigen Wochen im Rahmen seiner Aktion „Levitation – Hirschprozesse“ einen Stuntman mit dem Autokran da hochhieven lassen, im goldenen Overall, versteht sich.

Der Prosecco schmeckt wie nirgends hier, und auch der feine Salat mit Putenbrust oder die Pasta. Die Gäste an den Holztischen lesen: “Die Dame mit dem Hündchen“ oder „Meet the Eclipse!“ (Wer’s nicht glaubt: kürzlich fiel Keith Richard von der Trittleiter, weil er einen Band HEGEL vom Regal holen wollte!!!).

Es bedienen Studentinnen mit Hennatatoos oder sanftgepiercten Augenbrauen.

21.01.2005 um 19:10 Uhr

Harry redet am Tresen mit mir: (Kneipen 53)

von: hibou

Die Lücken in der Zeit und auch im Raum machen mir zu schaffen. Ein Entschluß zum Beispiel verwandelt mich und ändert meine lokale Zeit. Über die Möglichkeit, sich unsichtbar oder auch sichtbar zu machen. Überlege dir  mal, wer sich wirklich an dich erinnert. Ich kann durch eine belebte Halle so gehen, daß mich von all denen, die doch mit vollen Sinnen ausgestattet sind, keiner bemerkt. Soziale Mimikry: sich konform zu verhalten. Was ungewöhnlich, sticht voll ins Auge. Die ersten Piercings zum Beispiel. Heute fallen sie einem kaum noch auf.

Aber was meinst du mit Lücken im Raum?

Tja das sind auch Stellen, die keiner sieht. Dabei sind sie die wahren, vollkommenen Übergänge in andere Dimensionen. Die Unterführung nach Toon-Town, erinnerst du dich, in "Roger Rabbit"? Das Tor in der "Unendlichen Geschichte"? Oder auch die Flasche des Flaschengeistes. Ganz zu schweigen, daß unsere Computerspiele von solchen Eingängen wimmeln

Das ist ja Märchen.

Harry hat nicht etwa zu viel getrunken wenn er so redet. Man glaubt ihm, daß er viel darüber nachdenkt. Immer wieder streicht er sich seine langen und ziemlich fettigen Haarsträhnen hinters Ohr.

Ich vermute, diese Passagen ins andere Land liegen im Kopf! Die gewöhnlich sichtbare Welt ist Gewöhnung, wahrhaftig. Kennst du den Witz vom Besoffenen, der sich immer an der Litfaßsäule entlangtastet, und schließlich schreit: Hilfe!!! ich bin eingemauert. Eine Frage der Sichtweise. Für sein augenblickliches Bewußtsein hat er völlig recht, klar.

Und, als er nach seinem Glas greift, fragt er mich eindringlich: Bist du wirklich völlig sicher, daß die Erde eine Kugel ist? Auf welcher Erfahrung beruht diese deine Überzeugung?

Nein, nenne mich nicht Phantast. Ich bin ja Physiker, also der Ausbund eines irdisch denkenden Wissenschaftlers. Bloß, aus meiner Wissenschaft weiß ich ganz genau, daß die Verfeinerung meiner Beobachtung ganz neue und total überraschende Sichtweisen meiner Wirklichkeit ergibt. Ich weiß auch heute schon, daß ich meinen methodischen Apparat innerhalb von Jahren sehr viel wirksamer werde ausbauen können. Ich bin also auf eine Menge neuer Welten gefaßt.

Das kommt mir vor wie im Fantasy-Roman.

Ach ja, Fantasy...gutes Stichwort. In der Physik hat seit sich vielen Jahren das platt Materialistische unmittelbar ans Phantastische gelagert. Lies beliebige Forschungsberichte des letzten Jahrzehnts

Ich dachte so etwas, bemerke ich, als zum erstenmal von Computerviren die Rede war....

Es ist eine Sache der Wahrnehmung. Nicht gilt: das gibt es nicht, sondern: ich nehme es nicht wahr....du könntest auch sagen: ich sehe, was ich sehen will!

Er ist ein Typ wie Onno in Mulischs "Entdeckung des Himmels", ziemlich wuchtig und groß aber völlig unagressiv, steckt in einem zerknitterten braunen Jackett, grauschwarzen Jeans und ausgetretenen Wildlederlatschen. Anstatt einer Krawatte baumelt ein beige-roter Seidenschal um seinen Hals. Sein massiger Kopf, die zwinkernden Augen hinter der ovalen Nickelbrille, sind von etwas fettiger Lockenpracht umstrahlt. bestimmt hält er in diesem Aufzug auch seine Vorlesungen...Es gilt das gesprochene Wort!!

Jetzt aber zündet er sich einen Zigarillo an.

Die Art der Wahrnehmung hat schon immer disziplinierend gewirkt. Nicht umsonst zeichnete Haeckel seine wunderbaren Einzellerskelette in der Zeit de Jungendstils. Und das Eingangstor zur Weltausstellung 1900 in Paris sah dann einem dieser Radiolarien verblüffend ähnlich!

Ich fragte, ob denn damals schon retuschiert worden sei?

Oh, das Foto war noch nie objektiv, das mikroskopierte Bild aber noch viel weniger. Hier wird erst recht die Interpretation zur entscheidenden Komponente der Wahrnehmung.

Also hat wohl nach dem Pariser Beispiel das Mikroskop auch die makroskopische Wahrnehmung verändert?

Mit Sicherheit. Man schaue sich nur die Darstellung von Tier- und Pflanzenwelt in den Büchern dieser Zeit an. Es findet ein entscheidender Sprung statt.

Mir fällt die Anatomie-Ausstellung in Mannheim mit den menschlichen Ganzpräparaten ein.

Ja, sagt Harry. Manierismus ist das! Wie kann man annehmen, daß ein Längsschnitt durch eine Leiche den Menschen zeigt...Es ist der Schatten einer Vorstellung der inneren Mechanik und deshalb eine Art Negativ der Wirklichkeit. Also ganz klar, was gesehen wird, ist Artefakt.

Ich denke an Avatare

Wie weiter?

Wir müssen jedenfalls weg von der Reduktionskiste. Die Lösungen liegen in der Matrix!

 

"Wie alle guten Menschen glaubte Karin nicht an das Böse. Es war zwar vorhanden, aber nicht als das Böse an sich, es war nur ein Irrtum, der in Ungerechtigkeit und Unrecht wurzelte." (1)

Hier über die Manichäer nachdenken, nahm ich mir vor (2).

Harry spielte die ganze Zeit mit einer Streichholzschachtel, drehte und wendete sie in den Fingern seiner Rechten.

Für mich, sage ich, ist schon über die Straße zu gehen oft genug. Die Häuser vergrößern sich, nein, das ist noch nicht richtig gesagt, sie werden farbiger, glänzender, bedeutender, entfernungsloser?  Ich spüre förmlich, wie schwer sie auf dem Untergrund lasten. Sie lehnen sich auch ein wenig zurück, es ist bedrohlich, als würden sie gleich auf mich losgehen. Dann bin ich am anderen Ufer , schnell nehme ich die Stufe des Bürgersteiges, meine Sohlen sind so dünn, daß ich die verstreuten Kieselsteinchen am Fuß spüre. Weit oben sitzt jemand auf der Bank der Bushaltestelle, am Horizont fast, im scharfen Profil sich abzeichnend.

Ja, so etwas meine ich zum Beispiel. Welcher Mensch kann dem anderen schon auch nur in etwa? ganz sage ich ja bewußt gar nicht....nur in etwa klarmachen, wie er die Welt wahrnimmt?

Das schönste Erlebnis für mich war, wie das Hochhaus am Millerntor gesprengt wurde.! Innerhalb von Sekunden war es zu einem Haufen Schutt verwandelt, der überdies schon nach Tagen weggeräumt war. Entlastung für die Sinne. Mal eines weniger!!

Wie unspektakulär ist dagegen - Harry zündet ein Streichholz an - der Bau eines Hauses. Zwar wuseln die Arbeiter rum....

Wuseln? Eher gemessen sieht das doch aus, und ich lächle und denke jetzt nicht an Bau, sondern an die Erntearbeiter, die nur einmal die Saison einige Wochen im Akkord arbeiten, die sich schier kaputtmachen dabei. Eine Mark pro Gemüsekiste bekamen sie...

......aber das Ganze wächst unmerklich heran, zuerst wird’s sogar weniger, es beginnt mit einem Loch im Boden, Erde wird weggeschafft. Komme ich abends von der Arbeit sieht's ganz gleich wie am Morgen aus, und das jeden Abend, und irgendwann sind die dreißig Stockwerke gerichtet.

Auf dem Richtfest: die Damen in schwarzem Glitzerkleid oder Kaschmirpullover nippen ganz wenig an ihrem Sektglas. Ihnen sind die großen Sünden ja immer möglich und ganz selten geben sie ihnen nach ...der Zimmermann aber, ein phantastischer Handwerker, der es noch nie weiter gebracht hat im Leben, als sein Konto unangemessen zu überziehen, besäuft sich so sinnlos mit Korn, daß er auf dem rauhen Beton-Estrich herumkriecht, laut und unverständlich lallend...( "ich bin ein Mensch...und bleibe ein Mensch" und er stöhnt in der Tat wie kein Bär es könnte)

Nimm 'ne normale Tageszeitung, antworte ich, darin sind Welten! gestern abend ging ich bei bleiblauem Himmel, um Friederike die Zeitungen zu bringen, ich hatte sie fest unter den rechten Arm geklemmt und dachte auf dem Weg: was sie wohl daraus lesen wird? Die Buchstaben sind doch auf jedem Quadratzentimeter eindeutig fixiert, und doch...Ich las von der falschen Todesmeldung des Popmusikers Les Humphries, von Gunda Röstel und ihrem roten Kleid in den Koalitionsvehandlungen, von der Pipelinekatastrophe in Nigeria und von Kohls Ausspruch zu seiner Zukunft ("Ich werde mich jetzt auf das Leben eines ganz normalen Parlamentariers einstellen, nämlich nichts zu tun"). Sie wird den Essay über Casanova aufschlagen - sie hat sich ja grade die Memoiren von mir ausgeliehen - , was ihr sonst noch ins Auge fällt? ich weiß es nicht, jedoch wird daraus ein fundamental verschiedenes Weltbild entstehen.

Ein Wunder, grummelt Harry, wie überhaupt eine so schmiegsame Koordination der Milliarden Weltsichten eintritt. Denn schließlich sage ich ja: Einmal von dem hellblauen Kaffee! und die Verkäuferin gibt ihn mir wunderbarerweise....

 

Einen anderen Tag.

Harry fängt sofort wieder von Nichterdenbürgern an.

Wenn wir nun Aliens begegneten...Frage: werden sie dieselbe Physik wie wir entwickelt haben, die selben Gesetzmäßigkeiten erforscht? Und wenn, ist das Aliensch, daß sie sprechen, unseren Sprachen überhaupt so ähnlich, daß die Gesetzmäßigkeiten, währen sie ähnlich, entsprechend ausgedrückt werden könnten?

Ich sitze hier wirklich eher unter Methanatmern als beim morgendlichen Großen Braunen....

Wieso? - für Harry ist das eine Anknüpfung an die Gedanken gestern, an die beim Einschlafen oder die, während er die Treppe fegte und dem Schornsteinfeger die Tür öffnete, er ist ganz Ideenwandler - kennst Du die Kontroverse zwischen Hochenergiephysikern und Konstruktivisten? ich meine, darum, ob Quarks die einzig möglichen Materiegrundlagen sind oder doch vielleicht soziale Konstrukte? Er lacht mich an. Das ist doch spannender als deine lähmenden systemischen Theorien, was(3)??

Inzwischen war seine Freundin Yetta gekommen, bei der einem nie auffiel, wie klein sie war. Sie schob sich neben ihn auf die Bank, hatte eine rote Nasenspitze und ich sah förmlich vor mir, was sie grade erlebt hatte: in der U-Bahn war ein jüngerer Herr auf dem Sitz am Mittelgang eingeschlafen, eben hatte sie seine zylinderförmige Kurzhaarfrisur ungeniert gemustert, als er mit einer gleichmäßigen Bewegung, wie eine resignierte Bahnschranke, seitüber von seinem Platz fiel, dabei erwachend den Arm als Stütze ausstreckte und sich verlegen wieder aus seiner 95°Lage hochstemmte. Sie hatte so das Lachen verbeißen müssen, daß es ihr fast wehtat. Ihre Lippen dicht aufeinandergepreßt und doch in Gefahr, loszuprusten, ihr ganzer Körper innerlich geschüttelt, oh, es wäre gewiß ansteckend gewesen, das mitzuerleben.

Sie küßte ihn zart, aber nicht flüchtig auf die ihr naheliegende Wange, viel zu spät war sie dabei, Christa Wolf zu lesen, dennoch verfolgte sie dieses bereits begonnene Gespräch aufmerksam.

Gut ist zwar auch, dachte sie noch gerade schnell nebenbei, wenn du Leute aus einiger Entfernung reden siehst, so das nur die Bewegungen von Lippen, Kiefern und Zähnen, aber nicht die Worte selbst wahrgenommen werden. Als ob ein ununterbrochener Strom aus ihnen herausquillt, dem sie mit Gesicht und Gesten einen Rhythmus verleihen, der aber aus dem Nichts scheinbar nimmerendend hervorsprudelt. Das Was bedenke, mehr bedenke Wie?

Verstehst Du? so Harry jetzt fortfahrend, es wird nicht behauptet, daß die Quarks nicht schlüssig entwickelt worden seien, sondern daß eine ganz andere Physik ebenfalls möglich wäre, die in sich fundiert sein könnte, aber vielleicht gar nicht in den Bahnen der Quarks verliefe!

Niklas Luhmann ist gestorben (4) , bemerkte Yetta, den versteht ihr doch auch nicht?? Er sagt, den Menschen nehme er aus seiner Gesellschaftstheorie aus! Alles ist Kommunikation, und nur die Kommunikation kommuniziert. Individuen dagegen sind operativ berührungslos nebeneinander lebende Monaden.

Man sagt, er habe fast sein ganzes Leben lang Kopfschmerzen gehabt, sage ich.

Schrecklich! Harry rutscht auf seinem Hocker hin und her. Da lob ich mir meine Physiker.

Er ist Jurist und Verwaltungsbeamter gewesen,  Yetta legt ihre Hand auf den Tresen, die Finger wie tastend ausgestreckt, und er hat ein sechshundertseitiges Vorwort geschrieben! Ist das nicht Wahnsinn..? Jetzt schaut Harry zum erstenmal Außenwelt, sein Blick wandert behutsam über Yettas Gesicht.

Hast Du Erfolg gehabt mit deinem Beamten? fragt er sie.

 


 (1)das muß noch wo andershin

 (2)wie ist es mit Dualismus??

 (3)siehe den spannenden Artikel: Ian Hacking, Streit um alternative Passungsverhältnisse, Frankfurter Rundschau vom 10.11.98

 (4)6.11.1998, bei Bielefeld

21.01.2005 um 19:05 Uhr

Harry! red weiter

von: hibou

erlebt hatte: in der U-Bahn war ein jüngerer Herr auf dem Sitz am Mittelgang eingeschlafen, eben hatte sie seine zylinderförmige Kurzhaarfrisur ungeniert gemustert, als er mit einer gleichmäßigen Bewegung, wie eine resignierte Bahnschranke, seitüber von seinem Platz fiel, dabei erwachend den Arm als Stütze ausstreckte und sich verlegen wieder aus seiner 95°Lage hochstemmte. Sie hatte so das Lachen verbeißen müssen, daß es ihr fast wehtat. Ihre Lippen dicht aufeinandergepreßt und doch in Gefahr, loszuprusten, ihr ganzer Körper innerlich geschüttelt, oh, es wäre gewiß ansteckend gewesen, das mitzuerleben.

Sie küßte ihn zart, aber nicht flüchtig auf die ihr naheliegende Wange, viel zu spät war sie dabei, Christa Wolf zu lesen, dennoch verfolgte sie dieses bereits begonnene Gespräch aufmerksam.

Gut ist zwar auch, dachte sie noch gerade schnell nebenbei, wenn du Leute aus einiger Entfernung reden siehst, so das nur die Bewegungen von Lippen, Kiefern und Zähnen, aber nicht die Worte selbst wahrgenommen werden. Als ob ein ununterbrochener Strom aus ihnen herausquillt, dem sie mit Gesicht und Gesten einen Rhythmus verleihen, der aber aus dem Nichts scheinbar nimmerendend hervorsprudelt. Das Was bedenke, mehr bedenke Wie?

Verstehst Du? so Harry jetzt fortfahrend, es wird nicht behauptet, daß die Quarks nicht schlüssig entwickelt worden seien, sondern daß eine ganz andere Physik ebenfalls möglich wäre, die in sich fundiert sein könnte, aber vielleicht gar nicht in den Bahnen der Quarks verliefe!

Niklas Luhmann ist gestorben , bemerkte Yetta, den versteht ihr doch auch nicht?? Er sagt, den Menschen nehme er aus seiner Gesellschaftstheorie aus! Alles ist Kommunikation, und nur die Kommunikation kommuniziert. Individuen dagegen sind operativ berührungslos nebeneinander lebende Monaden.

Man sagt, er habe fast sein ganzes Leben lang Kopfschmerzen gehabt, sage ich.

Schrecklich! Harry rutscht auf seinem Hocker hin und her. Da lob ich mir meine Physiker.

Er ist Jurist und Verwaltungsbeamter gewesen,  Yetta legt ihre Hand auf den Tresen, die Finger wie tastend ausgestreckt, und er hat ein sechshundertseitiges Vorwort geschrieben! Ist das nicht Wahnsinn..? Jetzt schaut Harry zum erstenmal Außenwelt, sein Blick wandert behutsam über Yettas Gesicht.

Hast Du Erfolg gehabt mit deinem Beamten? fragt er sie.

 

20.01.2005 um 12:43 Uhr

Vom Erzählen. Fiktion und Wirklichkeit und die Türen dazwischen

von: hibou

Desselben Abends liegen wir lesend im Bett. Dilek liest „İran Yolculuğu“ von Öscan Yurdalan, ich „Nicht nur Nichts gegen Joyce“ von Fritz Senn. Wir kommen nie richtig lange zum lesen, weil wir uns immer alles gegenseitig erzählen wollen, wir benutzen dazu unsere englisch-türkisch-deutsch-französische Lingua franca. Irgendwo auf Irans Strassen trifft der Autor einen Blinden, der für eine Zeit sein Reisegefährte wird. Der blinde Mann fotografiert! Unser Autor aber bekommt die Fotos nie zu sehen. Sie werden nur Kindern gezeigt. Diese erzählen dann dem Blinden, was darauf zu sehen ist, worauf dieser stets die Geräusche des jeweiligen Ortes erinnert (und nachmacht).

James Joyce mustert in Dublins Eccles Street 7 ein leerstehendes Haus. Er beschließt, darin Leopold und Molly Bloom, die Protagonisten des „Ulysses“, anzusiedeln. Heute ist das Haus abgerissen und ein neues steht da, natürlich mit einer Gedenktafel: „Hier stand das Geburtshaus des Leopold Bloom…“. Nur die hölzerne Haustüre blieb erhalten und wurde in einem benachbarten Pub eingemauert. Allem Anschein nach ist sie echt (Und schon haben wir vergessen, dass Poldi ursprünglich nur in einem Buch wohnt. Senn berichtet, einige der Anwohner der Eccles Street seien sogar der Meinung, die Blooms hätten einige Häuser weiter unten gewohnt!).

Ich lachte und erinnerte mich an meinen Besuch der Eccles Street. Joyce hat es geschafft, ein Buch begehbar zu machen. An vielen Stellen in Dublin gibt es noch heute Tafeln, worauf steht, was Bloom oder Dädalus da und da getan und gelassen haben…. Auf der andern Seite tragen Autoren wie diese dazu bei, Worte und Sätze und Geschichten mit vielen Räumen, Fluren und Türen auszustatten. Ich lese Dilek noch die Erschaffung des Menschen in Triestiner Dialekt vor:

“Senior ga dito: Faciasi Omo! E omo fu fo. Ho! Ho! Senior ga ditto: Faciasi Hidamo! Hidamo se ga facessà. Ha! Ha!”

19.01.2005 um 11:51 Uhr

Die Brücke von Mostar, das Motorrad und das Blutkörperchen

von: hibou

Auf TRT2 kam nach dem Film mit Sandra Bullock ein Bericht über Zerstörung und Wiederaufbau der Brücke von Mostar. “Most” heißt in Bosnaserbokroatisch Brücke und „stari“ alt. Also „Alte Brücke“. Nun ist sie neu, und doch hat sie denselben unvergleichlichen Schwung von Felsufer zu Felsufer, den die alten türkischen Baumeister ihr gaben; zum Teil wurde sie aus den alten Steinen, die mühsam vom Grunde der Neretva gefischt wurden, wiedererrichtet. Vielleicht sogar von denselben Leuten, die sie vor etwa zehn Jahren (?) zusammenschossen? Denn Frauen waren damals wie heute nicht daran beteiligt. (Das wäre eine ganz andere Frage: warum gibt es noch immer so wenig Steinmetzinnen und Maurerinnen?).

Hätte man aber im Laufe der Jahrhunderte immer nur einzelne Steine ausgewechselt, wären inzwischen auch alle neu, bloß würde für jedermann die Brücke noch immer die alte sein. Nur, weil sie auf einmal wieder aufgebaut wurde, scheint sie uns neu.

Ganz Ähnliches  tut Robert Pirsig mit seiner Harley („Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten“): behutsam und eifrig wechselt er Teil um Teil der wertvollen Maschine aus. Bald hat er sie alle neu eingesetzt. Niemand aber glaubt, er habe nun ein neues Motorrad.

Ich hab heut Nacht grad einige Tausend meiner roten Blutkörperchen aus dem Knochenmark heraus erneuert. (Fiel mir gar nicht schwer: konzipierte dabei im Geiste diesen Artikel). Im Laufe von jeweils etwa sieben Jahren werde ich alle Materie in mir ausgetauscht haben. Bin ich deshalb ein anderer? Die Leute erkennen mich noch wieder. Fingerabdruck, Lächeln und genetischer Code sind geblieben. Selbst Fast Food hat mich dem Schwein nur spurenweise näher gebracht.

Was bedeutet das? Es scheint, als sei Materie der Siegellack, Form aber das Siegel.

Muss mal das Märchen „Strohhalm, Kohle und Bohne“ daraufhin neu lesen……

18.01.2005 um 13:03 Uhr

Labranda

von: hibou

Labranda, eine alte Kult- und Mysterienstätte, liegt 14 km von Milas (Provinzstadt mit weitberühmtem Markt am Weg von Izmir nach Bodrum, südöstliche Türkei) in den Bergen auf einer dem Tal halb abgewandten Plattform. Die Strasse dahin ist schlecht und steil, aber malerisch. Sie wird hauptsächlich von Lastern eines nahen Marmorbruches benutzt. Diese donnern dem Pilger bergab entgegen und schlagen mit der Zeit riesige Löcher in den Belag. Also aufgepasst! Und nicht beiseite schauen: wo die Ölbaumhaine unmerklich in Kiefernwälder übergehen…  Der Ort selbst ist aber durch sein zyklopenartiges Mauerwerk nicht zu verfehlen. Es finden sich Spuren von Zäunen, Tickettpavillon und Parkplätzen, aber zumindest im Winterhalbjahr ist nur der Bauer mit seinen Eseln sowie einige freilaufende Kühe, Hühner und Hunde an Lebendigem zu entdecken.

 

Der Ort

 

Vom früheren Heiligtum sind die mächtigen Einfassungsmauern und auf gestaffelten Terrassen Reste von dorischen Eingangsgebäuden und des zentralen Zeustempels, einer Stoa, eines  Bassins, das als Orakel diente, einer monumentale Treppenanlage, der Grundmauern zahlreicher Gebäude sowie einiger Felsengräber an der überragenden Wand zu entdecken. Das Ganze bildet einen sehr sehenswerten Komplex vorklassischer Prachtbauten. Auch der gewählte Ort  fern aller heutigen Zivilisation sowie (im Winterhalbjahr) die alles begrünende Natur – Zyklamen blühen in den Stufenritzen – tragen zur besonders intensiven Stimmung Labrandas bei. Zur Sicherung und Pflege des antiken Erbes bliebe hier wie mancherorts in Anatolien viel zu tun.

 

Geschichte

 

Labranda als Heiligtum des karischen Zeus Labrandeos blühte in der Zeit des Königs Mausolos und seines Bruders Idrieus. Es war durch eine 14 Kilometer lange Kultstrasse mit der damaligen Hauptstadt Mylasa (Milas) verbunden. Labranda, berühmt durch sein labendes und heilkräftiges Quellwasser war auch der Ort eines Fischorakels. Die „Medien“ schwammen in einem quadratischen Bassin und konnten Fragen mit „ja“ oder „nein“ beantworten, je nachdem, ob sie angebotenes Futter annahmen oder verweigerten.

Die ältesten Teile Labrandas gehen aber bis auf das 7. vorchristliche Jahrhundert zurück. Die meisten heute zu sehenden Bauten wurden aber zwischen 377 und 344 v.Chr. unter Mausolos und Idrieus errichtet. Sie hatten viele Erdbeben und einer Niederlage des karischen Heeres gegen die Perser  zu überstehen. Später verlegte Mausolos seine Residenz nach Halikarnassos (Bodrum). Nach dem Tod des Idrieus begann der Niedergang des örtlichen Kultes und Labranda geriet  im Laufe der Zeit in Vergessenheit.

 

Der Name des Ortes kommt von „labrys“, der heiligen Doppelaxt, die vor den Karern bereits von Kretern, Amazonen und Hethitern verehrt wurde. Sie war Zeichen und Symbol der ehrfurchtgebietenden anatolischen Muttergottheit. Die Tatsache, dass auch der Olympier Zeus die Doppelaxt schwingt, weist ihn als Gefährten und Erben der großen Kybele aus. So schließen wir vom Namen des Ortes auf die hohe Wahrscheinlichkeit, dass hier die tellurische „Muttergottheit“ bereits lange vor dem Aufdämmern männlich dominierter Himmel angebetet wurde.

Lage und Atmosphäre des Ortes erinnern an das Heraion in der Argolis, wenn auch hier alles himmelragender und monumentaler erscheint

 

(heute für Wikipedia geschrieben)

17.01.2005 um 11:16 Uhr

Blue moon!

von: hibou

Es war nun der vierte Film, in dem das Lied mitmischt, „Im Juli“ von Fatih Akin schweben die Protagonisten Julie und Daniel, alias Christiane Paul und Moritz Bleibtreu, zu den Klängen des Liedes schwerelos im Nachtblau der Donau dahin. Der Film ist unverkennbar zwischen „Kurz und Schmerzlos“ und „Gegen die Wand“ gedreht, aus den beiden anderen spielen Schauspieler mit, Fatih Akin und sein Bruder (oder Cousin) in der Rolle eines rumänischen und eines türkischen Polizisten. Ein märchen- und traumhaftes Roadmovie zwischen Hamburg und Istanbul, sehr romantisch, wie immer mit Schlägereien, verschroben und lustig und mit liebevoller Zuwendung zu den Unteren dieser Welt gedreht. Ich suche in den vorigen Kapiteln nach den anderen drei, kann nur zwei erinnern….

Hier:

„Gestern war wieder einmal “Blue moon” dran, in Barry Levinsons’ “Diner”, und der junge Mickey Rourke tanzt mit der jungen Ellen Barkin. Die andern beiden, ich erinnere mich: “Remains of the day”, dort tanzt (einmalig) Emma Thompson mit Anthony Hopkins. Im dritten Film, Jim Yarmush’s “Mystery train”, wird nicht getanzt; der schwarze Rezeptionist in dem billigen Motel in Memphis schaltet das late-night-radio ein, schlaftrunken hört der schwarze Page zu, sein schachtelartiges rotes Käppchen fällt ihm dabei fast vom Kopf, das Lied verbindet alle drei Episoden des Streifens. Blue mooooooon...“

 

16.01.2005 um 18:34 Uhr

Markees oder Vetter? (52)

von: hibou

baumkuchen gabs, ja baumkuchen und darumherum kult. die häuser mit grauen toshiplatten verkleidet, eine gelbe emailletafel oben außen: mit öl von becht/wirds essen recht. ein jahr später sollte das schaschlik-essen aufkommen.
manchmal kam der pfarrer mit an den tisch. ansonsten gemurmelte sprüche. für die erwachsenen wurde tarragona gereicht oder samos. man redete übern arbeitseinsatz im krieg. ukraine. staubige schnurgerade straßen. ich auf der kühlerhaube. was macht so ein nettes mädel hier. wildgänse rauschen. jetzt baumkuchen und die schmale tasse gehoben um den trockenen geschmack wegzukriegen.

(zurück ins funkhaus)

15.01.2005 um 10:44 Uhr

einmal wieder "zur lilie" (kneipen 51)

von: hibou

bami goreng und gunpowder. gebatikte tischdecken auf deutscher eckeiche. rund und gemütlich schlurft die wirtin den archipel entlang. und an der wand die schattenspielfiguren, im langen bastkleid, mit federhauben, die knochendünnen arme zierlich abgespreizt. das russische paar zeigt das kurzprogramm. perfekt, sagt der sprecher, die koordination der sowjets. kumaran mein freund spielt den wok-rock, den phuket-rock, den perlentaucher-shimmy. einst brach er von penang mit ziel island auf, kam aber nie weiter als bis deutschland, wo er seine karin traf. karin liegt auf den batiktüchern. ich reibe sie mit haselnussmus ein, befeuchte sie mit kokosmilch und bestreu sie mit sojasprossen. dann geben wir den wurf-lutz, den dreifachen toeloop und die eingesprungene waage mit oberschenkelgriff. kumarans lockenkopf hält die mitte zwischen kofi annan und jimi hendrix. er singt noch den ayam-rica-rica-blues und we didn’t start the fire. wir erhalten note 5.7 für die technik und 5.8 fürs künstlerische.

 

13.01.2005 um 15:41 Uhr

Dorflandschaft im Winter

von: hibou

Rittlings auf dem Jahre 1600 lebte Joos de Momper der Jüngere, 34 war er zur Jahrhundertwende, 35 Lebensjahre blieben ihm noch, in welchem davon er wohl dies Bild auf eines seiner Eichenholzbretter gemalt hat?

Das tablettgroße Querformat wird von einem breiten, schwarzbraunen Rahmen gefasst. Zwischen beiden zieht sich an allen vier Seiten ein zentimeterbreiter Goldstreifen, eine unbewusst bleibende Schwelle als Überrest des bildbeherrschenden Goldgrunds der alten Meister hin: wer weiß? Vielleicht um die Aufmerksamkeit des Betrachters auszurichten und zugleich das innere Leuchten der dargestellten Szene zu steigern?

Angenehm wirkt das dunkle Blaugrau des Himmels, links unten und rechts oben durch rötlichbraunes Schilf und die ebenfalls in warmen Tönen gemalten Häuser des Dorfes gewichtet. Beide werden durch den vereisten Wasserlauf in der Mitte des Bildes geteilt. Die andere, abfallende Diagonale  wird betont mit den leuchtend weißen Schneeflächen der  Wege und Anger, eine Erinnerung der Erde an den vergangenen Sommer.

„Die Figuren malte Jan Breughel der Ältere“: Eisläufer, Flaneure und Genießer der Winterpracht, Kaufleute und Landwirte im Gespräch, Schweine, die die Händler umlagern und an ihrem Verblieb interessiert scheinen, Fuhrleute mit Wagen und Karren und natürlich Kinder, vollkommen ihren fröhlich ernsten und immer neuen Spielen hingegeben. Eines davon, ein kleiner Junge, fällt heraus: er verkauft Zeitungen. Die Nachrichten müssen wichtig sein, und das auch für uns, denn er schaut aufgerissenen Auges und laut rufend aus dem Bild heraus! In dessen Zentrum stehen drei Freunde. Im Schirm des turmartig aufragenden Gebäudes nahe von Brücke und Brunnen, mitten im Trubel, haben sie sich getroffen und verschworen. Hier redet es sich am heimlichsten. Im Raureif funkelnd erheben sich die Weiden, Linden und Ulmen zum Himmel, schwarz und weiß zugleich.

Vor dem Bild sitzt eine junge Frau in dunkelgrauer Kleidung und weißgrauer Baskenmütze. Sie schaut unbeweglich auf das Dorf und seine Leute. Als ich Schülerin war, gab es, so scheint mir, im Winter öfter und mehr Schnee als heutzutage. Wir mussten das Gedicht „Der Winter ist ein rechter Mann“ auswendig lernen. Draußen pfiff die Bise um die Hausecken und trieb sogar die Holzfäller unters schützende Dach. Man heizte den Ofen tüchtig ein. Hinter der Ofenklappe summten die Bratäpfel und strömten einen köstlichen Duft aus. Die kleineren Kinder, die sich vor dem Nikolaus fürchteten und meistens tropfende Nasen hatten, sprachen im Chor „Sami Niggi Näggi, hinderem Ofe steggi, gimmer Öpfel und Bire, dänn chumi wider füre.“ Der Großvater saß am Fenster, aß Erdnüsse und beschrieb die Leute, die draußen vorbeigingen. Manchmal schnitzte er an einem Tier für den Bauernhof, den wir zu Weihnachten bekommen sollten. Dieser würde einen richtigen Heuboden, eine Milchkammer und eine schöne große Tenne haben … Wir lagen bäuchlings auf dem Teppich und lasen oder klebten Oblaten oder Silva-Bilder ins Album, oder wir tauschten Briefmarken und unsere sehr wichtigen Meinungen über die Erwachsenen aus., während Großmutter die Tischlampe herunterzog, sich die Lesebrille über die Alltagsbrille klemmte und die Lokalnachrichten des Tagblattes durchsah, meistens Unfälle und Verbrechen. „Junge Frau vergewaltigt. Mit Trester beladener Lastwagen stürzt die Böschung hinunter. Dreifacher Mord in der Kaserne. Gift in der Tram“ oder solches, stand da zu lesen, und draußen sank die Nacht hernieder, stieg gelassen ans Land, kehrte aus der Unterwelt zurück, mit Grüssen von Pluto. Es schneite und schneite. Würden morgen früh die Schneewehen noch stattlicher angewachsen sein? Würde man vielleicht deshalb und wegen dem Frost nicht zur Schule gehen können? Wie angenehm würde es sein, im Schweinchenschlaf im warmen Bett zu liegen, und ums Haus würden unaufhörlich große weiße Flocken niedersinken… Wir würden geträumt haben. Und noch träumen: von Nuvat, dem Eskimo, von der Schneekönigin, von den drei Haulemännerchen, von Frau Holle, von dem Hasen, der ein anderes Fell bekam und deshalb unsichtbar wurde….

12.01.2005 um 19:42 Uhr

De Sousa (Kneipen 50)

von: hibou

Ein Nein ohne Nachspiel im Schlachthofviertel...

11.01.2005 um 16:03 Uhr

Some of the – humble – highlights of the day

von: hibou

We slept rather long – yesterday we played bridge with Gülümhan and Nihat and they made various foods for us – and so we missed both earthquakes in the early morning (5 on Richter-scale). Even our cats are useless as seismographs, both they slept like in Abrahams lap….. Weather was wonderful and the air clean and fresh, so we went to Rikkat and Baysan, sat there in the sun, enjoyed early spring, looked around how Baysan cut the trees, talked about spring matters. Two palms above our heads did an elegant slow dance with their - usually very stiff – leaves, oriental fans hiding the face of heaven.

Just now, at home again, Dilek did a salad we have to remember: green salad,  radish, celeriac, pulps in vinaigrette…. Gorgeous!

To judge from nature, spring must really be coming soon: Asphodel did open its blank hexagons, Şebboy flowers in pure deep violet, Echium in blue, and our “Capuchins” flowered all December up to now.

Dilek finished her new sculpture: a  trunk of red pinewood, where she nailed passport photographs all around. I dreamt of Swiss “Mazze”: In Valais village people used to go around with a wooden trunk if they couldn’t afford their tyrant any longer; they went from door to door and everybody could put a nail in it. If the nails were plenty, people marched on the castle with their Mazze on top and chased or killed their oppressor, singing:

“Prince au Coeur mauvais et lâche

tremble en ton château

car les valaisans se fâchent

dans leur vieux hameaux !

Hardi, valaisan,

Guerre a ton fugeux tyran !

Va-t-en à Raron,

Chasse un dur baron ! »

10.01.2005 um 16:19 Uhr

London-Weekends

von: hibou

Hatte ich das Wochenende frei, machte ich mich meist auf den Weg nach London. Das war von Bristol aus leicht in ein paar Stunden zu schaffen. Hinter Suspension Bridge begannen schon bald die grüneingezäunten Roundabouts. Ich stellte mich irgendwo hin, na, ihr kennt das ja, es klappte sofort, und kaum stieg ich dann ein Stück weiter aus dem Wagen, hielt schon der nächste an. Einer der Fahrer hatte mehrere sehr teuer aussehende Gitarren auf dem Rücksitz. Im Gespräch stellte er sich dann als Eric Clapton heraus. Das will mir keiner so richtig glauben. Ich hoffe, keiner glaubt ihm, dass er MICH mitnahm….

Was wollte ich in London? Ich fuhr immer alleine, ohne Norma, ohne Vivien, ohne Jackie oder Elsie.

Natürlich die Elgin-Marbles von der Akropolis und den Stein von Rosetta im British Museum bewundern. Was mich dann wirklich elektrisierte, waren die Vitrinen mit den kleinen altmittelmeerischen Marmoridolen. Fünftausend Jahre vor Modigliani!

Südengland ist ein Garten, eine einzige gutdurchgearbeitete Kulturlandschaft, von Mauern aufgeteilt, von hohen grünen Hecken, mit für uns vollkommen kitschig wirkenden Dörfern (1) und das Land riecht wie Vivien nach der Liebe. Die Buckfast-Bienen, denen die Mönche der gleichnamigen Abbey das Fell weggezüchtet haben, fliegen hier. Die Vorgärten blühen auch bei einfachen Anwesen unvergleichlich. Eine vollendete Komposition von verschiedenen Blumen, die alle ineinander übergehen und vollkommen natürlich aussehen, obwohl sie in jahrelanger Arbeit so platziert worden sind. Die Fee Morgane lässt grüssen. Hurra! Damals kannte ich „Avalon“ von Marion Bradley-Zimmer noch nicht, das Buch hätte mir die Gegend verdorben.

Anlässlich seines einzigen Englandbesuches fuhr Herman Melville diese Strecke in umgekehrter Richtung mit der Kutsche von London nach Bristol. Er verliebte sich in eine fremde Frau, die ihm gegenübersaß. Oder war es schon das Eisenbahnabteil?

Also, was wollte ich noch in London? Ich bitte Euch, wir schrieben 1968. Für 12 Shilling gab’s im „Marquee“ ein Konzert mit den Vorgruppen Status Quo, Amen Corner, Pink Floyd und dann mit Jimi Hendrix! Ich hörte ihn danach nur noch einmal, in Zürich auf der Allmend, Open Air und sehr verkifft. Oder war das vorher? Den Rest der Nacht lief ich – langsam – durch Londons Straßen, fand eine Bank vor der Admiralität, eine zweite vor der Tate-Gallery. Hm, einmal hatte ich doch eine Freundin dabei, da lagen wir im Gras, tauten erst auf und feuchteten dann durch. Dieses klamme Gefühl überall auf der Haut ….. brrrr. Ich ging in kleine Strip-Lokale nahe Picadilly. Die sehr gesitteten Mädchen auf der Bühne hatten etwa einen Sonnenschirm dabei, oder ein Handtäschchen, wenn das Letzte fiel. Ich erinnere mich an ihre artifiziellen, somnambulen Tanzbewegungen. Dann fand ich einen Pinballsalon, der durchgehend geöffnet hatte. Das nächste Mal schon beherrschte ich den Stehendschlaf mit Zuckungen, es sah aus, als flipperte ich.



(1) Komisch: ich finde Frankreich kitschig, kitschiger als ichs gewohnt bin, England, Italien und jetzt die Türkei auch. Frage: ist man blind für den eigenen Kitsch?