Message in a bottle

09.01.2005 um 16:26 Uhr

Erkenntnistheorien, Delikatessen und Abstammungen, oder: (Kneipen 49)

von: hibou

I remember when rock was young/ me and Susy had so much fun

 

Sie heißt Ingrid und sieht, obwohl ihr der vorderste rechte Backenzahn fehlt, unendlich schwäbisch lieb aus. Ihr Partner ist ein Marokkaner oder ein Italiener marokkanischer Abkunft oder ein versprengter Nachfahre sarazenischer Invasoren, die schon vor tausend Jahren begannen, die ligurischen Küsten zu plündern, wogegen seine italienischen Vorfahren feste Türme bauten, in die sie sich, wenn das Segel eines solchen Korsaren am südlichen Horizont sichtbar wurde, zurückzogen, was allerdings nicht verhinderte dass sein Ururur-Großvater mit einer Einheimischen (die vielleicht noch die Gänseherde versorgte oder das Weißkraut stampfte oder aus anderem Grund nicht rechtzeitig die rettende Leiter zum Eingang auf der Höhe des ersten Turmstockwerks erreichte) ein Kind zeugte, und wie sollen wir feststellen, ob dies in gegenseitigem Einvernehmen, oder als roher Akt geschah, wenn auch er selbst, der ferne Sprössling, weder einen Schatten noch einen kleinen Wärmepunkt mehr in seiner Seele finden kann, die darauf schließen ließen? Allerdings bietet er in dem Lokal, das die beiden in der Bauernmarkthalle im Stuttgarter Westen betreiben, solch Delikatessen wie luftgetrockneten Landschinken, eingelegte Feigen, alten Reggiano, solche Weine wie Langhe, Dolcetto und Barbera an, und jeden Mittwoch gibt es frische weiße Trüffel aus dem Piemont, wenn auch nur auf Vorbestellung und zu einem Kilopreis, zu dem man wohl mehr als seine Monatsmiete bezahlen könnte, was schon darauf schließen läßt, dass er so sie vorhanden waren, seine vorgeburtlichen Traumata in dieser Hinsicht überwunden oder doch gastronomisch sublimiert haben muss.

Ich gehe Samstags dahin essen, mich bedient eine junge Schwarze – so, und jetzt behaupte nicht auch noch, dass dieselbe von nubischen Sklaven abstamme!, höre ich dich, geneigte Leserin, sagen – ich mustere die Kundschaft, die soeben an den zahlreichen Bioland- und Demeter-Ständen des ehemaligen Straßenbahndepots ihre Wochenendeinkäufe getätigt hat: was sind es? Akademische Altlinke? Zu Wohlstand gelangte Achtundsechziger? Zufriedene Marschierer durch die Institutionen? Künstler, Grafiker und Webdesigner? Lehrerinnen im Nostalgiestand?

Ingrid, die Chefin, legt regelmäßig „Crocodile Rock“, „Honey Pie“ und „Susan was an artist“ auf, was die meisten Zweifel beseitigt. An den rohen Holztischen wird „Zeit“ gelesen, und mal Doris Lessing, mal Annette Proulx oder Benoite Groult

Was brauche ich zu sagen? Bin auch nicht umsonst hier.......Auch ich mag italienische Küche, Leonard Cohen und die Erinnerung an die Zeiten auf den Frankfurter Demos...Was Du siehst, bist Du selbst. Und dass ich Sarazenen und Nubierinnen mag, ist wahrlich nichts Neues.

 

Ist also diese Markthalle nur eine physische Verkörperung meines Innenlebens und meiner Erinnerungen? Nein. so viele Statisten kann ich doch nicht bewegen, gerade jetzt hier zu sein und diese lebendige, schwatzende, lachende, rauchende, zucchinischmatzende Menge abzugeben!

Oder sehe ich nur einen ganz subjektiven Ausschnitt der Wirklichkeit? Der erst  abgerundet und objektiv würde, wenn alle Menschen die an diesem Vormittag hier sind, ihre jeweiligen Wahrnehmungen und Gedanken zusammentragen würden?

Oder lebt die Wirklichkeit völlig ungerührt meiner Eindrücke stumpf und sinnlos dahin?

 

Lass uns annehmen, dass die Realität erst durch die Fragen an sie langsam und unendlich vielfältig und liebenswert anfängt, zu erscheinen. Mhm! Hab ich da nicht den milden Geschmack von Mozzarella auf der Zunge und im Gaumen? Gott! Du hast den Basilikumbusch erschaffen! Danke auch.

 (zurück ins Funkhaus)

08.01.2005 um 21:08 Uhr

kantine karstadt (Kneipen 48)

von: hibou

durch karstadt gegangen wie in trance. rolltreppen, schlittenfriedhöfe, pink rot grüngraue kunststoffkleider, eher gerenderte zombies aus spielkonsolen ohne innenseiten, kisten auf stelzen voller unerklärlicher dinge, sphärenklänge, tuckern, fiepsen, infrarot. bleichgeschminkte lebende. im 3. stock die kantine. faltige essende mit gamsbarthüten und seltsamen metallteilen am körper. ich hole mirs vom fließband, schlinge was rein. in die brusttasche nach lektüre gegriffen. perry rhodan Heft 1024. da ist der zweiköpfige zeitverzögerer, den ich so mag, dann atlan und der mutant mit dem cappin-fragment. endlich heimat.

07.01.2005 um 16:35 Uhr

Vermischtes zur Demokratiereform

von: hibou

Zum ersten Mal haben wir heute neue Banknoten bekommen. Von jeder sind sechs Nullen davongeflogen, genau am 1.1. um Null Uhr. Aber bis das neue Geld zu uns ins Tal kommt dauert es eben. Weg mit den Nullen (siehe oben): das sollte auch für Politiker gelten. Demokratie ist gut und schön, one woman or man - one vote, aber soll jeder Dumpftyp auch fernerhin wählbar sein?. Jeder Schneidermeister muss beweisen, dass er Kleider machen kann, bevor er auf die Stoffballen losgelassen wird, jeder Tischler, jede Ärztin und Richterin, dass sie ihre sieben Sachen auf Lager haben und anwenden können. Und ein Politiker? Müsste er/sie nicht auf jeden Fall fundierte Geschichtskenntnisse (und zwar nicht nur von seinem Land) nachweisen können? Dazu ein philosophisches Denken, dass die Dinge und Ereignisse in die Zeiten einordnet? Dafür gibt es die Fachleute, sagt ihr? Die sind ja an ihrem Ort nützlich und gut. Aber um zu führen – wenn möglich nicht ins Unglück – ist halt doch mehr nötig als Beamtentum, Manager-Erfahrung oder Fußballkenntnisse.

Doch auch den simplen Wähler wollen wir Mitarbeiter von „Message in a Bottle“ nicht von unseren Forderungen ausnehmen. Um eine Stimme abzugeben (welche Mensch ins Minister- oder Präsidentenamt hieven kann) muss man diesen und seinen Charakter, seine Biographie, seine Motive und Ziele kennen, sonst handelt man unverantwortlich. Einen kleinen test für Wähler einführen? (Hier ein Lob des Nichtwählers. Er macht sich bewusst, dass er aus diesem oder jenem Grund nicht entscheiden will/kann).

Jetzt die Medien. Neben ausführlichen Erörterungen des Nutzens von Hämoroidencrème als Augenschminke etc. müssen sie ihren Auftrag zur politischen Bildung viel gründlicher wahrnehmen. Vor jeder Wahl sollen sich die Kandidaten da vorstellen, damit alle sich ein Bild machen können – womöglich interaktiv per Mail usw. sollen auch Fragen gestellt werden können. TV als Information (ein Menschheitstraum aus dem vorigen Jahrhundert *unsere Reporter lächeln*), das wär’s! Beispiel: Bei uns am Strand läuft in der Bar der Fernseher pausenlos. Ich nehme an, dass dies an anderen Stränden, in der Bar  der Windsurfer 50 Meter weiter etwa, auch der Fall sein wird. Angenommen eine geologische Station registriert ein Erdbeben in der Ägäis – und ich weiß wiederum aus eigener Erfahrung, dass jeder Seismograph auf der ganzen Welt das mit minimaler Verzögerung tut – genügt es da nicht, den Telefonhörer abzuheben und die nächstgelegene Fernsehstation anzurufen, welche wiederum alle anderen benachrichtigt: alsbald erscheint auf unserer Glotze unterhalb von Pferderennen oder Biathlon eine rote Laufschrift: Achtung: Tsunami in 4, 3, 2 Stunden möglich !!! Stattdessen fliegen unsere Häupter gerade mit Verursachung entsprechender Kosten Nach Jakarta, um lang und breit über ein eventuelles Tsunami-Frühwarnsystem zu beraten (manch einer wiegt bedenklich sein Haupt). Alles Asche!

Aber was rede ich?

fragt Hibou

06.01.2005 um 16:44 Uhr

Imbiß Veddel (Kneipen 48)

von: hibou

Wenn Marie nach dem Einkaufen die Trommelstraße hochkommt, oder wenn sie grade mal wieder vergeblich nach einem Parkplatz für ihren roten Transit ausspäht, sieht sie des öfteren eine mittelgroße junge Frau in Richtung S-Bahn gehen. Diese hat einen sehr geraden Gang, freie Schultern, einen wachen Gesichtsausdruck, unbedecktes langes blondes Lockenhaar, daß sie zum Pferdeschwanz gezähmt hat. Marie weiß nicht, daß sie eine von zwei Zwillingsschwestern sieht, meistens ist es Sandra, die in einem Imbiß auf der Veddel arbeitet. ....

06.01.2005 um 16:27 Uhr

Friendly Pizza (Kneipen 47)

von: hibou

Turgut Reis, das schöne. Die neue Marina ist fast fertig und eine Gulet hat schon festgemacht. Ich bin einmal wieder am Anfang einer Reise nach Europa im „Friendly Pizza“ neben der Moschee – zwei hohe schlanke Minarets, auch Allah liebt Gulets! – und schaue in den Abend und die schnurgerade Hauptstrasse entlang, wo die Palmen vom Wind gezaust werden, und über der Strasse schon fast am Horizont liegt das hochgebaute Akcalağan und dahinter die Bergspitzen wie eine niedergeschriebene Melodie. An ihrem Fuß weiß ich die Schmiede des stotternden Süleyman. Seine Leute verstehen ihn aufs Wort. Hier und auch bei uns hat er die Fenster- und Türgitter gemacht. Er ist ein freundlicher Mann, der hart arbeitet.

Draußen vor dem Fenster versteckt sich ein Spatz in einem Mandarinenbaum von kaum ein Dutzend Blättern. Er macht sich den beiden Friseusen, die vorbeigehen, perfekt unsichtbar. Genauso tut es die türkische Wirtschaftskrise, die jeder spürt, von der aber äusserlich nichts wahrzunehmen ist. Überall wird gebaut, überall wird die Saison vorbereitet. Die wird wegen des Irak-Krieges zwar später anfangen, aber hoffentlich nicht ganz ausfallen. Das tägliche Leben geht unbezwingbar seinen Gang, wie man es auf den Bagdad-Bildern sogar während der Kämpfe sah. Lebensäusserungen! Ein jeder folgt seinem Vorhaben, seinen Aufträgen. Oder aber man wandert, steht, sitzt herum, spielt Tavla und OK, redet, diskutiert heftig. Der Gendarm patrouilliert mit umgehängter Maschinenpistole langsamen Schritts um die Wache. Der Fahrer, der auf dem Nachhauseweg noch schnell zwei Packungen Zigaretten kauft, schaltet den Warnblinker ein und lässt seinen Wagen am Strassenrand stehen. Manche folgen einem Fussballspiel im Fernsehen, manche sitzen und tippen in ihr Mobiltelefon. Die Nacht kommt. Diskusförmige, wattige Wolken stehen am Himmel und ahmen,bevor die Schwärze sie schluckt, Perlmutt nach. Der Maurer hat die Travertinschwelle fertig eingesetzt und zieht mit der Kelle einen letzten Strich den Putz entlang. Ich werde mit dem Nachtbus um 3.30 nach Izmir fahren und morgen früh mit einem Charterflug – ich weiß nicht einmal die Gesellschaft – nach Deutschland fliegen. Ich hoffe, bald zurück zu sein. Hier ist es gut. In den Pflasterritzen höre ich das Gras wachsen.

04.01.2005 um 17:00 Uhr

Der Italiener nebem Programmkino (Kneipen 46)

von: hibou

ich gehe die irisstraße hinunter, auf der sonnenseite. meine augen wandern. sie lassen bilder sprechen. hallo, ich komme aus china und studiere hier, vielleicht ingenieur, wer weiß? sagt ein passant. immer straight bleiben, ja nicht flatterhaft, meint der ginkgo. noch zehn minuten, dann fängt der film an, die uhr vor der isaac-newton-schule. für mich reichts noch für ein glas pinot grigio. der wein rinnt mir lieblich die speiseröhre zum magen hinunter, durch die verschiedenen endoderm-schleier hindurch entfaltet er seinen einfluss. die bilder um mich reden schneller, jedoch kann ich sie nun alle gleichzeitig verstehen. ich lächle. zahle. spazier zurück nach hause. wozu noch ins kino gehen. (zurück ins funkhaus)

03.01.2005 um 13:56 Uhr

2005 (im Lichte Ludwig Feuerbachs)

von: hibou

Was ist einstweilen übers neue Jahr zu sagen? Es verharrt noch in dem entspannten Augenblick zwischen Ein- und Ausatmen, in dem Moment, wo ein hochgeworfener Stein in der Luft regungslos und schwerefrei schwebt, bevor er zurückzustürzen sich anschickt. Vor Schreck haben wir die jüngsten Tage alle hektisch die Luft eingezogen: Waren uns die Amis im letzten Jahr nicht genug, musste auch noch ein Tsunami her, und mit solchen Auswirkungen? Wie so oft also genug damit zu tun, die Vergangenheit sowohl aeusserlich als auch seelich aufzuarbeiten. (Wobei der Anblick eines US-Flugzeugtraegers als Lebensmittelliferant vor der Küste Sumatras schon guttut. Wieviel Infrastruktur zur Behebung von Not und Elend waere vorhanden!).

Kann über 2005 - ausser dass seine Quersumme die liebe Sieben ist - noch nichts gesagt werden, weil wir meist oder immer über die Vergangenheit und nicht über die Zukunft raisonnieren und schreiben? Aber doch, es kann: in Form von Wünschen und Forderungen.

"Geduld und Ironie sind die Haupteigenschaften des Revolutionärs", sagte Ludwig Feuerbach. Insofern fangen wir mit kleinen Wünschen an (was sagt Feuerbach noch: Religion hat, wer an andere denkt).

Weg mit den Nullen! (Hoppla, beim türkischen Geld bereits geschehen....)

ich bitte um weitere.

02.01.2005 um 14:39 Uhr

verwaschene ränder im trainristo (Kneipen 45)

von: hibou

Die kreisrunden Lampen des Train-Risto

fahren mehrfach gespiegelt

durch eindunkelnde Tiefen der Landschaft.

Sind sie nun virtuell? Da sie ohne Mühe

Strommasten, Mauern und Häuser durchdringen,

oder diese sie?

Der Eisenbahnwagen entfaltet sich durch Licht und Reflexion –

das heißt durch Nachdenken –

links und rechts in die Breite,

ohne daß Güterzüge, City-Shuttles

Autoreisezüge und vereinzelte Lokomotiven um ein Jota

an gegenläufiger Bewegung gehindert werden.

Auch manche Ortschaften flitzen in Sichtweite

zwanglos vorbei.

Vorne blitzt ein Gewitter.

Die Kellnerin trägt einen Goldknopf im Nasenflügel.

Messer und Gabeln klappern,

Tafelspitz seufzt und Apfelkren zwickt.

 

In Bischofs Hofen fällt der Regen,

wie ich ihn zehn Tage nicht sah:

satt, flächig, scheibenglitzernd.

Manch einer denkt

über die Umstände des Versickerns nach,

wie Vergessen ist es,

unaufhaltsam,

milde,

lautlos.

Die Salzach spottet der Drau.

Dem Architekten fällt die Formel ein.

Manche haben Wasser in der Lunge,

was dem Fisch ein Schweben

ist ihnen Graus.

japsen tun beide in Fremden.

 

Petrarca schweigt.

Er gab uns Stanzen und fand Welt

in Laura.

Knoten. Geigenbögen. Wundgewebe.

Körbchengrößen. Intelligenz-

quotienten sind wichtig. Doch wir

vergessen sie weil wir sie nutzen.

Denkend stoßen wir uns ab vom Stoff,

wie Buraks Huf wenn’s gilt

den siebten Himmel zu erspringen.

 

 

01.01.2005 um 20:56 Uhr

Ein Stern

von: hibou

„Ein Stern hat über die Schwelle geschaut.

Doch keiner von ihnen war vertraut

Mit der Ursache dieses Lichts.

Bis auf das Kind – und das sagte nichts.“

(Joseph Brodsky)