Toilettenmänner verfügen oft über ein geheimes Wissen. Nicht der anrüchigen Art, wie man zunächst denken könnte, nein: die langen Nächte in den Tiefen, an den Ufern des Vergessens, machen sie ganz allmählich besonders sensitiv für alles das, was wir in der steten Eile unseres deduktiven Tageslaufes nicht bemerken.
Sie geben aber nichts davon preis, so sehr sie auch darauf aus sind, das eine oder andere Wort mit ihrer drangvollen Kundschaft zu wechseln.
Oft schlummern sie sogar. Regungslos und mit gebeugtem Kopf sitzen sie da, während man sich vorsichtig an ihnen vorbeidrückt, den Blick schon magnetisch von dem kleinen schmutzigen Tellerchen angezogen. Waren es nicht vor kurzem noch Groschen, die man gab? Warum verrinnt die Zeit so rasch, daß unmerklich mit einemmal nur noch Fünfziger gefragt sind?
Auf dem Rückweg dann kommst du nicht ohne Opfer an ihm vorbei, so steinern er eben noch eingenickt schien.
Vielleicht ist er viel eher ein Wächter des stillen Ortes, als daß er seine Stunden mit Putzen verbringt...
Freddy hat kräftiges weißes Haar, von gelben Strähnen durchzogen. Unwillkürlich lassen sie einen an lange nicht gewaschene Kneipenvorhänge denken. Noch nie sah ich echtes Haar so sehr wie ein Toupet aussehen. Mit Wasser und vielem Kämmen hatte seine Mutter in Velbert es zu bändigen versucht, mit Pomade wollte er es nach hinten zwingen in der Zeit nach dem Rauswurf aus der Schule, als er Schiffschaukelbremser war und alle Flecken Westfalens durchzog! Nach jedem Aufbau war er der erste gewesen, der die Schaukeln anschwang. Niemand traute sich so hoch wie er! Oh ja, die meisten der halbwüchsigen Mädchen aus den Dörfern waren ein klein wenig in ihn verliebt gewesen damals!!
Noch jetzt leuchten seine Augen, wenn er daran zurückdenkt. Diese Augen, die hinter den dicksten aller möglichen Brillengläsern riesengroß und verschwommen hervorschimmern.
Er reckt sich ein wenig und holt eine neue Boston aus der blau-roten Zigarettenschachtel heraus. Oder er nimmt die Lupe zur Hand und beugt sich dicht über seine Zeitung, einige Zeilen zu lesen. Und wieder sitzt er reglos.
Sein Ohr aber reicht bis in die hintersten Winkel, auch die geschwungene Treppe hinauf ins gleichförmige Murmeln des Restaurants. Und schon beim geringsten Tappen auf den Stufen schreckt er hoch, wie damals als Kind in der Ostermesse, wenn “Dominus flevit” erscholl...
“Na, schon was gegessen, oder geht’s erst los?” pflegt er im allgemeinen mit knarrender Stimme zu fragen. Manche Eindringlinge aber bewegen ihn zu verblüffenden, verwirrenden Worten: “Frau Schümann, ihr Mantel brennt!” Woher kennt er ihren Namen? Wie weiß er, daß sie in einigen Tagen unachtsam Benzin verschütten wird? “Nehmen sie lieber eine Taxe!” oder “Tja, gestern noch auf stolzen Rossen...” wird er dann wohl murmeln. Dabei bedenkt er jeden mit dem gleichen hölzern-freundlichen Grinsen, und die Worte schweben wie die eines Bauchredners diffus im blaugekachelten, schmalen Korridor.
Die bleiche Frau fragt er an diesem Mittwoch: “Das Freddy-Mercury-Abschiedskonzert gesehen?”
Sie hatte sich schon vorher leicht und sorglos verwundert, daß sie trotz guten Appetits stetig an Gewicht verlor. In der nun folgenden Nacht aber wachte sie mitten in einem heißen Fieber auf, griff wie eine Ertrinkende nach dem Knipsschalter am Lampenkabel. Die nächsten Wochen ertappte sie sich dabei, mehr und mehr Überstunden im Büro anzuhängen. War sie nicht so leistungsfähig wie je? Las sie die Morgenzeitung, überschlug sie wie zufällig die Seite “Wissenschaft und Forschung”, wo von Helferzellen, Retroviren, Lymphknotenschwellungen die Rede war.
Zu Hause erreichte ihr Drang nach Antisepsis ungeahnte Ausmaße.. Ein Laken auf dem Teppich unterm Bügelbrett, um jeden Kontakt der Wäschestücke mit dem milbenverseuchten Boden zu verhindern! Jede Woche mehrmals alles mit Sagrotan abwischen!
Sie mied die Menschen. Einen Freund hatte sie schon lange nicht mehr. Oh, verdammt, die Latenzphase kann bis zu zehn Jahre dauern! Wieder ist sie den Tränen nahe.
Eine nachtfinstere Wolke legte sich ihr auf die Seele. Nun saß sie apathisch vor dem Bildschirm, begann immer öfter zu fehlen.
Ein letztes Aufbäumen. Sie geht freiwillig zum Test. Doch er ist negativ!
Ein oder zwei Tage der Erleichterung. Dann legte sie sich zu Bett, um nicht mehr aufzustehen. Als sie eingewiesen wurde, wog sie noch knapp 80 Pfund. Sie verblühte nun schneller als ein gerupftes Springkraut, der Tod griff noch vor Johanni nach ihr.
Im Augenblick, als sie schon schwerelos unter der Decke trieb, ein wirbelnder, donnernder Trichter sie ansaugte, der Arzt noch mal die Sauerstoffmaske andrückte, um gleich darauf mit den Schultern zu zucken, kam die Stärke in sie zurück.
“Schon was gegessen, oder geht’s noch los?
Diesmal fragte ich zurück.
“Nee, da oben, das kann ich mir nicht leisten! Mal eine Schnitte, die ich mitnehme oder so. Wasser. Muß ja sehen, wo ich bleibe, nicht?”