Message in a bottle

28.02.2005 um 08:59 Uhr

Grieche mit Gerundium (Kneipen 67)

von: hibou

 

An der Wand hängen Teller mit Pelops und Hippodameia, Odysseus und den Hoplites und auf jedem Vorsprung, Fensterbrett oder Anrichtetischchen stehen weiße Statuetten, teils bekannte Klassikerinnen wie die Venus von Milo oder die große Athene aus dem Parthenon, teils einfach nachempfundene ephebische und schmalknöchelige Menschenkinder, die der Jagd, der Toilette oder dem lockeren Empfinden des eigenen Spielbeins nachgehen, darstellend. Auch die beiden Töchter des Wirtes sind ansehnlich. Die ältere, die jetzt schon öfter den Vater vertritt, legt, wenn sie nach den Wünschen neu angekommener Gäste verlangend an die Tische tritt, ihre beiden Hände auf die Pobacken, die zweite sitzt am Stammtisch neben der Kasse und blättert "Madame" durch. Am selben Tisch sitzen dann auch die jüngeren der Kinder und machen Hausaufgaben oder sehen den Kinderkanal, der ausschließlich Comic-Clips zu bringen scheint. Der Fernseher hängt wie ein schwarzes Plastikraumschiff an einem Schwenkarm mitten im Raum, gleich neben dem großen Ventilatorpropeller, welcher  sich allerdings zu selten, meist nur die zwei heißen Wochen im August dreht, dort, wo der Gast, der aus dem Nebenraum kommt, weil ihn ein Drang nach Wasserlassen oder ein plötzliches Bewußtsein seiner staubigen oder klebrigen oder schmutzigen Hände überfiel, auf dem Weg zum WC eine Linksdrehung um 180° ausführt, zwischen Tresen und den beiden Spielautomaten hindurch je nach Sex oder auch Gender ganz geradeaus oder mit einem abermaligen Schwenk nach rechts sein Ziel findend, sich entweder auf die Schüssel niedersetzend oder den Harn im Stehen abschlagend, was uns übrigen Essenden allerdings barmherzigerweise verborgen bleibt.....

 

27.02.2005 um 22:14 Uhr

A hard day's night

von: hibou

Heute abend lief "A Hard Day's Night" von Richard Lester, ein Film von 1960 (in schwarzweiß), den heute wahrscheinlich nicht mehr viele kennen: ein Nachmittag und Abend im Leben der Beatles, ein Musikfilm, aber auch ein Running-Gag Film – und oft frage ich mich, während ich ihn auf Videokassette aufnehme, ob diese Gags überhaupt noch verstanden werden können. Denn was 1960 leicht anarchistisch und äußerst aufmüpfig war, wirkt heute kreuzbrav, so brav wie die Frisuren und Anzüge der Beatles. Die Lieder konnte ich jedoch wortwörtlich mitsingen. Archäologie! Und die kleinen Mädchen, aus denen das Konzertpublikum bestand, schrien sich in die Ohnmacht vor Begeisterung.

Rechts oben wird hier im Land manchmal der Stand eines Fußballspiels eingeblendet, so auch heute. Mir wurde deutlich, dass in Zukunft, wann auch immer dieser Streifen angeschaut wird, jedesmal und immer wieder auch das Eins-zu-Null und das Zwei-zu-Null von Fenerbahce gegen Sebat-Rizespor aufscheinen werden, das heute aktuelle Spiel also in Endlosschleife gerät. Aber das tun die Popsänger aus Liverpool, die vier niedlichen Buben, jetzt schon seit 45 Jahren! Untot und ohne zu altern, ein strahlendes Lächeln im Gesicht und im Rhythmus von "If I fell in love with you" die Körper hin und herwiegend. Zwei von ihnen sind ja tot, John Lennon schon lange Zeit erschossen, George Harrison vor ein- zwei Jahren, ich glaube an Blasenkrebs, gestorben. Paul und Ringo, wie ich auch J , ältere Männer. Forever Young? Irgendwie lebt die Vergangenheit in der Gegenwart mit.

27.02.2005 um 16:29 Uhr

wie entsteht text?

von: hibou

"Jegliches Wort erweist sich als ein Bündel, und der Sinn ragt nach verschiedenen Seiten daraus hervor, strebt also nicht auf ein einziges Ziel zu. Indem wir ‘Sonne’ sagen, absolvieren wir gewissermaßen eine sehr weite Reise, an die wir uns bereits derart gewöhnt haben, daß wir sie im Schlaf hinter uns bringen. Eben dadurch unterscheidet sich Dichtung von automatisierter Rede, daß sie uns mitten in einem Wort aufwecken, aufrütteln kann. Das Wort ist dann viel länger, als wir es uns gedacht, und wir denken daran, daß sprechen so viel bedeutet wie unterwegs sein."

Ossip Mandelstam

 

"Der Geist denkt in Ideen, nicht in Informationen."

Theodore Roszak

 

"Der Geschmack des Apfels...entsteht bei der Berührung des Apfels mit dem Gaumen, nicht in der Frucht selbst; in ähnlicher Weise /würde ich sagen) entsteht die Dichtung in der Begegnung des Gedichts mit dem Hörer, nicht in den auf die Seiten eines Buches gedruckten Zeilen aus Symbolen."

Jorge Luis Borges

 

"Aus der Asche, nicht aus der Leiche erhebt sich der Phönix!"

Silvio Gesell

26.02.2005 um 09:12 Uhr

safranland (Kneipen 66)

von: hibou

sorgfältig beschreiben. stell dir vor, günter grass wäre dick und mollig und trüge eine brille: so etwa sieht sie aus. komme ich wegen ihres mundes darauf? als wenn ein halbgott in verzweiflung zähne durch den kosmos geschmissen hätt, sie stand da, offenen mundes, ergeben, und fing sich die ihren ein, und so wie sie geflogen kamen, sind sie angewachsen. meine mutter wünschte sich immer enkelin, sagt sie. aber ich bekomm tochter. und guck! charakter wie ein mann. die tochter lächelt schief. sie nimmt mich nach bali mit. aber merk dir: streiche niemals einem niedlichen kind übers haar. der kopf: tabu. dort sitzt die würde. ich esse jeden tag weißen reis an erdnusssauce. meinerseits nehme ich sie mit ins südliche hochland. safranernte. die roten, fadenförmigen pollen, krokusgold, wertvoller als trüffel. die erntenden frauen. der rücken. den ganzen tag gebückt, mit daumen und zeigefinger an den blüten zupfen. sie bergen es wie einen schatz an ihrem busen oder nahe am schoß: ambulantes bankkonto. nur so viel verkaufen, wie gerade geld benötigt wird. ein weibliches gewürz, sagen sie. safran. sehr weiblich. der boden des paradieses ist ganz damit ausgelegt. man lacht, wenn man viel davon nimmt. zu viel ist giftig. man lacht sich tot. ich würze meine fischsuppe aus ihrem schoß.

24.02.2005 um 14:51 Uhr

reggeli, italök (Kneipen 65)

von: hibou

die nacht einmal wieder im orient-express ward ICH ungebunden. legte sich unter die mannaesche wo das gras schon niedergedrückt von anderen. schaute sich um streifte ein stoßgebet an santa caterina das flog flog mit dem sommer weg durchs laub entgegen dem fall. sollen die vögel arabiens flügel haben und ICH bliebe schwer? wir kreisen mit unseren gewogenen worten. nicht zu leicht befunden zum gehen zum bleiben.

23.02.2005 um 14:41 Uhr

Staatsbesuche

von: hibou

Da fühlten wir uns etwas schlecht, als vor ein paar Monaten Bush die Türkei besuchte. Sind wir eine Bananenrepublik? Alles war weiträumig abgesperrt, Autobahnen lagen brach, der Luftraum abgeriegelt. Viele Leute konnten nicht einmal zur Arbeit gehen.

Aber jetzt sind wir beruhigt. In Deutschland geschah alles genauso.

Eine Amerikanerin, befragt, ob sie einen Sinn in Bushs Reisen sähe, antwortete: Er versteht doch gerade mal einfaches Englisch, wie soll er Leute mit anderen Sprachen verstehen?

22.02.2005 um 16:22 Uhr

Crivitz (Kneipen 64) (übrigens wird die Serie 99+1 Kneipen enthalten) (Wieviel Namen hat Allah?)

von: hibou

Ich sollte nun zur Sache kommen, nämlich meinem Wunsch, auf die Hochschule für Bildende Künste am Lerchenfeld zu gehen (“Künstlerinnen können im Fliegen singen“), ich hegte ihn in der Tat irgendwo in der Hinterstube meines Herzens. Materialien zum Sprechen bringen! Pigmente, Erden, Schlämme, chemische Derivate, Abfälle, Leichenreste – etwa Taubenfedern -..... Mein erster Freund David, ein französischstämmiger Kanadier, hatte, das fällt mir eben ein, Namen aus der Natur gesammelt, zum Beispiel Kerner, oder Bush, - was ist ein Nosbusch?, fragte ich sofort -, Gerhard Baum, Rudolf Blume, Franz Gans und wie sie alle heißen, George Sand.... Ich war in den Siebzigern wieder in Crivitz gewesen, mein Vater  noch immer linientreu wie Mondrian, obwohl die allermeisten aus seiner Familie in den Westen rübergemacht hatten. Das Wochenende hatten wir im Dorfgasthof verbracht, das Zimmer lag über der Gaststube und kostete fünf Mark. Der rohe Holzboden war mit Sand gereinigt worden, bevor ich mit nackten Füßen darübergelaufen war und mich später beim Ficken wie am Strand gefühlt hatte. Sandkörner, ohne Arme und Beine unfähig, sich selbst fortzubewegen, gelangen doch von den Zehen bis in den Nacken und in alle großen und kleinen Ritzen, du streichst sie beim nächsten wichtigen Vorstellungstermin reflexartig hinterm Ohr hervor, dies verbessert deine Chancen nicht, sie knirschen auf den Zähnen, und äßest du rote Grütze......

(zurück ins Zimmer)

21.02.2005 um 19:39 Uhr

café nast (kneipen 63)

von: hibou

tozeur, sahara. das filmteam des englischen patienten ist bei den einwohnern unvergessen. bordel, ces mecs! in unserem reisebus ist jemandem schlecht. der chauffeur hält beim friseursalon kurz vorm ortsende. hierzulande, sagt sami, der reiseführer, ist der friseur zugleich arzt, therapeut aufklärer, hochzeitsmakler, brautputzer. mich überkommt ein verlangen nach depilation. das zwickt an manchen stellen. der bus fährt inzwischen ohne mich weiter. ich habe zeit und lasse mir im selben arbeitsgang den rücken tätowieren. was soll es sein? ein lokal, vielleicht das  café nast, wo die stühle blaugrün gepolstert und die deckchen weiß sind. dort sitzen die leute wie in eisenbahnabteilen. nur logisch, denn das café rast unvorstellbar schnell mit der erdumdrehung mit. glücklicherweise fährt der bürgersteig auch mit, die straße mit den lieferwagen, der comic-shop, das dreifarbenhaus, die stiftskirche. aber keiner schaut nach draußen. jeder einzelne liest in einem buch des schweizers stauffer. dort sind die fußnoten länger als der haupttext. in einer art foxtrot-rhythmus blättern die leute zwei seiten vor, eine zurück, zwei vor, eine zurück. killing me softly. ich bin schon vorsichtig, sagt der tatoo-friseur. die leute im café leiden etwa an staublunge, arteriosklerose, bandscheibenvorfall oder ulkus. indem sie auf meiner haut ins bild gebannt werden, ist auch ihr leiden stabilisiert. voilà, sagt der berber. ich freue mich auf den sommer, wenn ich mich am strand bäuchlings hinlegen werde. die leute sollen was zu schauen haben.

(zurück ins funkhaus)

20.02.2005 um 18:48 Uhr

Rosen

von: hibou

Wir fahren vom Flughafen zurück nach Turgutreis. Dilek liest mir aus "Cumhuriyet" vor.  In Daenemark betraegt das durchschnittliche Jahreseinkommen 35000 Euro. Wenn einer morgens aufwacht und eine leichte Depression verspürt, geht er zum Arzt und wird zwei Wochen krankgeschrieben (Das ist bereits nicht mehr so, sie fahren auch da kraeftig zurück, sage ich, und weiche einer Wasserlache aus). Bin noch nicht fertig, sagt Dilek. In der Türkei ist so was nicht möglich. Dafür sind die Zeitungen weit spannender zu lesen. Taeglich Mord, Vergewaltigung, Lug und Trug. Parlamentarier prügeln sich vor laufender Kamera. Bestechung gerade in hohen Funktionen voll normal. Vetternwirtschaft, mafiose Strukturen.

Aber es gibt auch positive Meldungen: In Manisa ordnete der Bürgermeister an, eine speziell schöne Zone des Friedhofs für Behinderte zu reservieren. Wir werden, sagte das Stadtoberhaupt, diese ganze Zone mit Rosen bepflanzen. Das nenne ich mal eine Nachricht! In der Türkei gibt es 12 Millionen Behinderter. Man sieht nichts von ihnen. Warum? Die Wege, die Strassen, die Autos und die Bahnen sind ihnen nicht zugaenglich. Sie sind verurteilt, im Wohnzimmereck zu sitzen, aelter zu werden, auf den endlichen Tod zu warten. Aber dann!!! werden sie im schönsten Teil des Friedhofes ruhen.......

19.02.2005 um 09:45 Uhr

Dubonnet (Kneipen 62)

von: hibou

In der Rue des Martyrs auf halber Strecke haben Katharina und ich einen Suze getrunken. Bestimmt habe ich ihr den giftgelben Bitter vorgeschlagen, weil Suze das erste Wort war, das ich mir zu lesen beibrachte. Es stand oben am Dach auf einer Werbetafel der Tram. Ich las es "Suutze" und von ihm aus brachte ich mir noch vor der Schule alle weiteren Worte bei. Meine erste Erinnerung an Paris ist auch ein Aperitif. Als ich damals so mit zehn oder elf Jahren Métro fuhr, flitzten im schwarzen Tunnel die Worte ....Du...... Dubon..... .Dubonnet..... vorbei.

Wir sprachen an der Bar jeder seine Sprache, Katharina Englisch, ich Deutsch, während der Barman in der dritten darauf hinwies, dass es an den Tischen aber teurer sei. "Gaston, y-a l’telefon qui son‘ " müßte die music-box spielen. Aber die gibt’s nicht mehr.

Als sie das letzte Mal in Paris war, 1968, erzählt Katharina, habe sie Pernod getrunken, aber den mochte sie nicht. Damals war sie auf einem Segelboot eingeladen, sie fuhren die Seine hoch und ankerten beim Pont Neuf. Man müßte ehrlicher sein, sagt sie, und einfach sagen, was man nicht mag.

18.02.2005 um 17:13 Uhr

Neue Kämpfe, Froschquaken

von: hibou

Sobald es dunkelt, beginnt das Konzert der Frösche. Sie sind uns völlig unsichtbar, ja, wir wissen noch nicht einmal, wo sie sich zu diesem Ritual genau versammeln. In den Wassergräben am Straßenrand? In den feuchten Feldern unter den Mandarinenbäumen? Jedenfalls liebe ich den regelmäßigen Rhythmus sehr. Inzwischen werden die Nachrichten von weiter weg einmal wieder dringender. USA drohen Iran und Syrien. Syrien und Iran schliessen sich zu einem Verteidigungspakt zusammen. Türkei richtet eine ernste Warnung an die Vereinigten Staaten, Kirkut und Nordirak betreffend. Negroponte wird befördert. Condoleeza Rice sieht zum fürchten aus. Schade, dass ich nicht mehr gegen das Bush-System kämpfen kann. Aber vielleicht kann ich's ja doch?

17.02.2005 um 14:18 Uhr

Deep Space Ten (Kneipen 61)

von: hibou

Ich bin bei einem Kneipier angestellt, der für das Aufspüren und Aufsammeln von Astronauten zuständig ist.

“Im All sind sie souverän, hier unten sind sie aufgeschmissen, sie finden sich nicht zurecht!“, sagt er und füllt eine Likörflasche nach. Wir, zwei – drei Leute, haben Fahrräder und durchkämmen die Landschaft nach solchen vom Himmel gefallenen Raumfahrern, bringen sie dann zur Kneipe hin. Manche sind echt, manche sind Darsteller ihrer selbst, manche bekannte Stars wie Jonny Depp, Renée Zellweger, Charlyze Theron oder Sibel Kekilli. Die Gegend ist eine Mischung von Kiesgrube, Kultursteppe und umgepflügten Everglades. In einer Pause treffe ich Frau Broscheid. Sie sitzt mir gegenüber am Tisch und erzählt begeistert von einer Kunstreise nach Andromeda, die sie gerade geführt hatte. Dabei beugt sie sich so weit vor, dass sie mir ins linke Ohr redet und ich den Flaum an ihrem Hals an der Wange spüre. Schließlich zieht sie sich ganz auf den Tisch hoch, robbt zu mir rüber und setzt sich auf meinen Schoss. “Heute abend muss ich es Boy George besorgen“, sagt sie, “das ist nicht einfach, besonders mit dieser Wäsche.“ Sie trägt einen Rock namens Pimpinelle, ein Hemd namens Hemd, Socken mit Namen Yashin und Boas, einen Schal namens Mevlude, einen BH namens Rührmichnichtan und einen Schlüpfer namens Deborah….

16.02.2005 um 12:02 Uhr

Déjà-vus

von: hibou

Wir haben uns in einer Welt von Déjà-vus eingerichtet.

Ganz platonisch sehen wir jede Situation als herabgeschattete ideelle Wahrheit.

Sie meinen also es gäbe definitiv nichts neues unter der Sonne?

Was sagt die Werbung: "und wenn du einen Wunsch frei hättest? Alles soll so bleiben wie es ist."

Le navire mouille dans le port de Dakar. Die Entdeckungen? Die wissenschaftlichen Neuländer?

Ja, sie haben recht, es ist ja nicht so, dass nicht über den Horizont hinausgegangen werden könnte, aber leider macht uns Altgewohntes oft mehr Freude.....

.....wie lockt man Neugier hervor? In der Nachbarschaft verfolgen die meisten doch kleinste Neuentwicklungen mit (Schaden)Freude.

Dagegen stehen ganze Bereiche, wo Neuigkeiten fern der Wirklichkeit sind, gemacht werden. Der Sport zum Beispiel.

Der Sport? ist ein Fußballspiel nicht reine Gegenwart? es ist buchstäblich live.

Jetzt kommt die Sendung "big brother" Alles ist echt! Der Quantensprung des Münchhausen, aber auch ein wenig ehrliches Eingeständnis, dass nurmehr "echt" was vor der Kamera stattfindet. Insofern ist derjenige der Bewohner, der jüngst beim Masturbieren gesehen wurde, der ehrlichste und hat den Kern der Sache kapiert.

15.02.2005 um 10:29 Uhr

Staunen an der Wirklichkeit

von: hibou

Ich spiele am PC. Strategie- und Simulationsspiele, jetzt auch online. Hach! Es ist alles so echt. Die 3D-Grafik, man könnte meinen, einen steinigen Hügel hinaufzuklettern, das Wetter wechselt, die Landschaft ist endlos....

Ich muss alles genau überlegen. Brauche ich ein Haus? Wieviel kostet es? Was muss ich ausbauen? Womit kriege ich Geld rein? Da ist zum Glück der Knopf "Bilanz". Sehr wichtig, er zeigt genau, wie es finanziell um mich steht. Habe ich ein Auto, gehen na klar die Benzinkosten von meinem Guthaben ab.

Ich muss zum Amt, Steuern zahlen. Ich treffe andere Leute und muss mit ihnen auskommen. Ich vermähle mich sogar. Die Frau wird schwanger, kriegt einen Sohn. Der schreit tagelang. Schon steht die Fürsorgerin vorm Haus. Die Pizza brennt an.

Verschiedene Katastrophen bedrohen die Idylle auch. Erdbeben schneiden mich von meinen Aeckern ab. Feinde fallen ins Land. Diebe bedrohen mein Haus. Schnell den Schmied gerufen, er soll alles vergittern...

So vergehen Stunden am PC. Endlich schalte ich ab. Die Augen schmerzen. Ich gehe ein wenig vors Haus. Die Landschaft! Beste Dreidimensionalitaet. Die Grafik baut sich blitzschnell auf, egal wohin ich mich drehe. Ein wunderbarer Hügel liegt vor mir. Die Gänseblümchen auf den Felsen echter als jedes Foto. Ohje, ich sollte das Auto waschen.Aber es regnet heute in Strömen. Ist eigentlich die Versicherung bezahlt? Mein Guthaben ist im Minusbereich. Vorgestern war wieder ein Erdbeben draussen in der Aegaeis. Schwiegermutter kocht Kohlsuppe. Meine Güte!!!!! Das Leben ist ja echter als jedes Computerspiel! Weia!

13.02.2005 um 11:02 Uhr

Sonntagslektüre, erbaulich, hintersinnig und bösartig

von: hibou

"Könnte ich die Zeit noch einmal vierzig, fünfzig Jahre zurückdrehen, würde ich es vielleicht wagen, in den achten Bezirk zu ziehen."
 (Friederike Mayröcker)

.... und andere neue Sprüche des Tages heute in SubRosa :-))

12.02.2005 um 22:28 Uhr

Intermezzo/Etude

von: hibou

auf romea. mit wittgenstein

ein einzigmal ist jeder mal allein und wenn ich mir was wünschen dürfte wär’s ein fleck von einzigem blassblau mit reissverschluss dass die silberschuppen bleiben. vom sternschlucken. vom mondreissen. das sag ich unterm horizont wo aber der grosse und der kleine hund dem jäger ebenso treu folgen wie im land der unbegrenzten.

(IM MOMENT WO ICH EIN VERB BENUTZE ZEIGE ICH ABSICHT)

komm her und verbind mir die augen. damit ich dich besser hören kann.

für sissy (fading)

die form der welt schneidet uns inzwischen schmerzhaft ins kreuz. das volk sprüht den rest der mauer vom himmel. was du von thales träumst erinnert sinus und schoß.

zeitige hände kippen pläne ins bett. für die zeit vor dem mögen.

ellens tipi

ich weiss von dir im mittelohr. meine spuren sind lange zu lesen. zistrosen wachsen am fuss mir. eine stelle ist frei für den nächsten.

12.02.2005 um 09:03 Uhr

An dieser Stelle laufend Information zum Grand Prix de l'Eurovision (smile)

von: hibou

Gestern abend wurde der Song, mit dem die Türkei im Mai in Kiew antreten wird, ausgewaehlt. Es standen sieben Lieder zur Wahl, doch keines konnte annaehernd mit Athenas "for real" oder Sertab Ereners "Everywhere that I can" mithalten.....

Aus der Ukraine war Vorjahressiegerin Ruslana zu Gast. Desire! Forever! Nja na na na wanna be loved! I'm wild!!!

Ein kleines Problem: heuer hat das türkische Lied einen türkischen Text ( auch wenn winiwinis, woody woodies und nah nahs dabei sind) Frage: wird Frankreich nun das Referendum dagegen ergreifen?

11.02.2005 um 16:58 Uhr

Die unnachahmlichen Gesten (Kneipen 60!, featuring Nina Petri))

von: hibou

Daniele, heute mit angeblondeten Strähnchen im kurzen Haar, gibt mir die Hand und sagt, hallo, habe nicht mit ihnen gerechnet, ich hätte sonst den Platz reserviert, und so sehe ich heute nicht in die Küche hinein, was bestimmt fehlt, zum Rioja und der Stimme der Sängerin im Lautsprecher; sie begehrt jemanden heftig, tragisch und verzweifelt und ebbt schließlich zur Ergebenheit ab, entweder in Erreichtes oder Unerreichtes. Aber was ist das gegen die Hände, die Finger, die die Fischsuppe würzen, mit dem straffen Abreiben von Zeige- und Mittelfinger gegen den Daumen? Was ist das gegen die unbemerkt in Arbeit gespannten Lippen der Köchin Mari? Frida Kahlo schnitt sich in Liebesleid das hüftlange Haar kurz. Die Feindesliebchen wurden nach dem Krieg geschoren zum Zeichen der Ehrlosigkeit. Auch ich will die Ehre nicht. Ich gäbe eine Million Dollar, sagt Pete Sampras, wenn ich mich unerkannt in den Straßen bewegen könnte. Sagt das auch Claudia Schiffer, die zum Modeln keine Lust mehr hat, oder würde sie vielleicht einen Teil der Summe wieder nehmen, wenn der eine oder andere sie fernerhin anschaute? Ich muß die Frauen fragen, wie es ihnen damit geht. Letzte Woche in Bremen habe ich mich mit Nina Petri darüber unterhalten, mich ein wenig in sie verliebt, in ihr schönes eckiges Gesicht mit dem Kinn aus Sicherheit und Stärke und in ihren Leib im grauen Mohair-Top. Aber sie? Schon heute hat sie mich vergessen, wenn sie mich denn überhaupt wahrnahm. Man lebt mit der Zeit wie auf Autopilot, sagen die Stars und die Sternchen. Sie stellte die Tittenfrage, und warum diese immer so entscheidend sei, zum Beispiel beim Casting. Wer würde schon so prinzipiell zwischen blauen oder aber braunen oder sogar flaschengrünen Augen werten? Mari hier gehört ebenfalls zu den Grazilen, auf ihrem Rücken kreuzen die BH-Träger genau am hervorragendsten Punkt die Schulterblätter, so daß sie zwei spitze Flügelchen unterm weißen T-Shirt verbirgt. Ich will K.auf ihre Ähnlichkeit mit Kate Moss ansprechen. Die Stirn! Meine Schwester ist schön und hat kleine Brüste. Ob sie den Salomon schon gelesen hat? Und die Lautsprecherstimme ist wieder am Crescendo....Heute nehme ich einen Flan nach dem Essen. Und wenn ich wieder zu Haus bin, werde ich "Alberta, let your hair hang low" von Dylan auflegen. Und jetzt fragt der Sohn mit den ersten Spuren des Erwachsenseins im Gesicht seine Mutter etwas - aber nichts liegt ihm jetzt ferner als die Tittenfrage-, und seine Mutter Mari tritt nahe an ihn heran und mit der unbewußtesten Geste der Welt schließt sie ihm den orangen Anorak vor der Brust und legt ihren durchgebogenen Mittelfinger mit Nachdruck unter sein Kinn.....

(zurück ins Funkhaus....)

10.02.2005 um 10:22 Uhr

Freddy, der Toilettenmann (Kneipen 59)

von: hibou

Toilettenmänner verfügen oft über ein geheimes Wissen. Nicht der anrüchigen Art, wie man zunächst denken könnte, nein: die langen Nächte in den Tiefen, an den Ufern des Vergessens, machen sie ganz allmählich besonders sensitiv für alles das, was wir in der steten Eile unseres deduktiven Tageslaufes nicht bemerken.

Sie geben aber nichts davon preis, so sehr sie auch darauf aus sind, das eine oder andere Wort mit ihrer drangvollen Kundschaft zu wechseln.

Oft schlummern sie sogar. Regungslos und mit gebeugtem Kopf sitzen sie da, während man sich vorsichtig an ihnen vorbeidrückt, den Blick schon magnetisch von dem kleinen schmutzigen Tellerchen angezogen. Waren es nicht vor kurzem noch Groschen, die man gab? Warum verrinnt die Zeit so rasch, daß unmerklich mit einemmal nur noch Fünfziger gefragt sind?

Auf dem Rückweg dann kommst du nicht ohne Opfer an ihm vorbei, so steinern er eben noch eingenickt schien.

Vielleicht ist er viel eher ein Wächter des stillen Ortes, als daß er seine Stunden mit Putzen verbringt...

Freddy hat kräftiges weißes Haar, von gelben Strähnen durchzogen. Unwillkürlich lassen sie einen an lange nicht gewaschene Kneipenvorhänge denken. Noch nie sah ich echtes Haar so sehr wie ein Toupet aussehen. Mit Wasser und vielem Kämmen hatte seine Mutter in Velbert es zu bändigen versucht, mit Pomade wollte er es nach hinten zwingen in der Zeit nach dem Rauswurf aus der Schule, als er Schiffschaukelbremser war und alle Flecken Westfalens durchzog! Nach jedem Aufbau war er der erste gewesen, der die Schaukeln anschwang. Niemand traute sich so hoch wie er! Oh ja, die meisten der halbwüchsigen Mädchen aus den Dörfern waren ein klein wenig in ihn verliebt gewesen damals!!

Noch jetzt leuchten seine Augen, wenn er daran zurückdenkt. Diese Augen, die hinter den dicksten aller möglichen Brillengläsern riesengroß und verschwommen hervorschimmern.

Er reckt sich ein wenig und holt eine neue Boston aus der blau-roten Zigarettenschachtel heraus. Oder er nimmt die Lupe zur Hand und beugt sich dicht über seine Zeitung, einige Zeilen zu lesen. Und wieder sitzt er reglos.

Sein Ohr aber reicht bis in die hintersten Winkel, auch die geschwungene Treppe hinauf ins gleichförmige Murmeln des Restaurants. Und schon beim geringsten Tappen auf den Stufen schreckt er hoch, wie damals als Kind in der Ostermesse, wenn “Dominus flevit” erscholl...

“Na, schon was gegessen, oder geht’s erst los?” pflegt er im allgemeinen mit knarrender Stimme zu fragen. Manche Eindringlinge aber bewegen ihn zu verblüffenden, verwirrenden Worten: “Frau Schümann, ihr Mantel brennt!” Woher kennt er ihren Namen? Wie weiß er, daß sie in einigen Tagen unachtsam Benzin verschütten wird? “Nehmen sie lieber eine Taxe!” oder “Tja, gestern noch auf stolzen Rossen...” wird er dann wohl murmeln. Dabei bedenkt er jeden mit dem gleichen hölzern-freundlichen Grinsen, und die Worte schweben wie die eines Bauchredners diffus im blaugekachelten, schmalen Korridor.

Die bleiche Frau fragt er an diesem Mittwoch: “Das Freddy-Mercury-Abschiedskonzert gesehen?”

Sie hatte sich schon vorher leicht und sorglos verwundert, daß sie trotz guten Appetits stetig an Gewicht verlor. In der nun folgenden Nacht aber wachte sie mitten in einem heißen Fieber auf, griff wie eine Ertrinkende nach dem Knipsschalter am Lampenkabel. Die nächsten Wochen ertappte sie sich dabei, mehr und mehr Überstunden im Büro anzuhängen. War sie nicht so leistungsfähig wie je? Las sie die Morgenzeitung, überschlug sie wie zufällig die Seite “Wissenschaft und Forschung”, wo von Helferzellen, Retroviren, Lymphknotenschwellungen die Rede war.

Zu Hause erreichte ihr Drang nach Antisepsis ungeahnte Ausmaße.. Ein Laken auf dem Teppich unterm Bügelbrett, um jeden Kontakt der Wäschestücke mit dem milbenverseuchten Boden zu verhindern! Jede Woche mehrmals alles mit Sagrotan abwischen!

Sie mied die Menschen. Einen Freund hatte sie schon lange nicht mehr. Oh, verdammt, die Latenzphase kann bis zu zehn Jahre dauern! Wieder ist sie den Tränen nahe.

Eine nachtfinstere Wolke legte sich ihr auf die Seele. Nun saß sie apathisch vor dem Bildschirm, begann immer öfter zu fehlen.

Ein letztes Aufbäumen. Sie geht freiwillig zum Test. Doch er ist negativ!

Ein oder zwei Tage der Erleichterung. Dann legte sie sich zu Bett, um nicht mehr aufzustehen. Als sie eingewiesen wurde, wog sie noch knapp 80 Pfund. Sie verblühte nun schneller als ein gerupftes Springkraut, der Tod griff noch vor Johanni nach ihr.

Im Augenblick, als sie schon schwerelos unter der Decke trieb, ein wirbelnder, donnernder Trichter sie ansaugte, der Arzt noch mal die Sauerstoffmaske andrückte, um gleich darauf mit den Schultern zu zucken, kam die Stärke in sie zurück.

“Schon was gegessen, oder geht’s noch los?

Diesmal fragte ich zurück.

“Nee, da oben, das kann ich mir nicht leisten! Mal eine Schnitte, die ich mitnehme oder so. Wasser. Muß ja sehen, wo ich bleibe, nicht?”

 

09.02.2005 um 11:58 Uhr

Bath (Kneipen 58)

von: hibou

Die Schwingtüre zwischen Speisesaal und Küche war mit Messing bis über Kniehöhe beschlagen. Kellnerinnen und Kellner in ihren blauweißen Kostümen schlugen schwungvoll mit dem Fuß dagegen, um mit den Speisen ohne einzuhalten rasch an die Tische zu gelangen. Der indische Küchenjunge wischte in jeder unbeschäftigten Sekunde über Platten, Rohre und Gestänge, der Lappen saß an seiner Linken wie ein durchbluteter Verband. Später am Abend würde er Nachrichten aus Kaschmir sehen. Die reinlichen, aseptischen, sicheren Bereiche, markiert durch makelloses Weiß von Tischdecken und Servietten, von polierten Möbeln und einem Chef de Rang, der über allen stehend die Blicke schweifen ließ und die Plätze zuwies, selten einmal etwa die rechte Braue fragend hob, waren nur Ausschnitte nur winzige Ausschnitte, grosso modo inexistent. Dampf und Messer und Gewürze und Tod, Ratten, Schimmel und Grünspan aber herrschten überall sonst unangefochten. Der Küchenjunge hobelte Parmesan, versah die großen Teller mit den Speisen mit ihrer Aura von Petersilie und Liebstöckel. Göttin Kali, geduldig, sanft in ihrer Langmut, ließ die feinen Herrschaften ihren feinen Lüsten frönen, selbst ein Lächeln ersparte sie sich im Wissen um ihre sichere Beute. Kurz vor Mitternacht erst würde der Boy sein Zimmer im Untergeschoß aufsuchen. Immer um diese Stunde nach den News kam “ready, steady, cook“ bei BBC. Und noch im Schlaf, auf der zerwühlten Matratze, die Sachen achtlos auf den Boden geworfen, sah er gebratenen Hering, Saumon à la printanière, Huhn auf Ratatouille und ganz fern etwas anderes, er wusste nur, dass es kein Küchenartikel war, etwas anderes unbestimmtes und er schloss die Augen und der Fernseher plärrte weiter und er sah es immer noch.