Message in a bottle

08.02.2005 um 15:00 Uhr

Ostsee

von: hibou

(wie man mir nichts dir nichts in Seefahrerslang fällt)

In den Pyrenäen, es war in der Gegend von Montségur oder Ax-les-Thermes erreichte mich eines Julitages ein Anruf von Anne, Katja und Melanie, ich möge – bitte bitte! – sofort nach Burg auf Fehmarn kommen. Herr Schultz, der Geschäftsführer der Schule, würde sie auf eine Tour mit seiner Yacht mitnehmen, aber er bestehe darauf, einen Lehrer dabeizuhaben, wegen der Verantwortung und so. Wir wollten eh den nächsten Tag zurückfahren, und so sagte ich zu. Ich war noch nie auf Fehmarn gewesen, geschweige denn, auf einer 10m-Yacht. Sie trug selbstredend einen Mädchennamen – Karin? Carina?? -, wir sahen sie lange vom Quai aus an, denn sie war noch nicht klar zum Segelsetzen. Herr Schultz, Jan und Oliver krebsten mit den Oberkörpern in der Motorluke herum, bald wurde dies, bald wurde das poliert und fertiggemacht, es musste noch eingekauft werden, so vergingen zehn bis zwölf Stunden... ich schmiss mich in eine Koje, wo mich mitten in der Nacht sanfter Seegang wecken würde. Wir liefen aus, mitten durch ein Hin- und Her von riesigen Schiffen. Der Sinn der grünen (Steuerbord), roten (Backbord) und weißen (Top) Lichter wurde schnell klar. Du kannst an deren Konstellation sofort erkennen, ob solch ein Riese von dir weg oder – oh Graus – auf dich zuläuft, welchen Kurs du anlegen musst, um klarzukommen. Jeder von uns durfte ans Steuer, aber da war ja die Satellitenanlage in Schultz‘ Kajüte, die sofort zu fiepen anfing, wenn man ein paar Grad vom festgelegten Kurs abkam. Das alles war so spannend, dass wir nicht zum Schlaf kamen. Ohnehin waren für uns sechs Leute nur vier Kojen vorhanden.

Während der nächsten zehn Tage hatten wir nur einmal zu viel und sehr oft zu wenig Wind. Dann war die See wie Samt, nachts von tiefem lila, tagsüber wie ein grauer Mantel, auf dem sich die gerippten Muster der Böen lebendig abzeichneten. Die Sonne ging, als wir weiter nach Norden kamen, ganz weit im Nordwesten unter und eine Stunde später ganz weit im Nordosten wieder auf, so dass die Abendröte am Nordpol zur Morgenröte wurde, Eos, die rosenfingrige, von uns beim Umkleiden beobachtet werden konnte. Der Käpten schlief meist, kam nur nach oben, wenn von unseren Aktivitäten das Satellitensystem zu fiepen begann. Was ist los? fragte er dann. Eos beachtete er nicht. Ich war sehr oft am Steuer, manchmal, bis die anderen das Frühstück aufgetischt hatten.. Tagsüber war die Fahrt oft auch so gemächlich, dass wir mit einem Tau umgürtet ins Wasser sprangen. Der Wind kam stetig aus Südwest, wir setzten den Spinnaker, und doch brauchten wir vierzig Stunden bis Bornholm.

Neu für mich: wie sehr man sich auf ein regloses Klo und eine warme Dusche freuen kann. Der Hafen. Von See aus ganz anders erlebt als bisher von Land, von außen: Lebensbedürfnisse, Erholung, schlafen an Deck. Wir machten irgendwo in der vierten Reihe der Boote fest. Um an Land zu kommen, steigst du über drei andere Decks hinweg. Die Tankstelle. Wasser nachfüllen. Die Nacht mit ihren Parties. Der Landgang.

Als wir weitersegelten, kam hoher Seegang und frischer Nordwind (Nordost?). Auf meinen Wunsch wurde das Steuer durch eine Pinne ersetzt. Beim Segeln am Wind spürst Du den Druck der Wellen auf sie und damit das ganze Boot, gehst dagegen an, fällst etwas ab, die Welle hinauf, die Welle hinunter. Du fühlst Dich eher winzig. Aber was rede ich, nachdem Moby Dick längst geschrieben ist.. Alle bis auf den Skipper wurden seekrank. Wir drehten um und liefen in einen geschützten Hafen an der Südküste (Karlshaven?) ein, wo wir auf besseres Wetter warteten und so lange mit dem Boot an der Felsenküste entlangfuhren. Endlich ging es weiter, nach Norden, zu den Erbseninseln. Christiansø ist lieblich und gibt einen Vorgeschmack auf die Schären. Der Hafen befindet sich in der schmalen Durchfahrt zwischen den beiden Inseln. Große orange Lilien blühten zwischen den Felsen, wir verspürten so etwas wie Glück.

Wir bekamen eine Ahnung von der unterschiedlichen Weltsicht der Seefahrer. Innenwelt, Ausgangspunkt, "Heimat" ist das Boot, im weiteren Sinne die See. In den Häfen, die man anläuft, begegnet man einem Stück "Außenwelt". Die Gegend hinterm Hafen, jedenfalls alles, was über die naheliegenden Bars und Etablissements hinausgeht, ist einem so fremd und unzugänglich wie der Landratte die Weiten des Ozeans. Ich war zweimal auf Bornholm, einmal mit dieser Yacht – siehe oben -, einmal mit Fränze und Flo an der Südspitze der Insel für Bade- und Kartenspielferien. Es ist mir, als ob ich zwei völlig unterschiedliche Inseln besucht hätte, und das, obwohl wir natürlich auch für den Urlaub mit der Fähre kamen (aber da war das Schiff nichts anderes als eine Eisenbahn oder ein Auto: nur Transportmittel).

07.02.2005 um 15:57 Uhr

Diagonalen – Lebenslinien (Kneipen 57)

von: hibou

Quer durchs Lokal fiel mein Blick aufs Schiebefenster, das meist bis auf einen handspannenbreiten Spalt heruntergezogen war, in die Küche, schräg auf die freistehende Herdplatte und auf die beiden sich rings darumherum bewegenden Köchinnen. Je mehr Leute das Lokal betraten, desto schneller bewegten sie sich, desto vielfältiger wurden auch ihre Tätigkeiten; je länger die Gäste saßen und aßen (wenn sie bezahlten, und mehr Leute das Lokal verließen als neue hinzukamen), desto ruhiger wurde es auch hinter dem Fensterspalt. Ein zusammen mit den Bestellungen, den Wegen des Kellners zu allen Tischen hin und wieder, dem Kochen und Essen und Trinken und den hin und her fliegenden Worten wunderbar verknüpfter Gesamtvorgang, gleichzeitig und doch zeitverschoben, alle Akteure schwungvoll mit einbeziehend, musikalisch!

Rechts darüber an derselben Wand hing Modiglianis „Große Nackte“, ein sattes Querformat, die Frau schräg übers Sofa ausgestreckt, der Kopf ganz zurückgenommen, die Arme hoch hinter ihm verschränkt, das Angebot eines sanften Leibes von den aufragenden Brüsten bis hinunter zu mächtig geschwungenen Hüften, dem Schamdreieck wie einer kleinen schwarzen Cheopspyramide.

In der Küche konnte ich von den beiden Köchinnen bloß die Hüftpartie sehen, weiß, fleckig an den Seiten, wo ölverschmierte Hände abgewischt werden, den Schoß eben über Plattenhöhe, davor zwei weiße Schürzenkordeln senkrecht hinunterhängend. Die Unterarme und Hände bewegt, sie schöpfen, halten, schütteln und wenden die Bratpfanne, streuen, rühren, schütten, fangen, reichen. Das Becken der beiden sich drehend, von allen Seiten zu sehen. Flammenschein, der kurz über der Pfanne aufzischt und wieder erlöscht. Dann die Handgelenke, ruhig herabhängend, unhörbare Worte zwischen den beiden, Schweiß, ruhiger Atem.

Wärme, Feuer Soßen, Tortellini, Unterbauch, Stoffwechsel, Dampf, Düfte.

Und ich mit meinem Auge. Und mein Kopf: räsonierend. Bewegung, Ruhe, Andante con brio.

07.02.2005 um 13:48 Uhr

dung

von: hibou

Dung ist vor knapp siebzehn Jahren in Hanoi geboren, spricht aber kaum noch vietnamesisch. Jeden Tag des Jahres fast sehe ich die Jungs bei uns im Lehrstellenbüro Tischfußball spielen. Meist schaut man nicht hin. Aber eben sehe ich, dass das Match anders steht als ich es dem Anschein und der Gewohnheit nach erwarte. Fatmir der schlaksige Bosnier arbeitet aus Leibeskräften an den Stangen, schwitzt, schreit, kommentiert sich selbst, murmelt Beschwörungen vor sich hin, flucht. Wenn der kleine Ball gegen die Torwand kracht, verbiegt sich sein Körper über Brust und Hüften bis in die Kniegelenke. Er greift hinter sich und zieht ein grünes Teil aus dem Papierspender, um die schweißnassen Griffe und seine Handflächen abzuwischen, er kommentiert stoßweise die Wege des Balls und legt ihn seinen roten Figuren mit zuckendem Handgelenk vor.

Dung ist kleingewachsen, seine noch fast kindlichen Hände liegen ganz ruhig und fast kontaktlos auf den Griffen. Er steht aufrecht, aber entspannt, er sitzt in seinem Leib wie in einer Schaukel .Er lächelt, schweigt, zeigt keine Mimik. Man muss seine hängenden Lider unaufhörlich ansehen. Er gewinnt grade ohne sichtbare Anstrengung und mit sanften Vorstößen. 9:1

Fatmirs Vater war vor acht Jahren im Krieg. Jetzt schlägt er manchmal seine Kinder und seine Frau. Nach Prijedor können sie nicht zurückkehren.

In Dungs Ausweis steht, die Aufnahme von Arbeit oder Ausbildung sei nicht gestattet. Er wird demnächst in ein fremdes Land abgeschoben.

05.02.2005 um 16:13 Uhr

bauwoche

von: hibou

wir sind beim aufräumen. vor einer woche begann es: der spülsteinablauf war verstopft. metin, der klempner (nicht der schwager von gülshen) sollte noch den trauf vom dach reparieren. wenn er schon da ist. nachher (es regnete inzwischen) hatten wir wasser in der flurwand. das problem ist, dass handwerker manchmal die sache nicht verbessern. also musste er nochmal kommen. der elektriker war auch grade da, weil die lampe im keller kaputt war. während er flickte, brach metin die wände, mit dem wir einen teil des kellers abgetrennt hatten, nieder, und - zwei seiner leute waren inzwischen dazugekommen, brach zwei neue löcher nach oben, zog rohre bis zum dach hoch. wir setzten die drehenden kaminhüte drauf. rot. unser haus sieht nun wie wasilissas schlösschen aus. metin bohrte mit dem presslufthammer einen brunnen im keller. nun mussten die fliesenleger her. drei kurden. mit dem chef fuhren wir erstmal materialien einkaufen. sie fliessten den neuen kellerteil, den brunnen, wir fuhren nach bodrum, eine pumpe zu kaufen. überall vor dem haus und im garten lagen zementsäcke, voll, halbvoll und leer, eimer, werkzeuge, schalbretter, zwei leitern, dazu alles, was wir im keller gelagert hatten (also eine bügelmaschine, einen katzen- und einen vogelkäfig, kartons mit elektrozeugs, leisten für bilderrahmen, einen einkaufswagen für rentner, eine kaputte axt, katzensand, schuhe, moskitogitter, itongsteine usw.......). im flur lag zentimeterweise getrockneter mörtel und gips.

heute früh war endlich alles fertig. zum abschluss sprangen nochmal alle sicherungen heraus. nun sieht der keller wie neu aus. und auch der spülstein rinnt pfuiiiiit!!! ab. jetzt noch das haus putzen.

04.02.2005 um 10:48 Uhr

die seele

von: hibou

ich tastete mich wieder näher an die mitternacht. ich spürte die zeit wie der seiltänzer das stahlseil unter den fußballen und zehen. ja, wer bewegt sich? sie oder ich? jetzt war ich nah der mitte, die am weitesten von beiden enden der sicherheit liegt. so geht es einem, wenn man liebt. immer wenn ich. und wenn du das äußere wegnimmst, siehst du das innere. und wenn du das innere auch noch entfernst, die seele.

03.02.2005 um 09:56 Uhr

Wahrscheinlich (featuring Rex Gildo and Hanns Harz)

von: hibou

Heute ist der Papst im Fernsehen. (Hatte er nicht grade Grippe?) Ganz in weiß mit seinem starren Lächeln versucht er, zwei ebenso weiße Tauben fliegen zu lassen. Unten stehen wahrscheinlich eine halbe Million Menschen (Gläubige?) auf dem Platz. Die Tauben sollen wahrscheinlich für den Weltfrieden fliegen. Aber sie rühren sich nicht vom Fleck, flattern nur unwillig auf, als der Heilige Vater seine Hände unsicher hin und herbewegt, und setzen sich gleich wieder aufs Renaissance -(Marmor?)- Fensterbrett. Wahrscheinlich wissen sie mehr als wir vom Weltfrieden. (Die weißen Tauben sind müde....)

02.02.2005 um 13:22 Uhr

Öksüz, das Waisenkind

von: hibou

Wir machen Fitness zum TV-Programm. Die Vorturnerin ist nicht richtig schlank, sie ist auch nicht dick, aber prall, glänzend in Schuhen und Anzug, dessen Oberteil sie zurechtzupft, sobald ein Zentimeter Bauchhaut zu sehen ist; sie lacht mit breiter Zahnreihe, sie hat kleine schwarze Zöpfe - ungefähr so viele wie der Februar Tage hat -, sie sagt: " kücük kücük" und "son dört, son üc, son iki, son defa!" und "devam edioruz", sie hat grosse Mandelaugen und bewegt sich wie Dilek. Links und rechts von ihr, ein wenig im Hintergrund, turnen zwei andere junge Frauen, die linke ist, so sagt man, die Tochter des Besitzers von Olay-TV, weshalb sie fast in jeder Sendung auftaucht, die rechte aber (von uns aus gesehen), ist unbekannt, turnt wacker mit, schaut dabei etwas verloren und traurig aus. Ich stelle mir vor, sie könnte ein Findelkind sein, das man hier ins Fitnessstudio aufgenommen hat. Wir sagen einer zum anderen: schau, wie das Findelkind turnt! Besser als die Olay-Schatulle.... Ich frage mich, was sie wohl den Rest des Tages macht, wo sie ihre Stunden verbringt, wer ihr zu essen gibt. Eine ganze Geschichte tut sich auf. Aber jetzt schmerzen die Muskeln. Schnell ans Frühstück.

01.02.2005 um 10:24 Uhr

gedanken hüten

von: hibou

das schwarze wogen bei geschlossenem lid, das sich belebt, farbig wird und bald die inneren bilder, die sich genauso wie der schwebende wesenlose punkt, den ich manchmal im gesichtsfeld habe, in ihrer bewegung nicht steuern lassen, die aber im gegensatz zu diesem nicht nur einfach schräg abdriften wie ein winziger zerfaserter heißluftballon, sondern gestalt annehmen auf meinem organischen interface, während ich liegend schläfrig neugierig ahnungsvoll ihrem treiben folge.....

wer gibt dem orangegelben gesicht die möbelartigen kinnladen nick knattertons? woher die schwarzgraue watte? warum denke ich an barbieschönheitsfarmen? wo ist die tierische figur von eben geblieben?

in wahrheit benimmt sich mein denken ebenso zügellos wie diese. mein bett nimmt fahrt auf. ich meine es mental zu lenken, denn es stößt nie und nirgends an. treppauf treppab in den kerkern, zitadellen, bergfrieden, sälen und höfen des fräuleins mit der löwenfahne. Ich weiß im unterschied zu ritter gauwain, dass ich mich vor ihr verstecken sollte. früher träumte mir, ich säße auf dem dach eines autobusses mit nur minimalen möglichkeiten, mich im verlauf der rasenden fahrt über eine hochebene festzuhalten. so ähnlich ist es auch jetzt. nur die luft, dick und warm, hält mich wie eine emulsion in mir zusammen, knetet mein gesicht, lässt meine armbewegungen wie in zeitlupe aussehn und legt sich einem alp gleich mir auf die brust....

lionessas antlitz riesig auf meinem gesichtsfeld. mienenspiel wie erdschichtenverwerfung.

-ob ich mir klar sei?

und meine gedanken vielfach gespiegelt und ständig dem denken entgehend so wie die ziegenherde, wenn ich vorausgehe oder die schafherde, wenn ich den leithammel nicht mit dem speichelfeuchten salzbrocken hinter mir an unsichtbarer schnur des begehrens herziehe und die herde mit im. gedanken hüten, das ist fast schwieriger