Ostsee
(wie man mir nichts dir nichts in Seefahrerslang fällt)
In den Pyrenäen, es war in der Gegend von Montségur oder Ax-les-Thermes erreichte mich eines Julitages ein Anruf von Anne, Katja und Melanie, ich möge – bitte bitte! – sofort nach Burg auf Fehmarn kommen. Herr Schultz, der Geschäftsführer der Schule, würde sie auf eine Tour mit seiner Yacht mitnehmen, aber er bestehe darauf, einen Lehrer dabeizuhaben, wegen der Verantwortung und so. Wir wollten eh den nächsten Tag zurückfahren, und so sagte ich zu. Ich war noch nie auf Fehmarn gewesen, geschweige denn, auf einer 10m-Yacht. Sie trug selbstredend einen Mädchennamen – Karin? Carina?? -, wir sahen sie lange vom Quai aus an, denn sie war noch nicht klar zum Segelsetzen. Herr Schultz, Jan und Oliver krebsten mit den Oberkörpern in der Motorluke herum, bald wurde dies, bald wurde das poliert und fertiggemacht, es musste noch eingekauft werden, so vergingen zehn bis zwölf Stunden... ich schmiss mich in eine Koje, wo mich mitten in der Nacht sanfter Seegang wecken würde. Wir liefen aus, mitten durch ein Hin- und Her von riesigen Schiffen. Der Sinn der grünen (Steuerbord), roten (Backbord) und weißen (Top) Lichter wurde schnell klar. Du kannst an deren Konstellation sofort erkennen, ob solch ein Riese von dir weg oder – oh Graus – auf dich zuläuft, welchen Kurs du anlegen musst, um klarzukommen. Jeder von uns durfte ans Steuer, aber da war ja die Satellitenanlage in Schultz‘ Kajüte, die sofort zu fiepen anfing, wenn man ein paar Grad vom festgelegten Kurs abkam. Das alles war so spannend, dass wir nicht zum Schlaf kamen. Ohnehin waren für uns sechs Leute nur vier Kojen vorhanden.Während der nächsten zehn Tage hatten wir nur einmal zu viel und sehr oft zu wenig Wind. Dann war die See wie Samt, nachts von tiefem lila, tagsüber wie ein grauer Mantel, auf dem sich die gerippten Muster der Böen lebendig abzeichneten. Die Sonne ging, als wir weiter nach Norden kamen, ganz weit im Nordwesten unter und eine Stunde später ganz weit im Nordosten wieder auf, so dass die Abendröte am Nordpol zur Morgenröte wurde, Eos, die rosenfingrige, von uns beim Umkleiden beobachtet werden konnte. Der Käpten schlief meist, kam nur nach oben, wenn von unseren Aktivitäten das Satellitensystem zu fiepen begann. Was ist los? fragte er dann. Eos beachtete er nicht. Ich war sehr oft am Steuer, manchmal, bis die anderen das Frühstück aufgetischt hatten.. Tagsüber war die Fahrt oft auch so gemächlich, dass wir mit einem Tau umgürtet ins Wasser sprangen. Der Wind kam stetig aus Südwest, wir setzten den Spinnaker, und doch brauchten wir vierzig Stunden bis Bornholm.
Neu für mich: wie sehr man sich auf ein regloses Klo und eine warme Dusche freuen kann. Der Hafen. Von See aus ganz anders erlebt als bisher von Land, von außen: Lebensbedürfnisse, Erholung, schlafen an Deck. Wir machten irgendwo in der vierten Reihe der Boote fest. Um an Land zu kommen, steigst du über drei andere Decks hinweg. Die Tankstelle. Wasser nachfüllen. Die Nacht mit ihren Parties. Der Landgang.
Als wir weitersegelten, kam hoher Seegang und frischer Nordwind (Nordost?). Auf meinen Wunsch wurde das Steuer durch eine Pinne ersetzt. Beim Segeln am Wind spürst Du den Druck der Wellen auf sie und damit das ganze Boot, gehst dagegen an, fällst etwas ab, die Welle hinauf, die Welle hinunter. Du fühlst Dich eher winzig. Aber was rede ich, nachdem Moby Dick längst geschrieben ist.. Alle bis auf den Skipper wurden seekrank. Wir drehten um und liefen in einen geschützten Hafen an der Südküste (Karlshaven?) ein, wo wir auf besseres Wetter warteten und so lange mit dem Boot an der Felsenküste entlangfuhren. Endlich ging es weiter, nach Norden, zu den Erbseninseln. Christiansø ist lieblich und gibt einen Vorgeschmack auf die Schären. Der Hafen befindet sich in der schmalen Durchfahrt zwischen den beiden Inseln. Große orange Lilien blühten zwischen den Felsen, wir verspürten so etwas wie Glück.
Wir bekamen eine Ahnung von der unterschiedlichen Weltsicht der Seefahrer. Innenwelt, Ausgangspunkt, "Heimat" ist das Boot, im weiteren Sinne die See. In den Häfen, die man anläuft, begegnet man einem Stück "Außenwelt". Die Gegend hinterm Hafen, jedenfalls alles, was über die naheliegenden Bars und Etablissements hinausgeht, ist einem so fremd und unzugänglich wie der Landratte die Weiten des Ozeans. Ich war zweimal auf Bornholm, einmal mit dieser Yacht – siehe oben -, einmal mit Fränze und Flo an der Südspitze der Insel für Bade- und Kartenspielferien. Es ist mir, als ob ich zwei völlig unterschiedliche Inseln besucht hätte, und das, obwohl wir natürlich auch für den Urlaub mit der Fähre kamen (aber da war das Schiff nichts anderes als eine Eisenbahn oder ein Auto: nur Transportmittel).
