Message in a bottle

15.03.2005 um 21:42 Uhr

el taurino (kneipen 78)

von: hibou

alte spanier am tresen links, die freundlich mit ihren horst tappert-augen blinzeln, ganz unberührt von der hektischen atmosphäre im übervollen raum, der hin- und herflitzenden bedienung - bussi-bussi heike! - (heißen denn alle bedienungen heike?), einer löwenmähnige mit schilddrüsenüberfunktion, vom gestikulieren der wirtin, die auf einen sprung aus der küche, aus lammkottlett-dünsten und frittenöl -wolken, hier hereingekommen ist, wie immer in ihrem kurzärmligen weißen t-shirt, und die männer sind es zufrieden ein lächeln und ein freundliches wort von ihr zu erhaschen, wie es alte männer eben sind, wenn sie jede kleine aufmerksamkeit schöner frauen als gunst vergangener zeiten genießen... ehepaare sind hier, jüngere mit kindern und ganz junge noch schwanger und die schon genüßlich schmerzlich die geburt erwarten. vorläufig aber heißt’s noch frittierte kartoffeln mit majo futtern, den schon stolzen bauch behutsam unterm tisch rangiert. dazu männer vom typ uwe ochsenknecht mit jüngeren, sehr geschminkten frauen,sie unterhalten sich gedankenlos über blondinen auf wasserbetten. omas, die ihre lieben zur paella einluden und nun aufmerksam die rechnung mustern. ein mädchen hinterm tresen, sie ist neu, ihr wird grad gezeigt, wie die aus dem hängeregal entnommenen bierglaser am zapfhahn richtig angekippt werden müssen...die schwangere, die da den blick drauf ruhen läßt, muß auch prompt pinkeln gehen....ein langer androgyner gewohnheitssäufer mit angeglasten augen. er zieht sehr cool an seiner zigarette. ja selbstinzenierung muß sein. ansonsten genießen wir. im el taurino sonntags halb eins.

14.03.2005 um 16:21 Uhr

Tram15, Stammheimer Freiheit (Kneipen 77)

von: hibou

Schon kurz nach dem Hauptbahnhof weicht sie vom geraden Weg der Stadtbahn ab und macht einen krummen Weg an Pragfriedhof, Media-Forum, vorgeschichtlichem Museum (”vier Millionen Jahre Mensch”), Löwentor vorbei zum Pragsattel hinauf. ”Prag” heißt soviel wie Schwelle. Über die Schwelle zu gehen erweitert das Bewusstsein. Wer wäre also befugter zu Geistigem als ein Tramfahrer, der tausende und tausende überfliegt?

 

”AP ve kürt işçilerimin emeği” sagt mir die Schlagzeile meines Gegenübers. Die Dörfer Feuerbach, Zuffenhausen und Stammheim sind längst von Industrie überwachsen. Porsche liegt am Weg, Leitz Ordner auch. Und Bosch natürlich. Endstation: Schleife Stammheim. Neubauviertel dösen in sommerlichem Samstagmittag. Hier hat Freizeit was besonders dumpfes. Die Gasthöfe heißen noch ”Rössle”, ”Zum goldenen Löwen”, ”Hirsch”. Ich gehe ins Bistro ”Stammheimer Freiheit”; dieses Lokal ist wie geschaffen, durch Häufung von Klischees zu verunsichern: plumpe lila Barhocker mit grünen Plastikpolstern, Tresen aus Resopal, die Asbach-Uralt-Flasche kopfüber gehängt, die Wände rauhverputzt, Rattanmöbel, Billardtisch, Erdnuss- und Kaugummispender…

 

Der bosnische Chef empfiehlt Döner, die slawische Bedienung ist neu, ihr fällt auf Nachfrage nicht viel zum Namen ihres Lokals ein. Von der Jukebox: ”Freedom!” und ”Papa was a rolling stone”.

Kein anderer als Claus Peymann hat in einer seiner Inszenierungen die ”15” unsterblich gemacht. Die Linie wird demnächst eingestellt.

 

Die Fenster des nahen Hochsicherheitstrakts sind so verdreht, dass von außerhalb kein Sichtkontakt möglich wird. Romafrauen aber haben Stimme, sie rufen den Namen ihres Liebsten.

(schnell zurück ins Funkhaus)

13.03.2005 um 22:40 Uhr

zeitschock (kneipen 76)

von: hibou

plötzlich ist das jurameer wiedergekommen. hundert meter über den dachfirsten rollt die dünung und alles bei uns unten ist tiefblau. erstaunt klappen wir mit den kiemen. hikmeta lehnt hinter der offenen bronzetür zum café, den arm auf den türknauf gelegt, nur die schmale weiße hand sichtbar, die finger gestreckt, und diese hand bewegt sich und bringt das wasser in so feine wallung, dass die kalkpartikel verzögert aber harmonisch zu boden sinken und dort zu entzückenden spiralfiguren versteinern. niemand in der ganzen stadt bewegt die hand wie sie.

13.03.2005 um 17:43 Uhr

Montegrotto (kneipen 75)

von: hibou

Wir kommen spät aus der Stadt und es wird uns hinten in der fensterlosen Küche etwas zu essen gereicht. Auf dem langen Tisch stehen Weinflaschen, Besteckkörbe, ein Gurkenglas, liegen Brötchen herum, jeder kommt und geht. Zwei kleine Mädchen mit einem Teller Bohnen vor dem Kinn essen schweigend. Silverio hat seine neue Freundin mitgebracht, Marina, sie ist Römerin. Ho doccado dando. Sie frisiert und manipedikürt. Kurz ist auch Dsanni im Raum, etwas mürrisch, flüchtig cholerisch, hat sich mit der Mutter gestritten. Der Koch bringt die patate, im Flur klappern Servierwagen mit Geschirrtürmen und Essensresten vorbei. Die beiden getrennten Welten aller Hotels, draußen beim Gast Glitzern, da spielt der Pianist Wiener Blut und Tosca, Fetzen davon klingen herüber und in den Wirtschaftsräumen ungeschminkte Nützlichkeit. Man schwitzt, man schimpft. Ettore weiß von nichts, Irene nimmt das Telefon ab. Der Wein schmeckt frisch. Eine neue geblümte Tischdecke ist aufgelegt. Das ja. Hinter den Kulissen gehört man zusammen.

11.03.2005 um 13:21 Uhr

im jackpot (kneipen74)

von: hibou

eine band aus erzieherseminaristen spielt live im "jackpot", dortmund-hörde. ich geh mit marietta hin. die kneipe ist ziemlich abgeblättert, die band spielt guten hard-rock, satisfaction (I cant get no), red house, come together, last time (this will be the), honky tonk woman. wir werden von der wirtin mit handschlag begrüßt. jenny, mariettas tochter, singt "I saw the bad moon rising", und bei marmor stein und eisen singen alle mit. was deutsches!. die leute haben sich fein gemacht, frisch gebügelte hemden und blusen angezogen, sich geschminkt und geföhnt, das resthaar mit gel ans rosa haupt geplättet oder den haarlack vom trödelmarkt (drei stück zehn mark) reichlich in die seit zwanzig jahren unveränderte mädchenlockenfrisur gesprüht.. viele gesichter sind etwas zu alt für den zugehörigen leib, aber die mutter der beiden kleinen hat ein kindergesicht. es wird kölsch und kümmerling getrunken. gestern gabs drüben hinter der bahnhofsbrücke noch absinth. die meisten hängen an der bar. einer hält seine frau gegen sich gedrückt, tätschelt ihr unaufmerksam und lasch die hinterbacke, mit derselben handbewegung scheucht er stoisch den dackel weg, der seit beginn des abends dauernd hochspringt und da hinzubeißen versucht.  hüftschwung, pömps, lackschuhe! ein tamile kommt mit rosen, einige werden gekauft und dann ans fenster in eine vase mit künstlichen blumen geparkt, zwischen sanseverie und depressivem osterkaktus, da wo auch die kleine grüne plastikgießkanne ihren platz hat. über der bar hängen schals: bvb 09, manchester united, lazio, forza milan, we are the champions. bei "born to be wild" und "on the road again" geht ein raunen und wogen durch die meist übergewichtigen zuhörer. noch einmal wild sein! und losziehn.....ansonsten ist man entspannt, flirtet ein wenig, keiner will ernsthaft was anfangen. wenn jenny singt gehen wir nach vorne zur band, klatschen begeistert. sind das deine eltern? fragt leadgitarrist matze. ihr würdet ein schönes paar abgeben! schreit uns jenny ins ohr.

10.03.2005 um 15:58 Uhr

Es gibt den Nachtexpress

von: hibou

Die Macht der Sprachen ist mir erst mit HTML richtig klargeworden. Da kann eine simple Buchstabenfolge, na meinetwegen so was wie img src etc… plötzlich ein Bild zur Erscheinung bringen. Ja, Programmiersprachen sind der reine Imperativ. Wir wollen nix erzählen, wir befehlen und bewirken. Nomen est Omen, gell? Aber dasselbe gilt auch für unsere alltägliche Sprache, nur machen wir es uns nicht bewusst (Eben aus diesem Umstand ist der Nachtexpress entstanden, sozusagen als Licht in der Dunkelheit, als anarchischer Impuls in der scheinbar totlangweiligen Gesetzmässigkeit unseres Sprechens) .......... weiterlesen?     --> zum Nachtexpress

09.03.2005 um 12:19 Uhr

Ostsee 2

von: hibou

Soviel ich erinnere, fuhren wir an Öland vorbei, auch an der kleinen Karlsinsel, ganze Monate von Nils Holgerson-Lektüre kamen in mir hoch (heute käme noch der olle Kommissar Wallander dazu), es war Nacht und wir sahen nur die Bojen und Leuchtfeuer. Anhand der Seekarten verglichen wir: fünfmal geblinkt = Öland Südspitze, dreimal kurz = Punkt 5038 usw. Es wurde Tag und Gotland kam in Sicht. Wir frühstückten achtern bei Sonnenschein und 20Grad..... Hibou am Steuer (und endlich war der Troyer in der richtigen Umgebung. Konferenzen? Seminare? pffffttt. Wisby wird mir immer mit seinem Frieden in Gedächtnis bleiben. Wenn auch dies teilweise Selma Lagerlöfs Schuld sein mag.

Auf der Fahrt zu den Schären überraschte uns dann doch Dunkelheit. Wir fuhren unter Motor nach Anweisung des Satellitensystems, manchmal nur wenige Meter rechts oder links an Felsenriffs vorbei, warfen an einer vom Skipper bestimmten Stelle Anker und legten uns schlafen. Das Wetter war so mild, dass wir noch immer an Deck lagen. Wir schlugen morgens die Augen auf und fanden uns in einer kreisrunden, einsamen Bucht, ringsum Felsen, Kiefernwald, Moos und grasgrüne Flecken. Die Einfahrt, die wir im Dunkeln getroffen hatten, war nur etwa zwanzig Meter breit. Ein Sprung ins Wasser. Inzwischen hatten wir von der Enge reichlich Aggressionen angesammelt, insbesondere Jan war kaum noch zu halten. Aber die anschließende Fahrt durch die Schären und nach Stockholm hinein war zauberhaft. Überall Häuser und Häuschen, meist aus rotgestrichenem Holz, man konnte ins Fenster hinein und der Frau beim Bügeln zusehen. Viele Yachten waren auf gleichem Kurs, es entwickelten sich kleine Regatten am Wind, wir lernten, den Windschatten der Inseln zu vermeiden, da wir sonst weit zurückfielen. Vor der Schäre, dahinter hindurch? Es war eine Entscheidung von Augenblicken. Es muss wohl ein Sonntag gewesen sein, denn überall tummelten sich Leute, im Wasser, am Ufer, beim Picknick, mit Fahrrädern, mit Hunden, zu zweit, alleine und in Bierhaufen.

Dann kam ein Kanal, der Motor wurde angeworfen, die Reise dauerte an Schleusen. Einmal den Standort gewechselt! Wie oft hatte ich auf der Landseite gestanden und den Booten zugesehen. Im Fjord, der nach Stockholm hinein führte, wurde das Gewimmel der Schiffe noch dichter und sogar ein Sportflugzeug flog über unsern Köpfen hin und her.

Zum letzten Mal warfen wir Anker in der Marina direkt unterhalb des Skansen-Parks. Ein paar Schritte die Mole hinunter lag die Halle, die man für die gehobene "Wasa" gebaut hatte. Wir schauten sie uns natürlich an. Ein Prachtschiff! Aber es hatte nur etwa eine halbe Seemeile zurückgelegt und war dann umgekippt, die Besucher noch an Bord. Eine unglückselige Jungfernfahrt. Nun lagen ihre zusammengefügten Holzteile da, von dicken Schichten chemischen Materials bedeckt. Alle eisernen Verbindungen wie Nägeln, Klammern und Splinte waren längst weggerostet. Von unserer Zeit: was vergeht und was bleibt?

Ich werde Stockholm für immer als Sommertraum erinnern. Es war so um 24 Grad warm und wurde nicht dunkel. Die Menschen flanierten, die Polizisten prügelten: wahre Rocker auf schweren Maschinen, tauchten sie hier und da in Rudeln auf, trieben Jugendliche zusammen und misshandelten sie. Die Schiffsbesatzungen auf den hunderten Yachten, die wieder in dichten Reihen Seite an Seite lagen, waren meist schwer betrunken. Wir spazierten durch Stockholm. Anne und Oliver reisten ab. Der Skipper fuhr weiter in Richtung Ålandinseln. Ich bestieg mit Jan einen Zug Richtung Malmö. Kopenhagen und Hamburg. Unterwegs schaute ich konzentriert aus dem Fenster, um ein Stück von Smaland zu sehen. Vielleicht die Krähenschar und Fumle Drumle.

08.03.2005 um 18:12 Uhr

symposion im kopf (kneipen 73)

von: hibou

trainristo, mal wieder

die bestecke vibrieren. die reise geht rasant. ich bin gut gestimmt, etwa kammerton a. schäfchenwolken  am himmel a'. milchiges perlmutt mit zinnblau und eine noch nicht lustlose sonne. die protuberanzen sollen in letzter zeit äußerst stark gewesen sein, was zu vermehrter sommersprossenbildung bei der schon herbstlich depressiv gelaunten bevölkerung geführt haben soll. die hellen landstriche sind kirchturmbetont, zwiebeltürme mit einfacher oder doppelter taille überwiegen. im inn schwimmt schwemmholz. ich schreib nen hosenreim/für dich in rosenheim. die rübenfelder sind abgeerntet, hier und da sind ausgefranste miststreuer unterwegs. entscheidend ist, was hinten rauskommt. an den außenwänden der gehöfte ist klafterweise brennholz für die kälteren tage aufgeschichtet. einige zentner bergfinken schwirren pointillistisch verteilt in der luft. fischer von erlach, archibald douglas, thales von milet und adalbert stifter treffen sich zu einer plauderei in meinem kopf, dabei entwickeln dreiviertel von ihnen nicht ein jota interesse für rechtwinklige dreiecke und deren gesetzmäßgkeiten. fischer von erlach malt den himmel nach. stifter wühlt schwarzerlenwurzelstöcke aus der bachböschung raus. douglas spielt backpipe. thales wiederum sehnt pythagoras herbei.

 

die hypotenuse

ist meine muse

fast im spagat

wird sie quadrat

muse spielt flöte

auf der kathete

07.03.2005 um 22:37 Uhr

einen schirm ersteigern (kneipen 72)

von: hibou

eissalon fragola. die tische stehen schon draußen, und sind auch im nachmittagsschatten voll besetzt, die hausfassaden gegenüber leuchten und spiegeln. ich bestelle einen espresso und eine eisschokolade. ein schwarzer setzt sich zu mir. wir kommen ins gespräch. ich bin ein yoruba, sagt er. das ist meine ethnische gruppe, so was wie schalke oder dortmund.

meinen einweg-fotoapparat habe ich in der tram liegenlassen. es bleibt mir nur, zur nächsten öffentlichen fundsachen-versteigerung zu gehen. die finden immer in der alten zahnradbahn-station statt. wenn mein fotoapparat nicht mehr auftaucht, werde ich einen schirm ersteigern, oder ein fahrrad, oder eine schrotflinte. damit könnte ich datteln schießen.

06.03.2005 um 22:28 Uhr

Café Cavour (Kneipen 71)

von: hibou

Sichtbares – Hörbares im Café Cavour

Padua mit seinen Arkaden. Ein Brotgeschäft mit "Knoten" für die Suppe. Englische Touristen. "Is tha' ok?". Lila Spielzeugdinosaurier. Die Pilgergruppe der "Niccolosi" hinter einem gelben Papierfähnchen hergehend, ältere und alte Leute vom Lande. Hubschraubertuckern. "Europa: sì all'attacco". Sonnenbrillenfahrradfahrer. Hunde, die Marken setzen. Augenroller. Tramezzini all'uova. Lederwaren an Damen. Die Geräusche des Geldausgebens.

Unsichtbares - Unhörbares

Die 7.Flotte, die nach Middle East ausläuft. Flüche und Verwünschungen, sich im Äther überm Mittelmeer kreuzend. Wie die Erde sich dreht. Flugzeuge im Bauch. Neue Risse in den Mauern unterm Putz. Fallende Börsenkurse. Mutmaßungen über den Aufenthalt Meistgesuchter. Die Freuden des Geldausgebens.

Sichtbares - Hörbares

Sexy Jeans. Make-Ups, Lockenpracht, gehisste Flaggen. Schlafende Kleinkinder. Uno Spritz. Schwarze Taschenverkäufer im Kaftan. Knirschen der Chips im Rachenraum. Polizistinnenpferdeschwänze. Frack und grünsamtenes Abendkleid, mit spitzem Finger hochgehalten. Das Pflaster vom Regen gemasert. "Scusi, I finisce, may I kassieren?"

Unsichtbares - Unhörbares

Östliche und westliche Weltgegensätzlichkeit. Ein brennendes Dorf, Flüchtlingstrecks. Leberschmerzen. Innere Monologe. Zweifel. Die Schwerkraft. Die Dichte der Materie. Kommende Explosionen. Fermentierung im Magen. Adrenalinstöße. Das Singen der DNS. The wheel of fortune.

05.03.2005 um 13:32 Uhr

ja, dachte ich (Kneipen 70)

von: hibou

ich werde empfindlich. einen tisch weiter saß ein wesen, das mir viel zu laut redete. meinem artikel von dürr, über die scham, konnte ich trotz anstrengung kaum mehr folgen.

also ich sach mal...

ich bin jemand, der seine meinung offen und ehrlich....aber danach ist es auch erledigt..

das ist ein punkt, wo voll auf den rücken knallt....

die augen standen ihm leicht hervor, aus dem munde des wesens quollen die worte, in ihn hinein verschwanden - aber nicht ganz - gegrillte hühnerteile.

da war ich mucksch... ich bin je jemand, der bremst, bevor es bumst..... es kommt immer so kleckerweise....

ich falte meine zeitung zusammen. im munde des wesens vermischen sich hühnerknorpel, zermanschte kroketten, krautsalatteile unentwirrbar mit dumpfem wortschwall auf dem weg in die undankbare welt

allein das realschullniveau von heute! wenn ich mir das so anguck....

ich ess mittags nie, nur abends koch ich für meinen mann....wollen wir noch palatschinken? pflaumen haben die hier bestimmt....

und weißte, einmal im leben schaff ich das nach saarlouis zum einkaufsbummel, und da war feiertag! also echt. es gab nur würstchen, aber wir hatten ne menge spaß....

die haare stehen auf den schultern, fallen ins gesicht. die backen wallen und die mundwinkel zucken in regelmäßigem rhythmus. auf der bluse tabasco-flecken.

auch an allerheiligen hab ich mal ohne dagestanden. butter, wein, katzenfutter, hundefutter, alles nix! dummheit und ungeschick. typisch....wolln wer noch n bierchen?

das lachen des wesens ähnelt den alten geschützen der nordallianz beim rohrkrepierer.

hier waren wir nich das letztemal, gell? hier ist mein kärtchen....

und dann.... das wesen schnauft empört.... sollten wir dieses seminar machen. als erstes wollten die, dass ich mein menschenbild beschreib! was fürn menschenbild?, sag ich. der mensch ist doch dreck. da ist mir jedes vieh lieber....

ja, dachte ich

04.03.2005 um 16:32 Uhr

Wirklichkeit und Abbild. Vom Problem der Kartographie

von: hibou

Ich lege die geographische CD ins Laufwerk. Schon wieder ein alter Traum von mir wahrgeworden: der Zoom-Knopf. Zuerst ist die halbe Welt auf dem Bildschirm, dann nur noch Europa, dann Mitteleuropa, dann Elsass-Lothringen und die Pfalz. Ich kann auch alles verschieben. Jetzt die Eifel. Jetzt – Maximum Zoom: der Mittellauf der Mosel. Eine manisch depressive Sinuskurve. Ich möchte noch weiter vergrößern, muss es aber ab jetzt in der Phantasie tun. Möchte einen Ort an der Mosel sehen, vielleicht Klotten? oder Bullay??. Jetzt will ich wissen, ob die Uferpromenade überschwemmt ist. Gehen da Leute? Was tut sich dort hinter der angelehnten Kneipentür? Das Problem des Übergangs zwischen Karte und Wirklichkeit.

Nie kann die Landkarte die Wirklichkeit wirklich abbilden.. Zum Beispiel eine Uferlinie: wieviel Kilometer Küste hat die Türkei? Ich schätze aus der La Mäng: 4200km. Aber ich habe viele Golfe und Buchten begradigt, würde man genauer messen, könnten leicht 5000km herauskommen. Ich spaziere Malama-Beach entlang. Hoppla, da sind ja Aus- und Einbuchtungen zwischen Wasser und Sand, die auf der Karte gar nicht verzeichnet sind! Muss mal die Lupe rausholen. Schon sind es 5800km. Halt: jedes einzelne Sandkorn am Rande des Wassers ist ja Teil der Küstenlinie! Ich nehme eines mit, um es unterm Mikroskop zu mustern. Tatsächlich: dies Körnchen ist ja ganz zerklüftet an den Rändern. Ich denke weiter. Würde mich nicht wundern, wenn die Küste unendlich lang wäre......

Immerhin: genaue Landkarten nähern sich den realen Verhältnissen, das wird niemand bestreiten. Und je größer die Karte, desto genauer. Einverstanden? Ich will die Karte im Maßstab 1.1!! Nein, ich will die Landkarte, die doppelt so groß wie das Land ist: da könnte man die Sachen mal wirklich einzeichnen. Aber wo soll ich – Himmel – diese Karte ausbreiten?

03.03.2005 um 16:30 Uhr

in dir (Kneipen 69)

von: hibou

ich trinke
in dir
draußen gibts
nur kännchen

02.03.2005 um 12:41 Uhr

El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha

von: hibou

Überall in den Feuilletons wird der Ritter von der traurigen Gestalt gerade gefeiert. Seit vierhundert Jahren zieht er nun durch die Hochebene La Mancha und kämpft gegen die Realität von Windmühlen, Strauchdieben, verrotteten Herbergen und Bauerntrampeln. Seine Phantasie verwandelt all das und mehr. Und er hat diesen Kampf gewonnen! Denn mehr und mehr Menschen reisen auf den Spuren seiner Taten, die Windmühlenflügel werden restauriert, mehrere Flecken streiten sich um die Ehre, sein Geburtsort zu sein, überall stehen Denkmäler des Unverzagten und unzählige Künstlerinnen und Künstler bilden ihn ab. Meine Dulcinea von Toboso, meine Rosinante und mein Sancho dienen mir täglich......

Wir sind wie der Don geworden: haben ganz vergessen, dass es sich NUR um ein Buch handelt, um ein Buch, dass sogar noch weiter verschachtelt ist, worin ein Erzähler über eine Erzählung berichtet, die es über diesen Recken gebe. Dieser erzählt schliesslich selbst, was ihm begegnete. Und zahlreiche Geschichten in der Geschichte führen immer weiter hinein ins Land der Phantasie. Ein starker Beweis dafür, wie Kreativität eine Welt - nicht abbildet, sondern schafft.

01.03.2005 um 19:35 Uhr

aus der welt getrunken (Kneipen 68)

von: hibou

feuerbach:

ein schlossergeselle ißt genüßlich einen berliner, den er eben von der verkäuferin frau karabulut erstanden hat. er liest dazu BILD. ich habe kein schlechtes gewissen, erklärt uschis rivalin.

hong kong:

im vegetarischen indischen restaurant in einer der fast unterirdischen seitenstraßen von kowloon verzehren lilien und ihre mutter irene gemischtes gemüse (scharf). lilien hat soeben ein foto von zwei hochhäusern, die nur 8cm voneinander entfernt stehen, geschossen. eigentlich hat sie den ZWISCHENRAUM abgelichtet.

basel:

bernoulli schaut einmal wieder sein eigenes grab an. man hängt so an den irdischen dingen. eadem mutantur resurgo. mathematisch gesehen, denkt es in ihm, ist meine spirale weder am nullpunkt noch im unendlichen je angekommen, und doch bildet sie die vollkommene spannung ab: zwischen freiheit und geborgenheit, zwischen SEEFAHRT und mutterleib, zwischen isolation und vermischung. er notiert sich all das wie jedes mal in sein akasha-notizbüchlein.

slawrafia:

mitten im grießwall halte ich halb erstickt inne. wie lange noch muss ich mich durchfressen zum gelobten land, wo milch und honig, wein und BALSAM fließen? der grießbrei kommt mir zu mund und nase wieder heraus, aus den ohren und dem hintern auch.

wonderland:

"I'm late! I'm late! I'm late for an IMPORTANT date!"

istanbul, anadolu siteleri:

DILEK bereitet bulgur-salat. sie nimmt noch eine weitere junge zwiebel, schneidet sie behutsam in ringe. sie lächelt.

schaffhausen:

die 8. realschulklasse der johannes müller-schule mitten im deutschaufsatz. welches wäre meine liebste todesart? an einer SALAMI ersticken, schreibt gian-andri.

königsberg:

kant trifft sich an diesem sonnigen vormittag mit merleau-ponty und foucault zu einem schwätzchen. er hatte darauf geachtet, dass der treffpunkt nicht zu weit von seinem haus ENTFERNT sein würde.

nablus:

hanan hastet aus einem dunklen tordurchfahrt zum brunnen, um wasser zu holen. ein israelischer scharfschütze schießt sie nieder. die kugel zerschmettert ihr eine RIPPE und zerfetzt die aorta. ihr schwarzes samtkleid tränkt sich mit warmem blut

eden-bar, larsum:

mascha, der klar ist, dass ihr kunde wegen der einnahme von betablockern nahezu impotent ist, tränkt dessen schwanz in GRANATAPFELgelée und genießt ihn als lolli.

imam bayildi

seine frau hatte ihm gefüllte eierfrüchte gebacken. wieviel öl hast du dafür genommen? ein ganzes glas. der imam fällt in OHNMACHT.

ceva:

aus einem zwinger vor der stadt wird der beste trüffelhund der gegend, ein LABRADOR, von unbekannten entführt.

dublin:

"..und ein nettes, halbdurchscheinendes morgenkleid habe ich auch sehr nötig oder eine pfirsichblütenfarbene matinee wie damals ist schon lang her bei walpole nur 8/6 oder 18/6 ich will ihm noch eine gelegenheit geben ich will früh aufstehen kann es auf alle fälle in cohens altem bett nicht mehr aushalten könnte mal über den markt gehen und mir das gemüse besehen und den KAPS und die tomaten und die karotten und all die herrlichen früchte die so nett und frisch reinkommen wer weiß welchem mann ich zuerst auf der straße begegne morgens sind sie schon danach auf der suche hat mir mamy dillon erzählt..."

(zurück ins funkhaus)

01.03.2005 um 10:59 Uhr

Rassismus?

von: hibou

Aanie-counie, aanie counie

porc épic a bigoudies, bigoudies

Sidi-Bel-Abbès couscous

cacahouètes.........

Ein Lied aus meiner Kindheit, das ich noch heut gerne singe. Wir hatten es von Agnès, die aus eben diesem Sidi-Bel-Abbès im Innern Algeriens stammte. Sie war aber keine Afrikanerin, sondern Urfranzösin (wenn es das gibt), gehörte zu den sogenannten "pieds noirs". Vermutlich ist also der Inhalt des Liedes rassistisch. Moment, er ist doch völlig sinnfrei, gewissermassen ein lautmalerischer Kinderreim? Trotzdem. Auch mit Lauten kannste rassistisch sein. Laute nehmen Bedeutungen an. Nimm das Wort "Zigeuner". Ich respektiere zwar, das die Sinti und Roma nicht mehr so genannt werden wollen, da sie den Namen als ein Schimpfwort betrachten. Zugleich finde ich es schade, da mir das Wort gefällt, genauso wie Eskimo oder Kanake (was in Südeseedialekt "Mensch" heisst). Und ich bin sicher, dass ich diese Bezeichnungen nie als Schimpfwörter gebraucht habe. Auch finde ich es sehr kompliziert, wenn ich erzählen muss: dynamisch bog ich um die Ecke, da stand ein Sinti und Roma..... (ausserdem durchfährt mich heiss: müsste ich nicht aus Gründen der Gendergleichheit ein/e Sintezza und Romanezza sagen???). Welche Bezeichnungen von Gruppen habe ich als Schimpfwort gebraucht? Katholisch, rossbollisch! Carabinieri! Banker! USA-SA-SS!. Uiiiiii. Hoffe, ich war der einzige, da wir sonst einen neuen, unbefleckten Namen für die Katholen finden müssten. Mariäe-Empfängnisgläubige? Siebenhügelchristen? Woytilaner?

Ahahaanie counie, aaniecounie.......