Message in a bottle

30.03.2005 um 21:31 Uhr

geschichten in der schachtel

von: hibou

nicht lange nach mittag traf ich meinen freund edgar. er saß wie gewöhnlich in seinem antiquariat, doch da es samstag war, ohne jede kundschaft. trinkst du ein mineralwasser? er zeigte mir, wie er aus einem alten gebetsbuch (großschrift) zeilen oder worte ausgeschnitten und sie zusammen mit welchen aus der tagespresse zu neuen gebeten zusammengeklebt hatte. jeder, sagte er, schneidet anders. ja, meinte ich, und jeder auf anderen feldern. bileam ritt seinen stoischen ritt irgendwo auf seite 238 und sein reittier hephzibah schliff sich die hufe an judäischem kalkschiefer. als sie den engel sah, blieb sie stocksteif stehen. bileam schlug sie, dreimal. in hebron wird das regierungsgebäude der palästinenser gesprengt. zweimal ein dumpfer knall, zweimal zitterte die erde. edgar gibt die buchbindearbeiten herrn ulmer in kommission. dieser ist mit einem paar befreundet, jossu und halina. jossu ist seit monaten arbeitslos, halina hat glücklicherweise ihre fünf familien bei denen sie putzt. aber jetzt pass auf: halina misst genau einen meter neununddreißig, während jossu fast die zwei meter neunzehn erreicht. auf der straße gehen sie wie vater und tochter hand in hand. halina stören die fettigen haare ihres mannes nie. bei kreuzworträtseln, die sie an ihren freien abenden lösen, übernimmt er die senkrechten und sie die waagerechten zeilen. in der küche schaut er souverän in die bratpfannen, sie übernimmt den backofen. und frag nicht, wie sie die schubladen und regale untereinander verteilt haben. sie kann ohne sich zu bücken einen wespenstich in seiner leistengegend aussaugen. er hält sich für beide am ledergriff der straßenbahn, die vor seinem schlüsselbein baumelt. als halina neulich mit ihrer gicht im katharinenhospital lag, träumte ihr, sie stünde auf der bühne. gleich würde sich der vorhang öffnen. atme, atme, sagte sie sich. das publikum drang als wortschwall durch den vorhang. doch der lärm verebbte. sie hatte ihre rolle vergessen, und wusste noch nicht einmal das stück! ich glaube, sage ich zu edgar, es war "come tu mi vuoi" von pirandello. ich nehme mein diktiergerät aus der tasche, reibe es an der linken achsel staubfrei, drücke den knopf und spreche hinein: getarnt als buchhändler beschattet der detektiv die leute, die ein stilles geheimnis mit sich tragen.....

30.03.2005 um 15:44 Uhr

wo die dörfer waren

von: hibou

steinmaennchen, 1000x60x50cm, mischtechnik. hibou (ohne copyright)

30.03.2005 um 11:48 Uhr

migration prozessual

von: hibou

Gestern in den Bergen (sie sehen aus wie die Dolomiten, sind aber nur wenige 100 Meter über dem Meeresspiegel) war ich bald das einzige menschliche Lebewesen zwischen Schildkröten, Schlangen, Eidechsen, Geckos, Rebhühnern, vielen Singvögeln und Milliarden von Insekten. Mühsam suchte ich mir meinen Weg bergan durchs Gestrüpp und war froh, einigen ausgetretenen Kuhpfaden folgen zu können. Doch auch diese hörten bald auf. Im Gewucher von grünen Massen stiess ich aber immer wieder auf Spuren verschwundener Zivilisation: Steinmauern, die sich den ganzen Hang hochzogen, halbzerstörte Brunnen für Mensch und Vieh, dann sogar Grundmauern von Gebäuden. Mir wurde auch bewusst, dass stellenweise Terrassen angelegt worden waren. Und neben Mauerresten wuchs eine ausgewilderte Gartenrose...

Was war geschehen? Hier, etwas von der Küste entfernt, müssen vor nicht allzu langer Zeit noch Dörfer gestanden haben, muss Landwirtschaft und Handwerk getrieben worden sein.

Dann kamen (grosser roter Pfeil auf der Europakarte) die Touristen. Überall an den Küsten entstanden Hotels und Fremdenverkehrsgewerbe. Arbeitskräfte wurden angeworben, Hotelpersonal, Putzkolonnen, Köche, Friseure, Barkeeper, Serviererinnen, Bademeister, Surfer und Guletbesatzungen, alles, was das Nachtleben so braucht... Und rings um die Hotels wuchsen kleine Geschäfte und Restaurants aus dem Boden. Es wurden jedes Jahr Mengen von Sommerhäusern gebaut, auch für dieses brauchte man Arbeiter. Wo kamen die her? natürlich aus den Dörfern im Binnenland - und übertragen gesehen aus dem ganzen Land, besonders aus dem armen Osten. Aus einfachsten Ziegenhirten wurden so über Nacht Kellner und Bodyguards (unzählige kleine blaue Pfeile aus dem Inland in Richtung Küste).

Der eine Strom - der Fremden, der Gäste - sog also die Einheimischen an und veränderte ihr Leben. Denn natürlich sind Touristen viel leichter anzubauen als Gerste, Wein und Gemüse, viel leichter zu halten als Vieh. Sie kommen im Frühling; ist eine Schicht abgeerntet, kommt die nächste, sie lagern tagsüber regungslos im Sand, werden abends kurz lebendig und lagern dann in den Bettenburgen, überall lassen sie Mengen von Euros. Dann, im Winter braucht keiner sich um sie zu kümmern, völlig selbständig besorgen sie sich durch harte Arbeit das Geld für die nächste Ernte. Man hat eine Weile Ruhe vor ihnen, sehnt sie aber bald schon wieder herbei, weil sie der Quell allen Wohlstands sind.

Das Binnenland aber ist leergesogen, die Dörfer verfallen. Nur die wenige Kilometer vom Strand existieren noch, dort sind die Leute nur noch ein wenig nebenbei mit Garten, Mandarinenplantagen und dem Federvieh beschäftigt, hauptberuflich aber sind sie Dolmuşchauffeure, Sicherheitspersonal oder Dönerci.

Auf diese Weise hat die eine Welle der Wanderung andere ausgelöst und die Geographie und Wirtschaft grundlegend verändert.

Solche Strömungen und Migrationen finden überall auf der Erde in verschiedener Weise und aus unterschiedlichen Ursachen heraus statt. Man könnte sie auf der Karte einzeichnen und dabei über sie nachsinnen. Die Völkerwanderung. Die Mongolenzüge. Die Auswanderung in die neue Welt. Die Gastarbeiterzüge. Die Fussballweltmeisterschaften. Die Dokumenta in Kassel. Der Gang zum Zeitungskiosk. Die wachsende Mobilität der Arbeitslosen. Die Raubzüge der US-Soldateska......

In den Bergen aber breitet sich die unerzogene Natur wieder aus, erobert weite Gegenden zurück und überwächst alle Spuren unserer Anwesenheit. Ich setze mich schwitzend auf einen Felsblock und betrachte die roten Sterne von Gladiolus Illyricus. Aus ihr züchteten vor tausenden von Jahren die Wissenden unsere Gartengladiole.