Message in a bottle

29.10.2005 um 11:57 Uhr

Haben wir?

von: hibou

Die europäische Öffentlichkeit hat Angst vorm Netz

28.10.2005 um 13:48 Uhr

Vorschlag an eine große Koalition was die Steuern betrifft. Umsteuern!!

von: hibou

Die Malaise mit den Steuern, zu viel, zu wenig, Schlupflöcher und undurchschaubare Formulare, alles könnte mit meinem Vorschlag schnell und schnittig gelöst werden:

Stellt das gesamte System auf Lotto um! Monatlich muss ein Pflichtschein über soundsoviele Reihen ausgefüllt werden. Was heißt da Pflicht? Lotto spielen wir doch alle gerne. Die gesamte Infrastruktur ist an den Kiosken vorhanden. Millionen von Finanzbeamten, Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern, Notaren, Anwälten, Reinemachmännern, Pförtnern, Beamtenautowäschern, Beamtenkleidungsgeschäften, Pensionskassenschalterbeamten, Anlagenberatern, Golfartikelverkäufern etc. pp. könnten eingespart werden, was den Staatshaushalt zusätzlich erheblich entlasten würde. Ob Obdachlos, ob stinkreich, jede/r darf so viele Lottoscheine ausfüllen, wie er will und kann. Es winkt das große Glück (und das von Väterchen Staat: deshalb: Patriotismus im Aufwind). Als Extragewinn könnte man noch eine – mehrmonatige – Befreiung von der Lottopflicht einführen. Die würde natürlich größtenteils nicht wahrgenommen, was wieder zusätzliches Geld in die Staatskasse spülen würde. Mit einem Schlag würde Steuerzahlen Spaß machen – und die Staatskassen wären saniert.

Grüsse aus dem fernen und rückständigen Anatolien (hier kompliziertes Steuersystem: jeder hat eine Nummer und geht einmal im Jahr zum Schalter und zahlt)

hibou (Finanzexperte)

(aber ich weiß: auf mich hört wieder keiner)

16.10.2005 um 13:30 Uhr

verdammt. Bildung

von: hibou

Irgendwie geriet ich lesend auf die Spur des Mogulreiches, das in Nordindien entstand und wo zeitweise - im 16. Jahrhundert - eine unerreichte Toleranz und Pluralität der Religionen im Gemeinwesen herrschte. Gefördert durch die Flucht vieler islamischer Gelehrter nach Dschingis Khans Einfall in den Nahen Osten wurde an den Madrassen der Mogulhauptstadt Neu Delhi der Koran in Arabisch, die Sufilehren des Saadi in Persisch, die Vedantaphilosophie in Sanskrit gelesen und gelehrt. Der Mogul Akbar holte sich Weise aller Religionen an seinen Hof - sogar Jesuitenpriester aus Goa - darin Nathan dem Weisen oder dem Herrscher der Khazaren ähnlich. Akbar verwandelte sich dabei in einen "Humanisten", dem der Zorn der Götter und die drohend erhobene Zeigefinger der Monotheistischen Häuptlinge zu Gunsten einer menschenzentrierten Philosophie abhanden gekommen war.

Ich seufze, wenn ich das lese. (Und der nicht mehr so tolerante letzte Nachfolger des Akbar hat immerhin noch das schöne Kitschmonument des Tadj Mahal gebaut!). Wo stehen wir heute, vierhundert Jahre danach, mit der Toleranz zwischen den Menschen und den Religionen?

Ich werde auch zornig. Wenn ich aus Wissen zum Fundamentalisten würde (aber das ist ein Widerspruch in sich).... Aber aus Unbildung? nur weil meine schmalspurbelesenen Pfarrer und Hodschas mir befehlen, ein Kopftuch zu tragen? Das wäre unverzeihlich. Bin ich ein Schaf, das dem Salzblock nachrennt? Bin ich ein Hund, der die Wurst wittert und davon magisch angezogen ist? Ich wäre weniger als diese, denn Tiere folgen ihrem Instinkt, der weiss, was für sie gut ist. Der Mensch ist von allen guten Instinkten verlassen. Aber: Ich kann mich entscheiden, jedoch erst, nachdem ich mich mit dem Problem, mit dem Wissen, mit der Sachlage, mit den historischen Entwicklungen dieser Frage, vertraut gemacht habe. Bin ich das nicht dem (von den Engländern) vernichteten Mogulreich schuldig?

14.10.2005 um 15:09 Uhr

Geografie und Gefühlsleben

von: hibou

Gibt es eine Korrelation zwischen Distanz zum Ereignis und der Größe des Mitleids? fragt der Mathematiker Apostolos Gerasoulis. Es scheint so zu sein. Das Erdbeben im eigenen Land macht uns eher mitleidend als das in Fukumitoto, der von bösen Kommunisten Getötete hier macht uns weinen, der in Nepal lässt uns eher kalt. Es gilt also: je ferner das Unglück, desto abgedämpfter unser Mitleid.

Aber halt! existiert da ein Wendepunkt? ich meine, wenn das Leid uns zu nahe kommt - wie der Zigeuner an der Haustür - fühlen wir auch nicht mehr mit, gell?

Es gäbe also eine kilometermässige Distanz des maximalen Mitleids: sagen wir İzmir (von hier), oder na, Deutz am Rhein......

08.10.2005 um 09:38 Uhr

Filiz Sokak

von: hibou

Nach meiner Vermutung sind die Häuser hier in Bodrum seit Mausolos Zeiten unzählige Male wieder aufgebaut worden, die Strassenzüge aber mögen in der inneren Stadt noch immer die alten sein. insofern eigentlich kein Grund bestand, das Netz der Wege zu verändern. Ich gehe also die schmalen Sträßchen entlang, trete weich auf die glattpolierten Basaltplatten, bedenke, wer alles schon hier ging, in meiner Richtung und mir entgegen, habe das Gefühl, dass ich Filiz Sokak schon so oft entlangging, dass selbst durch meine Sohlen die Strasse schon ganz hohl ausgetreten ist. Hier und da am Wegesrand liegt auch ein altes Kapitell, ein Stück Fries, oder ein zyklopisch großer Quader ist in einer Hausmauer zu sehen, und ich stelle mir vor, er stamme aus Ionischer Zeit. Die herabgefallenen Feigen sind durch die Fusstritte zu schwärzlich gummiartigen Kreisen mutiert, auch die matschigen Flecke der herabgefallenen Pflaumen sind im Staub vertrocknet. Ist das braune Gekröse dort ein Stein, eine Dattel oder mumifizierter Hundedreck? Sütlaçs Nase findet es alsbald heraus. Jetzt im Spätsommer, wie auch im Spätwinter, wird der Müll besonders sichtbar, und ab und an überlagern Aasgeruch oder die dumpfigen Schwaden aus den Müllbehältern den süßen Duft der zweimal blühenden Melissa. Ein Lastwagenfahrer hat eine Plane gegen die Hitze über seine Kabine gelegt, offensichtlich schläft er auf der Fahrerbank, jedenfalls sind zwei nackte Füße in der offenen Wagentür sichtbar, und darunter die ordentlich hingestellten Schuhe. Die Hühner scharren unter Maulbeerbäumen. Die Katzen haben den Ton der Steine, auf denen sie liegen.