Message in a bottle

26.11.2005 um 13:13 Uhr

die ecken der welt - piramit otel

von: hibou

Lektüre in den letzten Tagen war vor allem Lettre, Herbst 2005. drei oder vier wunderbar geschriebene Artikel sehr verschiedenen Inhalts: ein Irak-Blog, ein Bericht über Bombays Polizei und Unterwelt, einer über Alang, den indischen Strand auf dem die Schiffe der Welt verschrottet werden und einen über die Kaaba in Mekka (puh! aber der Autor fand wie ich die „Licht“-Sure im Koran am schönsten....) Alles dies aber wirkliche Berichte, die tief in die Sache hineingehen und die Leute aus den abartigsten Ecken der Welt zu Wort kommen  lassen; sie erwärmen mein Herz und mein Bewusstsein, wir sprechen darüber, ich übersetze Teile der Artikel. Ein Teil der Arbeiter in Indien – in der dritten Welt allgemein – verbrauchen bei der Arbeit mehr Kalorien, als sie von ihrem Lohn dann wiederum kaufen können. Es gibt wohl keinen einzigen Iraki, der nicht jede Stunde damit rechnet, einen oder mehrere Angehörige zu verlieren. Selbst die aufgeklärten Geister, seien sie etwa Mathematikprofessoren in Princeton, können sich der magischen Wirkung der Hadsch und insbesondere der siebenmaligen Umkreisung des schwarzen Steins Abrahams nicht entziehen. Und ich in der Messe! denke: wann ist es endlich zu Ende?. Das muss wie Voodoo, wie schamanisches Ritual sein. Die Polizei in Bombay bildet Killerkommandos, die die Gangster auf offener Strasse hinrichtet, „encountert“ nennt man das. Würden sie der Justiz zugeführt, wäre erst in etwa zwanzig Jahren mit einem Urteil zu rechnen. Das weiß auch die mafiöse Parallelgesellschaft, die überall da ist, sobald du nur ein wenig den Kopf drehst. Sle regelt Streitigkeiten schnell und effizient für dich. Die Frau, die den Irak-blog schreibt und sich riverbend nennt (By the rivers of Babylon, where we sat down, and then we wept....) schreibt, über die Drohungen der USA an den Iran könne sie nur lachen, die täten doch alles, um bald auch im Irak ein System der Ayatollahs zu haben, und bald würde die irakische Gesellschaft um 400 Jahre in die finsteren Zeiten der Scharia zurükgeworfen. Waren da die Zeiten finster? Sind sie es nicht erst heute? Vielleicht war die islamische Gesetzgebung einmal liberal, aufgeklärt und sinnvoll, und pervertierte erst, als ihre wirkliche Zeit vorbei war? Es gint kein richtig und falsch, sagt man, es gibt nur ein rechtzeitig oder zu spät/zu früh.

Wir hören Bob Dylan, von der selbstgebrannten CD und vom Fernseher, wo an zwei abenden der Woche Martin Scorseses Dokumentation über ihn läuft, mit viel Musik und mit den Statements der Zeitgenossen von Joan Baez bis zu Allen Ginsberg. Draussen schwerer Lodos mit Tonnen von Regen und der Luft aus Nordafrika. Ich schmecke Indiens Umwelt, die verdreckte verrottete, die verkotete und vor allem chemisch vergiftete des Strandes von Alang. „Trotzdem empfand ich so etwas wie Ehrfurcht und hatte es nicht eilig, das Schiff wieder zu verlassen. Innen herrschte ein gespenstisches Halbdunkel, eine ungeheure, von Menschen gefertigte Höhle voller heiserer Warnschreie tat sich auf, durchdrungen vom Zischen der Schneidbrenner, von Funken, Rauch, dem Widerhall schwerer Hammerschläge und dem Geräusch herabfallender Eisenteile. Die Arbeiter schienen sich aus meiner Anwesenheit nichts zu machen. Manchmal wirkten sie auf mich wie Gespenster, die in Reih und Glied schnell vorüberzogen. Sie waren sehr verdreckt, sie waren sehr arm... Sie wirkten aber zielstrebig und entschlossen. Und am Heck, wo das Sonnenlicht durch grobgehauene Luftlöcher auf ölschwarze Wände fiel, war der Maschinenraum schön wie eine gotische Kathedrale – ein Monument für die Kräfte einer neuen Welt.“ (William Langewiesche). Der nächste Artikel ist wieder von einer Frau. Söldnerherz – unterwegs mit einem Killer.

22.11.2005 um 09:35 Uhr

riverbend - noch immer imperialistisch

von: hibou

 

 

In „Lettre International“ sind Teile eines Weblogs aus Bagdad abgedruckt, online gestellt von einer jungen Frau unter dem Pseudonym „riverbend“.

Heute blogge ich über die Razzien der Amerikaner und warum Cousin-Cousinenehen nicht so hinderlich für uns sind. Morgen blogge ich über den Ramadan, über die Clans und die Sheiks, schreibt sie, und „Kul wahid yihtajleh galub memdeshen – jeder braucht ein nagelneues Herz“

Es ist Information aus erster Hand, und viele Weblogs aus aller Welt sind das auch, so etwa dieses hier: Message in a bottle. Kontinuierlich, unzensiert, unmittelbar. Was sind da Zeitungen und vor allem TV-Nachrichten dagegen? Unglaubwürdige, ja verlogene Hirnwäscheversuche.

Das Internet als neues Medium mit tausenden, zehntausenden von ReporterInnen, die überall hinkommen, die mitten im Pentagon arbeiten oder innerhalb diktatorisch abgeschotteter Regimes, die auf Schengen-Visa pfeifen, die mobil und nicht zu fassen sind, die von jedem Laptop dieser Welt ihre Nachrichten ins Netz, ins WWW stellen können. Und ihre Worte können überall und zu jeder Zeit gelesen, kopiert und weitergegeben werden (Mit dem einzigen Hindernis, dass ihrer mittlerweile wie Sand am Meer sind und es Schwierigkeiten macht, sie auch zu finden, aber täglich wachsen die Fähigkeiten der Suchmaschinen auch…)

 

Ich blogge heute über das Ungleichgewicht. Wenn Menschen aus östlichen (früher auch südlichen) Ländern nach Europa kommen, müssen sie – ausser hart zu arbeiten und immer ein wenig schlecht behandelt zu werden – über mittlerweile drei Generationen hin beweisen, dass sie nicht schlecht, nicht böse, nicht kriminell etc sind. Diese Schuldvermutung (im Gegensatz zur normalen Unschuldsvermutung, der zu Folge jede/r als unbescholten gilt, solange nicht das Gegenteil nachgewiesen wird) begleitet sie vom Kindergarten über die Schule, Lehre (so eine zu finden ist), Wohnungssuche, Partnerwahl, bei jedem Behördengang, an der Türe der Nachtclubs. Beim Tüv, bei Verkehrskontrollen, auf Reisen, in der U-Bahn, quasi von der Wiege bis zur Bahre.

Kommen Menschen im Sommer auf Urlaub hierher, die meisten von ihnen aus England, Holland, Deutschland, Frankreich, werden sie alle mit offenen Armen, grosser Freundlichkeit

05.11.2005 um 10:00 Uhr

der bettrand

von: hibou

 

Wir liegen im Bett, das Licht ist aus, noch spielt Musik, du denkst an mancherlei, weißt nicht genau, ob du die Augen geschlossen oder geöffnet hast, aber der Bettrand! Am Abgrund…. Lässt du die Hand darüber hinunterhängen, beißt vielleicht eine Ratte deinen Finger, oder eine Schlange oder ein Skorpion. Würdest du dich darüberbeugen, sähst du die wabernde luftige Schwärze des Nichts, sublimierten Asphalt, darin alles, was du und andere erlebt hatten, Benito Juarez und Billy the Kid (so far away from home!), eine schmale Strasse zwischen Mauern und du kannst nicht wenden, die Müllabfuhr, eine alternde Schauspielerin, die eine noch ältere neue Wohnung bezieht und schon mal die Schnapsflaschen und Teddybären auf Tisch und Sofa verstreut hat, Isabella Rossellinis Zahnstellung, deine ungeschriebenen Gedichte, die ungedachten Gedanken, die kommende Hochzeit der Tochter, altertümliche türkische Namen wie Fadime und Mübarek, was schwarz alles enthalten kann! Ich halte nichts von Einschlafübungen, denkt es in dir, ich halte nichts von Schreibworkshops, ich konnte noch nie schreiben, schon immer. Process is the Princess! Manchmal Phantomschmerzen nach Wandtafeln und Kreide um mit kühnen Lettern darauf entlangzuschreiben: Wer nicht denken kann fliegt raus (sich selbst). Den Tag rückwärts vorstellen sagt man mir, oder Schäfchen zählen, aber die springen vorwärts, warum heißt es Bockspringen meine feministische Freundin wär damit konform. Molly Blooms Hintern bleibt hier unerwähnt wie so manches andere mir hilft das Klimpern der Leinen gegen die Masten, Kunststoff gegen Leichtmetall, Stabsoffiziere mache ich mir, erlasse Gesetze, schaffe Länder und Inseln, baue eine noch größere Irrenanstalt drüben auf Leros, zähle die Mandeln, esse die ersten Mandarinen, deren Schalen noch grasgrün sind (Frage: wie kommt das Orange in die Frucht hinein?), verkaufe das schönste Haus am Hafen einem Medienindustriellen, nicht bevor ich es weiß gestrichen und das angrenzende Gässchen Saray Sokak genannt habe…….das schwarze Wabern beschäftigt mich, ich nenne es Allusion, Ullusion und Illu Schmidt