die ecken der welt - piramit otel
Lektüre in den letzten Tagen war vor allem Lettre, Herbst 2005. drei oder vier wunderbar geschriebene Artikel sehr verschiedenen Inhalts: ein Irak-Blog, ein Bericht über Bombays Polizei und Unterwelt, einer über Alang, den indischen Strand auf dem die Schiffe der Welt verschrottet werden und einen über die Kaaba in Mekka (puh! aber der Autor fand wie ich die „Licht“-Sure im Koran am schönsten....) Alles dies aber wirkliche Berichte, die tief in die Sache hineingehen und die Leute aus den abartigsten Ecken der Welt zu Wort kommen lassen; sie erwärmen mein Herz und mein Bewusstsein, wir sprechen darüber, ich übersetze Teile der Artikel. Ein Teil der Arbeiter in Indien – in der dritten Welt allgemein – verbrauchen bei der Arbeit mehr Kalorien, als sie von ihrem Lohn dann wiederum kaufen können. Es gibt wohl keinen einzigen Iraki, der nicht jede Stunde damit rechnet, einen oder mehrere Angehörige zu verlieren. Selbst die aufgeklärten Geister, seien sie etwa Mathematikprofessoren in Princeton, können sich der magischen Wirkung der Hadsch und insbesondere der siebenmaligen Umkreisung des schwarzen Steins Abrahams nicht entziehen. Und ich in der Messe! denke: wann ist es endlich zu Ende?. Das muss wie Voodoo, wie schamanisches Ritual sein. Die Polizei in Bombay bildet Killerkommandos, die die Gangster auf offener Strasse hinrichtet, „encountert“ nennt man das. Würden sie der Justiz zugeführt, wäre erst in etwa zwanzig Jahren mit einem Urteil zu rechnen. Das weiß auch die mafiöse Parallelgesellschaft, die überall da ist, sobald du nur ein wenig den Kopf drehst. Sle regelt Streitigkeiten schnell und effizient für dich. Die Frau, die den Irak-blog schreibt und sich riverbend nennt (By the rivers of Babylon, where we sat down, and then we wept....) schreibt, über die Drohungen der USA an den Iran könne sie nur lachen, die täten doch alles, um bald auch im Irak ein System der Ayatollahs zu haben, und bald würde die irakische Gesellschaft um 400 Jahre in die finsteren Zeiten der Scharia zurükgeworfen. Waren da die Zeiten finster? Sind sie es nicht erst heute? Vielleicht war die islamische Gesetzgebung einmal liberal, aufgeklärt und sinnvoll, und pervertierte erst, als ihre wirkliche Zeit vorbei war? Es gint kein richtig und falsch, sagt man, es gibt nur ein rechtzeitig oder zu spät/zu früh.
Wir hören Bob Dylan, von der selbstgebrannten CD und vom Fernseher, wo an zwei abenden der Woche Martin Scorseses Dokumentation über ihn läuft, mit viel Musik und mit den Statements der Zeitgenossen von Joan Baez bis zu Allen Ginsberg. Draussen schwerer Lodos mit Tonnen von Regen und der Luft aus Nordafrika. Ich schmecke Indiens Umwelt, die verdreckte verrottete, die verkotete und vor allem chemisch vergiftete des Strandes von Alang. „Trotzdem empfand ich so etwas wie Ehrfurcht und hatte es nicht eilig, das Schiff wieder zu verlassen. Innen herrschte ein gespenstisches Halbdunkel, eine ungeheure, von Menschen gefertigte Höhle voller heiserer Warnschreie tat sich auf, durchdrungen vom Zischen der Schneidbrenner, von Funken, Rauch, dem Widerhall schwerer Hammerschläge und dem Geräusch herabfallender Eisenteile. Die Arbeiter schienen sich aus meiner Anwesenheit nichts zu machen. Manchmal wirkten sie auf mich wie Gespenster, die in Reih und Glied schnell vorüberzogen. Sie waren sehr verdreckt, sie waren sehr arm... Sie wirkten aber zielstrebig und entschlossen. Und am Heck, wo das Sonnenlicht durch grobgehauene Luftlöcher auf ölschwarze Wände fiel, war der Maschinenraum schön wie eine gotische Kathedrale – ein Monument für die Kräfte einer neuen Welt.“ (William Langewiesche). Der nächste Artikel ist wieder von einer Frau. Söldnerherz – unterwegs mit einem Killer.
