Es gibt Mächtige, die wollen, dass wir unser Gesicht nicht mehr zeigen und keine anderen Gesichter sehen dürfen. Dazu sagt die Mona Lisa:
Mona Lisa Overdrive
Preface Surface Interface. Face
Das Gesicht in seiner doppelten Bedeutung von Antlitz und Vision und die radikale Einsamkeit des aufs Sehen reduzierten Menschen.
Was ist, wenn dieser Kern des Sichtbaren unsichtbar wäre? Ein Gesicht - sieht nur ein Blinder..
Das Gesicht fordert zur Berührung heraus, zu Zärtlichkeit und Liebesbeweis. Aber auch zur Zerstörung, Enthumanisierung. In die Fresse hauen.
"Der Tod des Menschen assoziiert sich zum Verlöschen seines Gesichts" (Foucault)
Was tun die Menschen, damit das Gesicht verschwindet? Sie machen es mittels Bildmaschinen restlos sichtbar. Das Gesicht lebt nämlich aus seiner Körperlichkeit.
"Als der Körper unsrer Hand vorkam, ward zugleich das Bild desselben in unser Auge geworfen...Wir glauben zu sehen, wo wir nur fühlen sollten...im Gesicht ist Traum, im Gefühl Wahrheit."(Herder)
Das moderne Verbot: "Don’t touch!" hat also den Sinn eine Welt vorzubereiten, die nur noch aus Oberfläche besteht.
Gesicht als Schnittfläche von Bild und Körper. Geist und Leib.
"Die Spur ist Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag, was sie hinterließ. Die Aura ist Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft. In der Spur werden wir der Sache habhaft, in der Aura bemächtigt sie sich unser." (Walter Benjamin)
"Du bist Orplid, mein Land! /das ferne leuchtet;/ vom Meere dampfet dein besonnter Strand/ den Nebel, so der Götter Wange feuchtet..." (Mörike).
Epiphanie. Das Andere, der Andere, erscheint, tritt in Erscheinung, ist keineswegs nur einfach vorhanden.
Das Gesicht ist Gegenwart!
"Ein Gesicht kann nicht gemacht werden. Selbst wenn alle Spuren, die es ausmachen, gekennzeichnet sind, bedarf es der Aura. Die Grenze ist eine Schnittstelle, aber sie funktioniert nur unter der Bedingung einer kleinen Verschiebung zugunsten der Wahrnehmung, die nichts erzwingt, sondern sich zögernd überwältigen läßt...." (Dietmar Kamper)
"Nichts im unverständlichen Universum ist menschlich außer nackter Gesichter, die einem im Chaos fremder oder feindseliger Erscheinungen die einzigen offenen Fenster sind. Der Mensch verläßt nur im Augenblick die unerträgliche Einsamkeit, in dem das Gesicht eines seiner Mitmenschen aus der Leere von allem übrigen auftaucht..." (Georges Bataille)
"Er ist der Stern, er ist die Sonn’,/ er ist des ew’gen lebens Bronn, /aus Kraut und Stein und Meer und Licht/ schimmert sein kindlich Angesicht." (Novalis)
Gesichter müssen auftauchen. Die Masken an ihrer Stelle sind eher der Normalfall.. Die Frage ist lediglich, wo die Maske situiert ist, ob vor oder hinter dem Gesicht,.
"Zwei Gefahren bedrohen das Leben, die Unordnung und die Ordnung" (Paul Valéry)
"In einer Welt der verschwundenen Gesichter und der maskierten Dinge sieht man nichts mehr als seine eigene Angst. Alle Bilder werden zu Spiegeln, die Larven, Fratzen, eben Masken reflektieren und sonst nichts.
Deshalb ist das Gesicht kostbarer als der größte Schatz, weil es die zehrende Feindschaft zwischen Entgegensetzungen mindert, weil es die Form des Lebens darstellt, die möglichst nah am Stoff ist, weil es schön ist, fast unsichtbar, auf des Messers Schneide sich haltend zwischen Spur und Aura." (Dietmar Kamper)
Ich spreche aus, was der Körper aufzeichnet. Das ist meine Art der Gegenwart in der Welt, in dem, was der Ort offenbart.
Diese Spur steht für einen Ortswechsel und kündet von Abwesenheit.
Der Nachtmensch in mir erwacht.
...die Durchquerung der Wüste bei Nacht oder Unwetter, die Empathie mit dem Reittier, Pferd, Esel oder Kamel.
...in einem unvergleichlichen Verknüpfen der Wörter, ausgehend von einem winzigen Körnchen Ewigkeit, unter dem die Lebenden und die Toten verwittern.
...ohne die Wahrheit der Abwesenheit zu verleugnen, wie sie sich ausdrückt in der Montage von Fragmenten....
Ein Körper erprobt an einem Ort die Physiologie der Wahrnehmung, einer Erregung hervorgerufen durch das was Auge, Ohr, Mund, Finger und Nase aufzeichnen.
"Seine Lungen - erloschene Lampions./ Seine Brust - eine wunde Höhle. / Seine Kehle schöpft aus dem gelben Verderben./ Durst bedeckt sein Gesicht/ am Ufer des Flusses/ hört das Ohr nicht mehr den Schrei.// Wüste in der Stadt. / Sand unter den Zähnen/ Steine im Mund/ kaut er den Wind.// An den Ufern der Stille ein Bruder im Exil/ ganz nah dem neugeborenen Halbmond/ in der Runde der Fremden/ wie im sich drehenden Erdkreis/ kreuzt er das Sternbild der Körper auf Wanderschaft. " (Abdelwahab Meddeb * 1946 Tunis)
Düsseldorf, 13.Februar 1998 (rtr). Die Polizei darf nach einem Beschluß des Oberlandesgerichtes bei dringendem Tatverdacht auch ohne richterliche Anordnung Satelliten zur Beobachtung von Personen einsetzen. Ermittlungsbehörden seien "Wächter über die Gesetze", deshalb müsse nicht jede Geheimmaßnahme durch einen Richter angeordnet sein.
Das Fahrzeug eines Angeklagte war vom Bundeskriminalamt über Satellit beobachtet worden. Die Fahnder konnten so Bewegungen und Standdzeiten des Wagens lückenlos verfolgen.
Alles in allem sind die Ausblicke wichtiger als die Einblicke.
"Dort unter Tage, tief in der Dunkelheit erlebt man manchmal ein paar Augenblicke des reinen Glücks. Vielleicht ist es nur wegen dieser Augenblicke, daß ich überhaupt noch weiterarbeite."
(weiß nicht mehr, wer das sagte...)
Ein Bild ist immer und immer Abbild, außer im Gesicht.
Die Mona Lisa wird halbsichtbar. So erhalten wir uns (eine Spur) Wirklichkeit.
"Warum lächelt die Mona Lisa? Weil sie mehr weiß als Leonardo" (Joseph Beuys)