Einer schweizer Campinglampe und der Autoput
Als ich jüngst in Belgrad war, fragte mich Ljubica, was ich denn vom letzten Mal erinnerte, ja, ich bin schon einmal da gewesen, es muss ungefähr 1965 oder 66 gewesen sein. Aber was erinnere ich? Damals war ich als Tramper unterwegs, wie viele andere, ich brauchte fünf Tage von Lausanne bis Dafni bei Athen. Dafni, ein byzantinische Klosterkirche und ein weitläufiger Campingplatz, ist nur ein paar Kilometer von Eleusis entfernt, liegt an der heiligen Straße. Ich aber legte mich, wenn es dunkel wurde, nahe dem Autoput durch Jugoslawien zur Ruhe, so nah, dass die Scheinwerfer der Laster direkt in mein winziges Zelt schienen und ich jedesmal meinte, nun würde zwischen fünfzehn bis dreißig Tonnen Schwerlast wie ein Geschoss auf mich zudonnern, bis ich am nachlassenden Zittern des Erdbodens merkte, dass es doch vorbeigerast war und ich noch lebte. Aber da brummte in der Ferne schon der nächste heran. Damals war der Put auch die Straße nach Asien, fuhren Studenten wie ich irgendwelche Mercedes' nach Teheran, bekamen eine große Summe Geldes und den Rückflug bezahlt und fragten nicht weiter nach dem Woher des Gefährts. Ich erinnere mich, den ersten Tag war ich bloß bis Novara gekommen, aber den andern Morgen lachte mir das Glück: ein Frischfleischtransport bremste für mich, und der Fahrer meinte, ich könne bis Triest mitfahren. So kenne ich die Krankenhäuser von Levico und Feltre und habe im Zickzack durchs Veneto Schweinehälften mit ausgetragen.
Das nächste, was ich erinnere ist eine Bibel im Nachtschrank eines Hotels in Ljubljana. War sie in Englisch? Las ich darin? Dann nahm mich wieder ein Lieferant mit, immer wenn eine Raststätte in Sicht kam, deutete er hinüber und sagte „Essen tam!“
Was weiß ich noch von dem Belgrad, das ich zu Fuss durchquerte? Buchstäblich nichts außer, dass ich meine Erschöpfung spürte und die Stadt mir ausschließlich als Hindernis für Tramper erbaut schien.
Irgendwo vor Niş wollte ich mich ein Stück seitwärts in die Büsche schlagen um mein Zelt für die Nacht aufzubauen. Doch mich eskortierten zahlreiche Männer, die jede meiner Unternehmungen gespannt verfolgten. Die Sensation war mein aufklappbares Lämpchen mit vier Fenstern aus reinem Glimmer, damit die Kerze nicht im Wind erlosch. Ich legte mich ins Zelt, das Lämpchen davor. Es war dunkel geworden. Über mir leuchteten freundliche zerfurchte Männergesichter, ein Kranz von Schnurrbärten. Es war umgekehrt wie im Büro. Dort lächeln die Leute, hassen dich aber. Hier fühlte ich mich ein wenig bedroht, obwohl keiner eine böse Absicht hatte.....
Nachts donnerten wieder die Laster durch meine Träume.
Dann erwischte ich einen griechischen Tanksattelschlepper, war aber so müde, dass ich nach kurzer Zeit fest einschlief. Der Fahrer weckte mich nicht, sondern ließ mich mit dem Schlepper im dunklen Hafengelände von Thessaloniki stehen. Des Trampens matt spendete ich einen halben Liter Blut in der örtlichen Krankenstation und fuhr von dem Geld per Bus nach Athen. Ich war mit meinem Freund verabredet, er aber unterwegs, sein Zelt erkannte ich an unserm riesigen Teddybären, der da mit seinen Knopfaugenblicken saß.
Am nächsten Abend nahmen wir die Fähre nach Heraklion.