Message in a bottle

29.03.2006 um 10:34 Uhr

Jugoslawien-Brevier mit Ausrufen (Jugo-Blues 5)

von: hibou

Über Slowenien Claudio Magris lesen!

Den Triglav mit einem Wolkenhut sehen!

Über den Predil-Pass fahren oder wie der Langobarde Alboin auf den Mataiur steigen, um das gelobte Land zu sehen!

Nicht wie Rilke in Miramare steckenbleiben!

Nicht wie James Joyce im Triestiner Strassengraben liegenbleiben!

Illy Café trinken und an die kuk Monarchie denken!

In Ljublianas Hotelzimmern in die Nachttischschublade schauen: dort liegt ne Bibel!

Rijeka meiden!

Den Kolo tanzen!

In den Grotten von Postojna mit den Fledermäusen flattern!

Lippizzaner lieben, Lipica unbedingt besuchen!

Vorher in Aquileja den Zuchthengst Maestoso bewundern!

Palladio einen guten Mann sein lassen!

Alpenblumen sammeln!

Den Film "Marschall Titos Geist" reinziehen

Weiter nach Süden durchsickern.......

27.03.2006 um 11:32 Uhr

The Call of the Wild (Jugo-Blues 4)

von: hibou

Aber viel früher erkundigten wir uns in Titograd nach dem Weg. Die Strassen in den Bergen könnten geschlossen sein, sagte man uns. Wir schauten etwas ungläubig. Es war Frühling. Jedenfalls müssten wir nach Peç. Den 2CV also noch nachmittags bergan getrieben…. Bald wurden die Strassen schmaler und steiler, ringsum Tannen wie am Feldberg, bald einmal lag Schnee und wie es dunkelte war die Strasse fast unpassierbar geworden, wäre uns nicht ab und zu ein pflügender Sattelschlepper mit Langholz entgegengekommen. Warum gaben wir nicht auf? Ich weiß es nicht mehr. An der Böschung häuften sich die liegengebliebenen Autos, manche mit sehr alten Schneeschichten bedeckt, manche sichtbar zerknautscht. Endlich eine Hochebene und endlich eine Siedlung!! Vor der Herberge viele Laster und PKWs. Wir bekamen Zimmer Nr. 1 direkt über der Gaststube. Die war schwarzgetäfelt und dunkel, zu essen gab es nichts mehr außer einer Dose Sardinen und einer oder zwei Zwiebeln. Wir waren hungrig – litten aber am nächsten Tag an Durchfall. In unruhigem Schlaf vernahmen wir das laute Singen und die Akkordeonmusik von unten. Nie habe ich sibirischer genächtigt – und am morgen sprang keiner der Wagen an. Wir aber hatten die gute alte Kurbel und fuhren nach Minuten (ich meine: triumphierend) davon. Der Ort hieß Rozaje und blieb uns lange Zeit als Synonym für Überleben. In der Tat verstecken sich in der Gegend bis heute Karadzic und Mladic vor dem Haager Tribunal.

Wir kamen wieder in den Frühling hinunter. Die Strasse aber blieb schmal und schlaglöcherig. Ich kurbelte und kurbelte am Steuer. Michael hatte keinen Führerschein. Ich schwor, nie mehr Auto zu fahren. Wir sangen das Lied des Makkadam. Wir sangen das Partisanenlied, Der Sandzak war grün und muslimisch. Wo waren wir? In Bosnien, in Montenegro, in Serbien, in Makedonien? Die steinernen Turbane der muslimischen Gräber, die Frauen in weiten Pluderhosen (heute nenne ich die şalvar J), Esel und einfachste Holzzäune ließen wir hinter uns. Endlich kamen wir nach Skoplje hinunter, das war grade unter einem Erdbeben halb zusammengebrochen. Ich konnte in meiner Ermüdung ein ellentiefes Loch in der Strasse nicht mehr umfahren. Ein Donnerschlag! Beide Vordertüren und der Auspuff blieben liegen……

26.03.2006 um 16:58 Uhr

Nackt in Istrien (Jugo-Blues 3, nicht jugendfrei)

von: hibou

Dies ist ein Gastbeitrag zum Thema. Erzählen tut der Kaninchenzüchter Dragomir, der zwar von dort unten stammt, aber lange in Deutschland und der Schweiz gelebt hat. Ich habe alles naturgetreu aufgeschrieben, selbst wenn mir hier und da sein Epos etwas ruppig erschien.

"Ein anderesmal fuhr ich im Sommer mit F., G. und E. nach Istrien. Wir begleiteten die arme rheumatische E. auf ihrer nie endenden Suche nach Thermalbädern. Diesmal sollte es Istarske Toplice sein, mitten in der Halbinsel gelegen, nicht weit vom Bergstädtchen Motovun. Quartier nahmen wir in einer Mietwohnung am Meeresufer von Umag. Uns war nicht klar, dass wir da mitten in einem meilenlangen Nudistenparadies leben würden. Wir waren meist angezogen. Für F. war Nacktheit etwas Übles, Dunkles. Wir kamen aber auf diese Weise nah an das Fremde heran. ‚Je näher man dem Fremden ist, desto fremder wird einem das nahe Selbst‘ sagt der Reisephilosoph nicht unrichtig.

Istarske Toplice war ein sehr verfallenes Staatsbad, von sozialistischen Pensionären aus vielen Ländern Osteuropas besucht. Diese wurden von ihren Betrieben in großen Gruppen dorthin verschickt, für sie war es ein einschneidendes Erlebnis. Der Badetag kostete uns nur Groschen, die Einrichtung war spartanisch und abgeschabt aber das Wasser warm und schwefelhaltig. An einem Tischchen saß die Genossin (Druga) Aufsichtssführende in mattgrüner Schürze und löste Kreuzworträtsel. Einige andere Metallstühle am Beckenrand dienten dazu, die Kleider gestapelt zurückzulassen. Männchen und Weibchen zogen sich da unbefangen aus, man stand wohl eine Weile nackt herum, bevor man in den Einteiler mit verstärkten Brustkörbchen schlüpfte. Nur F. zog sich irgendwo im dunklen Flur um, fummelte dabei den Badeanzug erst mühsam unter die Kleidungsstücke, bevor sie diese entfernte. Der Sprung vom Beckenrand, Plantschen und hastiges Schwimmen waren unerwünscht. Sofort zog die Aufsicht die Brauen hoch und das Bleistiftende aus dem Mund. Draußen fanden wir beim Spazieren einen Minigolfplatz, der völlig von Efeu und Nesseln überwachsen war. Auch die Gebäude waren weitgehend grün. Vielleicht hatte die Nymphe Daphne hier Zuflucht gesucht (Warum weiß der olle Dragomir in klassischer Mythologie Bescheid? Anm: hibou).

Wieder zu Hause umgaben uns in der heißen Julinachmittagssonne Unmengen von nackten Leibern. Nahebei lag ein riesiges Nudistencamp, ‚Polynesia‘ geheißen. Dort lebten Sonnenanbeter, die die Arme zum Himmel streckten und den Hintern heraus, wenn sie sich zum Baby bückten. Alles wurde hier unbekleidet erledigt: der Einkauf im Supermarkt, der abendliche Gang durch die Boutiquen, der Restaurantbesuch, der Gang auf die Gemeinschaftstoiletten (letzteres erschien mir komisch, so nackt aus seiner Zelle unter die andern zu treten. Warum eigentlich noch Frauen- und Männerklos?). Im Café breitete mensch ein Stück Plastik auf den Sitz (Das erinnerte mich ans Postamt in Dornach: dort waren eine Zeit durchsichtige Fotzenlecktücklein für Lesbierinnen ausgelegt. Gratis. Eine Leistung des Seuchenamtes)

Zwischendurch wanderten wir in den Bergen. Da die Damen oft pinkeln mussten, aber selten ein Sichtschutz vorhanden war, stand ich Wache und pfiff bei Bedarf. G. wartete, bis wir in den Wald kamen. Dort schlug sie sich in die Büsche, wir hörten bergaufwärts die Zweige knacken. Endlich fand sie den heimlichen Ort, übersah dabei aber, dass eine Schneise direkt zu uns hinunterführte. Wir schauten ihrer Verrichtung von schräg unten zu. Dann trat sie ins Gehölz zurück und kurz darauf aufatmend wieder unter uns, die wir unbeteiligte Mienen aufgesetzt hatten. (Das erinnert mich an einen Sonntagsspaziergang ebenfalls mit F. und E im Wittmoor. Der Weg führte auf den unabgetorften Dämmen entlang. Nach einer Biegung sahen wir unter uns auf der Wiese ein vögelndes Paar liegen. Wie lange hatten sie wohl nach einem versteckten Ort gesucht? Man muss tapfer sein, sich nackt ins Riedgras zu legen, den Ameisen, Asseln und Stechmücken ausgesetzt. Das Mädchen lag rücklings, wir sahen nur ihr Gesicht und ihre gespreizten Beine. Als sie uns wahrnahm, schloss sie ganz einfach die Augen. Des Jungen nackter Hintern stieß in schnellem Rhythmus auf sie nieder. Wir machten uns geräuschlos und nachdenklich davon).

Und du, Motovun, auf Bergeshöhen, bist von Istria die mindeste nicht! Wir saßen im örtlichen Lokal, die Sonne ging unter, die Luft war milde, alle Leute waren jetzt wenigstens mit ein paar Fetzchen bekleidet. Auf der Bühne tanzte die Saisontruppe die schnellen stampfenden kroatischen Tänze. Hingegeben sangen sie ‚Jugoslavioooo‘. Es war kurz bevor das Land unter Kriegen in Teile auseinanderfiel. Das stößt mir seitdem bitter auf. Singen sie jetzt ‚Hrvatzka‘?

Einmal vermochte ich G. und F. doch zu überreden, zum Nacktbaden mit mir an den Strand zu kommen. Bis zum Schluss wollte ich es nicht glauben, aber die beiden zogen sich in heroischem Entschluss tatsächlich aus, zwängten sich zwischen den liegenden Leibern und den Felsen hindurch zum Wasser hinab. Ich tauchte unter den beiden hindurch, hatte ich G. doch noch nie nackt gesehen. Die Felsen hatten vom Wind und den vielen Bohrmuscheln messerscharfe Kanten, man musst sich sehr langsam an ihnen hochhangeln. Ein schnauzbärtiger Typ hielt F. hilfreich die Hand in den Schritt, tätschelte ihr hinterher jovial den Hintern. Auf G.s Badetuch lag ein Mann mit einem riesigen, blauroten Penis. Ich neckte sie später noch oft damit. Natürlich habe ich so was schon gesehen, sagte sie dann entschieden. (Ich muss da daran denken, wie wir FW im Studentendorf nackt auf ihrem Bett fotografierten. Sie flog daraufhin aus ihrem Zimmer. Kein Wunder, dass sie eine engagierte Gewerkschaftlerin wurde)."

Hier endet die doch etwas wirre Erzählung des Dragomir aus Ston. Etwaige Ungenauigkeiten bitten wir zu entschuldigen.

23.03.2006 um 19:41 Uhr

Ucan Üniversitenin sergi dükkani

von: hibou

Wir haben unsere erste Ausstellung als "Fliegende Universität" eröffnet! Der Raum ist riesig, er wurde Minuten vor der Vernissage erst fertiggestellt...

Davor an der Hauptstrasse Bodrum – Turgutreis hängen weisse, segelgleiche Fahnen mit der Aufschrift "Uçan Üniversite – Sergi Dükkanı” Oben im Hof des Marmara Kollegs (auf dem Pflaster mit der Zeichnung einer Windrose) fand die Eröffnungs-, Frühlings, Spiralperformance (Idee: Thomas K.) statt: vier Männer, mit schwarzen Bändern mit ihr verbunden, tanzten rings um die schöne Inci, wickelten sie langsam ein und kamen ihr immer näher. Dann gings langsam und feierlich in die Auswicklung. Der Rest von uns schlug die Trommel, das Tamburin, alle hatten wir Glöckchen am Fuss, ich juchzte.....

Außer uns zwölfen machten noch 19 andere KünstlerInnen mit, einige kamen von weit her, aus Istanbul oder gar Antakya (Antiochia). Oder aus Kemer hinter den sieben Bergen ;-). Es ist eine interessante Gruppe von sehr unterschiedlichen Werken und Leuten. So eine Ausstellung haben wir hier noch nie gesehen, sagten viele der Besucher. TV und Zeitungsleute waren da, führten Interviews, viele Kameras und Digitalkameras surrten (altertümliches Wort: sie gaben natürlich keinen Laut von sich. Aber das ist so schwer fassbar). Wir hatten die letzten Wochen und Tage hart gearbeitet, nun atmeten wir (aus). Gingen alle hinterher noch ins "Tantra" nach Ortakent.

Starke Werke: Die nüchternen aber stumm sprechenden Vierecke von Dilek: darunter 189 grüne Köpfe und zehn Reihen "aus seinem Umriss treten" (leider haben wir das vergessen zu fotografieren. Das Eisgebirge von Alp mit dem Tonstädtchen darum. Es tropft das Wasser und die Zeit. Die Tschadorfrauen von Thomas! Das Video "Fast Imam" von Bengisu... na und anderes. Hab Fotos angehängt, mach nen Rundgang! Während der Ausstellung machen wir Konferenzen: mit dem Bodrumer Architektenbund, mit den Blaue Reisen-Kapitänen, mit den Ärzten, usw, um uns gegenseitig bekannt zu machen. Wir haben uns vorgenommen, hier auf der Halbinsel eine gewisse Power zu entwickeln......

Soweit

23.03.2006 um 09:53 Uhr

Dolinen, Migration

von: hibou

Stimmung: uralt
Musik: marianne faithfull

Dolinen, Migration

die Geräusche tragen weit

in der Stille

 

Kalkgerippe leuchten

gelblich alt schon von Geburt

 

Keiner von uns

hat je

Menschenleere erlebt

Ziehen

welches bleibt

 

© hibou

23.03.2006 um 06:45 Uhr

Gewölk, Jugo-Blues 2

von: hibou

Es war wie jetzt früher Frühling, die Luft aber wurde mit den Tagen und der Reise immer wärmer. In den Städten – Zadar, Split, Dubrovnik -  waren die Plätze abends schwarz von Menschen. Ein Junge erklärte uns, der Raum sei mehr oder weniger rituell eingeteilt: ein Quadrant für die Alten, einer für die Jungen, ein gemischter und einer für Leute wie uns. Er sprach sehr gebrochen englisch, aber flüssig Zeichensprache. Das angebotene weiße Nylonhemd nahm er gerne. Waren die Leute da arm? Litten sie unter Mangel? Ich kann mich nicht an so was erinnern. Das Essen war einfach: Suppe, Çevapçiçi oder Rasniçi, Kohlsalat. Dass es Länder ohne Schweinefleischesser geben könnte, kam uns noch nicht in den Sinn.  Drunten hinterm Horizont herrschte Enver Hodscha, gab es ein völlig unpassierbares Land namens Albanien. Irgendwann, nachdem auf der Route nicht nur Felsbuchten und in den Stein gehauene Tunnels, sondern auch weite Flusstäler mit langen, wackligen und mit den Autoreifen tanzenden Pontonbrücken vorkamen, hörten an dieser Grenze Eisenbahnschienen, Strassen und Brücken abrupt auf. In Budva tranken wir Sorbet aus einem Messingbehälter mit langem Hals, den ein Verkäufer auf dem Rücken trug. An diesem Abend war es richtig heiß. Frühmorgens aber ging’s hoch in die Berge, nach Çetinje hinauf (das war einst eine Königsstadt gewesen, Montenegro, Çrna Gora, Kara Dağ hieß dieses Land). Wieder hinunter nach Titograd (das heute umgetauft ist). Wir wollten versuchen, hinter Albanien herumzufahren. Auf den nächsten Bergketten hingen Wolken. Aber Berge nehmen sich ja meist etwas vom Gewölk.

21.03.2006 um 10:05 Uhr

Yougoslavia-Blues

von: hibou

Newruz! Anatolische Neujahrsfeier… Persephone kehrt aus dem Hades zurück. Die Sonne bringt es auf den Punkt. Milosevic aber auf dem Weg zum Hades? Mir fiel vieles wieder ein, natürlich zuerst der Autoput, die lange Fahrt nach Griechenland. Das Land der Griechen mit der Seele suchen, wenig interessiert am Unterwegs. Das änderte sich bald. Wir fuhren im 2CV die adriatische Küste hinunter, Michael und ich und immer eine Flasche Wein vom letzten Halt. Also jetzt friaulischen. Triest! Dieses spannende Gebiet dazwischen (Italiener sagen noch immer Gorizia, Österreicher Görtz), Dolinen, Migration….. Wir trennten uns bald von Joyce und Nora und auch Stanislaw und Italo und fuhren in Richtung, ja, Kroatien sagte man damals noch nicht, in Richtung Süden. Immer rippiger und skelettähnlicher wurde die Küste, ein riesiger, kahler Kamm, der die Fluten strich, Inseln zu tausenden, Frauen, welche ein bis zwei Ziegen hüteten und mit Spindeln Wolle zu Fäden zwirbelten. Tito lebte! Und seine Insel war Brioni, rechts draussen, privat im Sozialismus (später fuhren wir drauf herum). Die Arbeiter gingen früh um vier oder fünf ins Werk, kamen dafür schon kurz nach Mittag nach Hause. Vor Erschöpfung fuhr ich aus dem Parken heraus gegen einen Grenzstein. Fortan war die Miliz misstrauisch wegen der Beule. Wir liebten den Titoismus: ein Land, zwei Schriften, drei Religionen, vier Zigarettenmarken, fünf Sprachen, sechs Länder, oder so.

 

wird fortgesetzt.....

20.03.2006 um 06:10 Uhr

Als ich vor Jahren in Belgrad war (aus dem Fundus)

von: hibou

Einer schweizer Campinglampe und der Autoput

 

Als ich jüngst in Belgrad war, fragte mich Ljubica, was ich denn vom letzten Mal erinnerte, ja, ich bin schon einmal da gewesen, es muss ungefähr 1965 oder 66 gewesen sein. Aber was erinnere ich? Damals war ich als Tramper unterwegs, wie viele andere, ich brauchte fünf Tage von Lausanne bis Dafni bei Athen. Dafni, ein byzantinische Klosterkirche und ein weitläufiger Campingplatz, ist nur ein paar Kilometer von Eleusis entfernt, liegt an der heiligen Straße. Ich aber legte mich, wenn es dunkel wurde, nahe dem Autoput durch Jugoslawien zur Ruhe, so nah, dass die Scheinwerfer der Laster direkt in mein winziges Zelt schienen und ich jedesmal meinte, nun würde zwischen fünfzehn bis dreißig Tonnen Schwerlast wie ein Geschoss auf mich zudonnern, bis ich am nachlassenden Zittern des Erdbodens merkte, dass es doch vorbeigerast war und ich noch lebte. Aber da brummte in der Ferne schon der nächste heran. Damals war der Put auch die Straße nach Asien, fuhren Studenten wie ich irgendwelche Mercedes' nach Teheran, bekamen eine große Summe Geldes und den Rückflug bezahlt und fragten nicht weiter nach dem Woher des Gefährts. Ich erinnere mich, den ersten Tag war ich bloß bis Novara gekommen, aber den andern Morgen lachte mir das Glück: ein Frischfleischtransport bremste für mich, und der Fahrer meinte, ich könne bis Triest mitfahren. So kenne ich die Krankenhäuser von Levico und Feltre und habe im Zickzack durchs Veneto Schweinehälften mit ausgetragen.

Das nächste, was ich erinnere ist eine Bibel im Nachtschrank eines Hotels in Ljubljana. War sie in Englisch? Las ich darin? Dann nahm mich wieder ein Lieferant mit, immer wenn eine Raststätte in Sicht kam, deutete er hinüber und sagte „Essen tam!“

Was weiß ich noch von dem Belgrad, das ich zu Fuss durchquerte? Buchstäblich nichts außer, dass ich meine Erschöpfung spürte und die Stadt mir ausschließlich als Hindernis für Tramper erbaut schien.

Irgendwo vor Niş wollte ich mich ein Stück seitwärts in die Büsche schlagen um mein Zelt für die Nacht aufzubauen. Doch mich eskortierten zahlreiche Männer, die jede meiner Unternehmungen gespannt verfolgten. Die Sensation war mein aufklappbares Lämpchen mit vier Fenstern aus reinem Glimmer, damit die Kerze nicht im Wind erlosch. Ich legte mich ins Zelt, das Lämpchen davor. Es war dunkel geworden. Über mir leuchteten freundliche zerfurchte Männergesichter, ein Kranz von Schnurrbärten. Es war umgekehrt wie im Büro. Dort lächeln die Leute, hassen dich aber. Hier fühlte ich mich ein wenig bedroht, obwohl keiner eine böse Absicht hatte.....

Nachts donnerten wieder die Laster durch meine Träume.

Dann erwischte ich einen griechischen Tanksattelschlepper, war aber so müde, dass ich nach kurzer Zeit fest einschlief. Der Fahrer weckte mich nicht, sondern ließ mich mit dem Schlepper im dunklen Hafengelände von Thessaloniki stehen. Des Trampens matt spendete ich einen halben Liter Blut in der örtlichen Krankenstation und fuhr von dem Geld per Bus nach Athen. Ich war mit meinem Freund verabredet, er aber unterwegs, sein Zelt erkannte ich an unserm riesigen Teddybären, der da mit seinen Knopfaugenblicken saß.

Am nächsten Abend nahmen wir die Fähre nach Heraklion.

14.03.2006 um 10:38 Uhr

deutsche nachrichten

von: hibou

.....Der frühere jugoslawische Milosevic ...

03.03.2006 um 15:52 Uhr

Phänomenologie

von: hibou

Sütlaç, unser Hund, ("Doggi-ploggi", "Hodscha Hodscha") ist ein Phänomen. Er zeigt nur an den äußeren Enden Emotionen; am Schwanz und am Kopf – da insbesondere mit dem Kiefer, aber auch in den Augen ist ein Abglanz davon. Wir beobachten nun, dass überall in der Welt die Ränder, oder vielmehr die Grenzen zwischen Bereichen Leben zeigen. Des Hundes Schnauze ist der Übergang zwischen Innenhund und Welt (Aussenhund). Seine Nase gibt im reichlich Nachrichten vom Unbekannten, Neuen. Unmittelbar schlägt es um zum anderen Ende: der Schwanz wedelt, gibt Nachricht an den Rest der Welt: ich bin begeistert, erregt, neugierig....

Gemäß unseren Schlussfolgerungen beobachten wir weiter. Es gibt viele Grenzbezirke, in denen sich plötzlich Vielfalt und Leben zeigt: der Strand! Mit einem Mal fangen sonst eher nüchterne Menschen an, sich auszuziehen, sie zeigen (fast) alles, sie spielen Volleyball, sie besaufen sich des Abends, sie vögeln dann im Halbdunkeln mit Unbekannten, von Unbekannten beobachtet. Nie, merke: nie! würden sie dass in ihrem homogenen Lebensbereich tun. Der Waldrand: Blumen über Blumen! Davor: Kornfeld, dahinter: eintöniges Waldesdunkel. Das Dekolleté. Die Grenze zwischen Bier und Umwelt: Schaum!!! Der Abend und der Morgen: farbig und labil, nicht so eindeutig wie der tumbe Tag und die verbissene Nacht.... Na undsoweiter. Ich finde, Ihr könnt Euch selbst was einfallen lassen.

02.03.2006 um 09:38 Uhr

und wer dichtet so?

von: hibou

Keine Vision von fremden Ländern,
kein Gefühl von braunen Frauen, die
tanzen aus den fallenden Gewändern.

Keine wilde fremde Melodie.
Keine Lieder, die vom Blute stammten,
und kein Blut, das aus den Tiefen schrie.

Keine braunen Mädchen, die sich samten
breiteten in Tropenmüdigkeit;
keine Augen, die wie Waffen flammten,

und die Munde zum Gelächter breit.
Und ein wunderliches Sich-verstehen
mit der hellen Menschen Eitelkeit.

Und mir war so bange hinzusehen.

O wie sind die Tiere so viel treuer,
die in Gittern auf und niedergehn,
ohne Eintracht mit dem Treiben neuer
fremder Dinge, die sie nicht verstehn;
und sie brennen wie ein stilles Feuer
leise aus und sinken in sich ein,
teilnahmslos dem neuen Abenteuer
und mit ihrem großen Blut allein.

02.03.2006 um 09:31 Uhr

ist es eins?

von: hibou

Ginkgo biloba (Ginkgoaceae)
Ginkgo (Chinees Ginkyo) = zilveren abrikoos
Biloba (Latijn) = tweelobbig

02.03.2006 um 09:27 Uhr

aus dem west-östlichen Diwan von Goethe eines meiner Lieblingsgedichte

von: hibou

GINKGO BILOBA

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie's den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt,
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?

Solche Frage zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich eins und doppelt bin?

02.03.2006 um 09:21 Uhr

Orientalisches

von: hibou

26.2.06 Istanbul, Teşvikiye

In diesen zwei Lokalen, die in osmanischen Läden untergebracht sind, haben wir schon vor drei Jahren gesessen und damals gaben sie uns kein Bier, weil die Moschee zu nahebei liegt (weniger als hundert Meter), aber jetzt tranken wir Milchkaffee, die Tageszeit lag zu nahe (weniger als zwei Stunden) am Morgen. Gegenüber zwischen all den sehr sehr westlichen Geschäften – wir könnten glatt in Lausanne oder Genf sein – eine Reklametafel mit orientalisierendem Touch, Mann mit rotem Fez, Kuppeln, Minarete falan fılan...

Der "Orient", so sinnieren wir, wurde wohl von den Orientalisten geschaffen, es wimmelt in ihm von Diwanen, Eunuchen, Dampfbädern, Wasserpfeifen, fliegenden Teppichen, Hadschis, Schehrazades und Ali Babas. Doch hierzulande kennt niemand die Nachtfeuer der Elsa von Kamphoevener, den Hadschi Halef Omar des Karl May, die Reiseberichte des Fürsten Pückler, die Eskapaden der Lady Hester Stanhope oder die Leiden der Isabelle Eberhardt. Vielleicht noch die Entführung aus dem Serail oder den Türkischen Marsch (als Telefonton)

Für Europa aber war und ist der Orient ein (selbstgeschaffener) Mythos, seit Ingres und Delacroix, vielleicht seit Rousseau, seit Goethe und Verdi, seit dem Orient Express, dem Kiosk, dem Harem. Wie exotisch!

Nazim Hikmet dichtete dazu schon1925:

Doch
es gab
weder gestern
noch gibt es heute
so einen Orient
und es wird ihn
auch morgen
nicht geben!

Aber wie ist wohl unser Bild vom Abendland hier? In jedem Fall ebenfalls "traumhaft", wie wohl sonst gäbe es den Migrantendruck aus Ost und Süd nach Europa? Und diese Vorstellung hat wohl auch kaum mit Realität zu tun. (Thema: was und wo ist Realität?) Also: was suchen wir? Und was haben wir (hier und dort) verloren?

01.03.2006 um 20:53 Uhr

wo ist das?

von: hibou