Neulich gerieten Gras, Busch und Baum neben unserer Siedlung in Brand, weil ein Nachbar sein Bett “entsorgte”. In Hitze und Dürre schlugen die Flammen bald meterhoch. Der Wind trieb sie auf unsere Häuser zu. Ali, unser Kapıcı (Eine Art Concierge) hat sein Haus etwas ausserhalb, es ist ein halbwegs aufrechter Quader, die Türen meist eingedrückt, die Pergola am Einstürzen, ringsrum Haufen von Müll, darin die Kuh nach Futter sucht. Nun war es als erstes gefährdet. Ah was! rief Ali fröhlich, das geht an uns vorbei, da hoch! Doch er wurde zunehmend unruhiger. Die Feuerwehr hat weite Anfahrt, das Feuer frass sich aufs Haus zu. Ali wurde nervös, dann begann er zu schreien. In letzter Minute wurden die Wasserschläuche aktiv und beendeten das Spektakel. Die Hälfte des Mülls war mitverbrannt, Ali wieder geruhsam.
Wir Türken trennen scharf zwischen “innen” und “aussen”. Jedes Haus, auch das ärmlichste, ist im Innern sauber und ordentlich. Zugleich ist es einem Heiligtum gleich, es darf nicht von jedem betreten werden, und wenn, wie die Moschee, ohne Schuhe. Hohe Mauern schirmen das Anwesen der Reichen nach aussen gegen Sichtkontakt und “Feinde” ab. Ja, da draussen ist alles feindlich. Deshalb hinaus mit Dreck und Müll! Im Wohnbereich dagegen gehört manches sogar mit Spitzendeckchen geschützt: Mikrowellenaltäre, TV-Heiligtümer, viele Boncuks gegen den “Bösen Blick”.
Gestern waren wir an einer unserer blauen Buchten. Der Strand wurde neulich von “Forbes” zu den 100 schönsten der Welt gezählt. Das ist wahr – gilt aber nicht für die Rückseite der Bars und Restaurants, wo die Tamarisken mit blauen Plastiktüten und weggeworfenen Feuerzeugen zugemüllt, die Parkplätze stieben und die alten Gasflaschen achtlos zu Bergen getürmt sind.
Die Familie ist so ein “Innen”, ein geschlossener Kreis selbst in einer scheinbar restlos mobilen Zeit. Ist die Wanderlust, viel eher müsste es wohl die Wandernot heissen, gestillt, wird die Familie sofort wieder im geschützten Innenraum etabliert. Wen wundert es da, dass auch in Berlin Neukölln im Haus noch nach Generationen türkisch gesprochen und gelebt wird? Der Fernseher verbindet ja mit den Ursprüngen (Anmerkung des Autors: auch ich bin oft froh, hier ARD, Arte und SFI schauen zu können). Dem Fernseher wird geglaubt, vertraut, in langen Gesprächen bei Tee, Rakı und Mezes wird aus der Welt ein Plauderkasten voller magischer Effekte, Fallen, Projektionen und unbetretbarer Gegenden.
“Die Familie ist die Wiege der Falschinformationen. Irgendwas muss an ihr sein, das die Tatsachen verfälscht. Zu grosse Nähe und Abgeschlossenheit, der Lärm und die Wärme des Daseins. Vielleicht sogar mehr: der Zwang, zu überleben. Wir sind zerbrechliche Kreaturen umringt von einer Welt von feindlichen Gegebenheiten. Diese Fakten bedrohen unser Glück und unsere Sicherheit. Je mehr wir uns mit den Fakten des Lebens abgeben, desto geringer scheint unser Zusammenhalt. Der Familienprozess wirkt wie eine Abriegelung von der Welt. Warum finden wir die festeste Familieneinheit in den am geringsten entwickelten Gesellschaften? Nichtwissen ist eine Überlebenswaffe.“ (Don DeLillo, The White Noise)
Unsere Welt hat aber seit Jahrhunderten den Weg zur Individuation, zur Entwicklung des einzelnen, der kraft seiner Übersicht und weltklugheit die Gesellschaft gestaltet, eingeschlagen. Dieser Weg führte über die Neugier auf das Unbekannte, das Wissen, die Aufklärung. Die Familie blieb dabei weitgehend auf der Strecke, mit ihr scheinbar auch die Vitalität, das Selbstverständnis ganzer Völker. Wer von uns Westlern mag noch zu einem Volk, zu einer Familie gar, gehören? Dabei ist dieser Verband scheinbar noch immer unnachahmlich. Die Familie zahlt keine Gehälter, keine Altersversicherung, kein Arbeitslosen- oder Krankengeld, sie lässt aber keinen der ihren im Stich. Der türkische Familienbetrieb in Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen ist deshalb noch immer konkurenzlos, wenn auch atavistisch. Korruption, „Seilschaften“, Bestechung (nicht nur am Mittelmeer sondern überall auf der Welt) behaupten sich locker neben dem demokratischen Staatswesen. Nicht zufällig heisst die Mafia „La Famiglia“.
Wo liegt also der Weg? Bevor die festgefügte Familie nicht ihre Verantwortung für das „Ausserhalb“ entdeckt, scheint kein Gemeinschaftswesen, jedenfalls kein zeitgemässes, denkbar. Die Türken sind tief im Innern noch immer Nomaden (jetzt heisst das grade „Der Weg nach Europa“... aber warum die Betten hinter sich verbrennen?). Wandern? Aber sicher! Aber aus Neugier und Lust auf Erkenntnis, nicht aus Not und im sicheren Haus der Tradition, das überallhin mitgenommen werden kann. Erst dann wird Gestaltung des Gemeinwesens demokratisch möglich sein.
Nachbemerkung: Die aufmerksame LeserIn wird gedacht haben: Türkische Zustände! Spannend!! Aber gilt das alles nicht grosso modo auch für uns?