Message in a bottle

29.09.2006 um 17:34 Uhr

urban tribes

von: hibou

im zusammenhang mit der stadt fand ich interessante staemme: urban tribes!

Urban tribes are, according to Ethan Watters, a groups of never-married's between the ages of 25 and 39 who gather in common-interest groups and enjoy the urban lifestyle.

Urban lifestyle communities offer a viable alternative to traditional family structures.

25.09.2006 um 16:19 Uhr

Städte. Baby alone in Babylone

von: hibou

Die Stadt war seit Anbeginn ein Urbild: des Labyrinthes, des menschlichen Gehirns, der Gebärmutter, der Zivilisation, des Fortschritts (gegenüber dem dumpfen Verharren der Landbevölkerung), der Emanzipation (“Stadtluft macht frei”), der dritten Kraft (gegenüber den Dominanten Kaiser und Papst),  der Bildung, der Perspektiven, des Enthemmten und Bösen (“die Hure Babylon”), der Wirtschaftskraft, der Utopie, der Herrschaft. Hat je ein Fürst – ausser Attila – vom Lande aus regiert?

 

“Über eure Städte wird Gras wachsen” sagt die Schrift. Ich war in Jericho, über 5000 Jahre, nachdem sie gegründet wurde, und fand das bestätigt. Ich war oft in Avenches, diesem waadtländischen Dörfchen, unter dessen Grasnarbe Aventicum, einst die Metropole Helvetiens und viertgrössten Stadt des römischen Reiches, liegt. Halikarnassos? Zum Flecken Bodrum herabgesunken... Alexandria? Die Bibliothek ist längst verbrannt. Ich liebe nicht Alexandria, ich liebe meine Erinnerung daran. Sparta? War vielleicht immer ein Ziegen- und Päderastendorf?  Rom selbst, im 17. und 18. Jh zu einem Platz mit knapp 15’000 Seelen herabgesunken, hat sich wieder aufgerappelt. Ich war in Istanbul, das nie weniger als Grosstadt war. Es ist – gelinde gesagt – ausser Kontrolle

 

Die amerikanischen Militärs haben nun schwere Bedenken gegen Städte geäussert: mehr noch als die Schurkenstaaten seien sie Brutstätten des Terrorismus. Ausserdem seien da auf engem Raum bei weitem zu viele Gebäude, so dass das Schussfeld höchst behindert sei (was schon Baron Haussman im 18. Jh. in Paris bemängelt hatte, worauf die Boulevards als Kanonenschneisen ins Weichbild der Stadt gehauen wurden). Dazu noch: auf wen schiessen? der Zivilisten sind Millionen. Und jeder Terrorist verwandelt sich übergangslos in einen Zivilisten (und umgekehrt). Ach wie war es doch vordem mit Ländereroberung so bequem! Das Modell dafür ist Bagdad. In einigen wenigen Tagen war der Irak erobert. Schnell hatte man mit einigen angeheuerten Komparsen die Schleifung des Saddam-Denkmals gemimt. Aber dann!  Immer mehr Stadtviertel gerieten ganz einfach ausser Kontrolle. Eine Razzia mit einem ganzen Battaillon half nur für Stunden, nachher war alles wieder beim Alten. Die Terroristen schwammen wie Fische (wie schon der gute Mao sagte) im Meer des Volkes. Schliesslich – und das schon bald, seit 2002 – blieb uns nur noch die schwer befestigte “Grüne Zone”, hier lebt man irgendwie trotz der Granaten, die von aussen einschlagen. Aber das weite, grauenhafte Gebiet ausserhalb.... weh! Es entzieht sich jeder Kontrolle. Inseln der Anarchie docken irgendwie aneinander. Banden herrschen, dank Handy und Internet auch noch weltweiter und effizienter mit den entsprechenden Zwillingspärchen in anderen Agglomerationen verbunden als unsere teuren Nachrichtendienste. Feral Cities! Raubtierstädte!!!!

 

Agglomerationen! (first we take Manhattan – then we take Berlin).

 

Istanbul hat schätzungsweise  etwa 15 Millionen Einwohner. Keiner weiss es genau, glaub nur nicht, das Einwohnermeldeamt hätte Mittel, das festzustellen. Tokyo? Ein Wahnsinn. In Mexico City haben die meisten Bewohner den Stadtrand nie gesehen und können sich auch nicht vorstellen, ihn jemals zu erreichen. Die einzige Grenze ist der im Smog nur ungefähr wahrnehmbare Sternenhimmel. Lagos und die angrenzenden Küstenstädte mehrerer Staaten bilden inzwischen das weltweit grösste zusammenängende Slumgebiet aus Wellblechhütten von geschätzten 70 Millionen Menschen. Auf der einen Seite sind Städte auch heute noch die Motoren der Wirtschaft, auf der anderen stetig wachsende Zentren, quasi Magnete der Armut – und innerhalb derselben verfestigt sich dieser Dualismus: hier die Reichenviertel mit privaten Sicherheitsdiensten, Mauern, Kameras und anderen immerfort verfeinerten Kontrollen, da die No-Go Areas, wo selbst Google Earth nicht mehr durchblickt. Wie ist die Entwicklung? Die Reichen leiden heftig an Nachwuchs. Die Geburtenrate geht gegen Null, die Summen auf den Bankkonten gegen Unendlich. Nachwuchs aus dem “Proletariat”? Die Mauern erweisen sich inzwischen als unüberwindlich. Die Massen in den Slums vermehren sich weiter exponentiell, sowohl durch Nachwuchs als auch durch Zuzug vom Land. Die Mär vom besseren Leben in der Stadt ist längst widerlegt, und doch hält der Zustrom an. Die Schattenwirtschaft – Drogen, Menschenhandel, Prostitution, Organbeschaffung, Kleinkriminalität und Hoffen auf die “unerwartete Wendung” (so heisst das griechische Wort “Krise”) blüht. Die Bindungen, die das Dorf in ehernen Fesseln halten, lösen sich auf. (Ja ja: “Ehrenmorde”  etc. sind dörfliche Reminiszenzen. In der Stadt wird ohne Tradition und aus weit geringerem Anlass gekillt). Aber eines ist nach wie vor gewährleistet: Enge Anbindung, Massenverkehrsmittel, Durchlässigkeit – was mehr und mehr zum Fluch der Bewahrer wird. Am liebsten würden sie die Slums abkappen, das aber würde vollends der Aufkündigung des Zivilisationsvertrags gleichkommen.

 

Wer herrscht?

 

In den ausser Kontrolle geratenen Stadteilen – und die gibt es  nicht nur in Sao Paolo oder Mumbay, sonden bereits in Paris, Berlin, Hamburg, Mailand, London – stellt sich die Frage nach den bestimmenden “Körperschaften”: wer kontrolliert, wer organisiert, wer hat die Übersicht (denn Blindheit ist der Anfang des Kontrollverlustes)? Natürlich denkt man, und mit Recht, zuerst an die Gangs. Tatsächlich haben, seitdem dıe US-Regierung dem weltweiten internationalen Terrorismus den Krieg erklärt haben, die Gangster in den US-Grossstädten einen sagenhaften Aufschwung genommen. Viele Gangs und Mafiabanden bestehen seit Jahrzehnten, kommen in bekannten Fernsehserien vor (“Sopranos”), sind überregional vernetzt und haben soziale Einrichtungen, die denen des jeweiligen Staates weit überlegen sind. Zudem vermitteln sie Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Wärme!!! die ausser ihnen nur der Fussballfan kennt und zu schätzen weiss. Die Behörden? der Staat, die Politik?? Mein Gott, wer hasst die nicht......

Dann die Jugend. Immer mehr Jugendliche wachsen von Anfang an auf der Strasse auf und schliessen sich da zwangsläufig zu Gruppen zusammen. Keine Familie, keine Schule, kein Militärdienst können ein vergleichbares Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln. Und da alle Chancen im üblichen Sinn eh von Anfang an verschlossen sind, bleibt als Ziel die Illegalität, die Rebellion und die Karriere als Selbstmordbomber....

Die Nachbarschaftsverbindungen. Ja, man staune, sie werden von allen einschlägigen Forschern erwähnt. Logisch: kommt ein Einbruch vor, kann kaum auf einen Ermittlungserfolg der Polizei gehofft werden, und wenn meine Tochter vergewaltigt wird, kommen die Bullen eh zu spät. Also bietet es Schutz, und zwar recht friedlichen, wenn in der Strasse jede jeden kennt und ein “Fremder” als solcher erst Mal auffällt (ein solcher Fremder kann sehr wohl ein Doitscher sein). Man sieht sich jeden Tag, man tauscht sich aus, man ist über Entwicklungen auf dem Laufenden. Glaubst Du im Ernst, die Hartz IV-Software der Behörde ist das? Die Nachbarschaft ist aber Lichtjahre vom derzeit noch als herrschend angesehenen politischen System entfernt. Das Gemeinwesen ist in voller Desintegration, in Hamburg Wilhelmsburg nicht anders als in Bagdad. Selbst auf den gesamten staatlichen Zusammenhalt können solche sich anarchisierenden Grossräume desintegrierend wirken. Was tun? Da helfen keine Flugzeugträger, keine Cruise Missiles und keine “Grossen-Mittel-Ost”-Pläne......

 Die Stadt. Ein getreues Abbild unserer Entwicklung.

P.S. Havanna! Seit Jahrzehnten leiden die Kubaner unter den Sanktionen und Bedrohungen durch die versammelte kapitalistische Welt. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks haben sie noch nicht einmal mehr die Möglichkeit, ihren Zucker zu exportieren. Ihre Erfindungsgabe ist durch den Mangel an alltäglichsten Dingen aufs Äusserste gefordert. Ihre Autos sind jedes für sich Oldtimer, die sich schütter fortbewegen. Die Schlaglöcher in den Strassen Havannas bleiben so lange unangetastet, dass Pflanzen darin wachsen können. Jede Nacht wird in irgendeinem Viertel aus Ersparnisgründen der Strom abgestellt. Und doch sagt der, der es weiß: In Havannas dunkler Nacht bin ich zehn Mal sicherer und 50 Mal aufgehobener als im beleuchteten Horror von New Yorks Untergrundbahnen......

23.09.2006 um 20:07 Uhr

im namen gottes

von: hibou

wir haben einen historischen sieg errungen! ruft Nasrallah vor hunderttausenden von anhaengern in die mikrophone. Und das mit gottes hilfe!! wie bitte? GOTT hat wirklich anderes zu tun, als sich für kriege zwischen dem libanon und israel zu interessieren. er ist hauptsaechlich mit der frage konfrontiert, ob es ihn gibt oder nicht.....

23.09.2006 um 19:58 Uhr

das rauchen

von: hibou

ich rauche gerne. vor einer woche haben wir gerade wieder einmal damit aufgehört. im laufe dieses jahres wohl zum dritten mal?! aber auch als nichtraucher hasse ich keinen, der zigaretten, zigarren oder ein pfeifchen anzündet....

ich finde vielmehr die zunehmende staatliche verfolgung der raucher aetzend. nichts gegen rauchfreie zonen bei behörden (ausser, dass ich die armen angestellten und beamten dort bedauere). aber in restaurants und kneipen? das geht zu weit. und es ist eine aehnliche heuchelei wie bei kasinos und gunstgewerbe, bringt der tabakgenuss doch ein gutes mass an steuern. was denn nun? ist es schaedlich oder eintraeglich? kann der bürger ruhig abkratzen, hauptsache, er führt vorher ein gerüttelt mass an steuern ab? können die nichtraucher wirklich keine rauchfreien oasen finden? wers glaubt......

17.09.2006 um 15:43 Uhr

Gewalt und Religion

von: hibou

Nachdem die Äusserungen von Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) bei einer jüngst erfolgten Vorlesung in Regensburg in der muslimischen Welt Empörung ausgelöst haben – er zitierte darin den byzantinischen Kaiser Manuel II. Paleologos etwa im Sinne von: Mohammed und der Islam haben Gewalt in die Welt gebracht -, versuche ich, meine Gedanken zu diesem Thema zu sortieren. Nicht, dass ich die Römisch-Katholische Kirche verteidigen will und könnte. Deren Geschichte ist nebst anderm durch eine breite Blutspur gezeichnet. Ratzinger selbst war lange Jahre Chef der Behörde, die sich vormals die Heilige Inquisition nannte und für Glaubensfragen, ketzerische Meinungen und deren Austilgung zuständig war. Auf der anderen Seite: die schärfsten Kritiker der Elche – waren und sind selber welche... So der türkische Ministerpräsident Erdoĝan, der Kritik am Papst übte: noch vor wenigen Jahren hatte er öffentlich ein paar Gedichtzeilen zitiert (in etwa "die Minarette sind unsere Lanzen und die Moscheen unsere Kasernen") und war dafür zu Gefängnis verurteilt worden. (Präsident George W. Bush oder den pakistanischen Präsidenten und viele andere fromme Mächtige wollen wir hier wegen Überanalyse auslassen. Bush wird demächst vielmehr in einer kleinen Betrachtung "Macht und Sprache" im Mittelpunkt stehen. Er kann nicht einmal "nuclear" korrekt aussprechen. Das nebenbei). Frage: gibt es gewaltlose Fromme unter den Einflussreichen? Die Friedlichen wie Franz von Assisi wurden schnell durch Heiligsprechung für die eigenen Zwecke vereinnahmt, andere hatten wenig Einfluss und wurden totgeschwiegen oder –geschlagen. Und unter den "Führern". Ghandi vielleicht? Indien ist zwar von den Briten unabhängig geworden, aber manche meinen, ohne ihn wäre das schneller geschehen; von seiner Herangehensweise sind die heutigen InderInnen (selbst wenn sie aus der Familie stammen) weit entfernt, Korrpution, Mafiabanden und religiöse Kämpfe beherrschen das Feld. Vielleicht Mutter Theresa? Sie wurde geschickt instrumentalisiert und wird ins Vergessen gleiten. Die Mullahs im Iran? Viele sehen in ihnen die leibhaftigen Gottseibeiunse. Und doch haben sie puncto Gemetzel nach Innen und Angriffskriegen nach außen allen anderen gegenüber noch die positivste Bilanz. Wer fällt mir sonst noch ein? Waren die A-religiösen, die Atheisten oder die, die nicht an eine Vorsehung glauben in letzter Zeit da im Vorteil? Atatürks, Titos und Fidel Castros Bilanz fällt gut aus. Allende: kein Gewaltmensch, ein Märtyrer.. Mandela: soweit ich das sehe, ohne Fehl. Subcommandante Marcos: dito. Mal sehen, wie Chavez, Morales und Raul Castro sich machen. In jedem Fall neigt sich die Waage zu Gunsten der Ungläubigen.

All die Clemenceaus, Churchills, Blairs, de Gaulles, Solanas und Olmerts dagegen gehören wie Milosevic und Tudjman auf jeden Fall erst mal vor ein Gericht für Kriegsverbrecher (natürlich mit der Möglichkeit des Freispruchs)

Wahrscheinlich habe ich viele vergessen. Bloss dass der eine dem andern Gewalt vorwirft, ist vermutlich pure Heuchelei.

14.09.2006 um 10:13 Uhr

Grenzen und Schwellen – zur Phänomenologie des Raumes (Teil 1)

von: hibou

Quellen:

  • Arnold van Gennep, Rites de Passage
  • Victor Turner, The Ritual Process
  • Volker Demuth, Schwellenzauber

Ein grenzenloser, unstrukturierter Raum ist schwer denkbar, aber umso qualvoll fühlbarer. In ihm kann sich der Mensch nicht mehr orientieren (Schneetreiben, Nebel, Eis- und Sandwüsten), verliert leicht Bewusstsein und Leben. Vielleicht ist ein grenzenloser Raum gar kein Raum im Sinne des Wortes? Aller Raum – der natürliche, kulturelle, ikonografische und alltägliche - wird durch zwei Prinzipien gegliedert und differenziert: die Grenze und die Schwelle. Diese verhalten sich polar. Die Grenze trennt ab, ist unüberwindlich, grenzt das Andere aus - Hochgebirge, Flüsse, Mauern, Vorurteile, KZ-Zäune. Der Prototyp des Grenzenliebhabers ist der Sesshafte.

Die Schwelle öffnet, durchbricht Grenzen, sie ist eine durchlässige Markierung, eine Art Niemandsland, ein Übergang, der aber nicht ohne Gefahren durchschritten wird: Gebirgspässe, hohle Gassen, Stadttore, Disco-Eingänge, überhaupt Türen, Fenster, Übergänge von einer (Einweihungs-) Stufe zur anderen, Brücken, Erkenntnisse. Auch Geburt und Tod können als Schwelle begriffen werden. Der Schwellenverehrer ist der Nomade.

Keiner, nicht der Sesshafte, nicht der Wanderer, keine Gesellschaft, kein Wesen und Ding dieser Erde kommt aber ohne Ausbalancierung und Gliederung zwischen Innen und Außen und vor allem ohne eine Durchlässigkeit zwischen den beiden aus. Der menschliche Organismus – und als ein Phänotyp die Haut - ist ein hochentwickeltes System von Abgrenzung und Durchlässigkeit, ebenso das menschliche Haus, eine, wie van Gennep schreibt, Urform der Gesellschaft. Canetti: "Scheiben und Türen gehören zu Häusern, sie sind der empfindliche Teil ihrer Abgrenzung gegen außen. Wenn Türen und Scheiben eingeschlagen sind, hat das Haus seine Individualität verloren. Jeder kann dann nach Herzenslust hinein, nichts und niemand darin ist geschützt..."

Überwiegt das eine, wächst unser Drang nach dem anderen (die geschlossenen Grenzen der früheren DDR verursachten einen Auswanderungszwang, die der jetzigen EU ein Einwanderbegehren; "laissez-faire" in der antiautoritären Erziehung oder eine grenzenlose und unindividuelle Umgebung ein starkes Sicherheitsbedürfnis). Äusserst wichtig waren von den tribalen (patriarchalischen) Gesellschaften bis hin zum bürgerlichen Zeitalter die Grenzen zwischen Innen und Außen, privater und öffentlicher Sphäre, Familie und dem großen Rest der Leute, quasi Freund und Feind. Eine moderne Gesellschaft braucht aber Durchlässigkeit in der Abgrenzung und nicht Abschottung in Rückzugsgebiete und (kriegerisches) Freund- und Feinddenken.

Der interessante Punkt ist bei allen diesen Phänomenen die Schwelle. An ihrem (ortlosen) Ort ist stets das Ritual angesiedelt (siehe "Rites de Passage" von Arnold van Lennep), sei es der Grundstein des Hauses unter der Türschwelle, das Pentagramm auf Fausts Studioschwelle, die Riten an den Übergängen der Lebensalter (Geburt, Namensgebung (! sie findet auch auf anderen Stufen statt, so der neue Namen des Mönchs oder der Nonne, der Eingeweihtenname, der Kriegsname des Indianers), Beschneidung, sexuelle Initiation, Konfirmation, Kommunion oder Jugendweihe, Hochzeit, Tod), die verschiedenen Zeremonien an der Haustür, wenn Besuch kommt oder geht (Händeschütteln, Küsschen, Geschenke), der Einstand, wenn eine neue Arbeitsstelle angetreten wird, etc.. Die Schwelle wird also nie achtlos oder leicht überschritten, Freude, Herausforderung, Wagnis, Schmerz und Scheitern sind ihr genius loci. Nur zu oft steht auch ein Zöllner, ein Fährmann oder gar ein Cerberus da und fordert seinen Tribut. Die Schwellen sind also codiert (Schloss und Schlüssel, Hierophant, Arbeitsamt und andere Behörden) und können nur mit dem entsprechenden Wissen oder Bewusstsein ohne schwerwiegende Auswirkungen übertreten werden. Sie müssen es aber! weil wir ja nicht im Haus sitzen oder auf der Strasse stehenbleiben wollen.

(wird fortgesetzt)

13.09.2006 um 13:14 Uhr

Der Papst in Deutschland

von: hibou

Benedikt segnet eine Orgel in Regensburg: "Ich segne diese Orgel in DEINEM Namen, damit ihre Musik uns emportrage zu DIR. So wie sich die vielen Pfeifen dieses Instruments zu einem Klang vereinigen....." Hibou fährt fort: "...sollen die vielen Pfeifen im Lande sich gehorsam hinter mir scharen."

11.09.2006 um 15:55 Uhr

Die Nachrichtenhoheit (zum 11.9.)

von: hibou

Heutzutage und schon länger gilt: geglaubt wird, was lange genug wiederholt und nachdrücklich verbreitet wird. Ich habe mich gezwungen, in TV-Programmen mehrere Länder: Deutschland, Schweiz, Frankreich, Türkei die Gedenk- Sendungen zum fünften Jahrestag des Anschlags auf die New Yorker Twin Towers anzusehen. Bin gespannt, ob nun wenigstes einige wenige unterschiedliche Theorien zu den ("wahren") Urhebern erwähnt werden, dachte ich. Denkste! Ein einziges unhinterfragtes Gehudel auf allen Kanälen. Nur Bush hat gegen seinen Willen mal ins Schwarze getroffen, als er aus diesem Anlass sagte: "Wenn ich an all die Toten denke, wünsche ich, wir (!) könnten das alles ungeschehen machen..." Angesichts der Tatsache, dass die These, der Anschlag auf die Türme sei ein Insiderjob, d.h. eine Aktion von US-Regierung und Geheimdiensten gewesen, inzwischen mehr Plausibilität hat als die Bin-Laden-Theorie, ist das ein mutiges Eigeständnis. Aber letztere ist so lange verbreitet worden, dass sie inzwischen fraglos akzeptiert wird. Der nachfolgende Irak-Krieg? Sämtliche Gründe, die für dessen Notwendigkeiten angegeben wurden, haben sich inzwischen als Lügen erwiesen. Die öffentliche Meinung aber bleibt standhaft. Die Beispiele könnten lange fortgesetzt werden. Geht es also darum, einfach die Erklärungshoheit über ein Ereignis zu gewinnen, damit schliesslich und endlich alle daran glauben.? "Tatsache ist, was die meisten glauben" wäre die Schlussfolgerung daraus. Glauben? gehört diese Seelentätigkeit nicht anderswo hin?. Ich will wissen. Oder wenigstens wissen, dass ich nichts weiß, dass ich hinters Licht geführt werde.

09.09.2006 um 08:43 Uhr

EU und die Türkei auf Kollisionskurs

von: hibou

Nach jüngsten Meinungsumfragen wächst in der EU, speziell in Deutschland, Österreich, Holland und Spanien, die Zahl derer, die gegen einen Beitritt der Türkei sind. Gleichzeitig ist die Zahl der Befürworter eines EU-Beitritts hierzulande in den letzten zwei Jahren kontinuierlich von 73% über 55% auf jetzt 44% gesunken. Wozu also das ganze jahrzehntelange Theater? War es wirklich nur so, dass die Türken bettelten und bettelten und alles zu tun versprachen, wenn man sie nur in den Club aufnähme? Irgendwas muss doch auch Europa im Sinn gehabt haben... Für die Nato waren wir ja schon lange gut genug, d.h. wie jetzt in Afghanistan, weiland Korea und Bosnien, wenn die westlichen Truppen in selbstverschuldete Schwierigkeiten geraten, sollen rasch Türken her.

Die Europäischen Institutionen und Entscheidungsgremien haben nun für die nahe Zukunft – für diesen Herbst – die Sollbruchstelle Zypernfrage eingebaut. Ich denke, wenn die Aufnahmegespräche mit der Türkei einmal unterbrochen sind, werden sie nur schwerlich wieder aufgenommen werden. Zurück bleibt eine tiefe Enttäuschung über "Europa". Nicht umsonst steigt die Zahl der Iran-Freunde parallel sprunghaft an.

Der Altphilologe in mir will was sagen: cui bono? wem nützt das?

Noch einige Anmerkungen zum jüngsten Bericht des Europaparlaments zu den "Fortschritten" der Türkei. Solche Zwischenbilanzen über aufzunehmende Länder sind normal, fallen des Öfteren auch kritisch aus. Wie aber das Thema in diesem Fall aufgebauscht wurde ("Ohrfeige für die Türken") erregt den Zorn der einfachen Leute und wird von den Intellektuellen als lächerlich empfunden. Fortschritte bei den Menschenrechten? Wo sind da die Berichte über eigene Zustände? Gesetzesänderungen? Laufen die in Deutschland etc. gerade in demokratische Richtung? Völkermord? Psychologisch ein Gemeinplatz: nur zu leicht projiziert mensch die eigenen Schuldgefühle auf andere. Zypern? Zum 100. Mal: welcher Teil hat zum Annan Plan ja gesagt?

Der Satiriker in mir wühlt in den Archiven. Da! was er vor zwei Jahren schrieb:

Gegendarstellung

Durch das Pressegesetz sind wir verpflichtet, diese Gegendarstellung der CDU kommentarlos abzudrucken.

"Es ist wahr, dass wir Autonomie für die Kurden in der Türkei als eine wesentliche Bedingung für die Annäherung des Landes an Europa fordern. Die kulturelle Unabhängigkeit, die gleichberechtigte Stellung der kurdischen Sprache und die rechtliche Gleichstellung müssen gewährleistet sein. Es ist ein Unding, von allen Schülern zu verlangen, dass sie ‚Wie glücklich bin ich, Türke zu sein‘ aussprechen.

Unwahr ist hingegen, dass wir Autonomie für die Kurden in Deutschland gefordert haben sollen. Wer in unserem Land leben möchte, hat dessen Sprache zu erlernen und sich den Werten der deutschen Leitkultur anzupassen. Wir werden keine Parallelgesellschaften dulden. Ein jeder soll wieder unbefangen sagen können, wie stolz er ist, ein Deutscher zu sein."

gez. Angela Merkel

(Message in a Bottle, 19.12.2004)

und

Brüsseler Spitzen

Einen Tag nach dem Abschluss des Brüsseler Gipfels, auf dem der Beginn von Beitrittsverhandlungen der Türkei zur EU beschlossen wurde – und wir wissen, dass dies nur unter Einschränkungen geschah – sind uns nun zusätzliche, geheime Bedingungen bekannt geworden. Sollten also die in den Nachrichten genannten Vereinbarungen nur die Spitzen des Brüsseler Eisberges sein? Unsere Korrespondentin Ina Bottle offenbarte uns die Zusatzklauseln:

1. Außer der Lösung von Zypern- und Armenienfrage soll die Türkei die Verantwortung für die Eroberung von Byzanz übernehmen (Erdoğan: kein Problem).

2. Österreichs Bundeskanzler Schüssel fordert bis zum 3.10.2005 eine offizielle Entschuldigung für die Belagerung Wiens durch die Ottomanen.

3. Mit der Mär, dass der Nikolaus aus dem anatolischen Myra stamme, müsse sogar ab sofort Schluss sein, spätestens aber zum 6.12.2005.

4. Malta fordert, dass sämtliche in der Türkei liegenden Kreuzritterburgen (Bodrum, Antalya, etc.) entschädigungslos an den Malteser Hilfsdienst übereignet werden.

5. Die Frage, ob Johannes die Apokalypse im griechischen Patmos oder im türkischen Ephesus schrieb, bleibt weiter strittig und ist bis zum 31.12.2024 zu klären.

6. In allen Quellen und vor allem Schulbüchern ist der Geburtsort von Kemal Atatürk zu ändern: nicht mehr Saloniki sondern Kars in Ostanatolien

Zusätzlich wird von der UNO in einem zweiten Annan-Plan die Rücknahme der Besiedelung von Syracus, Messina, Neapel und Marseille durch Kolonisten aus dem westanatolischen Milet verlangt.

Der Papst wiederum sprach sich gegen zusätzliche Konditionen aus. Man vermutet, dass der Vatikan sich vor dem Aufbrechen alter innereuropäischer Streitigkeiten fürchtet. So ist ja bekannt, dass der griechische Patriarch seit Jahren fordert, das bekannte Adventslied "Es kommt ein Schiff geladen" durch das griechisch-orthodoxe "Ich bin ein Mädchen von Piräus/ein Schiff wird kommen" zu ersetzen.

Aber auch die türkische Regierung stellt, wie wir von unserer Quelle erfahren konnten, zusätzliche Forderungen:

  1. Abschaffung des Volksliedes "Sei doch kein Muselmann, der es nicht lassen kann"
  2. Umbenennung des Plumpsklos von "alla Turca" in "Bulgarische Stätte"
  3. Anstatt Beethoven Mozart als europäische Hymne: Türkischer Marsch. Ersatzweise käme "Oh Mustafa, oh Mustafa" als Kompromiss in Betracht.
  4. Anerkennung des Völkermordes an den Trojanern durch Mykene.
  5. Offizieller Verzicht Skopjes, ersatzweise Athens, auf alle Ansprüche aus dem Reich Alexanders des Großen.
  6. Verbot des Kopftuches in allen Europäischen Behörden und Schulen (auch für Nonnen gültig).
  7. Ernennung von Günter Walraff oder Fatih Akin zum EU-Botschafter in Ankara

Es ist uns also nur zu klar wie lange und dornig der Pfad bis zur Gemeinsamkeit noch sein wird….

Allein die Internationale der Schwulen und Lesben fordert den sofortigen und bedingungslosen Beitritt der Türkei. Nur so könne erreicht werden, dass Lesbos aus seiner Randlage wieder mitten in Europa zu liegen komme.

Brüssel, im Dezember 2004

07.09.2006 um 18:11 Uhr

wie tickt die welt?

von: hibou

September 7, 2006

Der Tag von Der Der Dede, einem Fakir aus den Bergen. Zu ihm kann man einen Wunsch tun. Man kocht dazu jedes Jahr an diesem Tag Bulgur mit Linsen, zündet eine Kerze an, tut den Wunsch. Wird er erfüllt, veranstaltet man neuerlich ein Essen mit demselben Gericht. Ich wünsche mir mehr Information ("klar, das Wichtigste ist Gesundheit...."). Wo bekommen wir wirklich sachliche Information her? Wie können wir erfahren, was in der Welt vorgeht? In der Zeit grenzenloser Mobilität sind wir blinder denn je. Medienoutput und Realität vor Ort klaffen hoffnungslos auseinander. Beispiel USA: von der konservativen Mehrheit der Medienbesitzer (nicht der Journalisten) werden nur die "passenden" Nachrichten ausgewählt und via Talkshows und Radio so lange wiederholt, bis sie von allen für wahr gehalten werden. US Amerikaner wissen bekanntlich kaum etwas von der Welt ausserhalb ihrer Grenzen. Dazu kommt, dass kaum noch Jugendliche Zeitung lesen.

Beispiel ARD: Fischer sagt im Mittagsmagazin den folgenden Satz: "Die neue Taktik der terroristischen Hizbollah besteht nun darin, zwecks Propaganda den Leuten Geld für den Wiederaufbau ihrer Häuser zu geben..." Grenzenlos ist das Spendenaufkommen der deutschen Bürger für Katastrophengebiete. Propaganda? In "Brisant" kommen die folgenden sehr kosmopolitischen Themen zur Sprache: Russo stirbt nach dem schmutzigen Scheidungskrieg mit Professor Brinkmann. Sie hatte ihrem Sohn gesagt: ich werde nicht sterben! Dieses Versprechen konnte sie leider nicht halten. Wildgewordener Bulle läuft Amok. Dieser Alptraum wurde für den Passanten X wahr.... In den türkischen Nachrichten fallen täglich Leute vom Balkon (natürlich in Endlosschleife gezeigt....) Zeitungsinhaber gehen an die Börse. Das Blatt muss fortan mindestens 20% Gewinn erwirtschaften. Das geht aber nur mit News, die den Leuten passen. Der Exempel wären noch mehr.

Bleiben die Blogs. Es gibt inzwischen hunderttausende davon, doch die Mehrheit von ihnen ist rechts-christlich. Einige von ihnen sind wirkliche Quellen für das Geschehen vor Ort. Drei oder vier Beispiele:

http://www.iraqbodycount.net/

http://www.dailykos.com/

http://riesenmaschine.de/

http://www.manalaa.net/

Sicher gibt’s noch mehr. Die Suche ist mühsam, aber unbedingt erforderlich! Ich tu einen Wunsch: wirkliche Nachrichten!!!