Die Stadt war seit Anbeginn ein Urbild: des Labyrinthes, des menschlichen Gehirns, der Gebärmutter, der Zivilisation, des Fortschritts (gegenüber dem dumpfen Verharren der Landbevölkerung), der Emanzipation (“Stadtluft macht frei”), der dritten Kraft (gegenüber den Dominanten Kaiser und Papst), der Bildung, der Perspektiven, des Enthemmten und Bösen (“die Hure Babylon”), der Wirtschaftskraft, der Utopie, der Herrschaft. Hat je ein Fürst – ausser Attila – vom Lande aus regiert?
“Über eure Städte wird Gras wachsen” sagt die Schrift. Ich war in Jericho, über 5000 Jahre, nachdem sie gegründet wurde, und fand das bestätigt. Ich war oft in Avenches, diesem waadtländischen Dörfchen, unter dessen Grasnarbe Aventicum, einst die Metropole Helvetiens und viertgrössten Stadt des römischen Reiches, liegt. Halikarnassos? Zum Flecken Bodrum herabgesunken... Alexandria? Die Bibliothek ist längst verbrannt. Ich liebe nicht Alexandria, ich liebe meine Erinnerung daran. Sparta? War vielleicht immer ein Ziegen- und Päderastendorf? Rom selbst, im 17. und 18. Jh zu einem Platz mit knapp 15’000 Seelen herabgesunken, hat sich wieder aufgerappelt. Ich war in Istanbul, das nie weniger als Grosstadt war. Es ist – gelinde gesagt – ausser Kontrolle
Die amerikanischen Militärs haben nun schwere Bedenken gegen Städte geäussert: mehr noch als die Schurkenstaaten seien sie Brutstätten des Terrorismus. Ausserdem seien da auf engem Raum bei weitem zu viele Gebäude, so dass das Schussfeld höchst behindert sei (was schon Baron Haussman im 18. Jh. in Paris bemängelt hatte, worauf die Boulevards als Kanonenschneisen ins Weichbild der Stadt gehauen wurden). Dazu noch: auf wen schiessen? der Zivilisten sind Millionen. Und jeder Terrorist verwandelt sich übergangslos in einen Zivilisten (und umgekehrt). Ach wie war es doch vordem mit Ländereroberung so bequem! Das Modell dafür ist Bagdad. In einigen wenigen Tagen war der Irak erobert. Schnell hatte man mit einigen angeheuerten Komparsen die Schleifung des Saddam-Denkmals gemimt. Aber dann! Immer mehr Stadtviertel gerieten ganz einfach ausser Kontrolle. Eine Razzia mit einem ganzen Battaillon half nur für Stunden, nachher war alles wieder beim Alten. Die Terroristen schwammen wie Fische (wie schon der gute Mao sagte) im Meer des Volkes. Schliesslich – und das schon bald, seit 2002 – blieb uns nur noch die schwer befestigte “Grüne Zone”, hier lebt man irgendwie trotz der Granaten, die von aussen einschlagen. Aber das weite, grauenhafte Gebiet ausserhalb.... weh! Es entzieht sich jeder Kontrolle. Inseln der Anarchie docken irgendwie aneinander. Banden herrschen, dank Handy und Internet auch noch weltweiter und effizienter mit den entsprechenden Zwillingspärchen in anderen Agglomerationen verbunden als unsere teuren Nachrichtendienste. Feral Cities! Raubtierstädte!!!!
Agglomerationen! (first we take Manhattan – then we take Berlin).
Istanbul hat schätzungsweise etwa 15 Millionen Einwohner. Keiner weiss es genau, glaub nur nicht, das Einwohnermeldeamt hätte Mittel, das festzustellen. Tokyo? Ein Wahnsinn. In Mexico City haben die meisten Bewohner den Stadtrand nie gesehen und können sich auch nicht vorstellen, ihn jemals zu erreichen. Die einzige Grenze ist der im Smog nur ungefähr wahrnehmbare Sternenhimmel. Lagos und die angrenzenden Küstenstädte mehrerer Staaten bilden inzwischen das weltweit grösste zusammenängende Slumgebiet aus Wellblechhütten von geschätzten 70 Millionen Menschen. Auf der einen Seite sind Städte auch heute noch die Motoren der Wirtschaft, auf der anderen stetig wachsende Zentren, quasi Magnete der Armut – und innerhalb derselben verfestigt sich dieser Dualismus: hier die Reichenviertel mit privaten Sicherheitsdiensten, Mauern, Kameras und anderen immerfort verfeinerten Kontrollen, da die No-Go Areas, wo selbst Google Earth nicht mehr durchblickt. Wie ist die Entwicklung? Die Reichen leiden heftig an Nachwuchs. Die Geburtenrate geht gegen Null, die Summen auf den Bankkonten gegen Unendlich. Nachwuchs aus dem “Proletariat”? Die Mauern erweisen sich inzwischen als unüberwindlich. Die Massen in den Slums vermehren sich weiter exponentiell, sowohl durch Nachwuchs als auch durch Zuzug vom Land. Die Mär vom besseren Leben in der Stadt ist längst widerlegt, und doch hält der Zustrom an. Die Schattenwirtschaft – Drogen, Menschenhandel, Prostitution, Organbeschaffung, Kleinkriminalität und Hoffen auf die “unerwartete Wendung” (so heisst das griechische Wort “Krise”) blüht. Die Bindungen, die das Dorf in ehernen Fesseln halten, lösen sich auf. (Ja ja: “Ehrenmorde” etc. sind dörfliche Reminiszenzen. In der Stadt wird ohne Tradition und aus weit geringerem Anlass gekillt). Aber eines ist nach wie vor gewährleistet: Enge Anbindung, Massenverkehrsmittel, Durchlässigkeit – was mehr und mehr zum Fluch der Bewahrer wird. Am liebsten würden sie die Slums abkappen, das aber würde vollends der Aufkündigung des Zivilisationsvertrags gleichkommen.
Wer herrscht?
In den ausser Kontrolle geratenen Stadteilen – und die gibt es nicht nur in Sao Paolo oder Mumbay, sonden bereits in Paris, Berlin, Hamburg, Mailand, London – stellt sich die Frage nach den bestimmenden “Körperschaften”: wer kontrolliert, wer organisiert, wer hat die Übersicht (denn Blindheit ist der Anfang des Kontrollverlustes)? Natürlich denkt man, und mit Recht, zuerst an die Gangs. Tatsächlich haben, seitdem dıe US-Regierung dem weltweiten internationalen Terrorismus den Krieg erklärt haben, die Gangster in den US-Grossstädten einen sagenhaften Aufschwung genommen. Viele Gangs und Mafiabanden bestehen seit Jahrzehnten, kommen in bekannten Fernsehserien vor (“Sopranos”), sind überregional vernetzt und haben soziale Einrichtungen, die denen des jeweiligen Staates weit überlegen sind. Zudem vermitteln sie Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Wärme!!! die ausser ihnen nur der Fussballfan kennt und zu schätzen weiss. Die Behörden? der Staat, die Politik?? Mein Gott, wer hasst die nicht......
Dann die Jugend. Immer mehr Jugendliche wachsen von Anfang an auf der Strasse auf und schliessen sich da zwangsläufig zu Gruppen zusammen. Keine Familie, keine Schule, kein Militärdienst können ein vergleichbares Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln. Und da alle Chancen im üblichen Sinn eh von Anfang an verschlossen sind, bleibt als Ziel die Illegalität, die Rebellion und die Karriere als Selbstmordbomber....
Die Nachbarschaftsverbindungen. Ja, man staune, sie werden von allen einschlägigen Forschern erwähnt. Logisch: kommt ein Einbruch vor, kann kaum auf einen Ermittlungserfolg der Polizei gehofft werden, und wenn meine Tochter vergewaltigt wird, kommen die Bullen eh zu spät. Also bietet es Schutz, und zwar recht friedlichen, wenn in der Strasse jede jeden kennt und ein “Fremder” als solcher erst Mal auffällt (ein solcher Fremder kann sehr wohl ein Doitscher sein). Man sieht sich jeden Tag, man tauscht sich aus, man ist über Entwicklungen auf dem Laufenden. Glaubst Du im Ernst, die Hartz IV-Software der Behörde ist das? Die Nachbarschaft ist aber Lichtjahre vom derzeit noch als herrschend angesehenen politischen System entfernt. Das Gemeinwesen ist in voller Desintegration, in Hamburg Wilhelmsburg nicht anders als in Bagdad. Selbst auf den gesamten staatlichen Zusammenhalt können solche sich anarchisierenden Grossräume desintegrierend wirken. Was tun? Da helfen keine Flugzeugträger, keine Cruise Missiles und keine “Grossen-Mittel-Ost”-Pläne......
Die Stadt. Ein getreues Abbild unserer Entwicklung.
P.S. Havanna! Seit Jahrzehnten leiden die Kubaner unter den Sanktionen und Bedrohungen durch die versammelte kapitalistische Welt. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks haben sie noch nicht einmal mehr die Möglichkeit, ihren Zucker zu exportieren. Ihre Erfindungsgabe ist durch den Mangel an alltäglichsten Dingen aufs Äusserste gefordert. Ihre Autos sind jedes für sich Oldtimer, die sich schütter fortbewegen. Die Schlaglöcher in den Strassen Havannas bleiben so lange unangetastet, dass Pflanzen darin wachsen können. Jede Nacht wird in irgendeinem Viertel aus Ersparnisgründen der Strom abgestellt. Und doch sagt der, der es weiß: In Havannas dunkler Nacht bin ich zehn Mal sicherer und 50 Mal aufgehobener als im beleuchteten Horror von New Yorks Untergrundbahnen......