Message in a bottle

29.10.2006 um 07:20 Uhr

Nachrichten

von: hibou

Welche Nachrichten veröffentlichen bzw übermitteln?

Ein Hiboukommentar zum Artikel:

Wikipedia ist schneller als die Geheimdienste

Florian Rötzer 28.10.2006

US-Geheimdienste entdecken im Zuge der eingeleiteten organisatorischen Veränderungen Blogs und Wikis als Mittel der selbstorganisierten und schnellen Informationsverarbeitung

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23850/1.html

Das Thema insgesamt regt aber doch (einmal wieder) an, über die "Nachricht" als solche phänomenologisch nachzudenken.

1. es gibt naja ungefähr zehn mal mehr Nachrichten als Dinge wirklich passieren. Das ist auch völlig klar und in Ordnung, weil ja auch Vorhaben und Pläne, Spekulationen, Verdachte, Alpträume und Gedankenmüll als Nachricht mitgeteilt werden können.

2. die Fakten: kann man sie wirklich mitteilen? man nehme nur den Streit zwischen Armenieren und Türken um was da 1915 wirklich passierte: waren es Kriegsfolgen, waren es massive Vernichtungen armenischen Lebens? Beide Seiten sind auch noch nach fast einem Jahrhundert absolut überzeugt, dass sie recht haben - genauso wie sie es ja auch während des Konflikts waren. Ist also die Nachricht eine Fortsetzung des Krieges?

3. Manches wird durch Nachrichten erst bewirkt: siehe Karikaturenstreit etc. Ohne sie wär nix passiert, Leute wären weder bedroht noch gelyncht worden. Aber auch im banalen Bereich werden Informationen unbedarft kreiert, denken Sie daran, wie Nina Ruge "die Nachrichten!" sagt... denken sie an Sendungen wie Brisant etc, oder an "Nachrichten" über die Sendeanstalten selbst ("wurde heute der Preis für die beste Nachrichtenübermittlung verliehen").

4. Blogs und Wikis (oh da geht es gar nicht nur friedlich zu, lesen sie nur mal ein wenig über den Jugoslawienkrieg): was ist "wahr", was ist schlichte Fehlinformation? Und zusätzlich gibt es viele Blogschreiber, die mitteilen, was stimmen könnte, was so gut wie geschehen ist, was unglaublich überzeugend klingt. Oder aber hahnebüchene Sachen, die sich aber bestätigen.

Letztlich wird auch der CIA so klug wie zuvor sein.

Und: was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss

Und zum Schluss: heut unternehm ich was, was ich KEINEM mitteile......

28.10.2006 um 12:12 Uhr

Mauern

von: hibou

Musik: pink floyd na klar

Wie hatten wir uns empört über Ulbricht, die DDR und den gesamten Ostblock, als diese eine Mauer durch Berlin und ganz Deutschland bauten. Das ist der Offenbarungseid der ganzen Ideologie, sie kerkern ganze Völker ein, mit Demokratie und Menschenrechten hat das ja sowieso rein gar nichts zu tun! Geh doch nach drüben! riefen sie den eigenen Mitbürgern zu, wenn diese Zweifel anmeldeten.Fünfundvierzig Jahre danach ist das alles vergessen gegangen. Eine neue Mauerzeit hat begonnen. Den Anfang machte Sharon mit den Palästinensern. Jetzt folgt Bush gegen Mexico. Und die Saudis wollen ebenfalls tausende Kilometer ihrer Grenzen zum Irak absichern, damit keine “Elemente” einsickern. In etlichen Grosstädten sind Mauern zwischen reichen und armen Vierteln im Bau oder geplant. Ihr wendet ein: damals wurden die Leute eingesperrt, heute sperrt man sie aus! Aber der Offenbarungseid von Kapitalismus, Globalisierung und neokonservativen Gedankespielen ist es ebenfalls. Wenn keine Ideen mehr helfen, braucht man Mauern. Bloss sind die viel schwächer......

27.10.2006 um 17:04 Uhr

Palmanova

von: hibou

27.10.2006 um 17:00 Uhr

Tatoo you!

von: hibou

 Die Welt als Talisman/tılsım 
  1. Die Erde hat eine Haut. Diese atmet und lebt (und empfindet?). Auf der Erde ist fast alles Oberfläche, Haut, selbst die Atmosphäre ist eine äusserst dünne Schicht (Lebendigkeit). Die Haut der Erde hat Haare – etwa die Wälder -, Münder – Höhlen -, Augen – Seen. Wir sagen sogar „am Arsch der Welt“ und auch Anklänge an die Forrmen von Vagina und Penis sind häufig. Was sind die Meere, die Wüsten, die Gebirge? Das Adernetz und die „Blut“zirkulation der Erde sind auch an der Oberfläche: Quellen, Rinnsale, Bäche, Flüsse, Ströme, Seen, Meere, Wolken, Niederschläge. Was hält die Zirkulation in Bewegung? Das Herz. Wo ist das Herz der Erde? Ganz weit draussen: Die Sonne....
 
  1. Unberührt davon zeichnen wir von Beginn an ein Wege und Strassennetze darauf, zuerst mit den Füssen, da, wo wir immer entlang gehen, entlang gehen müssen: zum Feld, zum Haus, zum Versammlungsplatz, dann zum nächsten Haus, zur nächsten Sippe, zur nächsten Stadt.. Wir beginnen, Strassen zu bauen, überwinden das Unwegsame mit Furten, Brücken und Dämmen. Später kommt ein Eisenbahnnetz dazu. Wir siegeln, versiegeln, besiegeln. Nicht nur da (auch in der Landwirtschaft, die immer auch Landgestaltung ist) drücken wir der Gegend, dem Land und der Welt unseren Stempel auf. Wahrscheinlich ist dass der ursprüngliche Sinn des Wortes „Kultur“.
 
  1. Dann fängt das Bezeichnen an: Flurnamen, Ortsnamen, Quartiersnamen, Strassennamen, Gebäudenamen, Geschäftsnamen. Die Namen sind weit ausdauernder als die bezeichnete Materie. Flurnamen kommen aus ferner Vergangenheit, Strassen sind schon zehnmal zerstört und neuerbaut und tragen noch immer denselben Namen, auch Häuser („das neue Haus des Arztes Mehmet“). Ohne Namen keinerlei Orientierung. In ganz einsamen Gegenden tragen sogar einzene Bäume Namen. Und auch den Sternen gaben wir welche.
 
  1. Dieses weitverzweigte und ausdifferenzierte Netz von Wegen, Strassen, Autobahnen und Schienen wird von uns stündlich und minütlich benutzt, befahren, begangen. Wir selbst als Gemeinschaft aller Menschen bilden so eine unvergängliche Zeichnung der Erde.
 
  1. Und schliesslich: nach der Wanderschaft erzählen wir davon: Die Reise wird zum Epos: Ilias und Odyssee....Wir reflektieren und bilden das ganze Netz (in Gedanken) nach.
 
  1. Wir haben die Erde über und über tätowiert. Die Welt ist ein Tatoo. Doch noch bewegt sich die Haut, darauf wir schrieben und zeichneten, selbst wenn wir sie mit Städten wie Talismane zu bannen versuchten (Man schaue sich den Grundriss der friaulischen Stadt Palmanova an). Doch manchmal wirkt der Zauber nicht mehr. Städte, Reiche, gehen unter (read my lips Mr.Bush), und, Wahnsinn: sogar Namen ändern sich. Wer bitte, kann spontan sagen, wie Burkina Faso früher hiess? Und Ceylon heute? Leningrad, Zaire, Karl-Marx-Stadt, Togliatti und Stuyvesant sind nicht mehr. Peking heist mit einem Mal Beijng. Als Fatih Sultan Mehmet Konstantinopel eroberte wurden grosse Tafeln mit Schriftzeichen (aus dem Koran) in die Kuppel der Hagia Sophia gehängt: und schon war daraus eine Moschee geworden. Wer schreibt, der bleibt – sagen wir.
 Ein Tatoo ist Schrift, Zeichen und Bild zugleich. Es ist, es wirkt. Es erzählt. Ich sollte die Big-Bodrum-Story nicht in Hefte und Dateien, sondern grafisch auf eine grosse Fläche, am besten auf die Stadt selbst, schreiben – als erzählten Stadtplan. In dem Augenblick wären auch alle darin enthaltenen Intimitäten geschützt. Wer liest schon Zeichen.......

22.10.2006 um 08:24 Uhr

Nimm den Vorschlaghammer mit!

von: hibou

Musik: Element of Crime

An einem Dienstag im Oktober ließ sich der Türkische Premierminister Erdoĝan in seinem gepanzerten Mercedes zum Parlament fahren. Als er plötzlich ohnmächtig wurde, wendete Chauffeur Kandemir und raste zum nächstgelegenen Spital. Dort sprang er aus dem Wagen, um Hilfe zu holen, ebenso wie der begleitende Abgeordnete und sämtliche Leibwächter. Die Türen des Wagens fielen zu und das automatische Sicherheitssystem blockierte alle Türschlösser. Da lag der arme Tayıp besinnungslos und gefangen in seinem Auto!

Nun aber! (so sind wir Türken, meinte später ein Journalist dazu): Die Leibwächter versuchten mit allerlei Gegenständen, darunter mobilen Verkehrsschildern, den Wagen aufzubrechen. Man versuchte sogar, auf das schusssichere Glas zu schiessen. Aus einer nahen Werkstatt brachte schliesslich einer einen Vorschlaghammer, und nach zehn Minuten war ein faustgrosses Loch in eine Scheibe gehauen und man konnte den Kranken befreien. Lasst die Jungs! (meinte der Journalist), wird der Premier sagen, ich kenne sie seit langem.... Sie sind in Ordnung.

14.10.2006 um 13:53 Uhr

Cüppeli Ahmet Hoca

von: hibou

Der Imam predigte sehr streng. Mit Fistelstimme forderte er: Kein Baden im Meer, nur getrenntgeschlechtlich ins Schwimmbad, keine Blicke auf wenig bekleidete Frauen, beten, beten, beten! Er traegt die Cüppe (eine Art langer Robe), er traegt Vollbart und eine bestickte Mütze, von ihm geht der Geruch der Heiligkeit aus.

Die unfrommen Papparazzi erwischten ihn in den Ferien auf Malta; er fuhr Jetski im Meer, er badete mit Frauen, er blickte auf blosse Busen!

Ich bin zuckerkrank und brauchte diesen Urlaub, sagte Cüppeli Ahmet. Na dann...

Cüppeli Ahmet Hoca verkauft Audio- und Videokasetten seiner Predigten. Kauft sie, kopiert sie nicht, dann tut ihr ein gutes Werk für den Glauben! spricht er.

Cüppeli Ahmet wohn in einer Luxusvilla mit Schwimmbad. Taeglich seh ich ihn nun im Fernsehn und les in der Zeitung von ihm.

12.10.2006 um 13:59 Uhr

Orhan Pamuk

von: hibou

Ein türkischer Schriftsteller hat heute den Literaturnobelpreis bekommen! Ich sage: fein. Aber Yaşar Kermal waere die richtigere Entscheidung gewesen........

12.10.2006 um 13:54 Uhr

Freiheit, Gleichheit....

von: hibou

Musik: Aznavour: Inshallah

Zu dem Gesetz, welches dem französischen Parlament zur Entscheidung vorliegt, und welches die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern strafbar machen soll, titelte die Zeitung Hürriyet:

"Liberté, égalité, stupidité!"

Ich muss gestehen, dass ich nicht beurteilen kann, wie das damals 1915 ablief. Sollten wir es durch Forschung herausfinden? Oder durch Gesetz dekretieren? Dann brauchen wir demnaechst auch ein Gesetz: Wer leugnet, dass Karl der Grosse schreiben konnte, wird mit Gefaengnis von bis zu.... bestraft.....

08.10.2006 um 15:59 Uhr

Das Brot des Bäckers

von: hibou

Das Brot des Bäckers und die Logik

Mein Bäcker ist in die Krise geraten. Ich kann, so sagte er gestern, die Sonntagsbrötchen erst am Mittag ausliefern! Daraufhin fielen seine Aktien bei der Kundschaft. Was tun, dachte er. Ich werde Leute einstellen müssen, um schneller liefern zu können....

Airbus ist grad ähnliches passiert. Was tun? Sie werden Leute entlassen müssen, sagen sie. Eine Logik, die schwer nachzuvollziehen ist. Was sagst du, Erphschwester??

05.10.2006 um 08:15 Uhr

Der Geist... Das Fleisch...

von: hibou

Das Wort – sofern es nicht aus der Buchstabensuppe geboren (aber selbst dann!) - gehört eher zur Welt des Geistes, die über die des Fleisches nachdenkt, sie bezeichnet und begr(e)ifflich macht.

Ein Mensch einer bestimmten Gruppe wird denn auch als ein Geistlicher bezeichnet. "Als Jugendlicher von einem Geistlichen missbraucht" lesen und hören wir immer wieder, gerade eben über einen republikanischen Kongressabgeordneten in den USA, der zurücktreten musste – aber wir haben die vielen Kardinäle in Österreich, Italien, in Portugal und Deutschland und wohl überall nicht vergessen, die scharenweise Knaben missbrauchten. Es entsteht fast der Eindruck, dass nur wenige Seminaristen mit etwas Glück unmissbraucht bis zur Priesterweihe gelangen können. Aber nun die offizielle Wortwahl: "missbraucht". Werden andere Knaben bestenfalls GEbraucht? Und was soll das eigentlich heissen? Werden sie geistig missbraucht – indem sie den Herren Pfarrern vorlesen müssen und so? Nein nein. Es soll wohl ausdrücken, dass sie gegen ihren Willen von den Ehrwürden in den Arsch gefickt werden. Müsste es dann aber konkret nicht heissen "als Knabe von einem Fleischlichen missbraucht"?

Weiter mit Fleisch. Ich sehe mich noch immer vor Jahren im tunesischen Sousse über den Markt gehen. Da hingen in der staubigen. heissen Luft die zu verkaufenden halben Schafsleiber und ich konnte einen Schauder und eine leise Hinneigung zum Vegetariertum nicht vermeiden. Wer soll dieses Fleisch verzehren? ("Ich verzehre mich nach dir"! stand da einem innern Imperativ: "Zum Verzehr nicht geeignet!" gegenüber). Hier bei uns in der Türkei ist man mit der Hygiene etwas weiter, aber nicht immer und überall. Die Meldungen aus Deutschland haben aber meiner vegetarischen Neigung den Todesstoss versetzt: Gammelfleisch! Eingefroren und wieder aufgetaut und wieder eingefroren! Herumgeschoben, jahrelang gelagert, irgendwie wieder verkaufsähnlich gemacht! Mann! Trotz vieler felhlender Kontrollen kann ich sagen, dass ich hier noch nie vier Jahre altes Fleisch gegessen habe... Das ginge gar nicht. Was da hängt, kann nur ganz frisch oder gar nicht mehr verkauft werden. Der Geist? Hält so was nicht für möglich. Oder er kalkuliert die Gewinnspanne.