Message in a bottle

30.11.2006 um 22:47 Uhr

Labyrinth

von: hibou

Jetzt ma endlich ein paar zeilen über labyrinthe, wahrscheinlich schon längst passé....

das labyrinth ist das hirn, die gebärmutter, die STADT, der lauf der sonne im jahr, die einweihung par exellence. das labyrinth ist kein irrgarten in dem sinn, dass da abzweigungen en masse wären, das klassische (kretische) hat nur einen weg (gib ma in die suchmaschine google images ein), in bögen rhythmisch auf und ab ("wallend"). als spur bezeichnet es höchstwahrscheinlich einen tanz, durch dessen beständigen richtungswechsel der tanzende in einen anderen bewusstseinszustand gelangte (was heutige wie blöd durch drogen, musik von jan delay, alkohol, sex, killen von nachbarn oder hirnoperationen zu erreichen versuchen). das gelangen in einen anderen bewusstseinszustand ist gleichzusetzen mit dem erreichen der "anderen welt". auf südseeinseln erwartete dich nach deinem tod ein engel am strand, er zeichnete eine hälfte des labyrinths in den sand, du musstest das andere hinzufügen: das war der code ins jenseits..... das labyrinth ist also eine schwelle (siehe hibous artikel über schwellen und grenzen)

labyrinthe existieren als felszeichnungen, als steinsetzungen - seltsamerweise wie die dolmen und menhire in ganz europa und asien, aber immer nahe am meer -, als bodenmosaike oder - bilder in gotischen kathedralen (chartres, amiens, selestat im elsass etc), als gärten der renaissance mit dem fräulein in der mitte (villen an der brenta, england). das urlabyrinth? in knossos auf kreta. picasso hat es zusammen mit dem minotauros reichlich gezeichnet. der ariadnefaden. ariadne war ne göttin, dionysos, ihr geliebter, liess sie auf naxos zurück, aber das steht auf einem anderen faden

es gibt eine etruskische zeichnung: ein pferd, dessen schwanz die linie eines labyrinths ist, dazu auf etruskisch (sie schrieben in spiegelschrift von rechts nach links): "troja ist erbaut in der form des mondes". ein weg, eine wanderung durch die stadt ist also im wahrsten sinne des wortes der gang durchs labyrinth (siehe hibous artikel über städte :-))

grüsse! hibou

29.11.2006 um 12:32 Uhr

Efes

von: hibou

Der Papst heute in Ephesus, liest eine Messe vor dem Marienhaus. Wenige eingeladene Gäste, eine Frau verkündet das Evangelium auf Türkisch. Soweit ich es erkennen kann keine Erinnerung an den Ursprung des Christentums hier, stattdessen die üblichen unbewussten heidnischen Muttergottheits- Übersprungshandlungen.

26.11.2006 um 15:25 Uhr

Im Vergleich

von: hibou

Habe heut einige vierzig Kommentare von Lesern der FAZ.net gelesen. Dort wird u.a. festgestellt, dass die EU noch immer ein Eliteprojekt ist, d.h. vom sogenannten "kleinen Mann" nur unzureichend verstanden wird. Das kann ich zur Zeit bestätigen. Natürlich las ich Artikel, die das Verhältnis von EU und Türkei betreffen. Die Diskussion dort ist rege, ein Schwall von Angst, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteilen kam da hoch. (Dabei handelt es sich ja noch durchwegs um FAZ-Leser...) Und noch interessanter: Die Kommentare der Deutschen zeichneten sich durch Unkenntnis der Geschichte, schlechten Stil und mangelhafte Grammatik und Orthographie aus, währenddem die Türken – die natürlich bei dieser Thematik nicht schweigen – im Schnitt (wohlgemerkt) nicht nur besser Bescheid wussten, sondern auch geläufiger formulierten. Was soll man dazu sagen?

Da wäre die Zypernfrage, zweifellos verworren, aber wie kann man darüber so ahnungslos elukubrieren? "...müssen die Häfen öffnen", "...eindeutig vertragswidrig" etc pp. Liebe Bundesbürger: habt ihr jemals von den Verträgen zur Unabhängigkeit Zyperns 1959/60 gehört? Dass da nicht nur die Türkei, sondern auch die ehemalige Kolonialmacht England als Garantiemächte in Erscheinung treten, insbesondere gegen eine Vereinigung der Insel mit Griechenland? Wusstet ihr, dass der damalige türkische Premier Ecevit nach dem Putsch in Zypern 1974 zuerst in London vorstellig wurde und um eine gemeinsame Intervention bat, und erst, als die Engländer dies verweigerten, Truppen entsandte? Naja das ist schon lange her. Aber bereits nach einigen Monaten geriet in Vergessenheit, dass die griechischen Zyprioten den Annan-Plan und damit die Wiedervereinigung der Insel ablehnten und der türkische Teil der Insel ihn annahm. Nun wird bloss nachgebrabbelt: die müssen die Verträge anerkennen......

Dann das komische Argument: die Türkei ist nicht Europa. Und warum soll dann Zypern Europa sein, und ist es zur Hälfte schon? Gab es da einen Aufschrei in Hessen, Holland und Frankreich? Wir holen uns ein trojanisches Pferd in unsere Gemeinschaft, schreibt jemand durchaus treffend, aber vergisst dabei, wer es erfand und zuerst einsetze....

War Byzanz eher europäisch oder asiatisch? Fragen wir den Papst. Und was heißt "Christiliches Abendland"? Die sieben ersten christlichen Gemeinden waren sämtlich in Anatolien.

Dabei ist die Problemstellung wirklich interessant und es gibt echte Argumente für und gegen einen Beitritt der Türkei zur EU, und das durchaus von beiden Seiten. Aber so? Weia Europa, du Eliteprojekt.

24.11.2006 um 19:28 Uhr

Polonium

von: hibou

Litwinenko wurde anscheinend mit radioaktivem Polonium vergiftet.

Was sagt Shakespeares zwielichtiger Polonius dazu?:

"So wissen wir, gewitzigt, helles Volk,
Mit Krümmungen und mit verstecktem Angriff
Durch einen Umweg auf den Weg zu kommen..."

24.11.2006 um 11:52 Uhr

Chronik: Der Fall Litwinenko (per copy/paste aus FAZ-Net)

von: hibou

 1. November: Litwinenko ist mit einem Russen in einem Londoner Hotel zum Tee verabredet. Laut Ermittlungen trifft er statt auf den Erwarteten auf einen Unbekannten, der sich ihm als „Wladimir“ vorstellt. Obwohl dieser seine Identität nicht preisgibt, trinken beide Männer Tee miteinander. Später soll Litwinenko sich mit einem italienischen Wissenschaftler in einer Sushi-Bar getroffen haben. Kurz darauf trifft sich der tschetschenische Rebellensprecher Achmed Sakajew mit Litwinenko. Der britischen Zeitung „Guardian“ sagt Sakajew, der frühere Agent habe „sehr interessante Informationen“ über den Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja erhalten. Kurz darauf erkrankt Litwinenko.

16. November: Die britische Polizei wird informiert, daß Litwinenko mit lebensbedrohlichen Symptomen im Krankenhaus von Barnet liegt.
17. November: Litwinenko wird in die Londoner Universitätsklinik verlegt.
19. November: Britische Zeitungen berichten über eine Vergiftung des früheren Spions. Der Toxikologe John Henry geht von einer Vergiftung mit Thallium aus. Ein Gramm des Schwermetalls kann beim Menschen bereits tödlich wirken.

20. November:
Die Polizei ermittelt wegen Vergiftung. Die Anti-Terror-Abteilung von Scotland Yard schaltet sich ein. Litwinenko wird im Krankenhaus unter Polizeischutz gestellt und auf die Intensivstation verlegt. Der russische Geheimdienst weist Anschuldigungen zurück, er habe mit der Sache etwas zu tun.
21. November: Toxikologe Henry zieht eine Vergiftung Litwinenkos durch radioaktives Thallium in Betracht. Litwinenko wird tagelang von der Polizei vernommen. Der italienische Bekannte aus der Sushi-Bar meldet sich zur Wort und bezeichnet sich und Litwinenko als hoch gefährdete Personen.
22. November: Litwinenkos Vertrauter Alex Goldfarb spricht von einer ernsthaften Verschlechterung des Gesundheitszustandes Litwinenkos nach plötzlichem Blutdruckabfall und einem möglichen Herzstillstand.
23. November: Der Chef der Intensivmedizin an der Uniklinik, Geoff Belligan, nennt Litwinenkos Zustand lebensbedrohlich. Die Ärzte rätseln weiter über die Ursachen der Erkrankung, glauben aber nicht mehr an eine Thallium-Vergiftung; auch eine radioaktive Substanz schließen sie aus. Litwinenko stirbt um 21.21 Uhr Ortszeit.

23.11.2006 um 11:55 Uhr

strg c und strg v

von: hibou

Copy and paste

zu dem Artikel "Textueller Missbrauch, Plagiarismus, Redundanz, Bläh-Rhetorik, Zur Krise der Kulturwissenschaften durch den Einzug des Copy/Paste-Paradigmas" von Stefan Weber aus Telepolis vom 23.11.2006 kopiert aber hier mit eigenen Worten wiedergegeben von hibou

Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24006/1.html

Der Autor belegt und beklagt die heutige wissenschaftliche Arbeitsweise und führt zwei extreme Beispiele an: Zum einen die Bläh-Rhetorik, mit der seitenweise zum Unverständlichen Mutiertes, das mit sehr einfachen Sätzen hätte gesagt werden können, wiedergegeben wird, zum anderen eine ganze Dissertation, die weitgehend aus nicht nachgewiesenen Zitaten zusammenplagiiert worden ist. Weber betätigt sich hier als Plagiatsforscher und hat durch "nachgoogeln" die Herkunft der Textpassagen ans Licht und, wie man hört, reihenweise Leute wegen Plagiats vor Gericht gebracht.

Diese um sich greifende Praxis – die freilich auch ohne Internet an den Universitäten schon gang und gäbe war – dürfte durch den Aufsatz und das gleichnamige Buch von Weber, sowohl Studenten wie auch Professoren in Schwierigkeiten bringen. Der Autor antwortet auf die Leserfrage "Muss man unter diesen Umständen die Universitäten nicht ganz einfach schliessen?" nach gründlichem Nachdenken mit: "Ja, warum eigentlich nicht?"

Aber zumindest gilt (es folgt ein Plagiat aus dem Weber-Text): Die Belegkultur der Wissenschaft, deren langsames Dahinsiechen wir in den vergangenen Jahren erlebt haben, ist zur Simulation von Wissenschaftlichkeit verkommen. Wir sollten daher dringend über Alternativen zur klassischen akademischen Abschlussarbeit nachdenken.

Mich hat dieses Thema schon sehr lange beschäftigt. Ich kann inzwischen selbst denken (konnte ich das als Student? ich zweifle daran), trotzdem oder auch deshalb habe ich zum Thema "Geistiges Eigentum" durchaus ambivalente Ansichten. Hier eine spontane Antwort an Weber:

denken
hibou2 (18 Beiträge seit 12.06.06)

 

</TD
danke herr weber! das thema fasziniert, ja elektrisiert mich schon
lange.

1. wir armen studenten von vor dem internet.. wie haben wir
eigentlich examen gemacht (wohlgemerkt gab es aber alle diese
techniken schon, bloss ohne google, also etwas langwieriger)??

2. die wissenschaft - siehe auch die ausführungen meines vorgängers
hier - ist schon des längeren weit, weit vom denken entfernt. nehmen
sie wenige sätze aus einem buch von robert walser, ja selbst aus
kundera, und sie haben unvergleichlich mehr eigene gedanken als sie
aus vielen professoren quetschen können.

3. .....(aber moment, muss eben googeln.....)

3. ist das im internet gesammelte wissen samt den millionen schrottexten doch ein sehr nützliches feld, auf dem auch ich mich als räuber und fledderer betätige. will heissen, ich kopiere und habe ein durchaus ambivalentes verhältnis zum urheberrecht. zwei konsequenzen hat das aber schon:

a) wissenschaftliche arbeiten und examen müssen ganz neu und anders gestaltet werden ("doch gut ist ein gespräch/und zu sagen des herzens meinung")(hölderlin :-))), wie wärs mit dem guten alten schulaufsatz in erweitertem rahmen, aber ohne alle hilfsmittel: das müsste doch über denken und wissenschaftsfähigkeit der examinanden aufschluss geben???

b) das einkommen aller schreibenden muss auf andere füsse als auf die des geistigen eigentums gestellt werden! mit copyright gehts wirklich NET mehr.....

4. die frage von original und fälschung ist - siehe die gesamte klassische moderne kunst und noch viel mehr die zeitgenössische - sehr viel differenzierter zu betrachten als bisher.

auch wenn picasso "zitiert" und duchamp plagiiert, bleiben sie beide dennoch genies, und manches original ist schlecht, flach und gähnend langweilig.

wenn ich schreibe, und hätte ich auch keine internetverbindung und kein einziges anderes buch zur hand, fliessen doch immer sämtliche gelesenen werke, sätze, worte, wortfetzen, in mein schreiben mit ein, und je mehr ich lese (und das muss ich wohl als wissenschaftler) desto mehr "zitiere" ich unbewusst. wo ist die grenze? selbst sie, herr weber, schreiben "volle kraft voraus". nun sagen sie, redensarten seien ja nur bausteine für (eigene) gedanken. gut. aber haben wir überhaupt eigene bausteine zur verfügung oder müssen wir immer auch erstmal die häschenschule, christian morgenstern, dann shakespeare und jelinek lesen, bevor wir was eigenes von uns geben können? hier also meine these:

denken ist wie atemluft: gehört allen. aber atmen geht von selbst. denken will gelernt sein.

16.11.2006 um 15:36 Uhr

Bianca C. - auf vielfachen Wunsch wieder hochgeholt

von: hibou

BIANCA CASTAFIORE - LA VIE ET VICE-VERSA

Ein Musical

Ich lernte sie an einem Oktobertag kennen. Es war im Bordrestaurant des neuen Expreßzuges, der ganz von Piepsen, Quäken, Summen und dem Grunzen von Yello’s Rubberbandman aus den verborgenen Lautsprechern erfüllt war. Jetzt zittert meine Tasse dem Tischrand zu. Die schnelle Fahrt läßt das Sonnenlicht vielfach gebrochen über Wände, Fenster, Gestänge und Jalousien flickern. Draußen rast und ruckelt die weite Ebene vorbei, präsentiert für Sekunden einen schwarzgrünen, spiegelglatten Baggersee, durch den ein Schwan ruhevoll die Diagonale zieht. Am Himmel, weiß auf mattblau, die Kondensstreifen der Konkurrenz. Oberleitungsdraht zieht auf und ab, hin und her, Leitungsmasten schlagen den Takt. Klare Formen und Attacken aufs Lebensgefühl. Technik und Müll. Der Kaffee schmeckt bitter. An der Schlange der wartenden Gäste vorbei schaue ich den friseurgrünen Flur entlang bis in den nächsten Wagen. So sehe ich sie schon von weitem kommen.

Ah, s’il était ici!

S’il me voyait ainsi,

comme une demoiselle

il me trouverait belle!

Sie ist zwar älter geworden und nicht mehr so extravagant gekleidet, wie ich sie von den Bildern her in Erinnerung habe, aber noch immer eine imposante Erscheinung.

Aus meinem Gedächtnis erklingt die ruhevolle, samtene Stimme jener karibischen Mezzosopranistin, und ich sehe sie vor dem Altar der Dorfkirche stehen und rings um sie Klang!

Sie hatte einen ebenso riesigen Busen, so daß sie, wenn sie sich dem Applaus neigte, ihre gefalteten Hände wie auf ein sanftes Gebirge legen konnten.

Aber dieses Gesicht ist völlig anders. Vom Morgenlicht scharf ausgeleuchtet, zeichnen sich die charakteristische Hakennase und die hochgezogenen Brauen über den halbgeschlossenen Augen ab. An den Lidern habe ich sie gleich erkannt!

Ich will mir die nächsten Stunden noch einmal ganz gegenwärtig machen: Als sie ihr Getränk in der Hand hält und sich suchend umblickt, rücke ich auf der Bank zur Seite und mache ihr Platz.

"Verzeihen Sie, sind Sie nicht...?"

"Sie kennen mich? Wie schön!"

"Mhm, wissen Sie, es ist noch nicht zwei Wochen her, da habe ich mir Auszüge aus Gounod gekauft, und dazu die Noten der Juwelenarie..."

"Oh? Sie schmeicheln mir!

Ah, je ris, de me voir si belle

en ce miroir!

Est-ce toi, Marguerite,

est-ce toi?

Réponds moi, réponds moi, réponds moi vite!

Hören Sie meine müde Stimme? Tempi passati!"

Und mit bitterem Unterton fährt sie fort:

"Natürlich werde ich nur mit dieser einen identifiziert.In Wirklichkeit hatte ich nie die Chance, ich selbst zu werden. Ja, schon mein erster Impresario, R.G. hat mich in dieses Cliché gepreßt. Wer weiß denn schon was von mir? Sie vielleicht? Scharlachlippen, Alabasterhaut, La gazza ladra, daß ich nicht lache!"

Sie nimmt einen Schluck aus dem Papierbecher und packt ein Brötchen und aus einem Pergamentpapier ein Stück Gorgonzola aus, wovon sie mit einem unsäglich künstlichen Messerchen Happen abschneidet.

"Ist Castafiore Ihr wahrer Name?"

"Natürlich nicht! Ich bin in den Ardennen geboren", und sie neigt sich vertraulich mir zu, habe sogar den Mongolenfleck im Kreuz, mamma mia! Mein Onkel sprach noch flämisch...

Non, non! Ce n’est plus toi!

Non, non! Ce n’est plus ton visage!

C’est la fille d’un roi qu’on salue au passage!"

Marie-Sophie Féat kam in Merlemont in der weiteren Umgebung Charlerois zur Welt. Der Vater arbeitet im Marmorbruch Franchimont. Sonntags geht’s an den Hermeton auf Forellenfang, illegal. Oder mehr in die Wälder, manchmal bis zum Bois du Roi, Pilze sammeln. Vater René ist klein, der Gesteinsstaub an seiner Haut und den Kleidern läßt sich nie mehr abwaschen. Verkneift den Mund, wenn er abends seine schmerzenden Hände reibt oder zieht ihn zu einem schmalen Strich zusammen, wenn er kurz und scharf "fille!" (niemals "Marie-Sophie"!) ruft. Die beiden älteren Brüder Amedée und Gaston ziehen gleich 14 in den Krieg und sind seither verschollen. Die Mutter Anne, geborene Finnevaux, ist viel krank, liegt meistens. Sie schämt sich wegen der dunklen Ringe um ihre Augen, mit denen sie aussieht, als ob sie geschlagen worden sei. Als sie 1916 in großer Nachgiebigkeit stirbt, kommt Marie-Sophie zu ihrem Onkel ins "Cheval Blanc" nach Philippeville. Sie hilft im Lokal, fängt bald an zu servieren. Die mollige Heranwachsende erweist sich als stark, frisch und unberührbar.

"Dieu! C’est comme une main,

qui sur mon bras se pose!

Achevons la métamorphose!

Il me tarde encore d’essayer

le bracelet et le collier!"

Sie geht geschickt mit nüchternen und betrunkenen deutschen Besatzern, und, als die Front kurz vor dem Waffenstillstand durchs Städtchen zurückflutet, auch mit Franzosen, Briten und Amerikanern um.

An Sonntagen, auf der Abbaye und dem Schützenfest singt sie mit den Musette-Leuten "Monsieur Cannibale", Hélène, j’vais perdre haleine...", "Gaston, y-a l’téléfon qui son...", Geneviève, v’la ton lièvre..." und all diese Lieder.

R.G., eben aus dem Krieg zurück und als Reporter tätig, (.."ich glaube, beim Républicain, nein, es war beim Quoditien Wallon!"), wird auf ihre Stimme aufmerksam. Er nimmt sie mal nach Dinant und sogar bis Charleroi mit. Sie verliebt sich natürlich in den flotten jungen Mann in den neumodischen Manchester-Knickerbockern.

Er überredet sie, Gesangsunterricht zu nehmen, und wirklich schafft sie es, schon mit 18 einen Platz an der Brüsseler Musikhochschule zu bekommen.

R.G., der inzwischen bandes dessinées für ein Jugendmagazin zeichnet, unterstützt sie großzügig. Wie ist ihr Verhältnis zu ihm? Sie schweigt darüber. Bald schon beginnt sie, an der Oper zu singen.

In des Herbstesmonats ersten Tagen

Nachtigallen auf den Zweigen sangen,

Taueperlen auf den Rosen lagen,

gleich den Tränen auf der Schönen Wangen.

Der Expreß hat längst das Mittelgebirge erreicht. Variskische Faltung, denke ich. Wie Nadel und Faden durch grünbraunen Wollstoff schießt er, mal im Tunnel, mal auf Brücken, schnurstracks hindurch.

Meine Gedanken sind noch von Biancas belgischen Erinnerungen gefangen. Danach müßte sie, warte, jetzt ungefähr 90-95 Jahre alt sein. Hat sich trotz aller Sorgenfalten hervorragend gehalten...Kann das sein? Mir flimmerts vor den Augen.

"Ich hatte soo einen Erfolg," fährt sie fort, und als ich zum ersten Mal die Marguerite sang, war ich festgelegt," sie räuspert sich und fährt mit der Serviette in den Mundwinkel, "im Grunde bis heute, nicht wahr?"

Henri Quatre

voulait se battre.

Henri Trois

ne voulait pas.

Henri Deux

se moquait d’eux

Henri Un

ne disait rien.

Halb ist die Fahrt nun schon hinter, halb liegt sie noch vor uns. Über nordhessischen Märchenwäldern sind draußen dunkle Wolken aufgezogen. Plastisch die Landschaft, gewellt, gerafft. Die Waldränder undurchdringlich wie Mauern. Ein Wimpernschlag und ein einsam festgefahrener Trecker auf dem Vorgewende eines Feldes. Erste schräge Tropfenbahnen werden lautlos auf die Fenster gezogen. Lichte Finsternis, bläulich heroische Beleuchtung zwischen den zahllosen Dunkelheiten. Die Wasserscheide ist erreicht: ins Niddatal hinunterstürmen. Oh, du mein armes Lied, wie bist du rauh! Wirst, da du’s wohl magst wissen, im Walde bleiben müssen.

Vom Paléo-Festival unser Korrespondent Valentin Brocant:

Am Paléo hatte der Regen an diesem Tag diskret angefangen, und doch waren überall und bis unters Clubzelt die Schlammpfützen mehr geworden. Die Zuhörer in erdigen Schuhen sind konsterniert. Ganz anders Nina Hagen, sie sieht in den Stürmen der Nacht ein gutes Zeichen. Irgend jemand da oben hatte also ihr Konzert geschätzt! In der anschließenden Pressekonferenz geht die Sängerin mit ihren Elukubrationen noch weiter. Nicht alles ist frisch, doch ist’s mit Humor gewürzt, und so wollen wir’s gerne glauben.

-Was bedeutet für sie die Religion?

-Ich glaube an die Reinkarnation. Die Seele stirbt nicht mit dem Körper, aber sie kann leiden. Also stell’ dir vor, eine Atombombe knallt grade neben dir runter. Wenn du doll an Liebe, Frieden, Einfachheit, Teilen denkst, nimmt sie keinen Schaden davon. Aber wenn du ein imperialistischer Macker bist, voller Aggressionen, oder forschender Direx eines Chemiekonzerns, oder es normal fandest, daß die Leute überall auf der Welt Waffen herstellen und verkaufen, kann deine Seele beschädigt werden.

- Haben Sie Gurus?

- Janis Joplin, Tina Turner, die Stones, einige Meister in Indien und Tibet. Und natürlich Jesus Christus!

- Welches ist Ihre liebste europäische Stadt?

- Marrakesch (Pause).

Die Antworten, mit entwaffnendem Naturell vorgetragen, überfluten uns. Indem sie mit vorsichtiger Hand einen verirrten Nachtfalter fängt, teilt sie uns das Neueste über Marlene Dietrich mit. Sie befände sich gerade auf den Gipfeln des Himalaja um ihre Seele zu reinigen, "wenn sie nicht für eine Zeit einen anderen Planeten bevorzugt."

Anstatt eines Schlußwortes stärkt uns Nina den Durchhaltewillen:

"Es ist ein Verbrechen, deprimiert zusein, das glaube ich. Frau muß stark sein, vor allem an Tagen wie diesen."

Wir hätten sie dafür küssen mögen!

Meine neue Bekannte lächelte. Sie sah um viele Jahre verjüngt aus.

Und wie sie denn auf ihren Namen gekommen sei?

"Als es fällig war, ein Pseudonym zu finden, und R.G. und ich und auch andere Freunde so überlegten, verschiedenes probierten und verwarfen - es ist ja eine Sache mit den Künstlernamen, La Belle, Colombine, Prendsmonâme, vieles ist ja schon belegt und verbraucht -, da fiel mir eine Geschichte aus Kindertagen ein und die prächtigen Bilder dazu, und schon war er gefunden!"

Flos und Blankflos

Schon von Kindheit an war Blankflos, die Erbin von Kastilien, ihrem Flos versprochen. Drum rüstete der wackere sogleich in größter Eile ein Schiff aus, als er vom Sturm der Mamlucken auf ihre Vaterstadt, dem Tod ihrer Eltern und ihrer Entführung übers Meer Nachricht erhielt. Es hieß auf alle Mittel zu ihrer Befreiung sinnen, nicht Bewaffnete, nicht Gut und Geld, nicht Verkleidung und Listen durften fehlen. So fuhr Flos aus, die Geliebte oder den Tod zu finden.

Unter guten Winden durchschifften sie die Levante, kamen bald vor des Sultans Hafen, worein sie sich als fränkische Kaufleute Einlaß verschafften. Nur von einigen Getreuen begleitet, zog Flos mit einer Handelskarawane in die Hauptstadt, und im Angesicht der unvergleichlichen Sidi-Oqba-Moschee waren sie scheinbar selbst zu Mauren geworden.

Von dem zwirbelbärtigen Wirte Bujuk neben dem Löwentor erfuhr Flos, in welchem Turm des Ribat seine Frau gefangengehalten, nur zweimal täglich von einer Magd mit den notwendigen Lebensmitteln versorgt. Diese Pein mußte sie erdulden, erzählte der alte Knecht Nuh, weil sie sich bisher geweigert, dem Sultan zu Willen zu sein, der, ganz betört von ihrer weißen Haut und ihrem keuschen Angesicht Tag und Nacht ihrer harre!

Nach manchen Stunden und Tagen umsichtigen Werkes hatte Flos die Zugehmagd aufgefunden, kennengelernt, ihr Vertrauen gewonnen, mit seinem Schicksal bekannt gemacht und endlich seinen Plänen gewonnen. Da diese Magd aus ihrer nubischen Heimat herkulische Kräfte mitgebracht, verbarg sich Flos in einem Korb roter Rosen, dem täglichen Angebinde des Sultans an die Ersehnte, und ließ sich ungesehen in die Turmkammer tragen. An diesem Tage des Glücks bekam Blankflos den geliebten sub rosa zurück!

Es blieb aber, ihre gemeinsame Flucht zu bewerkstelligen...

Wir hatten nun Rhein und Main erreicht und die Papierbecher türmten sich auf der Tischfläche. Als Madame die Fahrkarte aus ihrem schmalen Täschchen ans Licht zerrte, hatte ich schmunzeln müssen. Ob sie es wegen des Schmuckes immer in Händen hielt?

Sie war noch jünger geworden, sprach melodischer, machte dann und wann eine kraftvolle Handbewegung.

Computertomographie: Die durchschaute Sängerin

Die Patientin starb vor 3000 Jahren. Sie war Sängerin, verheiratet mit einem Barbier und lebte in Theben am Nil.

Daß sie einen Tumor und einige gebrochene Rippen hatte, diagnostiziert ihr Arzt erst jetzt. Mit Computerhilfe durchleuchtete der amerikanische Radiologe Myron M. die Mumie der Ägypterin.

Eine Überraschung waren für ihn die Gesichtszüge der Sängerin. Er hatte aufgrund des Porträts auf dem Sarkophag eine unauffällige Schönheit erwartet. In Wirklichkeit zeigte sie ausgeprägte Zähne und eine große Hakennase.

Doch was geht eigentlich im Kopf einer Mumie vor? Der Blick in den Schädel ist enttäuschend. Die Ägypter hielten das Herz für das Zentrum des Verstandes, das Hirn hingegen für ein unwichtiges Organ. So hatten die Einbalsamierer der Sängerin zwar das Herz gelassen, das Gehirn aber durch die Nase herausoperiert. Das Innere ihres Schädels erschien auf dem Monitor nur als schwarzer Fleck.

<chps

"Wie ich das erste Mal vor vielen Zuhörern auf die Bühne trat...Weißt du noch, weiß ich’s? Ausnahmezustand: viermal in einer Stunde aufs Klo gegangen, das Blut rauscht und die Gedanken flattern, sind aber auch ganz stark und neu und alles, was auseinandergelegt im Alltag ist wie in eins zusammen. ‘Gottes Allmacht und die Freuden der weltlichen Liebe preisen.’ Dann die Sekunde, das gleißende Licht, die geatmete Luft, das Parfum, die Welle der Empfindungen aus dem Saal. Ich kann nicht: und sehe mich doch nach vorne gehen an die Rampe und zurück in die Erinnerung. Höre meine eigene Stimme. Alte Einweihung, seit Schu-Fu-Ach, I-Ti und On-Chu aus der - wievielten? - Dynastie verkörpert und auch in Hosny, dem Turschasklaven und ersten Trompeter. Die Klänge tragen mich wie die Woge den Brandungskamm. Davon davon und ein Rauschen im OhrozeanohR. Ob auch mich einst drei Millionen zu Grabe geleiten werden wie Umm Kalsoum, Nachtigall von Tamai und Stern von Arabien? Kann nicht abspringen und doch tausend Dinge im Sinn, R.G’s Hose so altmodisch und abgetragen da in der ersten Reihe blitzt auch Henris Brille auf, habe ich den Herd ausgemacht?, soviel Luft, sollte weniger Weißbrot essen wegen der Blähungen, die ungezählten Stunden im Konservatorium, Angst und doch einziger Freiraum der Woche, die Schuhe drücken am kleinen Zeh genau wie früher hinter der Theke, Gesangsschulen von Medina, Bagdad und Cordoba mit den eifrigen Kastraten, ein sehr bleiches Gesicht ganz hinten in der Menge, Makram erfordert Antwort, bin ganz feucht, die Finger langsam, behutsam zur Faust, tief in der Brust waren da nicht ganz innen die Töne meines Lehrers Abu l’Ullah? Über eine Klippe da! Nicht ganz rein, niemand merkt es, hat’s gehört und vernommen hab es wieder einen Helm trägt Athene und der hat ein Gesicht das zweite Gesicht mandeläugig schreitet die Jungfrau ja wen sie beschützt der kommt weithingefahren es gibt etwas das sich in der Tat zum bloßen Wahrnehmen verhält wie das Erfahren im wachen Zustand zum Träumen: das Denken?

Jetzt werden die letzten Töne angesetzt, gleich würde der Beifall aufbranden, gelungen ist es ach!...wird allein sie vor das Podest des Kalifen treten...

Ich weiß, daß eins von mir gleich glücklich lächelnd höflich gebeugt stehen, ein anderes ausgeweidet und nackt zu dessen Füßen aufs Parkett gestreckt sein wird. Erfolg? Bestätigung? Was wird..."

Expreßzug entgleist

Heute um 12.07 Uhr ist kurz vor Frankfurt der ICE "Gabriella Melone" zum Teil aus den Schienen gesprungen. Der Unfall ging glimpflich ab, da er an einer Gleisbaustelle bei niedriger Geschwindigkeit geschah. Niemand wurde verletzt. Eine Weiche war umgesprungen während der Zug darüberfuhr, so daß der hintere Zugteil eine andere Richtung einschlug. Der Wagen mit dem Bordrestaurant stellte sich quer und riß mehrere Oberleitungsmasten und ein Signal um. Ein aufmerksamer Gast hatte die Notbremse betätigt noch bevor der Zugführer das Mißgeschick bemerkte.

"So etwas könnte bei hoher Geschwindigkeit nicht passieren", sagte uns Bahnbezirkschef Schreckenberger, "da wären die Weichen blockiert."

Die Fahrgäste mußten mit Bussen zum Hauptbahnhof gebracht werden. Die Strecke blieb mehrere Stunden gesperrt.

uez

Nachdenklich. Trotz des Erfolges mit Cosi Fan Tutte in Hamburg bin ich mir nicht mehr so sicher. Die Karriere läuft auf festen Gleisen...

Wie gepflegt die Speisewagen der Thomas Cook Company sind! Plüschbänke, und dazu zartfarbene Rosen auf jedem Tischchen. Die Kellner geschmeidig wie spanische Beaus. Die Speisenfolge fast wie im Hôtel d’Angleterre.

Die Bilder an den Stirnseiten gefallen mir ganz besonders, hier die Szene aus dem Morgenland, Hagia Sophia oder sowas, und hinter mir? Muß Henri fragen, ach der Spithead und die Segler, die gerade nach Amerika...

Er sitzt mir so brav und stumm gegenüber, schaut mich wie meist hinter seinem Weinglas hervor fragend an. Manchmal denk ich, er kann die Zukunft sehen. Nicht wie R.G., der immer alles bestimmt. Ich höre sie disputieren. Ein Wesen zu sehen, würde Henri sagen, heißt wahrzunehmen, was noch kommen wird. Quatsch, schnappt dann R.G., alles ist vorgezeichnet! Sie streiten. Um mich? Will ich einen von ihnen? Naja, R.G. hat sehr viel für mich getan in den Jahren der Ausbildung. Wird er mich undankbar finden? Hinterm Tresen hab ich dich hervorgeholt, ma petite! Bald einundzwanzig. Möchte meine Seele weiten...Etwas anderes als Gesang findest du überall...

Melodisch und fast im Walzertakt gleitet der Zug dahin.

Huch, gleich werden wir Frankfurt erreichen! Vielleicht eine Droschke mieten und die Stadt anschauen bis der Zug nach Brüssel fährt? Komisch, als ob meine Vita in den letzten Stunden an mir vorbeigezogen sei...

Nein, keinen von beiden. Ich will aussteigen. Auf ein neues Leben, Henri!

12.11.2006 um 16:20 Uhr

die EU braucht keine Türken! (Achtung: Satire)

von: hibou

Ich sitze in der Türkei und denke über Deutschland nach. Ich kenne Deutschland sehr gut und das Land und die Leute hier jetzt auch. Na klar hat Stoiber Angst vor den Türken, denke ich. Sie sind alles, was Deutsche, was Europäer nicht mehr sind. Sie sind jung (von den 15 Millionen Einwohnern Istanbuls sind weit mehr als die Hälfte unter 30), sie sind fleissig, hart im Nehmen, genügsam, unkompliziert, geschickt im Improvisieren und optimistisch. Sie haben Ziele und sind entschlossen, diese - irgendwann - zu erreichen. Sie mögen den Kontakt zu anderen, haben Familiensinn. Sie werden uns alle anstecken und vereinnahmen. Europa braucht das nicht. Man muss Grenzen setzen. Menschliche Wärme? Was ist denn das fürn Gefasel?

11.11.2006 um 12:03 Uhr

Bülent Ecevit

von: hibou

 jetzt live aus Anatolien: hibou

In Ankara findet heute, jetzt, Bülent Ecevits Begräbnis statt. Seit 8 Uhr früh verfolge ich es live am Fernsehen. Auf meine alten Tage werd ich noch zum (türkischen) Nationalisten und hoff, dass nicht auch die Türkische Republik so nach und nach zu Grabe getragen wird.. Die Feierlichkeiten (und der Sarg mit der rot-weißen Fahne verhüllt) bewegen sich vom Platz, wo die Parteizentrale der DSP ist – hier geht es locker und stürmisch zu, weisse Blumen werden geworfen, weisse Tauben fliegen zum Himmel (oder bleiben auf der Kamera des TV-Mannes sitzen), der Vorsitzende der DSP spricht, die Menschen sind knorrig, einfach aber politisch. Dann geht der Zug zum Parlament, wo sie alle versammelt sind und das Volk abgedrängt wird. Rahşan Ecevit, Klassenkameradin und Frau und Wegbegleiterin des Verstorbenen, steht direkt neben Staatspräsident Sezer, aber auch Erdoĝan, Arinç und Gül sind zugegen, dazu etliche vergangene Grössen wie der putschende Kena Evren, Ecevits langjähriger Widersacher Demirel, Tansu Ciller, aus Zypern Denktasch und Talaat und und und. Trompeten schallen. Das ganze ist wieder einmal ein herrlich türkisches Gemisch von altorientalischem Pomp, lauter Aufregung, Durcheinander und Getümmel. Es geht zur Moschee für die Beerdigungszeremonie, inzwischen ist es elf Uhr. Dort ist das Volk näher und vielzähliger. Erdoĝan und Arinç werden mit Protestpfiffen und Sprechchören empfangen und begleitet: Türkiye laiktir, laik kalacak! Die Türkei ist laizisitsch und wird es bleiben! Hoffen wirs. Die vielköpfige Generalität ist jetzt auch da, tüchtig aber mit Tintin-Touch (aber was solls: selbst der franzöische Aussenminister hat ja jetzt einen sehr typisch bordurischen Doppelnamen etwa wie Platzky-Plescht..) Erdogan schaut mürrisch aber für einmal explodiert er nicht. Das ist nicht sein Tag. Ein Veteran skandiert ein Ecevit-Gedicht. Das Geschehen läuft auf zumindest zehn Kanälen, aber überall unterschiedlich. Ist das nicht der Wahn von Wahrheit: die meisten regierungsnahen Kanäle blenden die Proteste aus, die linken und rechten heben sie hervor......

Einige Zeit später. Neuneinhalb Stunden sind vergangen. Es dunkelt schon draussen, aber nun endlich ist Ecevits Leichnam der Erde gegeben. Das ist auch türkisch: diese Länge. Auf dem Friedhof eine breite Marmorstrasse zu einer Art Tabernakel, wo die Berühmtheiten bestattet werden, wie eine Startpiste zu den Himmeln, und darauf jetzt der Katafalk (ja, dieses Wort hatte mir noch gefehlt) und eine Militärkapelle. Sie spielen Mendelsohns Totenmarsch, wunderbarsten Kitsch, und sie schwenken die gestreckten Beine (das ist auch etwas östliches, die Russen tun es und weiland die DDR-Soldaten bei der Wachablösung vor der Neuen Wache). Dann, zum wiederholten Mal, bricht die Feierlichkeit völlig auf, die Männer schaufeln Erde ins Grab, und trotz der schwarzen und blaugrauen Anzüge macht es den Eindruck, als sei das etwas, was sie wirklich können und gewohnt sind......Einige der Frauen bei den Massen haben rote Stirnbänder um, darauf steht: Karaoĝlan und das Fernsehn gibt jetzt den Untertitel: Elveda, Karaĝolan. Ich rufe Dilek an: es heißt "black boy", ein Ausdruck für einen Helden der Arbeiter und Armen. Leb wohl, schwarzer Junge.

 

http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BClent_Ecevit

10.11.2006 um 15:50 Uhr

Zoom (Die Geheimnisse von Mikro- und Makrokosmos)

von: hibou

Ich sitze draussen vorm Dost Kapısı, unterm Tisch Sütlaç, der auch von den Köfte abbekommen hat. Turgutreis brummt vor Geschäftigkeit. Es ist so warm, dass ich den Pullover ausziehen muss. Wie schön, nicht in Gegenden mit Weihnachtsgeschäft zu sein! Der Eukalyptusstamm mir gegenüber, schlanker und weiblicher als der in Bodrum, macht Landkartenmuster mit seiner Rinde, in braun, fahl und grün. Ich zoome mich heran, um auch die kleineren Formen zu sehen. Das ist eine Halbinsel und eine Meeresbucht! Näher. Ein Ufer, kleine Punkte und Pünktchen wie eine Siedlung. Aber die Hütten und Höhlen werden nicht von Menschen, sondern von winzigen Läusen bewohnt. Sie stapeln Honigvorräte für den Winter. Unablässig fühlen sie mit den Fühlern. Einige von ihnen werden eben von Ameisen gemolken. Uhhh das kitzelt!! Die Haut, oder besser der Chitinpanzer der Läuse ist schorfig und schrundig. In den Ritzen haben sich winzige Parasiten angesiedelt. Sie wurden bisher weder von Linné noch von Humboldt entdeckt und schon gar nicht von Merian gezeichnet. Anstatt der Gliedmassen haben sie Hyrtze, und ihre Sinnesorgane sehen Földen ähnlich. Über ihren Stoffwechsel ist nichts bekannt, ich sehe aber nach weiterem Heranzoomen, dass er außen auf der Blirst stattfindet. Da ich diese Wesen entdeckt habe, kommt es mir auch zu, sie zu benennen: Xusen. Im struppigen Irft der Xusen sind wiederum Details auszumachen........

Doch ich werde ganz blicklos vor lauter Entdeckungen. Ist das eine Epiphanie am Nachmittag? Dann schnell mal ins Makrokosmische weggezoomt! Rasend schnell entfernt sich der Blickpunkt von der Restaurantterasse, es zeigt sich das ganze Viertel bei der zweiminarettigen Moschee ("Allah renkren, renkren!"), dann die gesamte Siedlung, langgestreckt am blauen blauen Meer, dann die Bodrumhalbinsel mit den umliegenden Archipeln, die Türkei – längst ist Turgutreis im weissblauen Dunst unkenntlich geworden – Eurasien, der ganze Globus als gleichmütig dahinschwebende Kugel. Weiter! Andere Planeten, dann andere Sonnen mit ihren Planetensystemen kommen in Sicht, es sieht doch sehr einem Atommodell mit den Kernen und den drumrum tanzenden Elektronen ähnlich ("Das sieht Dir ähnlich!" sagte Eva, als sie Adam erblickte, zum Schöpfer) Aus den Systemen werden Galaxien und Sternennebel und mit zunehmender Entfernung nimmt alles eine Gestalt an. Oh!!! Es ist ein riesiger Elvis mit Gitarre vor dem Leib, der da wie verrückt seine Songs singt und spielt. Zuerst "Don't step on my blue suede shoes!", dann "Are you lonesome tonight?" Die Erde, also wir, muss da irgendwo in seiner Beckenregion sein. Elvis the Pelvis! Und wir merken hier in Turgutreis nichts von seinen Verrenkungen – wir spüren ja auch nichts davon, wie die Erdkugel mit irrsinniger Geschwindigkeit durchs All rast. Nur manchmal, ganz selten, vermögen wir in der Schwärze der Nacht sein zweites Lied zu hören.....

Ich zahle, binde Sütlaç los und fahre nach Hause.

10.11.2006 um 10:10 Uhr

DDR/ Zusätzliches über Grenzen und Schwellen

von: hibou

Ich fahre mit Sütlaç unsere Küstenstrasse entlang ins Städtchen, sehr kurvig und holperig, die Sonne steht tief und blendet bald genau von vorn oder wirft einen langen Wagenschatten auf die Strasse vor uns. Sie geht jetzt bereits hinter Pserimos unter, im Sommer stand sie doch noch nördlich von Kalymnos überm freien Ozean? Ja, auf dieser Strecke lässt sich ein ganzes Stück der Dodekanes-Perlenkette sehen, im Süden das "riesige" Kos, wo Asklepios und Hippokrates wohnen, dann Pserimos, die Schwammfischer-Insel, dann die weisse, plastische Gebirgskette von Kalymnos (es soll dort aber auch ein weites, fruchtbares Tal geben), dann an schönen Tagen weit weg im Nordwesten Leros. Ich las im Reiseführer, dass dort die grösste psychiatrische Klinik ganz Griechenlands war und ist – das klingt doch sehr nach Internierungslager, und wirklich, während der Zeit der Papadopoulos- und Pattakos-Diktatur wurden Mikis Theodorakis und viele andere Kommunisten dort gefangengehalten....

Davor noch ein ganzer Archipel von kleinen und kleinsten türkischen Inseln, die wie schwimmende Vulkane aus den Wassern ragen. Und irgendwo dazwischen eine Grenze, unsichtbar. Die griechischen Frachter meiden sie, so wie die türkischen, um sie nicht zu verletzen, dicht unter Land fahren. Komisch, dass wir "die Grenze verletzen" sagen. Sie verletzt ja eher uns. Wir können nicht nach Kos hinüber, oder nur mit langwierigen und teuren Ritualen. Dabei sieht es auf ihren beiden Seiten völlig gleich aus: Die Landschaftsgestalt, Pflanzen und Tiere, die Siedlungen, die Menschen: völlig gleich. Nur allein die Sprache ist anders. Aber die Grenze ist nicht wegen der unterschiedlichen Sprache gezogen worden, sondern die Leute wurden sortiert, nachdem die Grenze errichtet war!

Die Grenze zur DDR war früher ebenso unheimlich wie faszinierend für mich. Die Bahn von Hamburg nach Basel fuhr damals noch über Fulda – Kinzigtal und zwischen Bebra und Bad Hersfeld kam sie dem Grenzstreifen sehr nahe. Nie hielt es mich im Abteil, immer ging ich in den Flur, um links hinauszuschauen. Da hinter dem breiten umgepflügten Streifen und dem hohen Zaun mit den Wachttürmen gab es Häuser, Wälder, Burgen... Ein Dorf lag direkt am Grenzstreifen, dort wurde der Zaun zur Mauer, und wo die Häuser am Flussufer standen, waren die Fenster zugemauert und die Brücken zerstört. Ich wußte, dass man da drüben eine Sondergenehmigung haben musste, um so nahe an der Grenze zu wohnen.

Geh doch nach drüben! Diesen Ruf hörten wir auf vielen der studentischen Demonstrationen. Und das taten wir auch nach Kräften. Da war ein politischer Kongress in Rostock, und eine Delegation des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes nahm daran teil (Für die Geheimdienste: Unterlagen geben nix her, ich war nie Mitglied des SDS). Da war der Onkel in Crivitz, ihm war es ganz besonders peinlich, wenn wir über Politik anfingen. Er war Lehrer und wir standen sehr viel weiter links als er. War das Revisionismus? Aber die Kneipen im Dorf waren deutscher als deutsch und die Mecklenburgische Seenlandschaft von derselben Schwermut wie die Gegend um Lübeck. Schwanheide hiess der Grenzübergang. Allein dieser Name machte mich melancholisch. Hinzu kam dann Zorn, weil die Polizei uns am Hamburger Hauptbahnhof kassierte und auf verbotenes Schrifttum untersuchte. Ja, da waren Dossiers, die Lübke wegen seiner Rolle in der Nazizeit belasteten. Man durfte also hüben wie drüben nicht mit der Wahrheit heraus.......

(Bitte demnächst weiterlesen! Die These wird lauten: Grenzen trennen Gleiches, Schwellen verbinden Verschiedenes....)

08.11.2006 um 08:38 Uhr

Berlin Anhang zwei unsortiert

von: hibou

 Resterinnerungen:

  • nie in Potsdam gewesen
  • den Herrn Lehmann noch nicht gelesen, dafür alles von Element of Crime gehört
  • Russendisco und anderes von Vladimir Kaminer reingezogen!
  • die unglaublich alten, welligen und tiefliegenden Strassenbahnschienen! wie in Belgrad
  • dafür sind die Stationsansagen vom Band wie bei Arteeeee geklaut
  • Good Bye Lenin hehe
  • die sogenannte Berliner Schnauze
  • ich goutiere die Namen mit –ow: "Kleinmachnow, Schildow, Treptow, Teltow"
  • "Wir Kinder vom Bahnhof Zoow"
  • die Siegessäule von der S-Bahn aus
  • der rote Schal von Ströbele
  • die paar "alten" Häuser südlich vom Rathaus, in einer der dortigen Kneipen saßen Gysi und Trittin beim Tète à Téte als wir ankamen
  • Sasha Waltz: "Körper"
  • die Zigarre, die aus dem frischen Grab von Heiner Müller emporwuchs.
  • der alte und der neue Potsdamer Platz. Homer. Schlaflosigkeit
  • die Kamelien im Botanischen Garten
  • die Dönerbude an der Karl-Marx und der Interregio vom Bahnhof Lichtenberg. Und nebendran stand der Zug nach Moskau
  • Das Lokal unterm Gewölbebogen der Bahn bei Friedrichstrasse, Matt, weißt Du wie’s heißt? gibt gute Bratkartoffeln da

08.11.2006 um 08:11 Uhr

Berlin Anhang eins: olle Kamelle

von: hibou

Da stand sie Modell:

Nänie übern Alex gehend

Aus Wunden blutend

mit Marmorblöcken gepflastert

bis zum Hals in der Scheiße und obendrüber

Russenkäppi Pepsicola grelles Haar

Henry Maske hat die Schnauze voll

Stüttgen noch nicht ganz

wir wechseln die Stühle doch

auf den augenblicklich freien setzt sich

ichweißnichtwer

nichtseibeiuns

So viel Seife so viel Seife

wär’ gar nicht da

Berlin zu waschen auch nur die

Fingerspitzen

Jesus was a sailor

when he walked upon the water

schamlos bis über die Gürtellinie

haben wir die Welt herunter-

gewirtschaftet

wir Hitler und andere

was sind da schon Kugeleinschläge

in den Buckelquadern der Gründerzeit

Schönheitsflecken! Mensch

Gründer Neuköllns: überleg dir’s noch mal

wirf den Spaten über die Schulter

mit der du die Stadt

in Gang setzst

first cut is the deepest

andererseits

Narben zieren

07.11.2006 um 20:31 Uhr

Berlin. Schöneberg und vorläufiger Schluss

von: hibou

Etwas später für zwei Wochen in Schöneberg. Wir hatten die Wohnung eines Beleuchtungskünstlers geliehen bekommen, ein Museum: der Tisch: aus Lämpchen, das Bett: ein Gitter aus Lämpchen, überall Gestyltes. Erst nach Tagen entdeckten wir eine Art Tapetentür, dahinter eine Kammer mit allen Dingen des Lebens mitsamt speckigen Bettüchern..... Die Wohnung selbst aber riesig, im Dachgeschoss eines typischen Wohnblocks: von der belebten Hauptstrasse gingst du durch den ersten und dann den zweiten Hinterhof und dann links unendlich viele Treppen hoch. Es war August und glühend heiss. Wir lagen auf dem Bett oder aßen beim Inder. Marina, die uns die Sache vermittelt hatte, war krank. Auf einer Freizeit mit Jugendlichen – im Wendland? oder am Köpenicker See? – hatte eine Zecke sich auf ihrer Kopfhaut eingenistet, nun hatte sie grad die Meningitis hinter sich und konnte mit ihren versteinerten Gesichtszügen kein noch so schmales Lächeln zustande bringen.

Ich hatte Marina auf einem Kunstseminar mit Johannes Stüttgen kennengelernt. Sie kam viel zu spät, wir hatten den Kunstbegriff schon na klar erweitert. Sie war so was von punkig in ihrem Ledermini und mit den roten Haaren. Gleich in der Mittagspause gingen ich mit ihr auf der Oranienburger bummeln und in eine oder zwei Kneipen. Sie hatte kurz vorm Mauerfall aus Ostberlin rübergemacht. Jetzt war sie wieder da ;-) Ihr Nachname war R., das zeigte schon, dass sie mit einem Schweizer verheiratet gewesen war. Sie war äusserst kompromisslos.

07.11.2006 um 19:44 Uhr

Berlin drei - mit Challenger

von: hibou

Ein andermal, aber es ist schon lange her, war Gartenbaulehrerkonferenz in Berlin, in einer Jugendherberge (mein Gott) irgendwo im Grunewald, am Wannsee, in Nikolassee? Irgendwo mitten zwischen Glienicker Brücke und Pfaueninsel, wo damals die "Endlösung der Judenfrage" besprochen und entschieden wurde. Wir aber redeten über Obstbaumveredelung. Abends war es recht schwer, irgendwie in die Stadt zu kommen, weit schwerer als das Jahr zuvor in Offenburg. Aber irgendwie schafften wir es doch einmal nach Kreuzberg. Ich glaube ich war dafür initiativ. Doch man stelle sich vor, als wir zurückkamen, war die Herberge verschlossen, es gelang uns erst nach längerem Probieren, durch ein Fenster einzusteigen. Waren wir 14? Waren wir 16? Meine Vorstellungen über das Geschehen sind nun sehr vage, und doch könnten wir den Zeitpunkt bis auf die Minute genau feststellen. Wir betraten eine Eckkneipe. Wer waren wir? so fünf bis acht Leute, ich denke Marlies war dabei. Wir betraten eine Eckkneipe... Marlies, erinnerst du dich? Auf dem Bildschirm in dem Augenblick ein wunderschönes Feuerwerk mit langen Rauchspuren und einem Blütenkranz von Lichtpunkten, oh! und ah! riefen alle, ist das geil! Soeben war die amerikanische Raumfähre Challenger kurz nach dem Start verglüht.

07.11.2006 um 16:03 Uhr

Bülent Ecevit

von: hibou

Bülent Ecevit’i kaybettik

Acımız büyüktür

Wir haben Bülent Ecevit verloren. Unser Schmerz ist gross. Er war mir schon von früher her, aus den 70ern und 80ern sympathisch. Als ich hierherkam, war er noch Ministerpräsident und bereits sehr alt und krank. Ich habe inzwischen mehr von ihm gehört. Ausser, dass er stringent, links und unkorrumpierbar war, war er ein wundervoller Gelehrter, u.a. einer der ganz wenigen hier, die fliessend Sanskrit lesen und sprechen, ein Dichter und Poet und ein wunderbarer Sprecher, der die Qualität des Wortes hochhielt. Nach halbjährigem Koma wird der Tod für ihn leise und sanft gekommen sein.

Wir aber stöhnen unter der Qualität seiner Nachfahren.

07.11.2006 um 12:35 Uhr

Berlin drei, Lesungen

von: hibou

Lesungen hatte ich drei oder vier in Berlin: in Pankow - Sonnenschuh - zweimal, im Podewill mit der Flussanthologie und eine mit dem Tagebau im Café Walden:


Ich erinnere mich.

Das "Walden" lag irgendwo nicht weit vom Potsdamer Platz Richtung NW, ich war mit Christine hergekommen, wir gingen durch dunkle enge Strassen mit Lücken zwischen den Häusern – jaja, ich hatte Emine Sevgi Özdamar gelesen – bis zu dem Café, wo sich eine ganze Reihe von Internetschreibern des Tagebaus trafen, unter anderem hehe Betty Bienenstich und Mone Hartmann, Madonna und Enno, die Münchnerin, wie hiess sie noch, Peter? ah die Suchmaschine wird’s schon rausfinden falls Leser interessiert sind, sie hatte ebenfalls so einen so verqueren Nick, Lachwurm?; Mixxxx die transsexuelle Engländerin war auch da, mit ihr verbrachten wir dann den Rest der Nacht in der Lounge des Hostels am Rosa Luxemburgplatz, weil die erste U Bahn erst um fünf? fuhr. Das Walden hatte sehr dunkle Tapeten mit Pflanzenmustern, einfache Holztische und –Stühle und Borschtsch und Blinis auf der Speisekarte. Die Lesebühne war winzig, aber es gab Scheinwerferbeleuchtung, Ansage und Musik vom Band. Christines weisse Bluse war bis zum Maximum des Schicklichen aufgeknöpft. Na klar waren wir am besten:

"Allein Christine A. ("riga") und Thomas K. ("buh") durchbrachen
den Imperativ der Medienselbst-Reflexion. Auch als einzige setzten sie sich
zu zweit auf die schmale Bühne. Damit wurden sie der Auszeichnung der
Arte-Jury am meisten gerecht, hatte diese ihre Verleihung doch mit ‚der Spannung, die
durch Rede und Gegenrede sowie die dazugehörigen Kommentare‘
entstehe, begründet. Dialogisch und mit Umwegen über französische und
italienische Literatur entwarfen A. und K. ein metaphysisches
Sprachuniversum, dessen existentielle Seinsfragen den Rahmen "Ich und das Netz" furios
sprengten."(aus "telepolis" magazin für netzkultur)

Der "Sonnenschuh" war eine noch viel verrücktere Tüte, ein Kulturzentrum, recht mitten in Pankow aber fast unauffindbar hinter einem Chinesischen Restaurant und hohen neuen Mehrfamilienhäusern versteckt, ein verfallendes, schönes altes Haus mit Park und Statuen und einem Holzschuppen, dessen Dach bei der zweiten Lesung bereits abgebrannt und durch eine Plastikplane ersetzt war. Ich fürchte, das ganze Anwesen ist inzwischen verschwunden? Stefan und seine Freundin, deren Name mir entfallen ist, betrieben den Laden, hausten ohne rechte Heizung und Licht und hielten ihren Optimismuslevel hoch. Der Beruf des Mädchens ist mir aber nicht entfallen, sie war Schusterin, deshalb "Sonnenschuh". Sie hatte aber grade einen russischen Verführer kennengelernt und bebte in Erwartung... Im "Lesesaal" in der Baracke ein Tisch, ein Sessel, rosa lasierte Wände und kaum Zuhörer – Stefan hatte vergessen, die Einladungen zu verschicken. Alle Flüsse fliessen ins Meer, stand darauf. Enno und seine Freundin Sabrina waren gekommen, das rechnete ich ihnen hoch an, außerdem Illy, eine Onlinebekannte, mit ihr fuhr ich nach Hohenschönhausen ins Plattenhochhaus. Sie hatte einen riesigen Rottweiler, der auch aufs Sofa und ins Bett hüpfte. Nahebei das Stadion der Eisbären Berlin, ehemals ein Stasiverein, sagte sie. Illy war ein Kader gewesen. Ihr Vater wahr wohl Russe aus Krasnodar. Sie hatte wenig von der Wiedervereinigung profitiert. Als ich zur zweiten Lesung kam, wohnte sie auch in Pankow. An der Strasse zur S-Bahn gab es ein wunderbares Café, alles Resopal, Käsesahnetorte und Currywurst waren gleich billig. Geständnis am Rande: für mich waren die DDR und die Russen romantische Sujets – und die alte BRD ein Hassobjekt. Das zweite Mal im Sonnenschuh – wohl ein Jahr darauf, gab es mehr Zuhörer und ich erreichte fast ein Ideal meiner Lesungen: die Texte kapitelweise in unserer Mitte auf dem Boden und die Zuhörer wählten aus: über Flüsse wiederum: die Donau, die Seine, der Rhein und die Wolga und natürlich die vier Flüsse des Paradieses. Später gingen wir raus an die Panke. Das war ein kanalisiertes Rinnsal viel zu flach sogar für ne Flaschenpost. Beschriebene Zettel schwammen so abwärts gen Wedding. Aber wie sollte so was jemals ins Meer münden? das glaubt ja kein Meerschwein. Ich umwickelte die Leute mit rotem Garn und ließ es gut sein.

Das Podewill ist ja nu mehr Mainstream. Wir waren zuvor im Gohliser Schlösschen in Leipzig gewesen, das erste Mal, dass ich unter Barockengeln und zu Vivaldi gelesen hatte. Wir waren ein eingespieltes Team geworden, Ute, die Übersetzerin und ich. Ich liebte den Text von Henry Miller und den von Jerofiew auch. Nebenan war ein spitzenmässiges Freilichtkino: man sah Berlins Sterne von da aus....

07.11.2006 um 09:32 Uhr

Berlin zwei

von: hibou

Das letzte Mal Berlin war mit Dilek, also eine Traumreise...

read here:

http://www.blogigo.de/zib/Berlin-two/5079/

06.11.2006 um 16:33 Uhr

Berlin

von: hibou

Und wie oft war ich in Berlin? Zuerst in den Urzeiten: Klassenfahrt, mit offizieller Besichtigung von Mauer, Check Point Charlie, Freiheitsglocke in Schöneberg und Kuratorium Unteilbares Deutschland, wo wir einen Vortrag und ein Geschenk (wahrscheinlich einen unteilbaren Zwieback oder so) verpasst bekamen. Wir wohnten im Sozialistischen Jugendheim "Die Falken", draussen an der Mauer stand: "Im Mittelpunkt unseres Interesses steht der Mensch!" und "Die Welt muss verändert werden!" Zum Leidwesen unseres Klassenlehrers Herrn Oberstudienrat D. ("Ihr solltet besser Steineklopfer werden!") (jetzt fällt mir ein, dass ich mal auf ner Strumpfhosenparty seine Tochter Gesa geknutscht hab) fühlte die Mehrheit von uns ein antikapitalistisches Herz im Busen schlagen. (was uns noch nicht ganz klar war: "Ein Sozialismus aber, der die Männervorherrschaft nicht abschafft, kann keinen Kommunismus aufbaun." (Irmtraut Morgner, Amanda, ein Hexenroman))

Was taten wir noch? Einen Abend im Schillertheater – bestimmt gabs Nathan den Weisen – und im Operettenhaus wirklich und wahrhaftig "My Fair Lady" mit der Dingens, na der deutschen Original- Dingens, ah ja, Karin Hübner und Paul Hubschmid und Rex Gildo!!. Mir kommts vor, als ob wir die ganze Stadt damals noch in schwarz-weiß gesehen hätten... Therese M., die auch aus der Schweiz stammt, und ich fuhren am freien Nachmittag nach Ostberlin. Wenders hatte den "Himmel über Berlin" noch nicht gedreht aber den "Spion, der aus der Kälte kam" gab es schon. Wie fängt man es an, Selbsterlebtes und bloss indirekt Aufgenommenes, spätere und frühere Erinnerungen nicht zu vermischen? Ich sehe z.B. jetzt auch den jungen Manfred Krug vor mir, dazu Christa Wolf und die Fabelwesen der Morgner aus dem Schinken "Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura. Roman in dreizehn Büchern und sieben Intermezzos. (Broschiert) " auf den smogzerfressenen Fensterbrettern der Wohnblocks sitzen, ja ich seh sogar Wolf Biermann (damals mochte man den noch) – aber ganz sicher ist das alles viel später angeeignet und früher passiert......

Gromi, die slowenische Frau Gräfin aus Maribor, hat mir später in Wien und Bodrum viel vom Berlin der Kriegszeiten erzählt, als sie im Hotelfach arbeitete und dann fast verschüttet wurde. Und selbstverständlich erzählten ALLE, besonders die Lehrer, in Westdeutschland damals von diesen Zeiten. Manchmal ist es fast schon, als hätte man manches selbst ein wenig erlebt. Aber selbst das Nachkriegswestberlin, Trizonesien, ist heut schon ein Mythos, es kommt mir vor wie ein etwas abgeschabtes, unmodisch gewordenes Schuko-Spielzeug mit dem Kranzler und der Kaiser Willem Gedächtniskirche und der Kongresshalle und so. Wir jedenfalls saßen damals im Kranzler, es war meine erste Klassenfahrt als Marburger Oberstufenschüler und ich integrierte mich dadurch sehr schnell in die ehm Gemeinschaft. Soweit zum ersten Mal.

05.11.2006 um 08:55 Uhr

Paris

von: hibou

Wie oft ich wohl da war? Vielleicht insgesamt ein halbes Dutzend Mal? oder ein dreiviertel? Das erste Mal nahm mich mein Vater mit. Überraschend sagte er: wollen wir nach Paris fahren? Für mich war das ein Traum. Jeden Tag fuhren da unterhalb des Dorfes Züge nach Paris, quer durch den Jura, für uns war die Welt in Vallorbe zu Ende, aber dort hinterm Tunnel? Vallorbe hatte etwas Dunkles, Verhangenes, zum Fürchten war es. Aber Paris? Was wußte ich da von der Stadt? "Das ist Picasso" sagten wir, wenn uns etwas als verrückt vorkam. Wir kannten die Silhouette des Eifelturms. Wir spielten "Napoleon" in den menschenleeren Scheunen von Bussigny. Ah, wir kannten die Wörter "Pigalle", "Moulin Rouge", "Montmartre", "Bonjour Tristesse" oder "Mylord". Das war ja schon nicht wenig.

Was wir da angeschaut haben, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch an das billige Hotel, wo mein Vater allerlei Ungezieferphantasien in uns wachrief und an den palastähnlichen Kinosaal mit Wasserspielen und weiteren ausgiebigen Vorprogrammen. So konnte man sich selbst auf der Leinwand sehen, wie man das Kino betrat und die Freitreppe emporstieg, ganz goldbeglänzt. Der Film? Keine Ahnung mehr. Natürlich gingen wir irgendwann durch die Rue Monsieur Le Prince, wo mein Vater während seines Studiums gewohnt hatte.

Das nächste Mal lebten wir in Zelten nahe der Porte d’Orléans und auch zwei Nächte in Versailles, wo ich von Mördern mit Messern träumte, laut schrie und alles in Bewegung brachte. Herr Mischler sagte verstockt "Quatorze, der Fünfzehnte". Als wir hungrig waren, sagte Marie Antoinette: wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen fressen! und Louis Seize schrieb am 14.7.1789 in sein Tagebuch "rien" (weil er auf der Jagd leer ausgegangen war. Gut. Auf dem Zeltplatz in Paris standen ein- zwei hohe Bäume, auf die wir kletterten. Mein Grossvater, der spätere Urmann, war auch mit von der Partie. Es war so heiss, dass manche nicht ohne Sonnenstich davonkamen, deshalb badeten wir in der Seine. Les bateaux mouches fuhren vollbesetzt hin und her. Notre Dame und Louvre waren noch schwarz – ich weiß nicht mal, ob der Hochdruckstrahler schon erfunden war? – und auch die chinesische Glaspyramide und das Centre Pompidou sollten erst später gebaut werden. Les Halles: ein phantastisches altes Labyrinth von Stahl und Bahnhofsglas.... Ich glaube, wir waren auch auf dem Flohmarkt in Clignancourt. Die großen Buben kauften sich Wochenprogrammhefte und blätterten sofort das Kapitel Nachtleben auf, dort gab es Fotos von Frauen mit nackten Brüsten und man las von einem Lokal, wo die Akteure in einem Netz über den Zuschauern strippten, wir stellten uns natürlich vor, sie würden da auch ficken, was sie ein Jahrzehnt später auch taten (nicht dieselben, neue Angestellte, welche Beulen und Abschürfungen an Hintern und Oberschenkeln davontrugen). Es gibt Fotos, schwarz-weiß mit gewellten Rändern: ich mit Mutter auf dem Arc de Triomphe, Jolanda auf einem Esel im Park. Aber erinnern daran tu ich mich nicht.

Dafür recht genau an die Tage, als ich mit meiner Tochter da war. Wir wohnten im Hotel des Martyrs und Franziska fühlte sich wie eine. Nachdem wir nach Sehenswürdigkeiten durch die Stadt getigert waren, sank sie völlig schlaff aufs Hotelbett. Ich hatte das Zimmer vor ihr betreten und mit lautem Krach die Tür geöffnet, damit sich die Kakerlaken verzogen. Das Etablissement war vorwiegend mit schwarzen Gästen besetzt. Säuglinge schrien unentwegt und nackte Mütter gingen den Flur entlang um die vollen Pampers irgendwo loszuwerden. Wir sahen Museen! Aber wollte meine Tochter da wirklich hin? Die Orangerie, das neue Musée d’Orsay, das Trocadéro und natürlich die klassischen. Wir waren einmal im Theater, das bis auf den letzten Platz gefüllt war, es gab ein Stück über eine vielköpfige Familie mit jüdischer Momme.

Noch davor, es war die Marburger Oberstufenzeit, waren wir per Auto über ein Wochenende nach Paris gefahren. Michael war dabei, wohl auch Mädchen? Die Zwillinge Gabi und Michi? Könnte sein. Wir waren so müd, dass wir nur kurz im Café auf dem Boul‘ Mich‘ saßen und bald wieder nach Hause mussten. Eigentlich erinnere ich von dem Trip eher Metz und Saarbrücken....

Einmal für länger mit Katharina aus Australien und Irene. Damals sank grade die Kursk. Wir hatten eine winzige Wohnung hinter und über dem Pont Mirabeau. Aber davon gibt’s andere Notizen irgendwo auf dieser labyrinthischen Festplatte.

Einmal mit Albert auf der Fahrt zu seiner Schwester, diese Landshuterin hatte nach Beauvais geheiratet. Da war Albert als Lehrer in Hamburg ja noch in der Nachbarschaft geblieben ... Wir trafen Friederike im Musée Cluny.

Wenn wir zur burgundischen und südfranzösischen Romanik fuhren, machten wir immer einen großen Bogen um Paris. Wir schlugen die Strasse nach Marseille, genau wie die Dame im Auto mit Brille und Gewehr.

Weitere Besuche?

Ich führte eine anthroposophische Reisegesellschaft von Montmartre zum Marais und auf die Ile de la Cité auf die Spuren der Templer. Das Foucault’sche Pendel war hinter Restaurationen verschlossen...

In vielen Büchern und Filmen kommt Paris vor. Ein Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris z.B. In anderen Filmen wie in "Fessele mich!" etwa reden sie nur von der Stadt. Ist ja auch ein Mythos.

Erst jetzt merke ich, was mir alles von Paris schon blieb: Gerüche, schmale steile Gassen, Apéritifs, graue Häuser mit windschiefen großen Fensterläden, Mansardendächer und Mansarden, Mäuse und Ungeziefer, schwarze Wahrsagerinnen, Couscous, Musik in den Fußgängertunnels zur Metro, dünnflüssiger Kaffee, Croissants, und noch viel mehr, aber im Bauch, Brücken, ja, Brücken