Seefahrt (von Bibbona nach Plön)
Nach Urzeiten gibts im Fernsehen wieder eine Dokumentation über den Untergang der Andrea Doria (“aber sonnst ist wieder einmal alles klar – auf der Andrea Doria...”), und mir wird klar, dass ich mich genau daran erinnere, sie stiess mit dem Frachter “Stockholm” zusammen und sank, ich las es in der Zeitung, mir scheint, ich war da grade in Italien, in Bolgheri bei Cecina – welches wiederum südlich von Livorno liegt, der Heimat Amedeo Modiglianis. In Bolgheri gab es eine berühmte Zypressenalle, welche von einem bekannten, jedenfalls dort bekannten Dichter besungen wurde; das Haus der alten Contessa, der Grossmuter Lorenzos, der mich dorthin in die Sommerferien mitgenommen hatte, lag aber etwas mehr im Norden, umgeben von zehn Pachthöfen, welche jeweils “den Zehnten” an die Herrschaften abführten, neben dem Personal und den Lebensmitteln natürlich. Wir assen im abgedunkelten Speisesaal, man hatte sich dafür extra umzuziehen, selbst wir Jungens im Jackett, Diener gingen mit silbernen Platten voller Njamnjam (“köstlicher Speisen”) um die Tafel herum und servierten der ganzen Grossfamilie, die wohl regelmässig im Sommer die alte Dame besuchte. War sie Witwe? Ich erinnere mich an keinen Grafen. Wir hatten weder Boot noch Kahn, im Meer hielt ich mich an einem leeren Eimer fest, darein die anderen die gefangenen Krebschen taten, sofern sie nicht gleich an Ort und Stelle verspeist wurden – Geschmack leicht nussig...... So lernte ich schwimmen. An den Strand wurden manchmal sehr grosse Fische angetrieben – die Brandung war stets vorhanden, manchmal zu stark, um Baden zu erlauben. Einmal entstand plötzlich ein Gewimmel von Leuten nahe des Strands, man hatte einen Ertrunkenen gefunden und schleppte ihn ans Ufer. Seine Augen waren offen und am Rand mit Sand bedeckt, da er nicht mehr blinzelte. Aber wo sonst fuhr ich denn Boot oder Schiff? F. und ich, meist mit Boxerhündin Berga mit an Bord, ruderten auf dem Brienzersee, ganz an dessen Ende, noch ausserhalb von Brienz. Wir hatten das grosse Boot immer zur Verfügung, fuhren oft am frühen Morgen schon hinüber nach Wasserfallen, angelten mit Löffel und Wollfäden und komplizierten Haken (im Chalet, wo F.s Eltern und die ältere Schwester noch schliefen, gab es einen grossen Wandschrank voller Angelgerät, welches wir nach und nach ausprobierten) . F.s Schwester freute sich, wenn wir auf dem See waren, dann konnte sie nackt rumlaufen. Kamen wir nach Hause war sie aber immer noch blutt und rannte nach Kleidern. Auf dem Genfersee schiffte ich natürlich sowohl mit den Dampfern, als auch mit Ruderboot, Pedalo oder Paddelboot. Kann mich unmöglich an all die Male in Montreux, Ouchy oder Vidy erinnern....
Dann folgten die Fähren von Brindisi nach Griechenland: erst die Egnatia, dann auch die Appia, Es ging mit Eltern, Auto und Wohnanhänger über Korfu und Igoumenitsa nach Patras. Oft waren wir seekrank und röhrten wie die brünftigen Hirsche nebeninander an der Reling. Scheu und Scham fallen da weg. Man kotzte einträchtig neben und zwischen Fremden, die auch dasselbe taten. Andere Tage wieder war das Jonische Meer glatt wie ein Kuchenblech. Dann lag man auf der Sonnenterrasse, mein Vater las einen rororo-Thriller (“Die vergifteten Pralinen”, er las eine etwas anrüchige Stelle laut vor (“greif mir nicht stets in die Hose/sprach Barnacle Bill, der Matrose”), meine Mutter sagte “du Schweinigel!” zu ihm, entriss ihm das Buch und warf es über Bord. Einmal gings auch durch den Kanal von Korinth. Die lehmbraunen, hohen Wände glitten so nah am Schiff vorbei, dass mir das Bild später noch im Traum wiederkam, nur war es da anstatt des Schiffes eine grüne St.Galler Tram. Das Minzgerli, die Mutter meines Vaters, schimpfte auf diese Trams, in die sie in St.Fiden einstieg und es doch wegen ihrer Arthritis kaum schaffte. Ich glaube nicht, dass sie jemals auf einem Schiff war, es sei denn von Rorschach nach Friedrichshaven hinüber? Dort fuhren wir bald nach dem Krieg, Deutschland war besetzt, die Amerikaner kauften Zigarretten und Schokolade von einem. Ich war zu klein, um nicht beschissen zu werden. Drüben roch und schmeckte es noch nach Armut.
Hier in Bodrum sind wir na klar schon Gulet gefahren, mit Engin und Yulia gings auf eine Tour durch den Inselarchipel gegenüber Turgutreis. Es war Spätherbst, man konnte grad noch baden, vom Schiff aus ein Genuss! Vorher mal mit der Fahri Kaptan auf die Knidos-Halbinsel hinüber oder mit einem andern Kasten nach Kos und zurück. Und ja! frühmorgens oder spätabends mit der Autofähre von Yalova aus über den Arm des Marmara-Meers hinüber, um nach İstanbul zu kommen. Andere Meere? Der Ärmelkanal. Im Abstand eines knappen Jahres einmal von Dünkirchen nach Folkestone und dann zurück von Dover nach Oostende....
Dazwischen nur im Hafen von Bristol und am Severn gegenüber Barry Island den Frachtern nachgeschaut. Ein Bekannter war einfach an Bord gegangen und ab gings nach Australien....
Hafenrundfahrten in Hamburg! Oder ein Stückchen die Elbe hinunter. In Wischhaven die Fähre. Oder der Butterdampfer nach Helgoland. Mit dem Wandsbeker Lehrerkollegium den Elbe-Trave-Kanal entlang und in die Plöner Seen, es war noch DDR-Zeit und in Sichtweite stelzten sozialistische Reiher
