Claudia Roth Claudia Roth Claudia Roth
Habe einen Brief an Ihre mailadresse geschrieben, schon letzte Woche. Keine Antwort? Na, vielleicht liest ja auch kein Schwein mehr mails?? Deshalb das Ganze nochmal als offenen Brief und über Google :-))
25. Juli 2008
Liebe Claudia Roth,
In den “Turkish Daily News” paraphrasiert Barcın Yinanç ein Interview mit Ihnen am 24.7.2008, das mich erstaunt und einigermassen erschüttert hat. Kann ja sein, dass er sie entweder falsch verstanden hat oder aber falsch wiedergibt. In beiden Fällen möchte ich dazu einige Bemerkungen loswerden. In Ihrer Vita auf Ihrer Website bezeichnen Sie die Türkei als Ihre “aussenpolitische Leidenschaft”, und in der Tat sind Sie hier als eine Lobbyistin der Kurden bekannt. Trotzdem schien mir in dem Interview (wie bei allen EuropäerInnen einschliesslich meiner selbst in früheren Jahren) viel Unkenntnis über die hiesigen Verhältnisse aufzuscheinen.
Nur einige kurze Fakten zu mir selbst. Ich bin gebürtiger Schweizer, habe aber viele Jahre in Deutschland gearbeitet. Seit fünf Jahren wohne ich nun hier in der Türkei, habe in der Zeit so einige Aha-Erlebnisse gehabt und mich meiner Unkenntnis und Naivität halber einigermassen geschämt..
Ich war den grünen Ideen von Anfang an verbunden, der Partei allerdings weniger – das mag an der rot-grünen Regierungszeit liegen. In Hamburg habe ich anlässlich des Projektes Hafenstrassen-Genossenschaft u.a. mit Krista Sager und Adrienne Goehler zusammengearbeitet. Hier in Bodrum lese ich via Internet aufmerksam die deutsche und internationale Presse, bin noch immer am Türkisch-Lernen aber kenne hier doch schon so einiges genauer (Übrigens: Ihr eingebautes Datenschutz- Maschinchen hat mich fälschlicherweise in Marmaris verortet).
Bitte seien Sie vorsichtiger mit Ihrer AKP-Verehrung! Ironischerweise pflege ich zu sagen, seit einem Jahr habe Erdoğan ausser seiner Fixierung aufs Kopftuch alles andere liegenlassen. Das mag stimmen in Bezug auf Reformen, aber auf anderen Gebieten war die Regierung sehr aktiv. Sie haben alles verfügbare Tafelsilber verscherbelt, einen Haufen neuer Steuern eingeführt, einen Haufen neuer Gesetze zugunsten mafioser Grosskophtas erlassen und alle ihre Mitglieder haben sich inzwischen schamlos und über alle Massen persönlich bereichert. Wollen Sie wirklich als Politikerin, als Grüne und als Frau in solcher Nachbarschaft gesehen werden? Erdoğan scheint mir ausserdem ein Mensch voller Hass und Agression zu sein (warum?), ein Berlusconi – was ja sein guter Freund (und Kupferstecher) ist – scheint dagegen ein Ausbund von Sonnenschein....
Nun zu dem Argument des Wahlerfolges der AKP mit 46,6% der Stimmen. Welchen Prozentanteil hat den Hitlers NSDAP 1934 erzielt? Hat diese Prozentzahl wirklich etwas mit Demokratie zu tun?
Und noch zur möglichen Schliessung der Partei (an die ich nicht zu glauben wage ): Halten wir uns doch an unsere übrigen Masstäbe – z.B. gegenüber China. Eben sah ich ein sehr kritisches Magazin auf “Arte” über die Misshandlung chinesischer Bauern durch lokale Parteifunktionäre. Der Text dazu sinngemäss: so lange das Recht in den Händen der Partei (!) und nicht der Justiz ist, wird für China kein Fortschritt möglich sein. Na! Und in der Türkei?
Zu “Ergenekon”. Die Verhaftungen von (oft linken) Leuten sind m.E. eine Racheaktion für die angedrohte Schliessung der AKP. Juristisch gesehen ist das meisste heisse Luft, die wirklichen Übelmänner, die der Anklage bleiben werden, sind wohl eher Leute des islamistisch-nationalistischen Establishments und etwa für den Mord an Hrant Dink und verschiedener christlicher Leute verantwortlich (wobei sich früher oder später eine Mitwisserschaft Erdoğans herausstellen wird, was die ganze Sache für die AKP ein wenig heikel macht). Was aber haben Leute wie z.B Kuddusi Okkır davon? (Vor kurzem schrieb ich dazu in einem taz-blog: “In der Neuen Zürcher Zeitung (die zwar stockkonservativ ist, aber üblicherweise über die meisten Informationern verfügt) wird allen Ernstes vermutet, die jüngste Schiesserei vor dem amerikanischen Generalkonsulat in Istanbul “könnte” von Leuten der geheimen Ergenekon- “Gang” angezettelt worden sein - und anstatt Ergenekon schreiben sie “Energekon” (ich hoffe, dass EON das nicht als Freud’schen Versprecher sieht?).
Ein Geschäftsmann wurde vor einem Jahr verhaftet. Die Zeitungen schrieben, vermutlich, weil er die Ergenekon finanziere. Während der Haft wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Nun starb er. Sechs Tage vor seinem Tod wurde er aus dem Gefängnis “entlassen”, was keinerlei Unterschied für ihn machte, lag er doch auf just demselben Totenbett. Bis heute ist keine Anklage erhoben worden, so dass in Zukunft weder seine Schuld noch seine Unschuld erwiesen werden kann. Sein Geschäft brach in den Monaten seiner Haft zusammen, so dass die Gemeinde seine Beerdigungskosten übernehmen musste und seine Familie nun mittellos dasteht. Es überlege sich das einmal ein jeder für sich selbst und seine eigene Familie. Und nun halte ich eine Wette: wetten wir, dass, wäre einem Islamisten oder AKP-Mitglied dasselbe widerfahren, Brüssel die Mitgliedschaftsverhandlungen mit der Türkei unterbrochen hätte? Hat jemand selbiges im vorliegenden Fall gehört oder gelesen??“)
Mit zwei Beobachtungen haben Sie aber doch recht: Wo bleibt „die Strasse“ angesichts des Entscheids am Montag? Den Leuten hier scheint es egal oder aber sie sind enttäuscht. Das Problem scheint eher zu sein, das keiner so richtig weiss, wofür er stimmt. Anlässlich des Referendums zur Direktwahl des Präsidenten haben wir die Wähler vor dem Wahllokal unseres Dorfes so lose befragt. Habt ihr mit ja oder nein? Ich weiss nicht, war die häufigste Antwort, welche Farbe hatte nochmal der Ja-Zettel? Rot? Dann wirds wohl Ja gewesen sein......
Und zur Frage der Opposition: Auch ich gehöre nicht zu den Verehrern von Deniz Baykal. Ecevit? Das war was andres.... Aber es ist hart, hier Opposition zu sein, oft schmerzvoll und lebensgefährlich. Auch gibt es – bitte lesen Sie es nach – hierzulande noch keine wirkliche Pressefreiheit. (Grad fällt mir dazu ein: kann es dann demokratische Wahlen geben???)
Zur Frage des Beitritts zur EU. Ich selbst wäre eher dagegen, innerhalb dieser fremdenfeindlichen Festung zu sein. Ich bitte aber zu bedenken, dass m.E. eher Europa die Türkei braucht als umgekehrt.
Entschuldigen Sie mich, sollte ich irgendwo unhöflich und unsachlich geworden sein.
Ich schreibe eher aus alter Sympathie (smiley)
Mit freundlichen Grüssen
Thomas Kutzli
