Message in a bottle

23.04.2009 um 10:48 Uhr

Assymetrie

von: hibou

Dann dachte er über die neuen Formen der Assymetrie nach:

Nicht nur am Horn von Afrika haben die Piratenüberfälle jüngst rapide zugenommen. Die Somalier, von denen grade am meisten die Rede ist, waren – heum - früher Fischer, bevor europäische und amerikanische Fangflotten die dortigen Gewässer hoffnungslos überfischten. Nun jagen sie mit ihren kleinen, beweglichen Booten die unförmigen Frachter und Tanker, sind gut bewaffnet und machen trotz einer Armada von modernsten Kriegsschiffen der Nato fette Beute. Ein paar wenige Prozente der Korsaren werden gefangen. Für jeden von ihnen kommen mindestens drei neue nach. Frage: wer hat sie recht eigentlich erzeugt? (die Frage ist na klar rethorisch).

Aus Frankreich wurde eben der siebente oder achte Fall von Bossnapping gemeldet. Die Manager – zum Beispiel der örtlichen Filiale von Continental – teilen der Belegschaft mit, dass der Betrieb (Krokodilstränen!) leider demnächst geschlossen werden müsse, worauf dieselbe die Bosse in deren Büros “gefangensetzt” (grausam: die Damen und Herren müssen bis zu siebzehn Stunden da ausharren und zum Teil auf Decken schlafen!), die Reifen zu einem Haufen versammelt und anzündet und weiter auf ihre Arbeitsplätze hofft (rethorische Frage gefällig?).

In Deutschland fiel neulich das grösste der Telefonnetze für Stunden aus und  ein Teil des Landes fiel in Panik. Verabredungen gingen daneben, Geschäfte wurden nicht gemacht, Ehefrauen nicht betrogen, stilvolle SMS-Botschaften stürzten wie Ikarus aus dem Äther. Ursache war wohl ein Computerabsturz. Was passiert wohl, wenn Computer irgendwann in grösserem Stil ausfallen? Welche automatische Tür geht noch auf, welche Kasse kassiert noch, welcher Aufzug bleibt nicht stecken, welcher Bankomat und welche Kreditkarten funktionieren wohl noch? Von Bahnen und Flugzeugen einmal abgesehen. Die Piraten und Randalierer hätten noch leichteres Spiel. Die Bereitschaft könnte nämlich nicht mehr ausrücken. Rethorische Frage: wer rettet das Land??

08.04.2009 um 10:10 Uhr

Milas

von: hibou

Sie waren in der ersten Stadt im Binnenland gewesen. Sie fuhren dort immer aus zwei Gründen hin: zum Autoservice und zum Markttag. Diesmal regente es die ganze Zeit in Strömen. Sehr gut für das Land. Gut auch für die Schirmverkäufer, die hier eher mit Sonnenschirmen ihr spärliches Auskommen fanden. Hier war kein Touristenrummel. Das Land gab sich eher wie es wirklich war, die Leute und die Häuser auch. Am Markt hatten sie eine fussballfeldgrosse Leichtmetallhalle gebaut, darunter waren die Gemüse- und Obstverkäufer untergekommen, es gab auch Kekse, Gewürze, losen Tabak, Käse und Milch aus grossen Colaflaschen. An Gemüsen fielen Ernesto Morcheln, scharfe Senfblätter, Spargeltriebe ausser den üblichen Saisonwaren auf. Viele Frauen sassen auf einem Kistchen mit nur fünf oder sechs Sachen, darunter ein Glas mit saurem Eingemachtem, ein paar Levkojen, frischen Erbsenschoten. Offensichtlich alles aus dem kleinen Garten. Sehr wenige Touristen fotografierten. E. sass mit Köfte am Rand und schaute. Die abgearbeiteten Frauen mit schwieligen Händen, Pluderhosen mit Rock darüber, beides und auch die Koftücher und Blusen in möglichst verschiedenem Blumenmuster, ein Kopftuch senkrecht, eines waagerecht um den Kopf gebunden, Strickjacken und Gilets auch in abenteuerlichen Ripps, schwarze Strümpfe, Gummigaloschen mit Zeitungen gefüttert – darin die neuesten Meldungen vom Ausbau der Raumstation ISS -, alle feucht bis hinauf zu den Knien, die Männer “ledergegerbt”, mit Schnauzer und Wollmütze braun in grau, laute Rufe, “Teyze”, “Jenge!”, Kanister mit Olivenöl (das beste gab es hier!), ein besenverkäufer, Karrenschieber (Sindbad!), zwei Männer mit Ausweis am Hals trieben die Gebühren ein und zeigten Grenzen auf. Warum eigentlich alles das fotografieren? Ist es für uns nicht wohlfeile Folklore? – obwohl es die Leute schon immer so kannten?? In zweihundert Jahren werden die Alten in Jeans, gefakten Addidas-Schuhen und Gore-Tex-Jacken Folklore sein......