Message in a bottle

27.12.2004 um 10:48 Uhr

Julia Timoschenko und Wiktor Juschtschenko (Wiktoria!)

von: hibou

Von Interpol gejagt: Julia Timoschenko (Foto: dpa)

 

Nach dem Wahlsieg im dritten Anlauf sieht man wieder Bilder der beiden auf dem „Meydan“ (Platz der Unabhängigkeit) („meydan“ ist ein türkisches Wort und heißt: Platz) inmitten eines Menschenmeeres und viel viel Orange.

Eine ukrainische Fassung von „Die Schöne und das Biest“? Biest ist Juschtschenko freilich nur vom Aussehen her, mit seinem seit der Vergiftung aufgedunsenen und pockennarbigen Gesicht. „Die Schöne und der Elefantenmensch“ passt besser. Elefant scheint Juschtschenko auch durch seinen Bedacht, sein Zögern zu Beginn, das dann gründlicher Entschlossenheit und ruhigem Mut weicht. (Alles das ist freilich nur so gut wie möglich aus der Ferne beurteilt, eher als Frage oder Hypothese, ganz so wie auch das Folgende). Er war bis vor vier, fünf Jahren nach eigenen Worten ein unpolitischer Mensch, ein „Staatsdiener“, ein Banker – also wohl mit Wissen um ökonomische Gesetzmäßigkeiten. Er wurde dann von Kutschma zum Ministerpräsidenten gemacht, mit Julia Timoschenko als Vize. Die trieb ihn an, es wurden Reformen versucht. Die beiden wurden schnell wieder entlassen.

 

Sie, die Julia: wie gesagt, Juschtschenkos „treibende Kraft“. „Sehr umstritten“, „äußerst ehrgeizig“,  „würde am liebsten sehr viel schneller und weiter vorangehen“, „die Apassionaria der ukrainischen Revolution“ (alles Presse- und TV-Wortlaute). Auf älteren Bildern ist sie dunkel-, schwarzhaarig. Jetzt fiel sie mir – und vielleicht vielen – durch ihre blonden, um den Kopf gelegten Zöpfe auf, das Bild einer ukrainischen Märchenprinzessin, wohl bewusst ein Teil ihres Images? Baute  sie Juschtschenko als Präsidentschaftskandidat auf? Würde sie den Job nicht lieber selber haben, beurteilt aber die geringeren Chancen einer Frau richtig und hält sich als „blonde Eminenz“ im Hintergrund? Man ist gespannt auf ihre weitere Karriere, auf den Fortgang und die Art der Reformen im Land.

 

Vorläufig sind mir beide sympathisch. Das ist bei Politikern aber eine Art der Zuwendung, die man manchmal bereut.

 

 

Aus: Neue Revue 2001:

 

Julia Timoschenko (40), verheiratet, ein Kind. Sie könnte ein gefeierter TV- Star sein oder ein Model, das uns von den Titel-Seiten anschaut. Sie ist Politikerin und Unternehmerin. Sie kämpft für mehr Freiheit, gegen die kalten Machtkartelle. Sie hat immer Fertigsuppen und Schokolade dabei.” Damit ich was zu essen habe, wenn sie mich wieder ins Gefängnis stecken.” Ihr
mächtiger Feind: Russland’s Präsident Wladimir Putin.

 

aus: T-Online-Nachrichten, 27.12.2004:

 

Interpol jagt Ikone des ukrainischen Widerstands

 

Interpol sucht eine der führenden Persönlichkeiten der ukrainischen "Revolution in Orange": Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko ist wegen Verdachts auf Betrug zur Fahndung ausgeschrieben. Den Haftbefehl habe die russische Justiz ausgestellt, teilte die Organisation auf ihrer Website mit. Falls Oppositionsführer Viktor Juschtschenko die wiederholte Stichwahl am 26. Dezember gewinnt, gilt die 44-Jährige als aussichtsreichste Anwärterin auf das Amt der Ministerpräsidentin.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. Azana schreibt am 27.12.2004 um 13:54 Uhr:Ukraine sucht den Superstar, äähh den Ministerpräsidenten



    Julia Timoschenko inszeniert sich gut (im Sinne von medienwirksam) als ukrainische Revolutionärin und möchte-gern-Jeanne d´Arc. Und wahrsacheinlich ist die so gut funktionierende Vermarktung genau das, was mich skeptisch macht und mich warnt vor spontaner Sympathie gegenüber der Gasprinzessin. Sie sei die reichste Frau im Lande, heißt es - und schon hat mein Bild von ihr mehr als nur ein paar Kratzer. Also doch Kapital und Macht ...die alte Geschichte? Also keine moderne Jeanne d´Arc.



    Schön ist sie wirklich - dunkelhaarig find ich sie authentischer als mit dem blonden Prinzessinnen-Haarkrönchen. Sicher Geschmacksache...Heutzutage ist der Wiedererkennungswert zur Vermarktung (oder zur Implementierung eines \"Stars\") entscheidend. Da kommt die Haarkrone dann grad richtig.



    Schaunmermal, was draus wird!



    Azana

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