Milas
Sie waren in der ersten Stadt im Binnenland gewesen. Sie fuhren dort immer aus zwei Gründen hin: zum Autoservice und zum Markttag. Diesmal regente es die ganze Zeit in Strömen. Sehr gut für das Land. Gut auch für die Schirmverkäufer, die hier eher mit Sonnenschirmen ihr spärliches Auskommen fanden. Hier war kein Touristenrummel. Das Land gab sich eher wie es wirklich war, die Leute und die Häuser auch. Am Markt hatten sie eine fussballfeldgrosse Leichtmetallhalle gebaut, darunter waren die Gemüse- und Obstverkäufer untergekommen, es gab auch Kekse, Gewürze, losen Tabak, Käse und Milch aus grossen Colaflaschen. An Gemüsen fielen Ernesto Morcheln, scharfe Senfblätter, Spargeltriebe ausser den üblichen Saisonwaren auf. Viele Frauen sassen auf einem Kistchen mit nur fünf oder sechs Sachen, darunter ein Glas mit saurem Eingemachtem, ein paar Levkojen, frischen Erbsenschoten. Offensichtlich alles aus dem kleinen Garten. Sehr wenige Touristen fotografierten. E. sass mit Köfte am Rand und schaute. Die abgearbeiteten Frauen mit schwieligen Händen, Pluderhosen mit Rock darüber, beides und auch die Koftücher und Blusen in möglichst verschiedenem Blumenmuster, ein Kopftuch senkrecht, eines waagerecht um den Kopf gebunden, Strickjacken und Gilets auch in abenteuerlichen Ripps, schwarze Strümpfe, Gummigaloschen mit Zeitungen gefüttert – darin die neuesten Meldungen vom Ausbau der Raumstation ISS -, alle feucht bis hinauf zu den Knien, die Männer “ledergegerbt”, mit Schnauzer und Wollmütze braun in grau, laute Rufe, “Teyze”, “Jenge!”, Kanister mit Olivenöl (das beste gab es hier!), ein besenverkäufer, Karrenschieber (Sindbad!), zwei Männer mit Ausweis am Hals trieben die Gebühren ein und zeigten Grenzen auf. Warum eigentlich alles das fotografieren? Ist es für uns nicht wohlfeile Folklore? – obwohl es die Leute schon immer so kannten?? In zweihundert Jahren werden die Alten in Jeans, gefakten Addidas-Schuhen und Gore-Tex-Jacken Folklore sein......
