Muazzez İlmiye Çıĝ
Heute morgen lasen wir einen Artikel über Muazzez İlmiye Çıĝ. Sie ist eine liebenswerte alte Dame, im letzten Winter hat Dilek sie mir irgendwo in Bodrums Strassen gezeigt. Sie ist 93 Jahre alt, leidet an Krebs, ihr Haar war streichholzkurz und schütter. Sie ist Sumerologin, forschte also lange Jahre über das Volk der Sumerer, das vor 3000 und mehr Jahren in Mesopotamien Kultur setzte.
Ich versuche, eine verkürzte Fassung des Artikels hier wiederzugeben.
Vor Jahren schrieb sie einen Brief an den Bürgermeister von Groß-Istanbul, der damals Recep Tahip Erdoĝan hiess. Sie betitelte ihn mit "Die Ansichten einer Bürgerin" und hat ihn jetzt gedruckt wieder aufgelegt. Dafür wurde sie wegen "Voksverhetzung" vor Gericht gezerrt. Was schreibt sie? Damals im alten Sumer gab es, wie in anderen alten Reichen (vgl.Herodot) die Tempelprostitution. Mädchen und junge Frauen gerieten in die Gewalt von Priestern und mussten ihnen sowie anderen Männern im Tempel zu Diensten sein. Um diese quasi-Leibeigenen kenntlich zu machen, hüllte man sie in ein Kopftuch.
Später hat der Prophet ebenfalls seinen Frauen und Töchtern das Kopftuch verpasst, als Erkennungszeichen. Diese Sitte verbreitete sich (wie Kultur eben von den Oberklassen kreiert, sich bald überall im Volk ausbreitet, man vergleiche nur den typischen türkischen Divan, der, am Hofe des Sultans geschaffen, heute im Wohnzimmer des entlegensten anatolischen Dorfes zu finden ist) bald bei vielen Muslimen. In der heutigen Türkei geraten seit Jahrzehnten immer mehr junge Mädchen unter Einfluss der Imame, besuchen die Imam Hatip Gymnasien, werden samt ihren Familien mit Geld entlohnt, werden ungesetzlich von Imamen verheiratet – welches, sagt Frau Çıĝ, schon im alten Sumer illegal war – geraten unter Gewalt und Willkür der Männer. Zu sagen, das sei finsteres Mittelalter, ist verfehlt: Schon immer gab es in den Gesellschaften fortschrittliche und rückschrittliche Kräfte und der Weg zum Beispiel zur Befreiung der Frau musste damals und muss erst recht jetzt ausgetragen werden. Was geschieht hier und jetzt: diese Frauen – erhalten als “Erkennungszeichen” ein Kopftuch. Sie sind, sagt Çıĝ, die Tempelprostituierten von heute Und dieser “Türban” ist nicht nur ein Kopftuch es sei in Wirklichkeit eine Bohça (das ist das Tuch, mit dem das "Heilige", jeder weltlichen oder demokratischen Bestimmung entzogene, seit jeher umhüllt wird. Und die islamischen Sekten tun das alles unter dem Deckmantel der Demokratie. Wir sind eine freie Gesellschaft, deshalb ist es legal, die Freiheit – etwa der Frau – zunichte zu machen (soweit sie denn schon verwirklicht wurde, und dazu gibt es von Atatürk entscheidende Schritte).Die Gedanken in diesem Artikel haben uns beschäftigt und erschüttert.
