Inner city blues/vagina

21.01.1991 um 13:15 Uhr

Nana

von: hibou

Das Sichtbare (das Verborgene?)

 

Eine junge Frau steht in Unterkleidern, aber fertig frisiert und fast fertig geschminkt vor einem Spiegel. Ihr Kleid, über einen Stuhl gelegt, ist am linken Bildrand noch eben zu sehen. Auf einem Sofa sitzt, am rechten Bildrand nur halb sichtbar, ein Mann in Frack und Zylinder. Ein Tischchen trägt eine Topfpflanze. Ein Gemälde, oder vielmehr eine Japonaiserie, schließt im Hintergrund den Raum ab. Der Boden des Zimmers ist hellbraun, die Tapete leuchtendblau, das Sofa mattrot, zum Schwarz des Fracks hin abdunkelnd. Zwei Kissen in der Mitte des Bildes sind hellbeige und hellgrün. Der Blumentopf türkisgrün. Die Holzteile des Sofas und das Tischchen golden. Der glänzend weiße Unterrock türmt sich leuchtend über Schenkel und Hüfte der Frau. Er wölbt sich angemessen. Mit ihm als erstem Blickfang bilden die blassblauen Strümpfe  und das blaue Mieder und die schwarzen, hochhackigen Schuhe und die blonde Hochfrisur eine Senkrechte, aber nicht starr, sondern frei und schmiegsam. Betont und verstärkt wird diese durch den Spiegelständer, die Kerzen, den hochgereckten Unterarm mit dem gestreckten Kleinfinger, den Stuhl- und Tischbeinen sowie dem hölzern wartenden Galan. Die Sofalehne, begleitet vom Armband und den Nackenlocken der schönen Frau, wie auch dem Flaubert’schen Schnurrbart ihres Cicisbeos formen die anmutig geschwungene Horizontale. Genau in der Mitte kreuzen, nein, runden sich die Kraftlinien, zur Kugel: dem Bauch und der Hüftlinie von Nana. Das Licht fällt von links herein und verkörpert sich in ihrem weißen, weichen Fleisch.

 

Das Verborgene (das Sichtbare?)

 

Der Spiegel spiegelt nicht. Das Gesicht Nanas spiegelt. Sie hat zwar Lippenstift und Puderquaste in den Händen, wendet sich aber mit dem Kopf von ihrem Bild ab und uns zu.

Sie schaut über ihre linke Schulter und aus den Augenwinkeln heraus denkt sie: „Mein Herr und Salonlöwe wartet schon! Wie er nervös mit dem Fuß wippt! Mon cher Charles, est-ce que tu te rends compte de la gravité de la situation? Naja, er so gut wie ein anderer… ‘Stock und Hut/steht ihm gut’. Oh, dieses Gestelzte an ihm… Als ob er sich ständig spreizen und die Federn plustern müsste… Ob er wieder so auffällig auf meinen Bauch schaut? Als er mich neulich fragte, ob ich wirklich…

                                               Croix de bois et croix de fer,

                                               Si je mens, j’vais en enfer ! »