Waschsalon Nausikaa
Wenn du völlig am Ende bist und gar nicht mehr weißt, wo es dich hinverschlägt, kannst du hoffen, im Waschsalon „Nausikaa“ zu landen. Dem Anschein nach ein völlig normaler Waschsalon der altmodischen Art, kommen doch die meisten anders heraus, als sie ihn betreten haben. Es wird auch sehr unterschiedliches von ihm erzählt...
War da nicht kürzlich vor dem Tumbler die Schießerei zwischen den Jugoslawen gewesen? Die Anwohner hatten viel zu spät nach der Polizei gerufen: diese fand nur Blutlachen, aber keine Personen mehr vor.
Die meisten Kunden nehmen sich als Alibi einen kleinen Beutel Wäsche mit hin und wünschen eigentlich nur die Wärme, die funzelig bläuliche Helligkeit, die schon fast eine Dunkelheit ist, den strengen Atem gemangelter Wäsche und das einschläfernde Geräusch der Maschinen für ein paar Stunden zu genießen.
Du gehst vom Niveau des Bürgersteiges ein paar Stufen hinunter und trittst geduckt durch den niederen Eingang. Davor noch, im weißgestrichenen Windfang, fällt dein Blick auf einen Flickenteppich von Mitteilungen, Angeboten, Zaubersprüchen, Notrufen; mehr nur als Fetzen und Fragmente fallen sie dir in die Augenwinkel, ohne daß sie dir bis ins Wachbewußtsein gelangen: Gebrauchtes Cello, Demeter-Artikel laufend frisch, wer weiß, wo Manfred mit meiner Tochter abgeblieben ist? Ab 21.September wird hier nicht mehr gemangelt, übersetze Texte und Gedichte gegen geringen Obolus, ich bin schon schlafen gegangen,
Helga
Silberne Locken dreh ich dir ins Haar,
Streu aufs Gesicht dir Rabendreck,
Die Schultern salb ich dir mit Vollmondlicht,
Den Busen streichle ich mit Hexenkraut,
Wind’ um den Fuß dir Schlangenhaut,
Daß dieser Zauber dich an meine Seite banne
Für jede Nacht, für jeden Tag.
An der Türzarge siehst du eine halb abgeschabte Ritzzeichnung, sie sollte dir bekannt vorkommen.
Im Innern empfangen dich ein Dutzend Waschmaschinen, die Stammkunden sagen, jede habe ihr Lieblingsprogramm! Und Sitzbänke aus schwärzlichem, durchgescheuertem Hartholz, meist von wunderlichen Gestalten besessen.
An der Rückwand sind weitere drei Türen. In dem kleinen Raum hinter der ersten sitzt tagsüber zuweilen eine mürrische Aufsicht und löst Kreuzworträtsel, neben sich eine Sammelbüchse in Form des Seenotrettungskreuzers „Jan Flindt“.
Die zweite birgt die Klimaanlage. Die dritte nennen wir nur die „Niemandstür“, weil niemand genaues über sie weiß. Viele behaupten zwar, schon dahinter geblickt zu haben, aber niemand erzählt dasselbe darüber. Ich für meinen Teil habe vorigen Sommer ein Abenteuer mit ihr erlebt, das sich gewaschen hat!
Erzähl!
Ich hatte den Tag an der Außenalster versteckt unter Gebüsch verbracht. Den Holzdamm entlang war ich dann wahllos ins Viertel hineingegangen. Gleich als ich hier reinkam, hatte ich gesehen, daß die Niemandstür an diesem Abend nur angelehnt war. Im Laufe der Nacht hatte ich in meinem Tran den verrückten Einfall, mein Zeugs mal schnell durchs Waschprogramm zu geben. Bis auf ein eng aneinandergeschmiegtes Paar war ich nämlich der einzige Kunde hier unten, und auch auf der Straße war zu dieser Stunde völlig tote Hose. Ich zog mich also in den hintersten Winkel zurück und meine Sachen aus.
Sogar die dreckigen Espadrilles schmiß ich mit rein. Wäre hier eine Dusche, könnt’ ich ganz sauber den neuen Tag betreten, ging es mir durch den Kopf. Ach, bei diesem Gedanken fiel mir plötzlich auf, wie ich stank, sah ich mit Abscheu meine ungesunde weißliche Haut, die schrundigen Zehen und den Bauch, der sich schon bald auf die Oberschenkel legen wollte! Und die Schmerzen an den Handgelenken flammten frisch auf. Aber nun würden sie mich nicht mehr kriegen!
Da schreckt mich ein Geräusch an der Tür auf, und ich sehe doch tatsächlich eine wunderschöne Lady im schulterfreien Ballkleid den Salon betreten! Wohin mich retten? Ohne eine Sekunde zu zögern, husche ich durch die Niemandstür und schlage sie hinter mir zu. Scham! Verwirrung. Dunkelheit um mich...
Ich horche an der Türfüllung. Ein silberhelles Lachen und ein fröhlicher Wortwechsel schwingen in den Holzfasern...Sind noch mehr Leute da? Ich komme zu Atem und Räson, hier kann ich so nicht bleiben. Es streift mich ein kühler Hauch, der mich schaudern läßt... Ich taste, finde weder Klinke noch Schlüsselloch...
Und weiter?
Ja, ich sah sie, wie sie sich besorgt hinunterbeugte! Dabei hatte ich mich schon abgewandt und tappte, erst zögernd, dann immer sicherer weitere Stufen ins Dunkel hinunter. Es rauschte, rieselte, plätscherte um mich. Ging es überhaupt noch abwärts? Mir wurde leicht. An einer Tafel saßen -oder schwammen- viele Menschen, junge, alte, Frauen und Männer, tauchten unter und auf, SAHEN ALLE AUS WIE ICH. Wie der dort affektiert sprach, dieser Ton der Bedeutung! Ekelhaft. Komplimente, Heucheleien und Goldfische zogen vor meinem Gesicht vorbei. Ein paar durchsichtige Quallen...Der dort im grünen Schlamm hat Angst, krank zu werden, horcht dauernd in sich hinein. Sein Nebenmann redet nur von sich und seinen tollen Leistungen. Herablassung trifft mich wie mit giftigen Nadeln. Brennende Scham hält mich, so gerne ich den Blick abwenden würde. Sogar die Ungepflegtheit des Alten dort wird zur Koketterie.
Sieh dich an, sagt eine starke Stimme.
Oh, Gott, wie seh ich aus! Rasch die Maske aufsetzen, lächeln, lächeln! Mundgeruch. Schuppen am Kragen, Scheiße! Den lässigen Gang muß ich weiter üben. Eau de Tamanarivo. Ach, das Bad am freien Vormittag, sich mal so richtig pflegen, sich selbst streicheln! Mit dem Handtuch den Rücken rubbeln, aah!! Mit dem Finger das Gesicht erkunden. Ein Fieberbläschen hier, ein Pickel da. Der Blick in den Spiegel, ohne das Gesicht je zu sehen...
So kommst du hier nicht weiter, sagt die starke Stimme, jetzt fang an, wo kommst du her?
Mit der leidigen Seefahrt fing alles an, sagt der jüngste. Wollte mich vom Golfstrom durch die Welt tragen lassen...
Weiter, weiter, sagt die Stimme.
In der Offiziersschule hatte ich endlich das Gefühl, unter den Leuten zu sein, die ich verdiente, Elite, Tressen, bessere Frauen. Das ist der junge Mann. Der Dreißiger fährt fort: Immer für mich sorgen, alles im Griff behalten, niemanden überholen lassen, selbst vorwärtskommen, Karriere auch auf Kosten der Freunde. Vom Streß zum Alkohol. Sie brauchten mich in der Chefetage, flüstert der Graumelierte mit den zitternden Händen: Eine Ladung Waffen verschieben. Frachten verschwinden lassen. Die Filipinos zu illegaler Arbeit nötigen. Falsche Buchungen in Dakar. In Mombasa und anderswo die Hafenbehörden schmieren. Die Thailänderinnen über Wilhelmshaven einschmuggeln. Und so immer weiter...
Nein, ich habe keinen Anfall von Delirium gehabt!
Nein, ich habe nicht gelächelt, als Penny mich verließ!
Nein, ich bin nicht fristlos entlassen worden!
Nein, ich habe mich nicht mit den Komplizen in einem gepanzerten Fahrzeug in den Innenhof der Bank fahren lassen!
Nein, ich habe nicht alles Geld in kurzer Zeit durchgebracht!
Wieso sollte ich fliehen?
Nein, nein, nein.
Doch—
Mich friert...ich springe durch eine Tür ins Dunkel, das hell wird, so daß ich mich selbst in einem Waschsalon sitzen sehe und mir zuschaue, wie ich mich erinnere, daß ich vor kurzem die Stufen von der Straße hinunterkam und den bläulichleuchtenden Raum betrat.
Ich sitze im Tattersall ganz vorne an der Arena. Doch anstatt weißer Lippizzaner tummeln sich Löwen darin. Einige springen an der Brüstung direkt vor mir hoch. Ich will zurückweichen, doch die Menge hält mich gefangen.
Auf einem riesigen Platz im Angesicht einer goldglänzenden Kathedrale stehen und weinen. Spüren, wie der Asphalt an die Sohlen brandet, an Knöcheln, Waden, Schenkeln hochwallt. Über die Hüften und den Bauch. Wie er zugleich auch in einem hochsteigt und einen seltsam gleichgültigen Hilfeschrei aus der Brust preßt...
Wie ein Laken im Wind. Innen hängt außen. Haare an der Leimrute. Kopfunter in Wolken gehen. Die Wolken sind aus Aufschauen gemacht, aus Lachen und Orangenblütenduft...
Es klingt süß es klingt leise ich höre den leisen Klang es klingt mich ich töne grün der Frühling das Gras es säuselt und summt und es wärmt mich dort drüben die Wölkchen und dort die Steine und eine Blume die ich auch bin oder nicht oder wach ich wie fast im Schlaf schlafen ja aber wer träumt mich?
Aufgewacht bin ich im nahen Krankenhaus. Und die schöne Frau von Nausikaa hat mich dort einmal besucht! Wer bist du? haben wir uns beide gleichzeitig gefragt, und da habe ich ihr dieses hier erzählt und sie schilderte, wie sie mich auf der Bank gefunden habe ohne einen Fetzen am Leib und die Planke umklammernd wie ein Schiffbrüchiger. Sie sei zum Ball im „Atlantic“ nebenan gewesen. Dort sei der Festsaal riesig, sicher zehnmal so groß wie dieser Schlafsaal hier, so daß man durch das Meer der Tanzenden kaum von einem Ende zum anderen hätte gelangen können. Von all den Männern in ihrer feingekleideten Gier sei sie plötzlich so angewidert gewesen, daß sie in die Nacht hinausgegangen sei. Eine klapprige Imbißbude, das wäre es in dieser Seelenlage! Aber sie habe nur den Lichtschimmer des Waschsalons durch die Milchglasscheibe gesehen und sei erst zögernd, aber dann von Neugier bezwungen, die Stufen hinunter. Oh, Daddy, wenn mir hier was zustößt finden meine Freundinnen mich nie! habe sie gedacht. Aber dann habe sie mich gesehen, nackt und am Ende...
Hier hat sie gezögert, hat tief geschluckt und mir dann gesagt, sie hätte doch irgendwie auch was Schönes an mir gefunden...
Ich war verlegen, ehrlich. Sie hat mir dann sogar noch geholfen, und ich glaube, daß ich nun bald nach Hause kommen werde...
