Inner city blues/vagina

13.01.1992 um 16:57 Uhr

Die Umarmung

von: hibou

Yasser:

 

Jetzt ist es also soweit. Aber ich habe nun einmal in das Vorhaben eingewilligt. Sie soll wirklich unser Volk und die ganze arabische Nation verraten haben? Wie ich mir nur so sicher sein konnte! beim Andenken meiner Mutter....

Geredet, geredet und viele Abende und Nächte weiter geredet haben sie in dem Zelt am Rand der Wüste,  Versprechungen gemacht, mich gedemütigt, geschlagen sogar. Und doch bin ich letztendlich auf ihren Plan nur eingegangen, weil ich unbedingt wieder hierher wollte, hinaus aus der Lagermentalität, der dumpfschlauen Ideologie, weg von den grünen Fahnen und den heimlichen Saufgelagen. Nicht daß ich ein Anbeter des Westens mit seinen Popanzen und Konsumtempeln wäre, Allah kerim! Aber ich habe hier die Freiheit gerochen, eingeatmet und geschmeckt: durch das Exil, die Sprache, die mir wie ein scharfgeschliffener Stein in Mund und Rachen kollert, die oh! so vollkommen ablehnenden Blicke der wohlbeleibten Einheimischen, sogar aus Schlägen und Tritten der Verachtung. Es hat mich auf die Wahrheit geworfen. Als ob du im Dunkeln ein Glimmen siehst... War es nicht Wiem, die mich verstanden hat? Unsere Abende bei Max & Consorten, an der Alster, in meinem Zimmer nebeneinander am offenen Fenster lehnend und unser Einvernehmen wie ein Mantel um uns gelegt.....

Ein Mädchen wie mit dem Stift aufgebaut! war mein erster Gedanke, als ich sie kennenlernte, und: ich schneide mir nichts vom Zeh ab, wenn ich sie anspreche! Was ich tat. War es wirklich erst voriges Jahr? Ja, sie war eben aus Tunesien zurückgekommen. In wenigen Tagen hat sie, wie Abu Hammar drohend sagen würde, "meine ideologische Zuverlässigkeit endgültig untergraben". Und nun soll ich sie den Killern ausliefern. Bin ich ein Tier? Hier steh ich unter den Arkaden und höre neben mir den Gemüsehändler seine Ware anpreisen, und jeden Augenblick kann sie auf der anderen Straßenseite auftauchen.

"Sie wird dich erkennen", hatte der Botschaftssekretär doziert, "also geh auf sie zu und umarme sie. Das soll das Zeichen sein! Aber tus mitten auf der Straße, damit Al Malik as Sa'id und Nagm ad Din gute Sicht haben! Den Rest überlaß uns"

Sheitan! Mit den Namen der Löwen schmücken sie sich und sind doch Schakale! Was also werde ich tun? -

 

 

Wiem

 

...Und wie schafft es der Wind, mir die Gedanken wie kleine Wölkchen durch den Kopf zu wehen? Wohl, weil ich noch gar nicht so ganz wach bin heute...Was der Tag wohl bringen wird? Gutes oder Schlechtes? Ich hoffe je Gutes, Feines, es wird schon nicht zu viel werden...Jutta, die neben mir geht und immer genau einen halben Schritt vor mir, damit sie mich ja gut im Blick hat, redet und redet....Hmh, was meinst du? Doch, klar habe ich zugehört. Sie ist so besitzergreifend....Wenn du meinst? Immer häufiger behauptet sie, ich hätte mich sooo verändert...Wie war ich denn früher? Politisch stringent!? Stringere - was heißt das noch mal? Und da tritt sie in die Pfütze und merkt es gar nicht. Diesen Tag sollte sie sich anschauen! Grau und trübe, aber hoch mit Möwen und Krähen bestirnt. Ein Schwirren und Sirren von Arbeit ist in der Luft, und die Menschen gehen ein klein wenig schwungvoller als sonst. Selbst die vielfarbigen aufgespannten Regenschirme treiben wie Scharen von seltsamen Zugvögeln dahin. Als ob ein heimlicher Choreograph die Menge unversehens zum Tanze bringt! Und ihre verknüpften Wege kunstvoll gestaltet. In einigen Gesichtern ist Zukunft zu sehen. Sieh! Den da, bleich wie der Tod....Du hörst mir schon wieder nicht zu, beschwert sich Jutta neben mir. Wir bleiben an der Ampel stehen. Achmed hat neulich nach dir gefragt. Du hättest dich seit Ewigkeiten nicht blicken lassen. Was sie wohl meint? Sie spricht nicht eben oft von ihrem Mann....Ach...die Zeit, als wir beide zugleich in Yasser verliebt waren! Nun ist es schon wieder ein Jahr her. Erst ein Jahr. Vieles hat sich geändert seither... Wie die Leute damals alle über die Vermutung gelächelt haben, daß mit dem Erscheinen des Kometen Halley alles aus dem gewohnten Trott kommen würde....Kuck mal jetzt die Welt an, mamma mia. Und ich?? Es scheint auch, als ob ich mich in  allen Bereichen meines Lebens erschüttern lassen muß, in die Orientierungslosigkeit geraten soll, um mich neu aufzubauen. Mich berühren lassen, über mich selbst, meine kleine Privatheit hinausgehen, mich entzünden lassen, in Kontakt treten mit der Welt! Man muß sein Schicksal in die Hand nehmen, sagt Jutta grade eben. Die Ampel springt auf grün. Ich will halt eher das nehmen, was das Leben mir gibt....

Da ist Yasser, oh.....

 

Jutta

 

Sie hat Wiem getroffen, als sie nach einer Tasse Kaffee im Stehen bei Hameisters wieder auf die Lange Reihe hinaustrat. Wie günstig, nun kann sie sie gleich auf die geplante Aktion ansprechen. Vielleicht, daß die Kurden sie aus ihrer Lethargie bringen. Wiem gefällt ihr in letzter Zeit nicht. Ihre frühere Schärfe zerfließt. So unergründlich wie ihr Blick von Anfang an war, scheint nun ihr ganzes Gehabe. Naja, werde sie wieder in Schuß bringen. Und sie selbst? Jutta Öztürk, geborene Künitzer? In der ganzen Szene ist sie bekannt als Aktivistin, immer im Mittelpunkt des Geschehens, begabt, locker, erfolgreich. Und immer für die Randgruppen tätig. Ihr Bild von sich selbst hat allerdings in letzter Zeit immer mehr Risse und blinde Flecken bekommen. Wie kann man nur so grenzenlos selbstbezogen sein? Sich für die Mitte der Welt halten? Und die Spitzeldienste um der Kohle willen? Die Entfremdung von Achmed...Und die Angst, die nächtliche... Jutta steht ganz neben sich, am Abgrund - gleichzeitig sieht sie sich immer verbohrter auf die Freundin einreden... Und sie liest noch halbbewußt die Schlagzeilen des Tages: Präsident Ben Djedid zurückgetreten - Angst vor Militärputsch in Algier..

Da gewahrt sie über dem Strom der Fahrzeuge, der eben vor dem Ampelrot zum Stillstand kommt am andern Ufer des roten Meeres, Quatsch, auf der anderen Straßenseite Yasser. Und wird schlagartig ganz eins mit sich. Es sticht ihr ins Herz wie Wiem und Yasser sich ansehen, und mitten auf dem Zebrastreifen drängt sie sich vor und fällt in eine Umarmung mit dem Mann.

Allerdings staunt sie, wie kalt er sich anfühlt.