Müller Pucknat Hasenbein
Vier oder fünf Stufen führen zur Tür hoch. Im Erdgeschoß, im Keller eher, sieht man bunt angezogene Familien essen. Breakfast-Room steht auf der Scheibe fast in Pflasterhöhe zu lesen. Es ist wohl das Untergeschoß zum nebenstehenden Hotel "Angel" gehörig. Rechts auf der Laibung sind drei Klingelknöpfe, ein Sprechgitter, drei Namensschilder, ein Lichtknopf. Ich läute ganz oben. Da steht "Müller-Salzenbacher". Darunter "Pucknat". Und zuunterst, Erdgeschoß, "Hasenbein".
An diesem Morgen zeichnet die Sonne scharf. Alle Ostfassaden liegen in gleißender Helle. Auf einem der Balkons singt eine levantinische Frau während sie Wäsche aufhängt. Die böse letzte Nacht mit all dem gerede und Gegröle, mit den Rempeleien und versuchten Raubüberfällen an Straßenecken, mit der zu den Huren getragenen Ohnmacht, dem auf die Bürgersteige gekotzten Bier ist wie weggefegt. Bis auf den jugendlichen Junkie, der mit geschlossenen Augen um sein Gleichgewicht kämpft. Er glaubt, zu gehen, aber er setzt keinen Fuß vor den anderen. Nur sein Oberkörper schwankt halbmeterweit in alle Richtungen.
Die meisten Fenster sind vorhanglos. Möbel, Bilder, Sanseverien aber keine Menschen zeigen sich. Sie sind zur Arbeit. Oder sie liegen noch, schwer und warm.
Die Westseiten der Gebäude sind schwarz. Dort haben die Lokale noch geschlossen. Zum Ritter Georg. Bistro Terzo. Zum Spätheimkehrer. Max & Co. Ein Maler streicht die Ladengitter der chinesischen Buchhandlung und wirft mir einen fragenden Seitenblick zu. Der Summer ertönt. Ich drücke die Tür auf und beginne ganz Erwartung die Treppe hochzusteigen. Die Stufen knarren Hinter einer dünnen Wand ruft ein Kind:.....mir doch nicht gesagt! Der undefinierbare unverwechselbare Stiegenhausgeruch steigt mir in die Nase.
Müller
Er hatte es doch klingeln gehört! Und gleich war er vom Tisch aufgestanden, quer durchs Zimmer getrippelt, in den Flur hinaus, und hatte den Türöffner unter dem Hirschgeweih gedrückt. 9 Uhr 10! Wer das wohl sein mochte? Er hätte schwören mögen, das Holz der Treppenstufen arbeiten gehört zu haben...Sein Ohr war noch immer fein, sehr fein. Klick! fiel die Tür ins Schloß. Müller-Salzenbacher setzte sein Frühstück fort. Doch es war eine Unruhe in ihm geboren. Ich muß mich vorstellen, dachte er: Süßi Fuß! hatte sie mich oft gerufen, teils wegen meiner Zartgliedrigkeit, teils wegen meiner Art, gedankliche Probleme zu wälzen Aber das brauchte keiner zu erfahren.
Joseph Müller-Salzenbacher, in ein paar Wochen, am 9.Oktober, 68 Jahre alt. (Er ist ein klein wenig eitel, aber auf nette Weise!). Er strich sich ein Brötchen, er nahm vorsichtig einen Schluck von seinem Kaffee, er strich sich mit Daumen und Zeigefinger über den kurzgeschnittenen Schnurrbart, vom Hasengrübchen nach außen hin, indem er gleichzeitig die Lippen spannte und etwas nach vorne schob, bevor er von dem Sesambrötchen abbiß. Losing my religion - I thought I heard her sing...Warum jetzt an Terezin denken?? und daran, daß der Konstrukteur Kalaschnikow geweint hatte, weil die von ihm erfundene Waffe zu der der Terroristen in aller Welt geworden ist, wo er sie doch zum Schutze des Vaterlandes erfand!- Für welche guten Zwecke wohl Kaiser Franz-Joseph oder Kaiserin Maria Theresia die Bunker und Verliese, die sternförmigen Bastionen von Theresienstadt vorsah? Da ist es wieder und nagt und wühlt und frißt!
Weg damit. Wie gut hat er sich eingerichtet. Alles ist an seinem Platz, anschaulich und gleichsam einverleibt. Die Wohnung als unvergängliches Muster des Wohlbefindens. Ach, ihr Männer, hatte sie manchmal gesagt, ihr seid sogar im Hirn tätowiert!
Pucknat
Das Klingeln fiel natürlich mitten in die Zehn-Uhr-Nachrichten. Nein, jetzt würde sie nicht öffnen! Sie hatte sich nach der letzten Tasse Tee die Lippen nachgezogen. Der Jammer ist, dachte sie beim Wegräumen des Frühstücksgeschirrs, daß die Menschen befehlen gehorchen, wie könnte sonst je ein Militärputsch gelingen? Aber heute morgen klang gut, was das Radio sagte, hoffnungsvoll. Vielleicht...wenn Panzer nicht mehr zur Unterdrückung taugen...wenn die Angst schwindet...Manegen-Platz, Gartenring, Barrikaden, Kalinin-Prospekt, Neue Arbat, Bluthochdruck! Wir erleben noch die großen Tage!...
Wieder die Klingel. Na, ich geh doch mal hin. Das Tablett hierhin...wie sieht das Zimmer aus? Ce tout petit supplément d'âme...sie atmet tief ein.
Eine Fremde steht vor der Tür. Guten Tag, Frau Pucknat, nehme ich an? Es ist so, ich möchte ihnen ein paar Fragen stellen, es geht um...
Sie kann Unerwartetem nie so richtig standhalten und versteht den Rest nicht mehr, gerade als ob das Bewußtsein in ihr für einen Atemzug ausgelöscht würde, hat aber die Frau schon eintreten und sich an den Tisch setzen lassen, gerade gegenüber dem Relief mit der kriechenden Eva und der Schlange. Ihr Mann hatte ihr die Reproduktion nach der Hochzeitsreise ins Burgund geschenkt; schon ein wenig vergilbt und von den Dünsten des täglichen Lebens angezehrt, aber als ein unverzichtbarer Teil ihres seelischen Gleichgewichts hängt sie da. Möchte nicht wissen, wie die Tapete dahinter aussieht!
Sie verstehen sich schnell. Nachdem ein Lächeln zwischen ihnen hin und hergegangen war, reihen sich Fragen und Antworten wie Perlen auf eine Schnur: Das Bild der Gastgeberin entsteht. Dorothea Pucknat ist mittelgroß gewachsen. Ihr schwarzes, am Scheitel schon leicht ergrautes Haar, leicht gewellt und nackenlang, steht gut zu ihrer weißen Haut. Die leichte Stupsnase, die etwas mandelförmigen Augen und dazu der kleine, aber vollgeschwungene Mund mit den scharlachroten Lippen! Dann rundliche Wangen und ein langer, schlanker Hals. Da geht der Blick zuerst hin. Ein Mienenspiel wie Schönwetterwolken.
Heute trägt sie eine weiße, ärmellose Leinenbluse mit spitzem Ausschnitt, einen knielangen, anthrazitfarbenen Hosenrock und schwarze Pömps. Golden ist die Uhr, von Gold auch die großen und kreisrunden Ohrringe. Sie kann recht kühl aussehen, ist es aber nicht. Sie neigt sogar zu Gefühlsüberschwang und entzündlicher Phantasie. Ist sie Ärztin? Nein, Heilpraktikerin, aber nicht schlecht geraten! Sie macht sehr gern Massagen, die üblichen und auch die nach der Beulah-Methode, dazu Honigtherapie. Der Rücken und die Wirbelsäule, ja, da entscheidet sich meist Gesundheit oder Siechtum. Sie hält sich für einigermaßen lebenspraktisch, verläßt sich immer auf ihre Gefühlsurteile. Tagespolitik? Nein, Sport noch weniger. Gedankengebäude und gestanzte Weltanschauungen sind ihr fremd. Aber sie tanzt viel und unermüdlich, hört Tag für Tag Musik: am liebsten Chopin, Schumann, Wolf. Bei der Hausarbeit singt sie mit leiser, reiner Stimme vor sich hin, traut sich aber nicht, sich ihren Wunsch nach Gesangsunterricht zu erfüllen. Mit dem Gewicht? Nein, da hat sie noch nie Probleme gehabt, alleine schon, weil sie sich nicht viel aus Essen macht. Sie redet gerne, hört gut zu, faßt sich dabei in Gedanken mit der Linken eine Haarsträhne und streicht sich damit wie mit einem Pinsel über Wange und Mund. Ja, vor einigen Tagen hat sie sich zwei neue BHs gekauft. Ist es nicht verblüffend, nicht einmal die Verkäuferin in der Wäscheabteilung wußte, daß die meisten Frauen eine größere linke Brust haben! So, Sie wußten es auch nicht?
Hermann ist Künstler, jaja. Flötist in der Musikakademie. Ausgerechnet dieser Tage ist er unterwegs auf einer Tournee durch Georgien… Er hat sich so darauf gefreut! Kinder haben sie nicht. Wir unterscheiden uns wahrlich wie Tag und Nacht, aber unsere Ehe? Sie lebt und gedeiht ganz gut. Wir mögen uns gerne, unsere kleinen und großen Wege kreuzen sich vielfältig und das befriedigt uns und trägt. Lachen, ja, das tun wir auch viel. Eine Ehe auf Zwerchfell-Ebene, sozusagen! Sie streiten sich nie? Doch, freilich, mit Leidenschaft. Manchmal liegt es in der Luft! Inzwischen ist auch von der Wohnung ein Eindruck da. Alle Fenster und Zwischentüren sind weit offen und der Wind weht hindurch. Wenig Bücher, viele Tücher, Farben, Kissen, Holztöne. Am Boden ein Telefonbuch, eine benutzte blaugoldene Tasse: hier kann nichts unordentlich sein. Die Besucherin blättert gedankenlos in einem Kunstband und bringt die Venus von Knidos zutage.
Was ist für Sie wichtig? Oh je, puh… dass ich fühle, dass ich bin. Sich ausleben, sich ganz heftig etwas wünschen, leiden und entbehren, sich etwas versagen, das bringt einen hoch, es ist wie pneumatisch…
Wie sind die Kontakte zu den Nachbarn innerhalb des Hauses? Ach, der Herr Müller kommt zuweilen herunter und fragt um Rat. Niedlich ist er, ein wenig ungeschickt, gelt? Man muss ihn mögen. Er hat Hartes durchgemacht. Vom Leben wie mit dem Meißel behauen. Die Hasenbeins? Sie sind die einzigen, die den Hausbesitzer Keim kennen. Er sei ein guter Mensch. Ich habe ihn noch nie gesehen, so lange ich nun hier schon wohne, der im Dachstübchen oben – sie kichert -, er behauptet sogar, es gäbe ihn gar nicht, er sei eine Fiktion!
Hasenbein
Mensch, hier drin ist’s ja vollkommen dunkel! Wie vor zwei Nächten, als mir träumte wie Ginger freudig mit Sigmund Schnittchen aß und dann, wann? vergeblich versuchte, die Stalltür zuzuwuchten, drei, vier Male, immer verzweifelter, wie sie rief, gurgelte, ächzte, und wie es von innen dagegenbollerte und der Bulle, schwarz, mit blutunterlaufenen Augen auf mich losstürmte, kopflos, aber leider nicht hornlos! Endlich erwache ich für einen Moment an der Wohnungstür, die nur angelehnt ist und mich sofort einlässt. Und unwillkürlich stehe ich bei Hasenbeins im Flur, rufe zögernd durch die nächste Tür: Hallo! Fast flehend, ist jemand da? Ahains,-zwahai-drahai-vihier-fühünf-sehechs-sihieben. Zwei Kinder springen in einem Seil, beachten mich nicht. Die Gardinen sind zugezogen, die Rollos halb unten. Das schummrige Licht lässt nicht viel erkennen, und durch die hüpfenden Kinder scheint alles im Zimmer stetig um mich zu pulsieren. Es ist heiß. Ich rieche Bewegung, Spiel, aufgewirbelten Staub, altes Blumenwasser, gehenden Hefeteig. Ich fühle mich plötzlich sehr matt, die Knie wollen unter mir nachgeben. Wie komme ich zu solchen Aufträgen? Wäre ich bloß zu Hause im Bett, ein Körper gegen den meinen geschmiegt, liebkost, gehalten, gewiegt! und nicht zu kalt befunden. Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen.
Kann ich Eure Mutter oder Euren Vater sprechen? Bitte! Große Augen mustern mich, Haarsträhnen fliegen hinters Ohr. Um die Knöchel haben sie fast noch Babyspeck. Wie, sie schlafen?, ja dann… Bei dem Lärm, seltsam. Die Kinder beginnen wieder ihre Verse: Polizei, Osterei, auf der Strasse Nackedei! Auch die Tür zum Schlafzimmer ist nur angelehnt. Gott, wenn die mich hier finden! In die Hasenbeinsche Garküche geht’s unmittelbar vom Wohnzimmer aus. Im Bad wird ein Eimer mit Windeln sichtbar. Sagt Ihr, ich sei dagewesen? Nein, ich bin nicht die Köchin! Die Kleine weint, schnupft, schluchzt etwas von versprochenen Dampfnudeln. Sie wird schon kommen, höre ich mich sagen. Und schon sitze ich, und beide Kinder auf meinem Schoss, und ich erzähle vom glühenden Ofen und der Raupe Nimmersatt…
Wie im Schlaf trete ich aus dem Haus.
Erst im hellen Tageslicht wird mir klar, wer die Hasenbeins wirklich sind. Seltsam, die Menschen! denke ich, und: ich möchte doch gern den Keim kennenlernen.
