Inner city blues/vagina

04.08.1997 um 15:47 Uhr

Biennale 1997

von: hibou

47.Biennale Venezia 1997

Eigentlich hätten wir auch dem Licht Venedigs und seinen Farben einen Preis gewünscht, diesem unwiederholbaren Changieren der gewellten und sommergekräuselten Lagune zwischen blaßgrün und violett, sepia und opal ...wieviele Boote, Vaporetti und Ozeanriesen werden noch über sie hinweggleiten?..., oder aber den Gebäuden, in denen ausgestellt wird, was dieses Jahr vom Kuratorium erwählt wurde, zum Beispiel den Corderie dell’Arsenale, hintereinandergereihten, dreischiffigen Hallen, deren Dachgebälk von wuchtigen Backsteinsäulen getragen werden, und die jahrhundertelang zum Drehen der Taue für die Flotte der Serenissima dienten...ja, und auf den Backsteinen, von denen der Putz fast überall schon abgesprungen ist, liegt ein weißer Hauch, bei näherem Hinschauen und einer Geschmacksprobe mittels abgeleckter Fingerspitzen als ausgeschwitzter Salzfilm erkenntlich: quasi kristallisierte mediterrane Vergangenheit!

"Futuro - Presente - Passato" heißt die zentrale Schau dieses Jahres, die ersten Preise und goldenen Löwen sind längst verliehen, an Gerhard Richter, an Agnes Martin, an die eindrucksvollste und passionierteste Gestalt der Saison: Marina Abramovic, und auch wir haben auf der Rückfahrt über die Alpen rekapitulierend und spielerisch unsere Preise verliehen, und waren uns dabei vollkommen einig!

Da wäre Pipilotti Rist und ihr Video "Ever is Over All" auf zwei Wände eines Raumes übereck projiziert, rechts sind fackelartige rote Blütenstände in ständiger Bewegung zusehen, ein Tanz aus rotgrünem Leuchten, links eine graues Zürcher Trottoir, auf der eine Gestalt unwirklich verlangsamt in märchenhafter Eleganz auf einem zukommt, in den Händen eine ebensolche Fackel, oder ist es eine Keule?, schwingend. Sie ist es selbst, die Künstlerin, dachten wir, sie strahlt, sie trägt rote Schuhe, ein weißes (Hochzeits)Kleid, ihr schwarzes Haar umweht sie, sie tanzt zu einer gesungenen Melodie, die einen schon von draußen hereinholt, und auch die kauernden und am Eingang verharrenden Betrachter lächeln unwillkürlich mit. Sie holt weit aus...und schlägt einem der parkenden Wagen die Scheibe ein, es knallt, Glas splittert und verteilt sich sternförmig auf dem grauen Pflaster...

Image : Pipilotti Rist / Musée d'art moderne de la ville de Paris

sie tanzt weiter, holt aus, mit dem ganzen Körper, und noch ein Autofenster kracht ein, und noch eines (oh, von einem Bentley!), Passanten sind zu sehen, eine Polizistin grüßt freundlich, man ist wie befreit!

Und Marina Abramovic. "Balkan baroque": ein dreiseitig auf Kellerwände projiziertes Werk, die Serbin im weißen Kittel spricht auf der Frontwand von der Art, wie "wir bei uns auf dem Balkan Ratten fangen", auf der linken und der rechten Wand ein alter Mann und eine alte Frau, fast regungslos, gerade ein Lidschlag ist ab und zu, wenn man grade hinsähe, wahrzunehmen, gefaßt, bedroht, lebensmüde(?), aber gütig überlebensgroß die Härten ins Gesicht gekerbt. Die stärkste Ratte, so die Erzählung, wird freigelassen, nachdem ihr die Augen ausgestochen worden sind. Sie tötet alle Artgenossen, die sie antrifft..."So töten wir bei uns im Balkan..."

Schnitt. Die Frau zieht sich den Kittel aus: darunter trägt sie ein schwarzes anliegendes Kleid. Die Musik des Kolo erklingt, sie tanzt, zieht ein rotes Tuch aus dem Ausschnitt. Der Alte rechts hat einen Revolver gezogen. Die Alte links hebt hilflos die Hände. Musik. Die Tänzerin endet. Jetzt ist nur noch ihr atemloses Atmen zu hören.

Oder Cai Guo Qiang. Aus alten Sandelholzbalken ist sein großer fliegender Drache, seine Motoren summen laut, und rote Fahnen wehen hinter ihm...Fröhlich fliegt er, hängt er in den Corderie unter der Decke.

Das wären z.B unsere Preisträger!

Nicht das es leicht gewesen wäre, die Wahl zu treffen. Da war ja auch das raumgroße Sandbild Anselm Kiefers für Ingeborg Bachmann: "Mein Alter und dein Alter und das Alter der Welt." Da waren die anmutigen raunenden Farbsegel der Judy Watson im australischen Pavillon oder der Raum Brice Mardens mit verblüffenden Postkartenkollagen und einem großformatigen "Schlangen"-Bild, das die Ausmalung der Dokumentahalle vergessen läßt.

Ilja Kabakov. Ordentlich, obschon uns nicht mitreißend. Rebecca Horn ganz kenntlich. Roni Horn, "You are the weather" eine Serie von (Selbst?)Porträts und ein Gummiteppich mit eingelegten Adjektiven: beeindruckend. Betretbar aber innerlich...Noch ein sehr starkes Video von Sam Taylor Wood. "Bad Trip": soziale Interaktion auf Tischhöhe...mitten im Wortbabylon eines Restaurants, lauter Paare an Tischen, sie selbst, die Protagonistin auf der einen Seite, ihr Gesicht in Großaufnahme, Tränen, Schniefen, offensichtlich redet sie von Konflikten, man versteht kaum ein Wort und kennt doch jedes!!! und gegenüber sind von ihrem Partner nur die Hände zu sehen, mit ihrer ebenfalls so geläufigen, fahrigen Gestik des Kippenausdrückens, etc... . Fotostories der Australierin Tracey Moffat sehr berührend in der lakonischen Zusammenstellung von Wort und Bild. Mit wie wenig frau doch alles sagen kann!

Auch die Länderpavillons durchaus voller Überraschungen! Nach jeder Richtung. Klar fanden wir auch manches schwach, ätzend, belanglos...Aber wozu andere Urteile vorwegzunehmen trachten?

Die Atmosphäre Venedigs, das Timbre, der Geschmack der Lagune, auch alles Morbide, das immer anwesend ist (wo sollen hier die Leichen hin, wo es keine Keller gibt?): alles das kam dazu, und hatten viele der Künstler eine Arbeit just für den Ort geschaffen, so schuf die Stadt manche der Arbeiten: hob sie, grad genug über Normal Null!

Uns hat es gefallen. Genährt? Schon.

 

01.08.1997 um 15:25 Uhr

Dokumenta X

von: hibou

Der Gegensatz Zentrum-Peripherie machte uns lachen: auf den Treppen, Plätzen und Auen Kassels ein buntes Gaukler- Markt- und Devotionalientreiben, welches mit den Rucksäcken und Handtaschen unter dem ommnipräsenten strengen Blick Cathérine Davids an jeglichem Ausstellungsgebäude außen vor bleiben mußte.

Catherine David

Drinnen alles rigide unter das Motto der Befragung gestellt, grau in grau, hermetisch, vielleicht auch schönheits- wenn auch sicherlich nicht geistverlassen? Was nicht heißt, die documenta X abzutun. Vielmehr ist die Absicht gelungen, den Standort Ratlosigkeit zum Ende des Jahrhunderts deutlich zu machen, diese Seelenlage auch auszuhalten, eben grade nicht nach dem absahnenden Lifestyle - Gebaren der eher dickhäutigen Zeitgenossen zu schielen.

Guter Rat war immer teuer, besonders, ganz besonders zu Millenien. Es darf die Weltuntergangsstimmung um das Jahr 1000 nach Christus in Erinnerung gebracht werden. Die hatten noch keinen Hitler, keinen Holocaust. Was haben wir zum Jahr 2000 an Utopien in petto??

In der Kunst, nach dem allerletzten Post....ismus gibt es keine zündenden, einleuchtenden Kriterien der Urteilsbildung mehr, außer vielleicht der Liebe zu den Künstlern als Ort und Teil ihres Gesamtwerkes. Kein Wunder, daß auch die Kuratorin ihre Lieblinge in den Vordergrund zu stellen scheint. Pistoletto vielleicht? Gerhard Richter? Den lange toten Brasilianer ...?

Aber wie heißt es im Märchen? "Ach, wenn mir nur gruselte!" Die stärksten Kicks in Leben und Kunst sind verbraucht: nun heißt es Bedeutungslosigkeit, Inhaltslosigkeit, Leere, Orientierungsmangel und was noch alles für Phänomene eines seltsamen Zwischenbewußtseins auszuhalten lernen. ALLES ist artistisch. Oder wird es in dem Augenblick, in dem es ausgestellt wird, scheinen die Exponate einem unaufhörlich einzuraunen, was Wunder, daß der Zeitgenosse ausrastet, schon lange vor Rosemarie Trockels und Carsten Höllers Schweinehäuschen? Falsch: wer Schaum vorm Mund hat ist wohl der Journalist oder es sind diejenigen, die gar nicht in Kassel waren noch vorhaben, sich dem Erlebnis dX auszusetzen. Die sehr zahlreichen Besucher waren durchweg interessiert, staunend oft, angestrengt, doch von endlos gutem Willen und engelhafter Geduld. Das Klischee vom Normalverbraucher, der für diesem Kram kein, aber auch kein Verständnis mehr hat, ist eben schief, ist gemacht von den Mächtigen der Meinungsgestaltung.

Vielleicht, so kommt es mir eben in den Sinn, ist die Besucherin und der Besucher das eigentliche Werk der dX, verschiebt sich der Begriff und das Wesen Kunst immer deutlicher und offensichtlicher zur Einverleibung des Betrachters hin?? Solche und andere stille Botschaften gibt es in Kassel reichlich zu kosten.

Mich beeindruckte der multimediale Saal von Syberberg sehr. Wo ist Geschichte wirklich? Bestimmt nicht in Büchern. Man brauchte kein Verehrer Oskar Werners oder Christof Schlingensiefs zu sein, um davon berührt zu werden. Eine gleichzeitige, bildlich und klanglich sehr schön gestaltete Kalophonie, die nicht nivellierte oder zu Rauschen addierte, sondern freiließ! Jean Luc Godard war weder räumlich noch ideell sehr weit.

Wunderbar auch der aufgebrochene Asphalt hinter dem Bahnhof mit Lois Weinbergers Pionierpflanzen, schöner noch als das stillgelegte Gleis, beides mit sanftem Nachdruck und kongenial zu Vorhandenem gestaltet, dazu gab es von ihm eine anrührende Treppenhauspoesie. Wieviele werden sie gelesen haben? So ist die ganze dX: eine unentzifferte Botschaft - denn wer kann alle hundert Abendveranstaltungen besuchen oder die dickleibigen Dokumente wirklich studieren? Wer sah die übergroßen Photowände nicht als ein Bild?

Die Kritik ist sich weitgehend über das Scheitern des Unternehmens einig. Vielleicht wird man in Jahren sagen: es war ein legendäres.