Inner city blues/vagina

31.08.2004 um 14:32 Uhr

Spolie

von: hibou

  Von lat. spolie = Beute (que manu detrahuntur, id est spolie = was mit der Hand fortgenommen wird, das heißt Beute').

 

Als Spolien bezeichnet man skulptierte Steine, Säulen- oder Kapitellreste, Teile von Reliefs, Friese, Architravsteine oder ganz einfach Bruchstücke, die aus Vorgängerbauten in Bauwerken wieder verwendet und mal geplant, mal wirr und beliebig eingefügt noch heute zu sehen sind. Was der Hausfrau recht ist kann auch für Architekten und Bauherren Befriedigung bringen: Reste nochmals zu verwerten.

 

Riesenbauten wie das Mausoleum von Halikarnassos dienten so als Steinbruch für ganze Ortschaften, oder aber antike Städte wie etwa Tralles wurden generell zu Baugruben für Neugründungen – Aydın -. Spolien werden auch geplant eingesetzt: so zeigen romanische Kirchen manchmal komplette vorromanische oder wisigothische, langobardische und iroschottische Portale (Siehe etwa Kirchen und Kapellen in Aachen, Regensburg, Tuscania, Perpignan oder Romainmôtier), der Dom von Syracus birgt die Säulen eines griechischen Tempels in situ, einige der Pfeiler der unterirdischen Justinianischen Wasserreservoirs (Yerebatan saray) in Istanbul ruhen auf seitwärts oder gar kopfunter gedrehten, monumentalen Medusenhäuptern, die viele hundert Kilometer aus Jonien herstammen. Skulpturen aus Byzanz wie die in Porphyr gehauenen oströmischen Kaiser wiederum zieren heutzutage die Ecke des Dogenpalasts in Venedig, während Säulen der Pfalzkapelle in Aachen aus Ravenna stammen.

 

Den (Marmor-)Vogel schossen die Amerikaner ab, indem sie ein ganzes spätromanisches Kloster Stein für Stein nach New York verfrachteten und dort wieder aufbauten. Ob diese Steine allerdings noch als „Spolien“ betrachtet werden können, ist die Frage.

 

Wann ist ein Werk noch ein Original, wann wird es zur Kopie? Ist die Frauenkirche in Dresden ganz die alte weil sie die alte Form zeigt, unabhängig von der Erneuerung des Materials? Könnte man also die Akropolis aus Kunststoff rekonstruieren? Oder fehlte ihr dann die „Aura“? (Siehe dazu auch Walter Benjamins bahnbrechende Studie „Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ oder Duchamps und Beuys’ Readymades).

 

Die Spolie ist zugleich ein steinernes „Zitat“ aus einem anderen „Text“. Sie bleibt jedoch Fragment.

 

Fest steht, dass wertvolle Beispiele alter Kunst nur so der Nachwelt erhalten blieben. Es schaue sich jede/r in seiner Umgebung um und finde Beispiele. Ich bewundere fast täglich jonische Kapitelle, die als Ferienhausschwellen dienen und kanellierte Säulen, welche Glastische tragen.

 

 

 

31.08.2004 um 14:29 Uhr

Programm

von: hibou

Fundstücke von jenseits der Befindlichkeiten

"Dieser Welt mangelt es an allem,
außer an zusätzlicher Information."
(Michel Houellebecq)

Keine fleischlosen Knochen

Wissenschaftlichkeit künstlerisch ausdrücken

Ansprüche: ja, aber nicht an die Zitiergenauigkeit

Also los


30.08.2004 um 14:35 Uhr

Apache

von: hibou

Nachdem sie sie und viele andere Stämme ausgerottet hatten, um auf deren Boden eine Demokratie zu errichten, benutzten sie deren Namen für sich und ihre Zwecke. Sie gründeten Manhattan dort, wo Häuptling Mannahatta gelebt hatte. Sie bauten Cheyenne-Geländewagen, Dakota-Flugzeuge und Apache-Helikopter. Traditionell galten die Apache-Krieger als mutig, verwegen, fair, und sie vertrauten ihrer Intuition um im Einklang mit der Natur zu leben und zu sterben. Sie ehren ihre Gegner. Die Ratsversammlung und der gute Rat standen am Anfang all ihrer Unternehmungen. Sie wehrten sich nach Kräften gegen einen technisch überlegenen Feind, der sie unter anderem mit Büchsenfeuer und Feuerwasser niederstreckte. Erst nachdem sie sich nach den Regeln ihres Volkes bewährt hatten, erhielten sie ihren Namen.

Der Apache-Hubschrauber transportiert diesen Mythos. Zu Recht? Deren Piloten sind vollkommen Technik- und Netzwerk-abhängig. Nie sehen sie das Auge des Feindes. Mit ferngelenkten Geschossen verwüsten sie Büros und Häuser, töten mit Vorderladern oder Steinschleudern bewaffnete Gegner und metzeln Frauen und Kinder nieder. Kein eigener Mann soll dabei umkommen. Sie malen die Namen ihrer Gegner samt einer höhnischen Botschaft auf ihre Bomben, bevor sie sie abwerfen. Sie bringen die Demokratie und entehren dabei selbst die Namen ihrer Feinde. Auch filmen und fotografieren sie ihre Gefangenen, wenn sie sie foltern und vergewaltigen. Danach kehren sie heim und nehmen ihren Job als Drogerieverkäufer, Friedensrichter oder Kellner wieder auf. Sie sind von allen guten Geistern verlassen. Ihre Opfer schreien zum Himmel.