Spolie
Als Spolien bezeichnet man skulptierte Steine, Säulen- oder Kapitellreste, Teile von Reliefs, Friese, Architravsteine oder ganz einfach Bruchstücke, die aus Vorgängerbauten in Bauwerken wieder verwendet und mal geplant, mal wirr und beliebig eingefügt noch heute zu sehen sind. Was der Hausfrau recht ist kann auch für Architekten und Bauherren Befriedigung bringen: Reste nochmals zu verwerten.
Riesenbauten wie das Mausoleum von Halikarnassos dienten so als Steinbruch für ganze Ortschaften, oder aber antike Städte wie etwa Tralles wurden generell zu Baugruben für Neugründungen – Aydın -. Spolien werden auch geplant eingesetzt: so zeigen romanische Kirchen manchmal komplette vorromanische oder wisigothische, langobardische und iroschottische Portale (Siehe etwa Kirchen und Kapellen in Aachen, Regensburg, Tuscania, Perpignan oder Romainmôtier), der Dom von Syracus birgt die Säulen eines griechischen Tempels in situ, einige der Pfeiler der unterirdischen Justinianischen Wasserreservoirs (Yerebatan saray) in Istanbul ruhen auf seitwärts oder gar kopfunter gedrehten, monumentalen Medusenhäuptern, die viele hundert Kilometer aus Jonien herstammen. Skulpturen aus Byzanz wie die in Porphyr gehauenen oströmischen Kaiser wiederum zieren heutzutage die Ecke des Dogenpalasts in Venedig, während Säulen der Pfalzkapelle in Aachen aus Ravenna stammen.
Den (Marmor-)Vogel schossen die Amerikaner ab, indem sie ein ganzes spätromanisches Kloster Stein für Stein nach New York verfrachteten und dort wieder aufbauten. Ob diese Steine allerdings noch als „Spolien“ betrachtet werden können, ist die Frage.
Wann ist ein Werk noch ein Original, wann wird es zur Kopie? Ist die Frauenkirche in Dresden ganz die alte weil sie die alte Form zeigt, unabhängig von der Erneuerung des Materials? Könnte man also die Akropolis aus Kunststoff rekonstruieren? Oder fehlte ihr dann die „Aura“? (Siehe dazu auch Walter Benjamins bahnbrechende Studie „Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ oder Duchamps und Beuys’ Readymades).
Die Spolie ist zugleich ein steinernes „Zitat“ aus einem anderen „Text“. Sie bleibt jedoch Fragment.
Fest steht, dass wertvolle Beispiele alter Kunst nur so der Nachwelt erhalten blieben. Es schaue sich jede/r in seiner Umgebung um und finde Beispiele. Ich bewundere fast täglich jonische Kapitelle, die als Ferienhausschwellen dienen und kanellierte Säulen, welche Glastische tragen.
