Inner city blues/vagina

29.09.2004 um 19:04 Uhr

Emmy Ball-Hennings

von: hibou

 

       * 1885 in Flensburg

      + 1948 in Lugano

 

Schriftstellerin und Lebenskünstlerin

 

Begründete 1916 mit ihrem Mann Hugo Ball, Sophie Tauber, Jean Arp, Tristan Tzara, Marcel Jamco und anderen das Cabaret Voltaire in Zürich – und damit den Dadaismus. Während sie und ihre Kollegen ihr Cabaret in der Spiegelgasse 1 betrieben, wohnte nur wenige Häuser weiter in derselben Gasse ein gewisser Herr Uljanow alias Lenin. Die Behörden waren jedoch den chaotischen Dadaisten gegenüber viel misstrauischer als sie es dem ruhigen gelehrten Russen gegenüber waren. Nach dem frühen Tod ihres Mannes (1927) war sie zwar noch journalistisch tätig, zog sich aber dann ins Tessin zurück. Dort  pflegte sie Zeit ihres Lebens eine enge Freundschaft zu Hermann Hesse.

 

Als Schriftstellerin ist sie heute weitgehend vergessen, und doch sind ihre in expressivem Stil verfassten Texte und Briefe für die Kulturgeschichte des frühen 20.Jahrhunderts von einiger Bedeutung. Darüber hinaus war sie eine von denen, die ihre eigene Biographie als künstlerisches Experimentierfeld benutzten. Insofern ist sie als Kulturtypus durchaus den damaligen Künstlerinnen Else Lasker-Schüler und Marina Zwetajewa oder auch den heutigen Tracy Emin, Sophie Calle und Yoko Ono zu vergleichen. Ihr Charisma reichte wohl über das ihres Mannes hinaus und sie mischte die Kunstszene als Modell für Maler, Muse und Geliebte junger Dichter, Drogensüchtige, Gelegenheitsprostituierte und Kriegsgegnerin ordentlich auf. Erich Mühsam hat sie als „erotisches Genie“ bezeichnet. Andere sahen sie als hysterische Kindfrau, die einen naiven Heiligenkult betrieben habe. Das tönt beides ein wenig nach Männerkommentaren für eine Person, der es um Befreiung ging: Befreiung aus der bürgerlichen Gesellschaft, Befreiung der Frau, Befreiung der Erotik und der Lebensführung.