Marie-Sophie Féat kam in Merlemont in der weiteren Umgebung Charlerois zur Welt. Der Vater arbeitet im Marmorbruch Franchimont. Sonntags geht’s an den Hermeton auf Forellenfang, illegal. Oder mehr in die Wälder, manchmal bis zum Bois du Roi, Pilze sammeln. Vater René ist klein, der Gesteinsstaub an seiner Haut und den Kleidern läßt sich nie mehr abwaschen. Verkneift den Mund, wenn er abends seine schmerzenden Hände reibt oder zieht ihn zu einem schmalen Strich zusammen, wenn er kurz und scharf „fille!“ (niemals „Marie-Sophie“!) ruft. Die beiden älteren Brüder Amedée und Gaston ziehen gleich 14 in den Krieg und sind seither verschollen. Die Mutter Anne, geborene Finnevaux, ist viel krank, liegt meistens. Sie schämt sich wegen der dunklen Ringe um ihre Augen, mit denen sie aussieht, als ob sie geschlagen worden sei. Als sie 1916 in großer Nachgiebigkeit stirbt, kommt Marie-Sophie zu ihrem Onkel ins „Cheval Blanc“ nach Philippeville. Sie hilft im Lokal, fängt bald an zu servieren. Die mollige Heranwachsende erweist sich als stark, frisch und unberührbar.
„Dieu! C’est comme une main,
qui sur mon bras se pose!
Achevons la métamorphose!
Il me tarde encore d’essayer
le bracelet et le collier!“
Sie geht geschickt mit nüchternen und betrunkenen deutschen Besatzern, und, als die Front kurz vor dem Waffenstillstand durchs Städtchen zurückflutet, auch mit Franzosen, Briten und Amerikanern um.
An Sonntagen, auf der Abbaye und dem Schützenfest singt sie mit den Musette-Leuten „Monsieur Cannibale“, Hélène, j’vais perdre haleine...“, „Gaston, y-a l’téléfon qui son...“, Geneviève, v’la ton lièvre...“ und all diese Lieder.
R.G., eben aus dem Krieg zurück und als Reporter tätig, (..“ich glaube, beim Républicain, nein, es war beim Quoditien Wallon!“), wird auf ihre Stimme aufmerksam. Er nimmt sie mal nach Dinant und sogar bis Charleroi mit. Sie verliebt sich natürlich in den flotten jungen Mann in den neumodischen Manchester-Knickerbockern.
Er überredet sie, Gesangsunterricht zu nehmen, und wirklich schafft sie es, schon mit 18 einen Platz an der Brüsseler Musikhochschule zu bekommen.
R.G., der inzwischen bandes dessinées für ein Jugendmagazin zeichnet, unterstützt sie großzügig. Wie ist ihr Verhältnis zu ihm? Sie schweigt darüber. Bald schon beginnt sie, an der Oper zu singen.
In des Herbstesmonats ersten Tagen
Nachtigallen auf den Zweigen sangen,
Taueperlen auf den Rosen lagen,
gleich den Tränen auf der Schönen Wangen.
Der Expreß hat längst das Mittelgebirge erreicht. Variskische Faltung, denke ich. Wie Nadel und Faden durch grünbraunen Wollstoff schießt er, mal im Tunnel, mal auf Brücken, schnurstracks hindurch.
Meine Gedanken sind noch von Biancas belgischen Erinnerungen gefangen. Danach müßte sie, warte, jetzt ungefähr 90-95 Jahre alt sein. Hat sich trotz aller Sorgenfalten hervorragend gehalten...Kann das sein? Mir flimmerts vor den Augen.
“Ich hatte soo einen Erfolg,“ fährt sie fort, und als ich zum ersten Mal die Marguerite sang, war ich festgelegt,“ sie räuspert sich und fährt mit der Serviette in den Mundwinkel, „im Grunde bis heute, nicht wahr?“
Henri Quatre
voulait se battre.
Henri Trois
ne voulait pas.
Henri Deux
se moquait d’eux
Henri Un
ne disait rien.
Halb ist die Fahrt nun schon hinter, halb liegt sie noch vor uns. Über nordhessischen Märchenwäldern sind draußen dunkle Wolken aufgezogen. Plastisch die Landschaft, gewellt, gerafft. Die Waldränder undurchdringlich wie Mauern. Ein Wimpernschlag und ein einsam festgefahrener Trecker auf dem Vorgewende eines Feldes. Erste schräge Tropfenbahnen werden lautlos auf die Fenster gezogen. Lichte Finsternis, bläulich heroische Beleuchtung zwischen den zahllosen Dunkelheiten. Die Wasserscheide ist erreicht: ins Niddatal hinunterstürmen. Oh, du mein armes Lied, wie bist du rauh! Wirst, da du’s wohl magst wissen, im Walde bleiben müssen.