Inner city blues/vagina

31.10.2004 um 14:50 Uhr

Eingang zum Irrenhaus. Nachts 3.15h

von: hibou

„Hier sind wir nun. Sind Sie Dr.McGuire? Wir hatten angerufen, ein akuter Fall von Wahn und Gedankenflucht zur vorübergehenden stationären Behandlung. Darf ich vorstellen: dies ist Di Lorenzo, hier ist Detective Poacher, ich selbst heiße Lt. Tordue.“

„ Gut, gut, meine Damen und Herren. ............ Und wer von Ihnen ist nun der Patient?“

30.10.2004 um 22:24 Uhr

Di Lorenzo

von: hibou

„Kann ich Ihnen eben etwas vorlesen, Lieutenant?“

„Nur zu.“

„Also: ‚ Granateneinschläge in mazedonischen Bergdörfern und eine tanzende Hochzeitsgesellschaft im Augenblick in den Abgrund gerissen; Trümmerbrüche im LKW und totale Erschöpfung im überladenen Schiff auf dem Riff, ein Verzweiflungslauf der Grenzgänger im Sucher der Nachtsichtgeräte , Ebola, wachsende Wüsten, erloschene Augen, Zyklone und in Hekatomben vergrabener Opfer: das bist du, meine Liebste‘...“

„Poacher???“

„Bitte unterbrechen Sie mich nicht. ‚Ich seh einen Sommerain mit Bachstelzenspuren und vollgesogene Zecken, für Monate satt, ich seh auch Waben im hohlen Baum, der Honig trieft, wo im Winter....‘“

„Poacher, was soll das werden? Ist Ihnen nicht gut?“

„....“wo im Winter der Blitz hineinschlug. Fern klingen Schritte, auf dem Fluss kreiseln Blätter, bilden den Himmel für Regenbogenforelle und Flusskrebs. Viehglocken ganz ohne Klang und Erdrauch im Atem: so  bist Du, meine Liebste.‘“

„Kann es sein, dass Sie ein wenig überarbeitet sind?“

„Nein, Lieutenant, das ist was Neues aus meinem Zyklus ‚Schwarzblütige Base Welt‘!“

„Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich den Fall Gössl und Reder einstweilen an Di Lorenzo übergebe?“

 

28.10.2004 um 23:27 Uhr

like a rolling stone

von: hibou

„Ich habe ein Angebot, als Redakteur beim Rolling Stone zu arbeiten. Soll ich es annehmen, Lieutenant?


„ Was fällt Ihnen denn zum Thema ‚die 100 besten Songs aller Zeiten‘ ein?“


„-Love is just a four-letter-word
-I can’t keep from cryin‘
-Take a walk on the wild side
-Money for nothing
-Let it be
-Knockin‘ on heavens door....?“


„Lehnen Sie ab, Poacher. Ihre Gemütslage würde hier fehlen.“

26.10.2004 um 19:18 Uhr

fortgehn

von: hibou

„Waren Sie schon in Kalifornien?“
„Nein.“
„Ich auch nicht. Aber alle raten mir, dass ich mich dorthin absetzen soll, Poacher.“
„Ich könnte überall leben, und überall fortgehn, Lieutenant.“

25.10.2004 um 19:50 Uhr

chinesische Bekannte

von: hibou

„Wie geht es mit Ihrer chinesischen Bekannten, Poacher?“

„Gestern abend fand ich sie sehr nett. Als wir das Lokal verließen, habe ich sie gebeten, mich nach Hause zu bringen. Ich habe schon ewig nicht mehr hinten auf einem Motorrad gesessen, und auch schon lange nicht mehr versucht, jemandem so nahe zu sein.“

„Aber sie kennen sich doch schon seit Jahren?“

„Ja, wir sind schon so oft aneinander vorbeigegangen, dass unsere Kleider fadenscheinig wurden, ohne dass ein Funke übersprang.

„Und gestern?“

„ ‚Der Weg ist nicht weit‘ dachte ich da dicht hinter ihr im Sattel, ‚bald wird sie mich absetzen‘. Aber ich spürte eine große Wärme.“

„Sie kann Ihnen nicht geben, was ich Ihnen gebe, Poacher.“

„Fällt Ihnen nie ein, dass Sie etwas spielen, was es gar nicht gibt, Lieutenant?“

 

24.10.2004 um 16:30 Uhr

Lieutenant fragt

von: hibou

"Und Sie waren wirklich schon verliebt, Poacher?"

"Frauen sind wie Wasser, sagt man. Aber mit Männern ist es dasselbe. Als mir das das letzte Mal geschah, regnete es. Ich erinnere mich. Wir hatten keinen Schirm. Ich weiß nicht, wie lange sie bleibt. Je länger desto besser."

"Gefühle haben ein Verfallsdatum, Poacher. Das erste  hat mich längst erwischt."

"Heute sind sie zynisch, Lieutenant."

 

23.10.2004 um 15:46 Uhr

Poacher meditiert

von: hibou

"Sind Sie im Fall Gössl und Reder weitergekommen?"
"Nicht wirklich, Lieutenant."
"Da soll ein Mensch dahinterkommen, wie Sie eigentlich Ihre Fälle lösen..."
"Manchmal gehe ich, ohne zu verstehen warum, in eine Synagoge.Ich habe dann ein Gefühl von Geborgenheit, auch wenn ich nicht genau weiß, was gebetet wird. Aber die Gesänge gefallen mir. Ich denke oft, über ein Ritual kommt man zu den Dingen, nicht umgekehrt."
"Wenn ich nur wüßte, ob Sie sich über mich lustig machen, Poacher...."


22.10.2004 um 19:57 Uhr

taegliche polizeiarbeit, heut in der filmhochschule

von: hibou

"Der Tod ist ein Cutter aus Deutschland."
"Am besten lassen Sie diesen hohen Ton, Poacher, wenn Sie mit mir zusammenarbeiten wollen. Was ich brauche, sind Fakten."
"Ok ok, Lieutenant."


21.10.2004 um 19:24 Uhr

Poacher, Gössl und Reder

von: hibou

"Videobilder können ganz reizvoll sein, aber sie sind nicht meine Welt. Sie sind wie Cartoons, platt und hohl. Nein, das interessiert mich nicht."
"Aber liegt der Reiz dabei nicht gerade an der Vielfalt der Perspektiven? Die Ästhetik der kontextuellen Bilder stimmt mit dem Vibrieren der Zeit überein...."
"Poacher, kümmern sie sich lieber um Ihren Auftrag."
"OK, wer sind die Leute?"
"Da links, die beiden Ehepaare, Gössl und Reder."
"Werd mich mühn, Lieutenant."

20.10.2004 um 23:25 Uhr

Poacher und Lieutenant

von: hibou

Erwartung, Strahlen, Freude, Glück, Erfüllung, und dann Schmerz, Verzicht, Enge, Trauer, Verzweiflung.....´, immer Emotionen zeigen!"
"Aber sie können nicht erwarten, dass ich nun Schubert singe, Lieutenant?"
"Naja, wahrscheinlich nicht, Poacher."

19.10.2004 um 19:33 Uhr

Poacher, Einleitung

von: hibou

"Ich weiß nicht, warum ich in letzter Zeit so oft verletzt werde. Ich hasse es,
Kugeln aus meinem Körper zu schneiden. Ich finde es anstrengend."
"Wenn ein Mann einen Fehler macht...."
"Aber ich habe gar keinen Fehler gemacht, Lieutenant."
"Nun hören sie mal, Poacher...."

18.10.2004 um 23:12 Uhr

Poacher?

von: hibou

Nachdem nun die lange Serie über die Castafiore an ein Ende gelangt ist, frage ich mich, was als naechstes der geneigten Leserin und dem leicht ungeduldigen Leser vorgesetzt werden könnte.

Aman! Habe heute abend "Pane e Tulipani" gesehen und rede bereits wie Fernando/Bruno Ganz

"Wissen Sie, dass ich seit fünf Jahren nicht mehr getanzt hatte?"

"Ja, ich fühle mich auch wie ein Feuervogel!"

Also Poacher

17.10.2004 um 16:34 Uhr

Expreßzug entgleist

von: hibou

Musik: take this waltz

 

 

Heute um 12.07 Uhr ist kurz vor Frankfurt der ICE „Gabriella Melone“ zum Teil aus den Schienen gesprungen. Der Unfall ging glimpflich ab, da er an einer Gleisbaustelle bei niedriger Geschwindigkeit geschah. Niemand wurde verletzt. Eine Weiche war umgesprungen während der Zug darüberfuhr, so daß der hintere Zugteil eine andere Richtung einschlug. Der Wagen mit dem Bordrestaurant stellte sich quer und riß mehrere Oberleitungsmasten und ein Signal um. Ein aufmerksamer Gast hatte die Notbremse betätigt noch bevor der Zugführer das Mißgeschick bemerkte.

„So etwas könnte bei hoher Geschwindigkeit nicht passieren“, sagte uns Bahnbezirkschef Schreckenberger, „da wären die Weichen blockiert.“

Die Fahrgäste mußten mit Bussen zum Hauptbahnhof gebracht werden. Die Strecke blieb mehrere Stunden gesperrt.

                                                                                                                      uez

 

 

Nachdenklich. Trotz des Erfolges mit Cosi Fan Tutte in Hamburg bin ich mir nicht mehr so sicher. Die Karriere läuft auf festen Gleisen...

Wie gepflegt die Speisewagen der Thomas Cook Company sind! Plüschbänke, und dazu zartfarbene Rosen auf jedem Tischchen. Die Kellner geschmeidig wie spanische Beaus. Die Speisenfolge fast wie im Hôtel d’Angleterre.

Die Bilder an den Stirnseiten gefallen mir ganz besonders, hier die Szene aus dem Morgenland, Hagia Sophia oder sowas, und hinter mir? Muß Henri fragen, ach der Spithead und die Segler, die gerade nach Amerika...

Er sitzt mir so brav und stumm gegenüber, schaut mich wie meist hinter seinem Weinglas hervor fragend an. Manchmal denk ich, er kann die Zukunft sehen. Nicht wie R.G., der immer alles bestimmt. Ich höre sie disputieren. Ein Wesen zu sehen, würde Henri sagen, heißt wahrzunehmen, was noch kommen wird. Quatsch, schnappt dann R.G., alles ist vorgezeichnet! Sie streiten. Um mich? Will ich einen von ihnen? Naja, R.G. hat sehr viel für mich getan in den Jahren der Ausbildung. Wird er mich undankbar finden? Hinterm Tresen hab ich dich hervorgeholt, ma petite! Bald einundzwanzig. Möchte meine Seele weiten...Etwas anderes als Gesang findest du überall...

Melodisch und fast im Walzertakt gleitet der Zug dahin.

Huch, gleich werden wir Frankfurt erreichen! Vielleicht eine Droschke mieten und die Stadt anschauen bis der Zug nach Brüssel fährt? Komisch, als ob meine Vita in den letzten Stunden an mir vorbeigezogen sei...

Nein, keinen von beiden. Ich will aussteigen. Auf ein neues Leben, Henri!

 

*finis*

16.10.2004 um 20:08 Uhr

Computertomographie: Die durchschaute Sängerin

von: hibou

 

Die Patientin starb vor 3000 Jahren. Sie war Sängerin, verheiratet mit einem Barbier und lebte in Theben am Nil.

Daß sie einen Tumor und einige gebrochene Rippen hatte, diagnostiziert ihr Arzt erst jetzt. Mit Computerhilfe durchleuchtete der amerikanische Radiologe Myron M. die Mumie der Ägypterin.

Eine Überraschung waren für ihn die Gesichtszüge der Sängerin. Er hatte aufgrund des Porträts auf dem Sarkophag eine unauffällige Schönheit erwartet. In Wirklichkeit zeigte sie ausgeprägte Zähne und eine große Hakennase.

Doch was geht eigentlich im Kopf einer Mumie vor? Der Blick in den Schädel ist enttäuschend. Die Ägypter hielten das Herz für das Zentrum des Verstandes, das Hirn hingegen für ein unwichtiges Organ. So hatten die Einbalsamierer der Sängerin zwar das Herz gelassen, das Gehirn aber durch die Nase herausoperiert. Das Innere ihres Schädels erschien auf dem Monitor nur als schwarzer Fleck.

                                                                                                                                 <chps

 

„Wie ich das erste Mal vor vielen Zuhörern auf die Bühne trat...Weißt du noch, weiß ich’s? Ausnahmezustand: viermal in einer Stunde aufs Klo gegangen, das Blut rauscht und die Gedanken flattern, sind aber auch ganz stark und neu und alles, was auseinandergelegt im Alltag ist wie in eins zusammen. ‘Gottes Allmacht und die Freuden der weltlichen Liebe preisen.’ Dann die Sekunde, das gleißende Licht, die geatmete Luft, das Parfum, die Welle der Empfindungen aus dem Saal. Ich kann nicht: und sehe mich doch nach vorne gehen an die Rampe und zurück in die Erinnerung. Höre meine eigene Stimme. Alte Einweihung, seit Schu-Fu-Ach, I-Ti und On-Chu aus der - wievielten? - Dynastie verkörpert und auch in Hosny, dem Turschasklaven und ersten Trompeter. Die Klänge tragen mich wie die Woge den Brandungskamm. Davon davon und ein Rauschen im OhrozeanohR. Ob auch mich einst drei Millionen zu Grabe geleiten werden wie Umm Kalsoum, Nachtigall von Tamai und Stern von Arabien? Kann nicht abspringen und doch tausend Dinge im Sinn, R.G’s Hose so altmodisch und abgetragen da in der ersten Reihe blitzt auch Henris Brille auf, habe ich den Herd ausgemacht?, soviel Luft, sollte weniger Weißbrot essen wegen der Blähungen, die ungezählten Stunden im Konservatorium, Angst und doch einziger Freiraum der Woche, die Schuhe drücken am kleinen Zeh genau wie früher hinter der Theke, Gesangsschulen von Medina, Bagdad und Cordoba mit den eifrigen Kastraten, ein sehr bleiches Gesicht ganz hinten in der Menge, Makram erfordert Antwort, bin ganz feucht, die Finger langsam, behutsam zur Faust, tief in der Brust waren da nicht ganz innen die Töne meines Lehrers Abu l’Ullah? Über eine Klippe da! Nicht ganz rein, niemand merkt es, hat’s gehört und vernommen hab es wieder einen Helm trägt Athene und der hat ein Gesicht das zweite Gesicht mandeläugig schreitet die Jungfrau ja wen sie beschützt der kommt weithingefahren es gibt etwas das sich in der Tat zum bloßen Wahrnehmen verhält wie das Erfahren im wachen Zustand zum Träumen: das Denken?

Jetzt werden die letzten Töne angesetzt, gleich würde der Beifall aufbranden, gelungen ist es ach!...wird allein sie vor das Podest des Kalifen treten...

Ich weiß, daß eins von mir gleich glücklich lächelnd höflich gebeugt stehen, ein anderes ausgeweidet und nackt zu dessen Füßen aufs Parkett gestreckt sein wird. Erfolg? Bestätigung? Was wird...“

 

15.10.2004 um 19:35 Uhr

Flos und Blankflos (Komm mach weiter mit der Castafiore!)

von: hibou

 

 

Schon von Kindheit an war Blankflos, die Erbin von Kastilien, ihrem Flos versprochen. Drum rüstete der wackere sogleich in größter Eile ein Schiff aus, als er vom Sturm der Mamlucken auf ihre Vaterstadt, dem Tod ihrer Eltern und ihrer Entführung übers Meer Nachricht erhielt. Es hieß auf alle Mittel zu ihrer Befreiung sinnen, nicht Bewaffnete, nicht Gut und Geld, nicht Verkleidung und Listen durften fehlen. So fuhr Flos aus, die Geliebte oder den Tod zu finden.

Unter guten Winden durchschifften sie die Levante, kamen bald vor des Sultans Hafen, worein sie sich als fränkische Kaufleute Einlaß verschafften. Nur von einigen Getreuen begleitet, zog Flos mit einer Handelskarawane in die Hauptstadt, und im Angesicht der unvergleichlichen Sidi-Oqba-Moschee waren sie scheinbar selbst zu Mauren geworden.

Von dem zwirbelbärtigen Wirte Bujuk neben dem Löwentor erfuhr Flos, in welchem Turm des Ribat seine Frau gefangengehalten, nur zweimal täglich von einer Magd mit den notwendigen Lebensmitteln versorgt. Diese Pein mußte sie erdulden, erzählte der alte Knecht Nuh, weil sie sich bisher geweigert, dem Sultan zu Willen zu sein, der, ganz betört von ihrer weißen Haut und ihrem keuschen Angesicht Tag und Nacht ihrer harre!

Nach manchen Stunden und Tagen umsichtigen Werkes hatte Flos die Zugehmagd aufgefunden, kennengelernt, ihr Vertrauen gewonnen, mit seinem Schicksal bekannt gemacht und endlich seinen Plänen gewonnen. Da diese Magd aus ihrer nubischen Heimat herkulische Kräfte mitgebracht, verbarg sich Flos in einem Korb roter Rosen, dem täglichen Angebinde des Sultans an die Ersehnte, und ließ sich ungesehen in die Turmkammer tragen. An diesem Tage des Glücks bekam Blankflos den geliebten sub rosa zurück!

Es blieb aber, ihre gemeinsame Flucht zu bewerkstelligen...

 

Wir hatten nun Rhein und Main erreicht und die Papierbecher türmten sich auf der Tischfläche. Als Madame die Fahrkarte aus ihrem schmalen Täschchen ans Licht zerrte, hatte ich schmunzeln müssen. Ob sie es wegen des Schmuckes immer in Händen hielt?

Sie war noch jünger geworden, sprach melodischer, machte dann und wann eine kraftvolle Handbewegung.

 

 

14.10.2004 um 19:53 Uhr

Alberto Giacometti

von: hibou

 

geboren am 10.Oktober 1901 in Stampa/Schweiz. Stampa ist ein Bergdorf an den Serpentinen von Italien zum Malojapass und zum Engadin hinauf. An der engen Hauptstrasse das Haus Nr.60 mit dem Schild: Hier lebte Alberto Giacometti 1901-1965. Stampa ist ein Bergbauerndorf, dessen Bewohner einen italienischen Dialekt sprechen. Für unsere Vorstellung lebt Giacometti in Paris, in seinem Atelier, wo alles einschließlich der Menschen von Gipsstaub bedeckt war, in den Cafés und Bordellen von Montparnasse.

Und doch ist bekannt, dass seine Mutter Annetta „la Mamma a Stampa“ Zeit seines Lebens sein Rückhalt, sein guter Geist, sein eigentlicher Ort war.

Für uns lebt Giacometti im Dunkeln, in kleinen, dunkeln, unheizbaren Ateliers oder zu vorgerückter Stunde durch regnerische Pariser Strassen schreitend.

Stampa, das Dorf in der Schlucht des Bergell, wo die Sonne den ganzen Winter nicht aufgeht, mit seinen abweisenden grauen Steinhäusern, deren Mauern so dick sind, dass man auf den Fensterbrettern einen Säugling quer legen kann, hat Ahnung von diesem Dunkel.

 

Jean Genet: „seine Figuren sind nur entstanden, um die Toten zu entzücken.“

 

13.10.2004 um 22:32 Uhr

Vom Paléo-Festival unser Korrespondent Valentin Brocant:

von: hibou

Am Paléo hatte der Regen an diesem Tag diskret angefangen, und doch waren überall und bis unters Clubzelt die Schlammpfützen mehr geworden. Die Zuhörer in erdigen Schuhen sind konsterniert. Ganz anders Nina Hagen, sie sieht in den Stürmen der Nacht ein gutes Zeichen. Irgend jemand da oben hatte also ihr Konzert geschätzt! In der anschließenden Pressekonferenz geht die Sängerin mit ihren Elukubrationen noch weiter. Nicht alles ist frisch, doch ist’s mit Humor gewürzt, und so wollen wir’s gerne glauben.

-Was bedeutet für sie die Religion?

-Ich glaube an die Reinkarnation. Die Seele stirbt nicht mit dem Körper, aber sie kann leiden. Also stell’ dir vor, eine Atombombe knallt grade neben dir runter. Wenn du doll an Liebe, Frieden, Einfachheit, Teilen denkst, nimmt sie keinen Schaden davon. Aber wenn du ein imperialistischer Macker bist, voller Aggressionen, oder forschender Direx eines Chemiekonzerns, oder es normal fandest, daß die Leute überall auf der Welt Waffen herstellen und verkaufen, kann deine Seele beschädigt werden.

- Haben Sie Gurus?

- Janis Joplin, Tina Turner, die Stones, einige Meister in Indien und Tibet. Und natürlich Jesus Christus!

- Welches ist Ihre liebste europäische Stadt?

- Marrakesch (Pause).

Die Antworten, mit entwaffnendem Naturell vorgetragen, überfluten uns. Indem sie mit vorsichtiger Hand einen verirrten Nachtfalter fängt, teilt sie uns das Neueste über Marlene Dietrich mit. Sie befände sich gerade auf den Gipfeln des Himalaja um ihre Seele zu reinigen, „wenn sie nicht für eine Zeit einen anderen Planeten bevorzugt.“

Anstatt eines Schlußwortes stärkt uns Nina den Durchhaltewillen:

„Es ist ein Verbrechen, deprimiert zusein, das glaube ich. Frau muß stark sein, vor allem an Tagen wie diesen.“

Wir hätten sie dafür küssen mögen!

 

Meine neue Bekannte lächelte. Sie sah um viele Jahre verjüngt aus.

Und wie sie denn auf ihren Namen gekommen sei?

„Als es fällig war, ein Pseudonym zu finden, und R.G. und ich und auch andere Freunde so überlegten, verschiedenes probierten und verwarfen - es ist ja eine Sache mit den Künstlernamen, La Belle, Colombine, Prendsmonâme, vieles ist ja schon belegt und verbraucht -, da fiel mir eine Geschichte aus Kindertagen ein und die prächtigen Bilder dazu, und schon war er gefunden!“

 

12.10.2004 um 20:15 Uhr

Bianca: die Kindheit

von: hibou

Marie-Sophie Féat kam in Merlemont in der weiteren Umgebung Charlerois zur Welt. Der Vater arbeitet im Marmorbruch Franchimont. Sonntags geht’s an den Hermeton auf Forellenfang, illegal. Oder mehr in die Wälder, manchmal bis zum Bois du Roi, Pilze sammeln. Vater René ist klein, der Gesteinsstaub an seiner Haut und den Kleidern läßt sich nie mehr abwaschen. Verkneift den Mund, wenn er abends seine schmerzenden Hände reibt oder zieht ihn zu einem schmalen Strich zusammen, wenn er kurz und scharf „fille!“ (niemals „Marie-Sophie“!) ruft. Die beiden älteren Brüder Amedée und Gaston ziehen gleich 14 in den Krieg und sind seither verschollen. Die Mutter Anne, geborene Finnevaux, ist viel krank, liegt meistens. Sie schämt sich wegen der dunklen Ringe um ihre Augen, mit denen sie aussieht, als ob sie geschlagen worden sei. Als sie 1916 in großer Nachgiebigkeit stirbt, kommt Marie-Sophie zu ihrem Onkel ins „Cheval Blanc“ nach Philippeville. Sie hilft im Lokal, fängt bald an zu servieren. Die mollige Heranwachsende erweist sich als stark, frisch und unberührbar.

 

„Dieu! C’est comme une main,

qui sur mon bras se pose!

Achevons la métamorphose!

Il me tarde encore d’essayer

le bracelet et le collier!“

 

Sie geht geschickt mit nüchternen und betrunkenen deutschen Besatzern, und, als die Front kurz vor dem Waffenstillstand durchs Städtchen zurückflutet, auch mit Franzosen, Briten und Amerikanern um.

An Sonntagen, auf der Abbaye und dem Schützenfest singt sie mit den Musette-Leuten „Monsieur Cannibale“, Hélène, j’vais perdre haleine...“, „Gaston, y-a l’téléfon qui son...“, Geneviève, v’la ton lièvre...“ und all diese Lieder.

R.G., eben aus dem Krieg zurück und als Reporter tätig, (..“ich glaube, beim Républicain, nein, es war beim Quoditien Wallon!“), wird auf ihre Stimme aufmerksam. Er nimmt sie mal nach Dinant und sogar bis Charleroi mit. Sie verliebt sich natürlich in den flotten jungen Mann in den neumodischen Manchester-Knickerbockern.

Er überredet sie, Gesangsunterricht zu nehmen, und wirklich schafft sie es, schon mit 18 einen Platz an der Brüsseler Musikhochschule zu bekommen.

R.G., der inzwischen bandes dessinées für ein Jugendmagazin zeichnet, unterstützt sie großzügig. Wie ist ihr Verhältnis zu ihm? Sie schweigt darüber. Bald schon beginnt sie, an der Oper zu singen.

 

In des Herbstesmonats ersten Tagen

Nachtigallen auf den Zweigen sangen,

Taueperlen auf den Rosen lagen,

gleich den Tränen auf der Schönen Wangen.

 

Der Expreß hat längst das Mittelgebirge erreicht. Variskische Faltung, denke ich. Wie Nadel und Faden durch grünbraunen Wollstoff schießt er, mal im Tunnel, mal auf Brücken, schnurstracks hindurch.

Meine Gedanken sind noch von Biancas belgischen Erinnerungen gefangen. Danach müßte sie, warte, jetzt ungefähr 90-95 Jahre alt sein. Hat sich trotz aller Sorgenfalten hervorragend gehalten...Kann das sein? Mir flimmerts vor den Augen.

“Ich hatte soo einen Erfolg,“ fährt sie fort, und als ich zum ersten Mal die Marguerite sang, war ich festgelegt,“ sie räuspert sich und fährt mit der Serviette in den Mundwinkel, „im Grunde bis heute, nicht wahr?“

 

Henri Quatre

voulait se battre.

Henri Trois

ne voulait pas.

Henri Deux

se moquait d’eux

Henri Un

ne disait rien.

 

Halb ist die Fahrt nun schon hinter, halb liegt sie noch vor uns. Über nordhessischen Märchenwäldern sind draußen dunkle Wolken aufgezogen. Plastisch die Landschaft, gewellt, gerafft. Die Waldränder undurchdringlich wie Mauern. Ein Wimpernschlag und ein einsam festgefahrener Trecker auf dem Vorgewende eines Feldes. Erste schräge Tropfenbahnen werden lautlos auf die Fenster gezogen. Lichte Finsternis, bläulich heroische Beleuchtung zwischen den zahllosen Dunkelheiten. Die Wasserscheide ist erreicht: ins Niddatal hinunterstürmen. Oh, du mein armes Lied, wie bist du rauh! Wirst, da du’s wohl magst wissen, im Walde bleiben müssen.

 

08.10.2004 um 20:20 Uhr

La vie - et vice versa

von: hibou

Eine Bahn fährt vorwärts durch den Raum, aber rückwärts durch die Zeit. Eine Sängerin findet sich in vielen wieder. Ein Leben wird nochmals gelebt:

 

Bianca Castafiore - La vie et vice versa (ein Musical!)

Ich lernte sie an einem Oktobertag kennen. Es war im Bordrestaurant des neuen Expreßzuges, der ganz von Piepsen, Quäken, Summen und dem Grunzen von Yello’s Rubberbandman aus den verborgenen Lautsprechern erfüllt war. Jetzt zittert meine Tasse dem Tischrand zu. Die schnelle Fahrt läßt das Sonnenlicht vielfach gebrochen über Wände, Fenster, Gestänge und Jalousien flickern. Draußen rast und ruckelt die weite Ebene vorbei, präsentiert für Sekunden einen schwarzgrünen, spiegelglatten Baggersee, durch den ein Schwan ruhevoll die Diagonale zieht. Am Himmel, weiß auf mattblau, die Kondensstreifen der Konkurrenz. Oberleitungsdraht zieht auf und ab, hin und her, Leitungsmasten schlagen den Takt. Klare Formen und Attacken aufs Lebensgefühl. Technik und Müll. Der Kaffee schmeckt bitter. An der Schlange der wartenden Gäste vorbei schaue ich den friseurgrünen Flur entlang bis in den nächsten Wagen. So sehe ich sie schon von weitem kommen.

 

Ah, s’il était ici!

S’il me voyait ainsi,

comme une demoiselle

il me trouverait belle!

 

Sie ist zwar älter geworden und nicht mehr so extravagant gekleidet, wie ich sie von den Bildern her in Erinnerung habe, aber noch immer eine imposante Erscheinung.

Aus meinem Gedächtnis erklingt die ruhevolle, samtene Stimme jener karibischen Mezzosopranistin, und ich sehe sie vor dem Altar der Dorfkirche stehen und rings um sie Klang!

Sie hatte einen ebenso riesigen Busen, so daß sie, wenn sie sich dem Applaus neigte, ihre gefalteten Hände wie auf ein sanftes Gebirge legen konnten.

Aber dieses Gesicht ist völlig anders. Vom Morgenlicht scharf ausgeleuchtet, zeichnen sich die charakteristische Hakennase und die hochgezogenen Brauen über den halbgeschlossenen Augen ab. An den Lidern habe ich sie gleich erkannt!

 

Ich will mir die nächsten Stunden noch einmal ganz gegenwärtig machen: Als sie ihr Getränk in der Hand hält und sich suchend umblickt, rücke ich auf der Bank zur Seite und mache ihr Platz.

„Verzeihen Sie, sind Sie nicht...?“

„Sie kennen mich? Wie schön!“

„Mhm, wissen Sie, es ist noch nicht zwei Wochen her, da habe ich mir Auszüge aus Gounod gekauft, und dazu die Noten der Juwelenarie...“

„Oh? Sie schmeicheln mir!

 

Ah, je ris, de me voir si belle

en ce miroir!

Est-ce toi, Marguerite,

est-ce toi?

Réponds moi, réponds moi, réponds moi vite!

 

Hören Sie meine müde Stimme? Tempi passati!“

Und mit bitterem Unterton fährt sie fort:

„Natürlich werde ich nur mit dieser einen identifiziert.In Wirklichkeit hatte ich nie die Chance, ich selbst zu werden. Ja, schon mein erster Impresario, R.G. hat mich in dieses Cliché gepreßt. Wer weiß denn schon was von mir? Sie vielleicht? Scharlachlippen, Alabasterhaut, La gazza ladra, daß ich nicht lache!“

Sie nimmt einen Schluck aus dem Papierbecher und packt ein Brötchen und aus einem Pergamentpapier ein Stück Gorgonzola aus, wovon sie mit einem unsäglich künstlichen Messerchen Happen abschneidet.

„Ist Castafiore Ihr wahrer Name?“

„Natürlich nicht! Ich bin in den Ardennen geboren“, und sie neigt sich vertraulich mir zu, habe sogar den Mongolenfleck im Kreuz, mamma mia! Mein Onkel sprach noch flämisch...

 

Non, non! Ce n’est plus toi!

Non, non! Ce n’est plus ton visage!

C’est la fille d’un roi qu’on salue au passage!“

 

 

(wird fortgesetzt)

 

07.10.2004 um 20:57 Uhr

Das letzte Stück aus Bianca Castafiores Leben....

von: hibou

Fünf Jahre danach (1963) erscheint „Die Juwelen der Sängerin“ (frz les Bijoux de la Castafiore), ein Kammerspiel, das ganz ihr gewidmet, so gut wie die ganze Tintin-Familie auf Haddocks Landsitz Mühlenhof versammelt. Äußerlich  geschieht so gut wie nichts, aber das sehr dramatisch. Ein jeder ist damit beschäftigt, die verschwundenen – oder nur verlegten – Juwelen der Diva zu suchen, ein jeder ist verdächtig, sie entwendet zu haben. Haddock sitzt als Folge eines Sturzes im Rollstuhl, Bianca schiebt ihn durch den Park, die Reporter von Paris-Flash erdichten daraufhin eine Verlobung der beiden. Professor Bienlein (übrigens der einzige, der Castafiores Gesang schätzt, aber er ist taub) verliebt sich in die Sängerin und züchtet eine neue weiße Rose, der er ihren Namen gibt. Der Schmuck wurde am Ende von einer Elster stibitzt. Dies ist der Anlass, zu erfahren, dass Bianca Castafiore zuweilen auch Rossinis „La gazza ladra“ zum Besten gibt.

 

Hergés letzter Band Tim und die Picaros (1976 – seit fast fünfzig Jahren singt sie nun: „Ach, wie schön…“) zeigt Bianca Castafiore als Gefangene eines südamerikanischen Diktators, des Generals Tapioca. Haddock und später auch Tintin brechen auf, sie zu befreien. Sie landen zuvor im Urwald bei den Picaros, die von ihrem alten Bekannten General Alcazar kommandiert werden, helfen diesem bei einer unblutigen Revolution. Die Diva bedankt sich für ihre damit verbundene Befreiung (ich vermute mit einer Arie?) bei ihrem „Captain Hemlock“, Tapiocapolis wird in Alcazaropolis umbenannt….

 

Vom weiteren Erdenleben Bianca Castafiores ist uns nichts mehr überliefert.