Sie ist offensichtlich Mitglied des Ensembles der Mailänder Scala, welches wir allerdings in allen Bänden des Comic-Strips nur in Form von ihr selbst kennen lernen. Immer und immer singt sie dieselbe Arie, die sogenannte Juwelenarie aus Gounod’s Oper „Margarete“: „Ah, je ris, de me voir si belle dans ce miroir!“, zu Deutsch: „Oh, wie schön, mich zu sehn, so schön!!“, was oberflächlich wiederum ihre Egozentrik herausstellt. Werden wir uns aber klar, dass Gretchen, Fausts Geliebte, dies singt, als sie die ihr von Mephisto untergejubelte Perlenkette anlegt und sich im Spiegel wie eine Prinzessin sieht, wird auch die Brechung und Ambivalenz dieses Bewusstseins deutlich. Ebenso, wenn wir uns daranmachen würden, den Wortsinn ihres Namens herauszufinden: der ist nämlich „die weiße, keusche Blume“. (Ein mittelalterliches provencalisches – oder spanisches? Bianca von Kastilien.. – Ritterepos heißt „Flos und Blankflos“ Bianca… Fiore…, darin landet Blankflos als Gefangene oder gar Sklavin im Morgenland, bis ihr Geliebter und Bräutigam Flos sie unter abenteuerlichen Umständen befreit). Könnte die Mailänder Diva also einen Künstlernamen, der zugleich ihr Wesen charakterisiert, tragen? Wir wissen es nicht
Doch zurück zu unserer Sängerin, die im Übrigen den Spitz- oder Kosenamen „die Mailänder Nachtigall“ trägt. Tintins treuer Begleiter, Kapitän Haddock, ist ihr in ganz besonderer Hassliebe verbunden. Er leidet immer entsetzlich, sobald er sie singen hört. Auch andere scheinen ihre Arie nicht zu goutieren, so etwa Hund Struppi. Nur Tintin bleibt immer neutral und höflich. Andererseits eilen die beiden Abenteurer ihr auch zu Hilfe und befreien sie sogar aus dem Kerker. Madame Castafiore wiederum verunstaltet bei jeder Gelegenheit Haddocks Namen. „Ist das nicht dieser Leutnant Bardock?“
So sind Bianca Castafiores Auftritte mehr als nur running gags. Eines der Abenteuer Tintins trägt sogar ihren Namen und stellt sie ins Zentrum: „Die Juwelen der Sängerin“.
Zum ersten Mal aber begegnen wir ihr in dem Band „König Ottokars Szepter“, den Hergé im Jahre 1939 zeichnete und schrieb. Danach wäre die Diva etwa um 1900 geboren. Wir wissen es nicht. In ihren Auftritten bleibt sie von nun an zeitlos und nicht alternd. Heute, mehr als 60 Jahre nach dem Erstdruck, ist sie uns noch immer dieselbe (Haben wir uns schon klargemacht, dass das für alle literarischen Figuren gilt? Effi Briest, Oskar Matzerath, Mackie Messer, Anna Karenina, Lolita und Lady Chatterley?).
Doch zurück Zur Handlung. Tintin begegnet ihr erstmals, als er auf dem Weg nach Klow (Syldavien) zu Fuß ein waldiges Gelände durchquert. Sie nimmt ihn in einem blauen Wagen mit Kennzeichen PN – 12811 mit. Außer dem Chauffeur sitzt noch ihr Klavierbegleiter Igor Wagner im Auto. Bianca trägt Persianermantel und blauroten Hut. Sie singt. Die Hasen und Igel laufen davon.
Tim steigt in ЗЛУП aus. Er wird verhaftet und eingesperrt. In der Zelle hört er aus dem Radio des Reviers: „Hier Radio Klow. Sie hören als Direktübertragung aus dem Kursaal ein Konzert mit Bianca Castafiore von der Mailänder Scala“, dann ertönt die besagte Arie. Schnitt zum Konzert: Sie trägt ein lila Kostüm, einen helmartigen Hut und lange blonde Zöpfe, eine lange Perlenkette und ein Handtäschchen.
Einige Tage später. Wiederum ein Konzert, diesmal im Königsschloss vor den Majestäten und dem ganzen Hof. Sie singt geschlossenen Auges. Da zerbirst klirrend die Fensterscheibe und Tintin birst herein. Sie öffnet die Augen, fällt sogleich in Ohnmacht. Igor, ihr Begleiter, kümmert sich um sie, auch eine grüne Hofdame aus der zweiten Reihe.
(wird fortgesetzt)