Hoffnungslos romantisch lachsrot markiert die flache Sonne die Schneise hin zur Straßenkreuzung. Häuser wie ältliche Zähne mit freiliegenden Zahnhälsen, bröckelnden Kellertreppen und fleckigem Putz umgeben sie. Sternförmig benachbart sind "Millers", "Doppeleck", Haus Bethlehem. Dazwischen flächendeckend Autos, liegengeblieben wie sattgefressene, glänzende Aaskäfer.
Kora sitzt auf einem Stahlhocker in Millers Bar und blickt über die Kaffeetasse hinweg direkt in die Annenstraße hinein. Vor dem Fenster geht eine ziemlich lärmige Schulklasse vorbei, zum nahen Hallenbad. Manche haben da schon Scheiße im Schwimmbecken treiben sehen.
Aber Kora freut sich auf den Frauentag morgen im Bismarckbad, Dampf, Wärme, Zuneigung.
Annen-? ach ja, nördlich der Reeperbahn trugen die Straßen Frauennamen! Jetzt trifft ihr Blick das Haus. Wohnt da nicht Ingo Kleist, der Herrscher über die Kleingärtner?
Für Uscha waren es nur ein paar Schritte von ihrer Wohnung hierher, aber der Wind hatte ihre Augen schon tränen lassen und den Schal hatte sie dreimal um den schmerzenden Hals gewickelt. So viele Wochen ist es her, daß die Geliebte sie verlassen hatte, und noch immer drückt es ihr wie Grönlands Eis auf die Brust. Weinen vor Selbstmitleid oder den harten Charlie markieren, oder beides zugleich? Im Hinsetzen die Hände abspreizen, cool lächeln, die Brauen hochziehen, husten.
Hi Kora!
Die Stadt hat den Sommer eingesogen, weggeatmet. Kälte ist vom Himmel zwischen die Häuser gefallen, bis in die verdreckten Souterrains, die schäbigen Ecken, die Ritzen, in denen Franzosenkraut blühte. Bis unter die BHs und zwischen die Beine der Berufstätigen, dort, wo auch Mitmenschen schreckliche Abkühlung bringen können. Der feuchte Nebel der Dämmerung kennt wie diese keine Kleider, keine Haut. Vom Riesengebirge her zieht er bis in die Knochen.
Die lederne Rosa hat unter den Obdachlosen einen gefunden, den sie an der Hand nehmen kann. Strahlend zahnlos und zielsicher geht sie mit ihm daher und berichtet jedem Passanten: Ganz schön kalt heute, was?
Tamer, wie eine Katze über den Spielplatz streifend, friert auch nicht. Hüsein summt eine mazedonische Melodie, ein Wachen hinter kaum geöffneten Lidern. Uscha glüht!
Mensch, ich hab' doch auch ne Vergangenheit, bin doch keine 21 mehr, meine Güte! Und sie hat mir sonst immer nachgegeben. Wie Siegellack: was ich ihr gab, hat sie sich ganz zu eigen gemacht, weißt du, als ob's ihr's wäre. Und nun das! Von einem Tag zu anderen verläßt sie mich!--
Hey, Uscha, es ist doch nun schon wieder fast drei Monate her....
Kora legt begütigend ihre Hand zwischen sie beide, und Uscha die ihre darüber.
Ich verstehs trotzdem nicht. Es will mir nicht hier rein! Wir hatten nen Bombenurlaub, einmal quer durch die Karpaten gewandert...
Gab's Anzeichen?
Wenn ich genau überlege...eine Geistesabwesenheit manchmal, ein Abgleiten...aber sonst? Keinen Streit, kein Gehacke, gar nichts! Die macht sich über meinen Arsch lustig!!
Bei dem Gefühl lodern Flammen zur Tür herein, röhren brennende Ölfelder, fauchen lohgelbe Föhrenwaldbrände von Malibu her, steigen riesige, rundblähende Rauchmassen hoch.--