Inner city blues/vagina

31.01.2005 um 13:27 Uhr

logbuch lautumbruch

von: hibou

km11,5

auf dem weg zur eva. ich muss zur monatsabrechnung in die büchsenstraße. an der kasse wartet vor mir herr aydogdu, mein alptraum. er hatte ein jahr lang unter mir im keller gewohnt. er lieh sich zu jeder tages- und nachtzeit bier und margarine von mir. die margarine geriet ihm in der bratpfanne in brand, und sein kellerzimmer mit. oft brach er seine eigene türe mit dem kuhfuß auf, weil er die schlüssel verloren hatte. sogar nach seinem rauswurf bat er mich ab und zu, ihn doch im flur schlafen zu lassen. heute sah er gepflegt und nüchtern aus. hallo! aber mehr lieh ich ihm nicht. ob gott existiert? vermutlich schon, denn er konnte arabisch, seinem propheten den koran zu diktieren. es ist gar nicht so leicht. der lautumbruch bei den verschiedenen pluralformen! suk-aswaq, dukhan-dukakin, tadschin-tudschar!!! wer sollt das erfunden haben. es gibt ihn. die evangelische gesellschaft aber sucht ihn noch immer. beim stehbäcker spielen die bedienung und ich mit unserem lächeln ping-pong sie ist hellblond, bronzehäutig, hat weißgrünen lidschatten und heißt hülya.

29.01.2005 um 14:17 Uhr

logbuch: zeichen und substanz

von: hibou

km 7

wieder einmal einen mittag im marktcafé. biofein! eselsmühle! und „le città del vino“ sagen die fahnen, schilder und plakate. ich trinke roero aus dem piemont. mit dem wein die gegend gleich mittrinken? zum ersten mal bekomme ich eine italienische zwei-euro-münze zurück. was ist daran italien? das material ist in allen dasselbe, die münzen müssen nicht einmal unbedingt in italien selbst geprägt worden sein. aber das profil dantes überträgt unmittelbar die „italianità“. was die überlegenheit des zeichens über die substanz und selbst das bild beweist. was also ist piemontesisch an meinem glas weißen? ich kaufe anschließend noch ein halbes pfund gemahlenen esels und ein stück raclettekäse, und stolpere zu guter letzt über einen knoblauchzopf.

28.01.2005 um 10:47 Uhr

logbuch 2 - enduring freedom

von: hibou

km 5,5

königsstraße. vor den jonischen Säulen der alten börse sind zwei große kranwagen aufgebaut. „tauben-abwehr“ ist auf die hydraulischen hebebäume lackiert. massive mittel sind das, technik wird gegen die ratten der lüfte aufgefahren. das erinnert an das unternehmen „enduring freedom – against shit“. mir ist etwas taumelig zumute. ob das die laue luft macht. die ersten gäste sitzen auf den terrassen des schloßcafés. ein paar schritte weiter ist die zu restaurierende stiftskirche ähnlich wie das brandenburger tor von einer riesigen aol-werbefläche verhüllt. die erneuerung des baues wird zu guten teilen aus den werbemitteln bezahlt, die dadurch in die kassen der kirche gespült werden. das wäre doch eine lösung auch für marode theater und zu errichtende antifaschistische großdenkmäler. sie einfach vollkommen mit werbeflächen zu verhängen. hier ging ich vor kurzem mit meinem onkel entlang. oder war es ein nennonkel? er hatte kehlkopfkrebs im endstadium. unterm kinn haben die operationen ein großes loch gelassen. nun saß er an bord des flugzeuges, das in einen südkolumbianischen vulkankrater gestürzt ist.

26.01.2005 um 12:32 Uhr

Marburg: das war einmal... jetzt: auf nach Stuttgart! Das Logbuch beginnt

von: hibou

km 3,2

am tisch sitzt ein taubblinder, ein jüngerer mann mit lichtem haar und unruhigen bewegungen. seine begleiterin tippt ihm eine zeichensprache in die handfläche, recht flink, streicht bestimmten fingern entlang, macht kreuze und haken, tätschelt dann zweimal schnell - neues wort? korrektur? bejahung? was es alles für sprachen gibt. ein lebendiges keyboard mit entertaste...... er antwortet mit unartikulierten lauten, die wie von unter wasser aus ihm hervortönen. sie versteht ihn.

 

24.01.2005 um 17:10 Uhr

7. Too much of nothing

von: hibou

Seither sind Jahrzehnte vergangen. Ich hatte überall anders gelebt, war zweimal geschieden und hatte drei erwachsene Kinder. Eine Romanezza erzählte mir auf einer Einwohnerversammlung des Hamburger Karolinenviertels von den alten Zeiten am Südbahnhof. Anna traf ich eines Sommers als Bavaria-Groupie in einem Giesinger Biergarten. Sie war jahrelang in Goa gewesen und hatte dort ihr Gedächtnis gelassen. Von einer Verlobung wusste sie nichts. Günter war an einem Vorhauteinriss mit folgender Infektion gestorben. Franziska sammelte georgianische Möbel. Die Zwillinge hatten zwei Professoren geheiratet, Engelchen war leicht geliftet.
Ich habe oft versucht, zurückzukehren. Das eine Mal hatten wir Lokschaden und mussten in Gießen bleiben. Das andere Mal war die B3 wegen Hochwassers gesperrt. Im Jahr darauf hatte ich die Fahrt fest vor, bekam aber kurz davor Angina.
Vor kurzem ist es mir gelungen. Eine Nacht war ich da, doch für die Katz. Auf dem Frauenberg breitete sich ein riesiges Klinikum aus. Der Krekel, wo immer die Wagenburg der Sinti und Roma gestanden hatte, war einem Baumarkt gewichen. Die Innenstadt glich, frisch saniert und poliert, Rothenburg ob der Tauber. Weidenhausen und die Armenhäuser lagen schräg unter der Stadtautobahn. Die Beringwerke betrieben jetzt Genforschung. Der Walfisch hieß „Zur Traube“. Eine verwirrte Kirchgängerin singsangte mir „Jesus, meine Zuversicht“ ins Ohr. In den Straßen wimmelte eine unbegreiflich fremde Bevölkerung. Hatten wir die gezeugt? oder woher waren sie gekommen? Zu allem Überfluss zertrat ich im Dunkel meine Brille. Das war aber Zeit für ‘ne neue, sagte später der Optiker. Damit werden sie in Zukunft viel besser sehen können.

23.01.2005 um 10:54 Uhr

6. Sine Sine

von: hibou

Unsere Zeitung hieß Sine Sine, die radikale Mitte, ein Quartblatt in Foto-Offset hergestellt. Der Drucker wollte bei jeder Nummer hinschmeißen, so oft und so spät disponierten wir um. Ich war Anzeigenleiter, die Clichées stellte ich selbst her: Besohlei Schumachermeister Sütterlin, Kammer-Lichtspiele, Parterre 1.60, Rang 2.50, Ne scharfe Sache: Willes Paprika!, Studenten treffen sich in der Milchbar Garbelotto, ...und abends in die „Eden-Bar“!, The Original Five Blind Boys Of Mississippi, Mit LUST ins Parlament!, Nicht nur nach 1 Uhr: in den Wal ...... Bei studentischen Wahlen gab‘s ganzseitige Anzeigen von der HSU, dem SDS, dem RCDS, der Lust-Fraktion. Bohl und die Korporierten überzogen uns mit Prozessen. Ehrabschneider!, das Wort mussten wir nachträglich schwärzen. Opitz versorgte uns mit schrägen Grafiken und Siegfried Pausewang schrieb sein Gedicht von der dunklen Kuh. Ich kann’s noch heute. "Das gelbe Laub erzittert/in einer dunklen Kuh/ die hält sich mit Puder und Quaste/ den faltigen Hintern zu...". Einmal im Monat hieß es legen: In der Redaktion am Schneidersberg trafen sich alle zu später Stunde und wir liefen rund um den Tisch, wo die frischgedruckten Stapel aufgereiht lagen. Eine Runde - eine Nummer, abheften, fertig. Wir hatten uns von den hochglänzenden "Marburger Blättern" abgespalten, weshalb die Hälfte der Artikel Insiderfehden waren, die natürlich im Walfisch mit den Kontrahenten hitzig vorbesprochen waren. Monatlich wuchs unser Defizit. jede Nummer war ein Schwanengesang. Am nächsten Tag würde Schreiverkauf auf der Mensabrücke sein, dort, wo ich mich mit Anna verlobt hatte.

22.01.2005 um 21:49 Uhr

5. Spiegels Lust

von: hibou

Die kurzen Sommernächte sahen uns auf den Wiesen, eine hingelagerte Gruppe beim Wein. Über mir die Haare der Berenice, nahebei kaum hörbare Worte, unsichtbares Lächeln, glosendes Feuer. Einige repetierten "Next time I'll sing to you" von Saunders, Günter dozierte, Verena hatte die Geige mit, Franziska hielt sich mit ihrem Freund abseits, Glühwürmchen gab‘s keine, Geräusche kaum, die Autos parkten im Waldsaum. Schüchtern küsste ich eine der Zwillinge, war es Babs, war es Milli? Sie hielt mich fest und schwieg. Selbst der Duft des Nackenhaars verriet das Geheimnis nicht. Es war in Spiegelslust, am Frauenberg oder bei den Dammmühlen oder am Elisabethbrunnen oder hinterm Schloss, wo wir später in der falschen Richtung die Einbahnstraße nach Hause nehmen würden. Wir fanden in ein Traumbewußtsein, unangestrengt, ohne Ortssinn, ohne Folgen. Solche Freundschaft verlorst du fürs Leben. Erinnerten wir uns daran? Verabredeten wir uns? Wo waren wir? Die Nacht, silbern und makellos, ohne Gesicht, gelassen hütete sie ihre Adepten. Verweile doch, du bist so schön.

21.01.2005 um 19:24 Uhr

4. Die Mensabrücke

von: hibou

Wir waren jung und wir waren Jahrhunderte alt. Wir studierten. Uns gefiel das Bild der Alma Mater, an deren Brüsten wir hingen. Wir warfen mit Steinen. An der äußersten Kante der Avantgarde. Mittags die Vollversammlungen und nachts die Rekapitulationen. Dazwischen lag die Mensabrücke. Auch im Kino waren wir frühabends noch gewesen. James Bond lehnten wir scharf ab, das war postfaschistische Volksverdummung! Wir liebten Sergio Leone, Franco Nero, Klaus Kinski als Pokerspieler, für eine Handvoll Dollar für eine Handvoll mehr. Dann ein Senfei oder eine Boulette, und unter den Sternen über die Brücke, die heisere Stimme Rudi Dutschkes hing in der Luft. Wir grinsten über Fritz Teufels erigierten Penis – mach ma‘ klein! hatten die Kommunekinder gerufen - und unter uns, da waren sie: Lange gewesene Welten, sibirische Lager, Dekabristen, Indios, Hereros, Baumwollpflücker, der Zug der Armenier, Kamenew, Janis Joplin, Angela Davis – und ein nomadischer Teppich von samtenem Flor, auf dem Damhirsche weideten und Lotosblüten sich öffneten. Die beiden Typen in uns trennten sich mitten über dem Fluss. Einer ging und tippte Statements in die Schreibmaschine: ... Verständlich wird dies nur unter Aspekten, die man gewinnen kann, wenn man die Prämissen wandelt, auf denen fußend man eine solche Analyse gewinnt....., der andere trieb auf dem Teppich, nackt, die Glieder kreuzförmig ausgestreckt, die Lahn hinunter und weit über die Mündung hinaus.

20.01.2005 um 14:08 Uhr

3. Biotop

von: hibou

Oft nutzten wir Michas Zimmer, es war das größte. Meistens waren keine Briketts mehr da. Auf der korinthischen Holzsäule saß der große Teddybär. Die kalten Roth-Händle-Rauchschleier hingen noch unterhalb des Kapitäls. Wir ließen uns auf Bett und Polstern nieder. Der Boden war mit Schallplatten übersät. Auf dem Plattenteller: Under the Boardwalk. Wir sahen kaum, wie am Fenster über dem kleinen Kanal Martina sich auszog. War sie nicht grade vom Mediziner-Fachschaftsball gekommen? Ja, wir hatten alle drei mit ihr getanzt. Reihum. Schon dreimal war ihr ein Fahrrad geklaut worden, so dass sie es jetzt bei uns im Hinterhof unterstellte. Das Testbild flackerte und schnarrte laut und rauschte dann grau. Der Morgen graute auch. Kurz entschlossen sprangen wir auf, Micha zog das Kabel, ich öffnete das Fenster und Günter warf den Fernseher im Bogen in den Kanal. Die Algen sollen ihn fressen! Martina hatte uns zugesehen, hing im BH am Fenster, die Augen tellergroß, lachte. Ihre Brauen trafen über der Nasenwurzel zusammen.


19.01.2005 um 11:18 Uhr

2. Frühe Kämpfe

von: hibou

Der Weg vom Wal nach Hause führte, erst einmal am Louisa-Bad vorbei, durch ein Niemandsland von Brauereigebäuden. Links am Berg hingen die Wintergartenterrassen des Café Vetter wie Lamaklöster in der bleichen Luft. Wir beschrieben Schlangenlinien auf dem Bürgersteig oder gingen zu dritt nebeneinander auf der Straße. Natürlich waren wir Kämpfer der 129. oder der XI. Internationalen Brigade –„mourir à Madrid“-, natürlich Kommandanten: „El Lobo“, General Kléber oder Maté Zalka. Wir sind gekommen, dich zu verteidigen, als ob es die Hauptstadt eines jeden von uns wäre! sagten wir. Madrid an der Lahn schwieg. Nur die Vögel sangen schon im Holderbusch. Der Weg war hell, unsere Kommandos hingen wie Spruchbänder der nahen E-Kirchen-Altäre in der Luft. Trocken sagte der Bauzaun neben uns: No pasaran! und: Kilroy was here. Unsere Zimmer, Nr.36,37,38, lagen im Haus übern Hinterhof am Kanal. Es war einmal ein Puff gewesen. Die Stadt schlief. Wir hatten noch nicht genug.



18.01.2005 um 16:36 Uhr

Kehre wieder!

von: hibou

1. Im Schwarzen Walfisch

Günter, mit seinem Dreitagebart und den dicken Brillengläsern, die stets beschlugen, wenn er gegen zehn vom Kino kam – er sah dann einer eben dem antarktischen Meer enttauchten Robbe sehr ähnlich – war unser Chefideologe. Bernd, spitzmundig lächelnd, und seine Dorit im Pfeifenrauch, Anna, die mit seifigem Gesicht nach ihren entfallenen Kontaktlinsen suchte, der lange Hans, Christoph im beigen Blazer, Franziska ganz durchsichtig scheinend, Micha, der Fassbinder-Cowboy und Verbalanarchist, und ich am Stammtisch. Immer um fünf Minuten vor vier legte der Wirt „Spanish Eyes“ auf. immer wartete er stumm, bis gegen halb fünf der Letzte von uns heimzog....

den Rest vom Walfisch hier in der Kneipenserie...

 

17.01.2005 um 12:12 Uhr

Reisen? Jawoll.

von: hibou

 

          "Und wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause" (Novalis)

 

Reisen? Jawohl. Weil kein Weg aus dem Leben herausführt.

Aber reisen kann man erst, seitdem es Bücher oder zumindest Notizen gibt. Denn wer Wasser holt oder das Vieh heimtreibt oder vor serbischen Milizen in den Wald flieht, reist nicht. Es ist also ein Phänomen des Mindestabstands zu sich selbst. Dagegen spielt die äußere Entfernung keine Rolle. Vom Aufmerksamkeitsniveau her kann eine Fahrt mit dem Bus in die Stadt manchmal mehr Reise sein als eine längelang durchs Land. Vom Ziel her wird sie gleichsam in die Gegend projiziert. Mit der umwerfenden Erkenntnis natürlich, daß dieses Ziel von Anfang an schon in mir ist. Wohin reise ich also?

Durch Reisen können wir jederzeit Raum in Zeit und ganz geräumig Zeit in Raum verwandeln. Mittels Erinnerung vermögen wir dabei sogar die Wege fast beliebig zu dehnen und zusammenschnurren zu lassen. Ja im Moment der Entstehung von Erinnerung wird konsequenterweise das ganze Leben zur Reise. Freudiges warten auf den Zug. Quälendes auf den Tod. Durchgangsstationen beides.

Traumreisen. Wirklicher als der Tag.

Yogareisen. Der Bahnhof als Konzentrationspunkt in der Mitte zwischen rechtem Auge und Innenohr. Und dann sich von sich selbst wegheben. Schädeldecken können das ebensowenig verhindern wie Zeitwände, beide werden sie bei genügend Reiseerfahrung durchlässig.

Reisen in Büchern, lesend - oder schreibend. Wie schnell ist man abgeschweift, vom Weg abgekommen, in Irrgärten rückwärts gewandert, am Ausgangspunkt angekommen. Aber auch die weißen Flecken hat man dabei Schritt für Schritt, Wort für Wort, entdeckt, ausgemessen, sich angeeignet. Legendenbildung: lesend lese ich mich, schreibend schreibe ich mich selbst. Gedankenclaim abgesteckt. Gefühlszone erspürt. Achtung! Sie verlassen hier den männlichen Sektor! Oder: Willkommen in Phantasien! Ohne Reisen keine Mythen, keine Erzählung. Die Suche. Das Mitbringsel. Tausche Erfahrung gegen Einbildungskraft. Grenzgängerreisen. Ideenschmuggel.

Schreibend tue ich gut daran, Markierungen und Zeichen zu setzen. Für den Fall, daß ich mich in meiner Handlung verirre. Leser und Leserin vermögen mich so einzuholen und mir zu Hilfe zu kommen. Leser entdeckt Autor. Zwischen den Zeilen hat er sein Zelt errichtet, und wenn Du erscheinst, taucht er womöglich just die Feder ein, eine weitere Strecke zu erfahren.

17.01.2005 um 12:09 Uhr

Reisen, jawoll! weil kein Weg aus dem Leben herausführt...

von: hibou

Von heute ab geht es auf Reisen. Tamam mı? Kommen Sie mit? Waer schön. Macht mehr Spass. Bitte.

Es geht los in Marburg/Lahn. Von da nach Stuttgart - Wien - Venedig - Kassel (hört hört!) - Paris. Von da an ists noch unbestimmt. Entweder Sizilien oder der Golan oder Dortmund Hörde?

Die sieben Sachen gepackt. Und los

16.01.2005 um 17:10 Uhr

Die Bremer Stadtmusikanten 1991

von: hibou

 

Al-Kamis in derselben Imbißbude. Er bestellt nen halben Hahn. Sandra klappt die Warmhaltebox auf, sticht mit der Gabel in den zu oberst liegenden Grillhahn, legt ihn auf ein extrem fettiges und krümeliges Brett und sägt ihn mit dem Elektromesser mittig durch, gibt ihn in eine Tüte und wickelt das ganze noch in ein Blatt Zeitungspapier. Auf der einen Seite stehen Todesanzeigen und Glückwünsche, auf der Innenseite ist zu lesen: "dpa Sept. 91. In Ostalgerien ist eine Preisexplosion auf dem Eselsmarkt zu verzeichnen. Der Preis für ein Exemplar ist von 300 Dinar auf bis zu 8000 gestiegen. Der Preisanstieg geht auf ein plötzliches Interesse von Pferdehändlern zurück, die jeden Esel kaufen, den sie kriegen können. Einige Algerier vermuten, die Esel würden in Europa zu Hunde- und Katzenfutter verarbeitet. Andere spekulieren, die Tiere endeten als Salami. Eines ist jedoch sicher: die Haschisch-Schmuggler an der algerisch-marokkanischen Grenze haben einen großen Bedarf an schlauen Eseln, da diese allein die Grenze überqueren und zurückkehren, wenn sie einmal an eine Strecke gewöhnt worden sind."

Al-Kamis zahlt, nickt und geht. Er trägt zwar eine Brille mit dicken Gläsern, liest aber nur selten. Seine viele Zeit, die er hat, teilt er zwischen dem Besuch von Fitness-Studios und dem Fernseher, wo er mit Vorliebe Blind-Date-Shows betrachtet.

15.01.2005 um 10:38 Uhr

Hein Köllisch-Platz, Pathos, Megaphon

von: hibou

Du bist erst am Anfang. Und schon gar nicht mit der Welt fertig. Hör Dir zu. Newton? Schwerkraft? Heute nicht. Es ist, als ob Du schwebst....Einmal schwor auch Darwin der Kiemenatmung ab, kroch an Land, die Royal Society vor Augen. Mensch werden. We are not amused .Klar gibt es widerstandsfähige Seelen genug. Glück? ist ein Fallschirm und Du hältst die Reißleine in der Hand und die warme Luft drückt ganz genau Deine Gesichtszüge der Atmosphäre ein!

Unsere Spuren, bevor sie ganz verwischt werden, zu lesen, kommen wir auf sie zurück.

Schreib in die Erde in den Sand, meinetwegen aufs Pflaster.

Glaub den Idioten nicht, die ihre Kampfhubschrauber nach den Stämmen benennen, die sie verfolgten und ausrotteten. (Wieviele Kosovos lagen im Wilden Westen? Wer nannte das Indianersterben "humanitäre Katastrophe"?) Splitterbomben zu Sektgläsern! Tarnanzüge zu Tangas & Tops! Cruise Missiles zu Lippenstiften. Krieg ist Porno müder eitler Männer, die nur noch dank Raketentriebwerken einen hochkriegen!

 

Lächle erst wieder, wenn Du die Träume der Nacht ausgesprochen hast. Sprich aber mit Zwölf-Zoll-Nägeln.

 

Kleine Blumen. Eisenteile. Hoffnungen. Um die Ecke Carl Hagenbeck. Die Krümel in meiner Tasche und wenn ich darüber nachdenke bin ich ganz in den Fingerspitzen. Huskie Cem. Ein Auge blau. Lila Milka Himmelskuh. Zwei Wolken weiß und die Striche am Himmel. Dürfen die das? Als wir bei Hermine unter Rosen saßen. Die Leuchtreklame wo sie von meiner Seele berichten. Deine Brüste sind auch Blumen, weißt Du? Nur dass sie nach innen erblühen, sie brauchen keine Sonne wie die Lilien, sie gehen auf, wenn wer sie berührt. Sanftmut in den Docks. Leidenschaft der Barkassen. Schleusenwärter schlief. Obolus versank im Schlick. Afrikakai. Sansibar. Mers el Kebir. Inneres Übersee. Kolonialwarenhändler an der Straßenecke. God is a rumour.

 

Dein Vater setzte vielleicht die Tür unter Strom, damit ihn die Bullen nicht faßten? Deine Mutter war Ärztin aus Jerewan und wohnte im Interrast mit der Familie in einem einzigen Zimmerchen? Jetzt läßt sie sich den Mut nicht nehmen, mal einen Sekretärinnenjob bei der Gesundheitsbehörde zu kriegen? Jeden lieben langen Tag beginnt sie mit einem stummen In-Sich-Hineinschauen? Komm, sagt die Beratungsstelle. Kopf hoch sagt der Therapeut. Verehrte Damen und Herren, guten Morgen!, der Fernsehsprecher. An der Nordseite der Schneeberge müßte St.Pauli liegen, ihre Erinnerung. Tat Twam Asi, ihre Gebetsmühle. Suppenliebe! ihr Supermarkt.

 

I just want to tell you I'm always behind you. Please hold me even when you're down. I love you  just as you are...I'm your flipping fucking little silly daydream mainstream sunlight moonfright moanweight baylove toontowngroove man and woman childish queaky happening badly hurting chilling dawning yawning blessing blissing mindhurter...

 

Innehalten. Einmal mit dem Denken aussetzen. Zurück zum Start. Neugeboren sein, wer wär's nicht. Gerne vergessen wir wo wir allzu vermessen. Endlich annähernd verzeihen. Keinen Neid auf Kaisers Neues Kleid. Leidsucher Leidlöscher. Oder es ganz langsam mildern, vielleicht jeden Tag einen Hauch eine Spur einen Millimeter ein Jota eine Unendlichkeit von Immer?

13.01.2005 um 15:38 Uhr

Sascha auf der Parkbank

von: hibou

Von Ferne sah sie immer aus wie in Seidenfäden eingesponnen .Absolut reglos saß sie da, und doch hatte ich immer das Gefühl, sie sei im Innern ganz von pulsierenden Geheimnissen durchzogen. Seit ich nun in X lebte, hatte ich sie eigentlich bei den meisten meiner Spaziergänge dort auf der Parkbank sitzen sehen, den Rücken dem scheußlichen pseudochinesischen Grillpavillon zugewandt, die Augen das Nichts fixierend. An einem dieser Tage werde ich sie ansprechen, ja, von Frau zu Frau, doch heute vielleicht noch nicht, ich gebe uns die Zeit, miteinander als geographisch markante Spots im Geschehen dieses öffentlichen Raumes vertraut zu werden, als Fixstern und Komet des Orangerie-Planetensystems sozusagen.

Ihre toupierten Haare! Erinnern mich an die jungen Filmsternchen in „The Blow Up“, an Jane Birkin...oder an Nina Hagen in den Zeiten unbeschwerter Schrillheit. Gekleidet ist sie allerdings eher wie eine der Spätaussiedlerinnen aus Kasachstan...

Was sie wohl denken mag?

 

...Irgendwie ist alles so zu in unserer Welt...

...weißt du, Fred trägt manchmal unmögliche Sachen, karierte Hemden, so grobkarierte...

...und was sie nicht begreifen, ist, daß ein Partner nur bestimmte Ausschnitte abdecken kann, andere werden von anderen Leuten unter Umständen...

...muß mal heut den Dildo von Angela ausprobieren...

...grün mag ich gern, doch, ist echt geil...

...Niko hat so ne geballte Kraft - auf dem Spielplatz schuckt er die anderen Kleinen um...

...einmal täglich in Park gehen, und sonst hängst du fest...

...ach, es geht doch darum, daß die Kids untereinander damit fertig werden, die müssen sich austoben,       wo sollen die das denn sonst?...

...hab ich im Aktzeichnen kennengelernt...

...und der Sellerie brennt mir fast immer an...

...es ist ätzend, wenn sich dann die Mütter angiften...

...in welchen Film? Beautiful Girls soll gut sein...

...hab so ne Sehnsucht nach Ausgehn...

...ich könnt sterben für Lackschuhe!!!...“                                                                    

                                                                                                         

12.01.2005 um 19:36 Uhr

De Sousa

von: hibou

De Sousa konnte, wie außer ihm vielleicht nur noch seine Tante Amparo, alten wie jungen Leuten den Zeitpunkt ihres nahen Todes ansehen. Auch auf kerngesunden Wangen. Es gibt offensichtliche Fälle, bei denen selbst wir das könnten, sagen wir Anna Oppermann oder unsere Annette vom „Stay alive“, die meisten Todesaugenblicke bleiben uns aber tief verborgen.

De Sousa war mit den Jahren darüber immer schweigsamer geworden.

Frühling. Die braunen Knospen der Felsenbirne strecken sich erst beträchtlich in die Länge, haben die samtene Tönung der Innenhaut von Edelkastanien angenommen, bevor sie sich zu Grün entfalten.

De Sousa sitzt noch im Café drin, die Türe steht aber schon auf, damit die laue Luft zu den Gästen gelangt. Keiner beachtet ihn. Ansonsten gibt es Melodien aus Afrika, ein Schwirren vieler Sätze, dann die Stimme Louis Armstrongs, Schlagzeilen, heißen Amaretto mit Zimt, Schalen Milchkaffee, Amaryllis nebst Schleierkraut, Cosmopolitain und Spex, ein Nein ohne Nachspiel, Zigarillos light, rasselnde Geldstücke im Telefonautomaten, die Klospülung im Zufallen der Tür (die Feder knarrt), Kichererbsen, Plakate, Gratispostkarten, Riffs, Wandsprüche, die Quote für Damenfahrräder, Schweiß- und Parfumwolken, eine flache Hundeschnauze auf Parkett, gelbe Halstücher und noch vieles mehr.

11.01.2005 um 16:32 Uhr

Leo und Locke

von: hibou

Auf dem Platz des Nachbarschaftsheims, in der Hitze und mitten im Gewimmel, nicht weit von der Stelle, wo sie sich einst getroffen hatten, erwischte ihn die Kugel. Leo stand dicht dran, sie hatte das Geräusch kaum gehört. Scheiße, die Welt hat sich um 90° gedreht, auch die Erinnerungen! Warum fallen die nicht?

Romeo loves Juliet! hatte an der Mauer der Handelsschule gestanden. Subway, und wie Elena und Fred aufeinander zu, und ihre Augen in der Menge! Darum ist man nun zusammen im Kino gewesen, um hier auf blutigen Klischees in Staub und Pappelflaum zu liegen...

Weißt du noch, wie wir auf dem schmalen Holz übers Wasser balancierten? Und wenn du mir die Haare schnittest, sitz doch mal nicht so schief, und die Nacht im Gewitter und wir naß und lachend wie die Müllsäcke an die Wand gekauert? Mein Gott, denkt Leo, er ist noch ein Junge, die Augen und diese Handbewegung! Wie er sich immer duckte, um mit mir auf Kußhöhe zu kommen!

Christin hängt schon am Telefon, sie hat sich’s aus dem Fenster reichen lassen. Mustafa schreit, gestikuliert.

Von dem Schuß erschreckt stieben die beiden Sippen auseinander, Frauen schnappen sich ihre Kleinkinder wie Staffelhölzer, die Stöcke und Eisenrohre liegen wieder auf der Erde.

Goldzähne, Wehklagen, Messer, Erinnyen, Christins Haar so blond wie Leos, einen Tick weißlicher vielleicht

Leos Stimme ist im Schock noch tiefer geworden, Sie kauert neben ihm.

Wir wollten doch gleich zu den Gefangenen fahren...ich will dir ‘ne neue Jeansjacke aussuchen...eingekauft haben wir noch nicht und morgen ist Sonntag...ich hab noch so viel vor heute...DOOF BIST DU, WARUM LÄSST DU DICH TREFFEN ?...Ich will noch...

Sie ruft's fast übern leeren Spielplatz.

Jetzt nicht, sagt Locke unhörbar.

Er ist mit dem Atem am Ende.

Dabei ist kaum eine halbe Minute vergangen.

 

08.01.2005 um 21:23 Uhr

Geburt, Tod

von: hibou

Vor Jahren, sagt Inge hinterm Tresen, setzte ich mich in Lokstedt immer draußen hin in die Sonne, während ich auf meine Wäsche wartete. Die anderen Frauen machten den da - sie zeigt schnatternde Bewegungen mit der Hand - das sind doch alles Verbrecher, Terroristen, da am Hafen! Wollte mir ne eigene Meinung bilden, ne, also ging ich, nachdem ich mir was anderes angezogen hatte.....wa? - na, ich konnte da doch nicht im Räuberzivil erscheinen!...also ging ich eines Tages zur Hermine hin, setzte mich da ganz in die Ecke beim Fenster und machte Mäuschen. Tja, und heute mache ich jeden Dienstag früh Schicht mit Simone, so geht einem das, gehöre zum Inventar!

Birgit kriegt sich vor lachen kaum noch ein. Sie will einen Bericht für ihr Blatt schreiben. Wie sehn die den aus da unten? hatte ihr Redakteur gefragt. Na, so wie sie ungefähr, hatte sie geantwortet, bloß ohne Bart und ein bißchen gepflegter. Seine Birne hättet ihr sehen sollen!

Kuck da, unser Jüngster, sagt Leo, grade zwei Wochen alt, sein erster Ausgang. Wollte nicht selbst kommen, Kaiserschnitt, schade. Bald geht der Vater mit dem umgeschnallten Säugling wieder. Hannelore wartet auf ihr Interview, sie sitzt drüben an den Tischen, liest eine Rudolf Steiner-Monographie, macht sich Notizen. Astralleib?.

Ernesto, der auch befragt werden soll (sag was zu den türkischen Hochzeitsfeiern!) ist noch nicht da. Er steht an der Ecke der Balduintreppe und mustert Kuddls Kreuz, schaut das Foto an, liest den Text: Ein paar Zeilen für Kuddl/ der schon gegangen ist...

Richtig, daß das Kreuz so niedrig ist, denkt er. man geht für einen Augenblick in die Knie.

War ne laue Luft heute, und ne Minute Sonnenschein.

Mein Gott, ist die Hermine voll! Da sitzt Klaus mit nem Fischbrötchen. Er hat sich nicht ergeben, und obwohl er andere Ansichten hatte, gehörte er zu uns, war Mitglied des Kollektivs Hafenstraße.

Jetzt hast grade die Grabrede gehalten, Klaus, sagt Inge.

 

07.01.2005 um 18:46 Uhr

Vom Lautsprecherwagen des Schwarzen Blocks Hamburg.....Mönckebergstraße 4.12.93

von: hibou

 

Hallo Mensch! Hier sind ein paar Schmährufe gegen die Kälte, die Nässe, die Trübe, die Gleichgültigkeit! Gegen den Haß, die Verachtung, die Dummheit! Gegen den Zombie in uns.

Für die Wut! Für den Zorn! Für die Hartnäckigkeit! Für das kleine Fünkchen, das uns noch bleibt.

 

Hallo Einkäufer! Wie verführerisch glitzert Dein Tempel Einkaufszentrum! Einst brachte man den Götzen Gaben, heut mußt du sie dir kaufen. Merkst du, wie du sie dem schwarzen Loch Frust in dir, dem nimmersatten, opferst? Laß nach! Hau wech den Scheiß!

 

Hallo Inländer! Warum hast du Angst vor deiner vielfältigen inneren Landschaft? Doch, hast du! sonst würdest du nicht Andersartiges nach außen abschieben, um es hassen zu können. Gleichartigkeit macht einsam! Was anders ist, macht dich reich!

 

Hallo Einwohnerin! Grund und Boden, Dach überm Kopf und Raum, dich zu bewegen sind Allgemeingut wie die Luft zum atmen! Oder kriegst du Leib und Leben von Saga und Senat zur Miete und wirst rausgeekelt, wann immer sie das wollen? Also: laß dir nicht länger einreden, Stadt und Land könnten flickenweise verkauft werden! Entfaltung im Lebensraum ist Grundrecht!

 

Hallo Nachbarin! Bist du ein Rädchen, vom System an beliebiger Stelle eingebaut, um dort zu funktionieren? Sollten wir nicht in freier Verantwortung und uns zum Nutzen zusammenleben, arbeiten und feiern? Zusammensein wärmt! Auch wenn’s abnutzt.

 

Hallo Senator und Bürgermeister! Du zeigst mit dem Finger auf Störtebeker und rufst: Pirat! Aufwiegler! Damit keinem auffällt wie du die Stadt kaperst! Mit Gewalt erzwingst du deinen kalten Frieden! Und nennst ihn Gemeinwohl. Wir wollen dich nicht.

 

Hallo Staatsdiener! Man wird dich einmal fragen, wie du gehandelt hast. Ist die Droge Gehorsam wirklich so süß? Entscheide selbst, was du tun willst! Wirf den Knüppel weg und auch die Formulare und Weisungen! Staatliche Repression ist nur die gehässige Rache derjenigen, die ihre Zukunft bereits hinter sich haben. Werde autonom!

 

Hallo Liebhaber! Die Würde des Menschen ist unantastbar! Die Schönheit des Menschen ist zwar berührbar. Aber frage zuerst! Menschen soll man nicht kaufen. Laß dich nie von Macht und Brutalität aufgeilen. Liebe heißt nicht, eigene Lust befriedigen. Lieben heißt freilassen!

 

Hallo Mensch! Schon fast aus Gewohnheit lassen wir uns von Sachen und Zwängen fremdbestimmen. Laß dir nicht von Medien, Vorsagern und Autoritäten einflüstern, was du zu fühlen und zu denken hast! Das einzige Gesetz des Handelns liegt in dir.

Aber es will entdeckt werden.

Also: sei du selbst!

                                                                       E.Pifanie, Genossenschaft Hafenstraße