Imbiß Veddel
Wenn Marie nach dem Einkaufen die Trommelstraße hochkommt, oder wenn sie grade mal wieder vergeblich nach einem Parkplatz für ihren roten Transit ausspäht, sieht sie des öfteren eine mittelgroße junge Frau in Richtung S-Bahn gehen. Diese hat einen sehr geraden Gang, freie Schultern, einen wachen Gesichtsausdruck, unbedecktes langes blondes Lockenhaar, daß sie zum Pferdeschwanz gezähmt hat. Marie weiß nicht, daß sie eine von zwei Zwillingsschwestern sieht, meistens ist es Sandra, die in einem Imbiß auf der Veddel arbeitet. Was wir nicht könnten: sie kann sich manchmal ohne Aufhebens von ihrer Schwester vertreten lassen, denn Sonja hat tagsüber frei, sie macht Tabledance im "Tabu".
Endlich, eine freie Parklücke. Eine Stunde gesucht! Zu der Zeit betritt eine runde, kleine, kurzhaarige Frau mit ihrem Kinderwagen den Veddeler Imbiß. Das Rad der Karre bleibt an der Türschwelle hängen, durch das Gezerre verklemmt sich die Bremse, als die Frau sich bückt, um nach dem Hebel zu greifen, bleibt sie mit ihrem Wollrock hängen. Sie will ihn loskriegen und reißt sich aber dabei ein mittelgroßes Loch sowohl in den Rock als auch in ihre Leggins. Schwer atmend gelangt sie schließlich und endlich mit Karre und Baby in den Raum.
"Tag. Kotelett und 'ne schöne Cola bitte."
"Ist die Kleine denn wieder gesund?"
"Ja, auch kein Fieber mehr."
"Im Gesicht ist ja nichts zu sehen."
"Ja, aber am Po sind große offene Stellen zu sehen, das bleibt!."
"Na ja", sagt Sonja, "wir laufen ja nicht so oft mit nacktem Hinterteil rum, ne?"
"Schon, aber sie muß sich halt später Liebhaber nehmen, die sich untereinander nicht kennen."
Die Frau spricht ganz phlegmatisch, schneidet sich ihr Kotelett in Stücke, sucht die Worte, gleichförmig schiebt sie die einen in den Mund, die anderen daraus hervor.
