Inner city blues/vagina

06.01.2005 um 16:39 Uhr

Imbiß Veddel

von: hibou

Wenn Marie nach dem Einkaufen die Trommelstraße hochkommt, oder wenn sie grade mal wieder vergeblich nach einem Parkplatz für ihren roten Transit ausspäht, sieht sie des öfteren eine mittelgroße junge Frau in Richtung S-Bahn gehen. Diese hat einen sehr geraden Gang, freie Schultern, einen wachen Gesichtsausdruck, unbedecktes langes blondes Lockenhaar, daß sie zum Pferdeschwanz gezähmt hat. Marie weiß nicht, daß sie eine von zwei Zwillingsschwestern sieht, meistens ist es Sandra, die in einem Imbiß auf der Veddel arbeitet. Was wir nicht könnten: sie kann sich manchmal ohne Aufhebens von ihrer Schwester vertreten lassen, denn Sonja hat tagsüber frei, sie macht Tabledance im "Tabu".

Endlich, eine freie Parklücke. Eine Stunde gesucht! Zu der Zeit betritt eine runde, kleine, kurzhaarige Frau mit ihrem Kinderwagen den Veddeler Imbiß. Das Rad der Karre bleibt an der Türschwelle hängen, durch das Gezerre verklemmt sich die Bremse, als die Frau sich bückt, um nach dem Hebel zu greifen, bleibt sie mit ihrem Wollrock hängen. Sie will ihn loskriegen und reißt sich aber dabei ein mittelgroßes Loch sowohl in den Rock als auch in ihre Leggins. Schwer atmend gelangt sie schließlich und endlich mit Karre und Baby in den Raum.

"Tag. Kotelett und 'ne schöne Cola bitte."

"Ist die Kleine denn wieder gesund?"

"Ja, auch kein Fieber mehr."

"Im Gesicht ist ja nichts zu sehen."

"Ja, aber am Po sind große offene Stellen zu sehen, das bleibt!."

"Na ja", sagt Sonja, "wir laufen ja nicht so oft mit nacktem Hinterteil rum, ne?"

"Schon, aber sie muß sich halt später Liebhaber nehmen, die sich untereinander nicht kennen."

Die Frau spricht ganz phlegmatisch, schneidet sich ihr Kotelett in Stücke, sucht die Worte, gleichförmig schiebt sie die einen in den Mund, die anderen daraus hervor.

04.01.2005 um 19:56 Uhr

Chaos und Kosmos

von: hibou

Die Kassiererin aus Thüringen fragt beiläufig, aber freundlich: Na, wie geht's denn so heute? Muß ja, sagt der Kunde im anthrazitgrauen Anzug, und der Goldzahn blinkt, mussja, mussja!

Turm hinter Türmen von Dosen, Flaschen, Tetrapacks, Tüten, Süßigkeitenschachteln, Marmeladen- und Honiggläsern erstrecken sich bis zur Fata Morgana des spiegelnden Gemüsehorizonts.

Vorsichtig, in lockeren Verbänden, streifen Leute durch die Schluchten. Mit schlafwandlerischen Bewegungen greifen sie um sich und stapeln stetig neue , aber aus wildem Durcheinander bestehende Gebirge in ihren Drahtwagen, währenddem weißgekittelte Gestalten sogleich neue Türme in grün und rot klingelklirrend durch Klapptüren hereinschieben. Fortwährende fast lautlose Lebensmittelverteilung, nur ein wenig Einkaufsfunk und ein unpersönliches Funkeln kreisender Videolinsen. Kachelgoût.

Mittwoch Neunuhrfünfzehn in Ugigi, denkt Ernesto, der am Stehtisch Franzbrötchen kaut, Dr.Livingstone, I presume?

Die Kassiererin streift das Pfund Kaffee vor sich hin über ein leuchtendes Glasfensterchen und lauscht auf den Piepton. Was kosten die Bohne, Clara? Gleißendes Kunstlicht läßt alle Farben greller hervortreten. Wäre der Kosmos doch in lauter solch wohlgeordnete Filialen aufzuteilen!

 

03.01.2005 um 14:13 Uhr

Ausweichen ins Ottenser Labyrinth

von: hibou

Mein Gott, rast der da runter! Knallrote Proll-Karre, Breitreifen. Zeig ihm dein unwilligstes Gesicht!

Luftig klippern Absätze. Schöne Frauen gehen neben ihren stiernackigen Besitzern. Eine ebenso schnurrbärtige wie schwermütige Mundharmonikamelodie sucht sich ihren Weg durchs Schiebefenster ins Lokal.


In der Kneipe sitzt man in Gehegen. An der Wand hängt Menzels Flötenkonzert von Sanssouci. Draußen fährt jetzt ein Trecker mit schwarzer Fahne am Überrollbügel vorbei. Zeit, das Flugblatt für die Demo zu formulieren:

 

Uns stinkt's!

Boomt Hamburg? Dass es nur so kracht! Gefrässige Standortpolitik macht immer mehr unserer Lebens(t)räume platt. Arbeitslosigkeit, Armut, Abhängigkeit, Entwürdigung, Verfolgung und Not bedrücken immer mehr BewohnerInnen in dieser Stadt. Die Verantwortlichen, von keinen Wahlergebnissen berührt, ziehen abgehoben ihre Runden auf dem Selbstbestätigungs-Orbit. Wahnideen werden zur Wirklichkeit erklärt. Was wir brauchen? Weniger Machtspielchen. Mehr Poesie. Interesse am Anderen. Würde. Mehr Hingabe. Selbstbestimmung! (das Fettgedruckte haben die Veranstalter aus meinem Entwurf gestrichen)

Lasst das Unerträgliche nicht zur Gewohnheit werden! Kommt mit zum Rathaus!

 

Im Halteverbot parkt der schwarzüberlackierte Viehhänger des örtlichen Bestattungsinstituts. Zwei fröhliche Angestellte bringen eben das in weiß und rosa gehaltene Angebinde. Trauer wandelt sich in Wut. Aegi, wir vermissen dich! Schwarzlockige Köpfe, an den Brauen hitzig disputierend, schlendern vor Yildiz Videoshop vorbei. Ein blaugekleideter Betteljunge, barfuß und winzig, wird von der Kellnerin vertrieben. 'S ist nicht normal!

Kurt von der Strese-Ini, wie immer in seinem abgeschabten Jackett, erscheint von der einen, Ariadne, die Kommunikationsrakete aus Elmshorn von der anderen Seite. Sie hält einen Moment inne. Kann ich ihm vertrauen? Die beiden vollbepackten Tüten schwanken noch an ihren Händen. Frische Steaks, Retsina, ein Büschel Petersilie. Ein Gott hat sie verlassen. Wird es heute nachmittag regnen? Will mit meiner Schwester in' Jenischpark zum Picknick. Es hängt am seidenen Faden....

Anno winkt mir von der anderen Straßenseite aus zu. Na, biste St.Pauli untreu geworden?

 

02.01.2005 um 14:12 Uhr

Durchs wilde Kurdistan

von: hibou

 

Einen Tag nach der Wahl. Sonne und kalter Wind. Papier und angesengte Zeitungenflattern auf Platz und Straßen.

Schmaals Hotel hat nun eine zitronengelbe Fassade mit rot abgesetzten Fenstern. Ernesto schien es, er höre noch die Stimme durchs Megaphon.

Noch vor acht fährt die Bohrinsel "Jolair" mit Heimat Dundee ganz langsam stromauf. Weiß und Mennige und riesige, quaderförmige Beine.

Wenn da ne Barkasse durchwitschte! Hoch oben an der Ecke der Plattform drei Männer im Overall, nachdenklich über Wasser und Ufergebäude spähend. Did you get it, Charlie? We'll have a little breakfast and perhaps a chick. O fuck it, Stan. I'm sick about it. Just can't cope with them Reeperbahn-people. Beim letzten mal, noch mit der Silly Adventure, bin ich total versackt, es war da irgendeine Seitenstraße mit drei nebeneinander liegenden Bretterbuden, langer Schlauch, Juke-Box, schummrige Beleuchtung. An der einen Längswand die Theke, an der anderen die Bierkästen bis zur Decke gestapelt. Gedränge, glitschiges Linoleum, Grölen. Erinnerte mich sehr an Glasgow. Eine schöne Frau, die sich dann als Mann herausstellte. Ich kam im Rinnstein zu mir, besabbert und bekleckert. Naja.

Die Plattform schwenkt vorsichtig von der Stadt weg.

Der Schwerhörige, der die Bernhard-Nocht-Straße entlanggeht, greift sich ans Ohr. Dat Ding erstma einschalten. Sein Weg kreuzt den Ernestos, der eben über zusammengesetzte Worte nachdenkt. Kopfgeburt. Leibesfrucht. Schoßkind. Kniefall. ARSCHGEIGE. Vom Plakat kuckt der schmallippige Herr, der die Stadt regiert.

 

 

Ernestos Auge streift flüchtig einen Mann in dunkelgrauer Kunstlederjacke, der an Nr.6 klingelt. E.Hagedorn, Friseur, steht über dem Backsteinbogen, in den die Ladenwohnung eingelassen ist. Immer mal wieder mit Ölfarbe überstreichen, das rettet durch die Jahrzehnte...Der Mann drückt die Klingel. Maya. In der Zeitung hatte er ausgesucht: Asia-Girl, 19 Jahre, sehr klein, rasiert, mit viel Zeit, klingeln bei Maya.

Da geht Merima über den Platz, ängstlich, bleich, noch gewohnt, zu rennen. PAZI SNAIPER! Nachts schreit sie im Schlaf auf.

Zu sehen ist auch Frau T. Sie besucht eine kurdische Familie. Jedesmal legt die Mutter dann all ihren Goldschmuck an. Es gibt ganz dünnes frischgebackenes Fladenbrot, mit Butter und Petersilie, Gurken- und Tomatenstücken, eine Schale mit Kichererbsen, Kürbiskernen, Sonnenblumenkernen, Pistazien, Rosinen, Nüssen. Obst. Tee aus immervollen Gläsern. Die Wohnung ist ein Alptraum, aber belebt. Frau T. hat sich vorgenommen, streng mit den Eltern zu reden. So geht’s nicht weiter.

Ja, ich bin schuld, sagt die Hausfrau mit matter Ironie. Du hast auch Kinder? sie strahlt mit einemmal und legt der Lehrerin den Arm um die Schulter. Dilan ist einer unserer Namen. Die Türken wollen ihn nicht eintragen. Resigniertes Schulterzucken, tiefe, frische Stimme, Blick auf den Mann, für den sie da ist und der sie oft schlägt. Jetzt döst er auf der Couch..

Aus dem Radio gibt’s Hörerwünsche: Heute für Gudula von den "Poltergeistern"!

Gott ist tot/ und du hältst dich fest/ am letzten Rest der heilen Welt/ …

 

01.01.2005 um 21:11 Uhr

Moretto

von: hibou

 

O, moretto

comme ta bouche est immense

quand tu souris...

 

Kurz nach halb acht gleitet Jelena die Rolltreppe aus der S-Bahnstation hinauf, hinaus ins schwache Tageslicht. Ein stechender Geruch nach Biermaischen, Urin und Hundescheiße steigt ihr und allen Früharbeiterinnen in die Nasenschleimhäute. Nach wenigen Schritten schwenkt sie nach rechts in die leichte Steigung der Silbersackstraße ein. Oh Berge dieser Welt. Hamburger Berg. Brocken, Hohentwiel, Sinai, Mount St.Helens, Fuji, Kilimandscharo! Kein Problem die paar Zentimeter bis in dünnere Luft. Die Sohlen knirschen von Scherben und Flaschentüllen. Auf dem befleckten Dunkel der Betonplatten sieht sie noch etwas dunkler die Blutstropfen, die Lachen der nächtlichen verletzten und erschlagenen Kiezgänger. Auf dem Spielplatz soll gestern wieder einer erschossen worden sein.

Haufen von Müll! Doppelbetten, Einkaufswagen, implodierte Fernseher, Waschbecken, Millionen von Flaschen.

Martin der Straßenfeger kann sich in die Vergangenheit zurückversetzen, zumindest um einige Stunden bis gegen Mitternacht. Er hört Schreie, Schimpfwörter, Sirenen, das Schmatzen von Autotüren. Er hört: Na, Süßer, kommst mit? und geheucheltes Gurren und Stöhnen. Er hört die schnalzenden Laute, die durch heftiges und wiederholtes Aufeinanderpressen von Körperfalten und -öffnungen entstehen. Er hört siebenhundert Popsongs, alle, die pausenlos in der ganzen Stadt gedudelt werden.

Zwei im Fenster wartende Huren unterhalten sich:...und dann hat die Bäuerin drei der vier Kätzchen gleich ertränkt. Und was geschieht? Das Muttertier nimmt das letzte auch nicht mehr an! Und dann? Sie wollte es auch noch ertränken, und ich hab es genommen. Weißt du wie? Einen Tag alt, ohne Fell und die Augen geschlossen! So was von schutzlos. Mit einem Fläschchen hab ich's gesäugt, vier bis fünfmal am Tag. Kam um meinen Schlaf. Ist aber ein prächtiger Kater geworden, graugelb. Wollte ihn zuerst Moses nennen. Nu heißt er Maffay. Sie lachen, lehnen sich flüchtig aneinander, so daß der Busen der einen an den Oberarm der anderen zu liegen kommt.

Marcia wartet schon vor dem Supermarkt, um als eine der ersten einzukaufen. Zwei Rollen Haushaltspapier, zwei große Flaschen Cola, Kaffee, Schnaps, Zigaretten, dann noch in die Drogerie für Kondome und Gleitcrème. Sie fröstelt. Was ist das für eine Kälte in ihr?

Martin ist in sich gekehrt. Selbst wenn er ausspuckt, geschieht es bedächtig. Sein raumausgreifender Besen klingt und schabt und schleift, und das Abfallorchester vor ihm her. Im Rinnstein beim Nordlicht opalisiert weggeschüttetes Scheuerwasser. Vorm Marquee ist ein Eimer schwarzer Ölfarbe ausgekippt. Von dem Fleck weg gehen gestrichelte Fahrradlinien in alle Richtungen, wie Lebenslinien, wie die Stricke auf dem Schnittmuster Stadt. Aus dem Club tönt "Les Rita Mitsouko", weder Martin noch Marcia noch sonst jemand achtet darauf:

 

...et quand tu ris

je rie aussi,

tu aimes tellement la vie,

quel est donc ce froid que l'on sent en toi?