Inner city blues/vagina

28.02.2005 um 09:39 Uhr

und hier endet das Logbuch: mit einer kurzen erwaehnung der beiden patenonkel hans und franz

von: hibou

km 2499

ich frag sie nach ihrem make-up. mal mehr die augen, mal mehr die lippen, sagt sie. meist mehr die lippen. alberta weiht mich dann nach und nach in ihre pläne ein. für widerstand war ich schon immer, sagt sie. doch jetzt sind langsam andere mittel gefragt! das neue konzept der USA über mini-atomwaffen, du weißt? das system bush verhält sich als schurkenstaat, ich mein, genau was sie denen vorwerfen tun sie selbst. mein großvater meldet sich aus dem jenseits, aus far-rock-away-beach, im schwarzen einteiligen badeanzug mit schmalen trägern über die schultern, ein auswanderer, ein ehemann von wallis simpson in spe. von appenzell nach NY. die utopie amerika. sie hielt in etwa bis 1945, für mich jedenfalls. er hat noch diesen resignierten zug im gesicht, ganz im gegensatz zu alberta, die entschlossenheit im mundwinkel zeigt. wie gerne wäre ich da geblieben! stattdessen mit der lusitania mitten im u-bootkrieg nach europa zurück. der vietnamkrieg hat mein wunschbild dann endgültig zertrümmert. mein großvater ernst verschwindet wieder. und meine amerikaner, sage ich. ich entdeckte sie in der besatzungszone, großgewachsen, kaugummikauend, vielfarbig, "lässig" war das wort, damals, als noch nicht alles cool war. wie sie aus den jeeps sprangen! später die besuche in den patton-barracks, marshmallows vom px und unglaublich große und wohlschmeckende steaks. beide patenonkel von mir waren juden.....der eine hieß hans der andere frank. frank löw floh vor den nazis nach osten durch russland, sibirien, von wladiwostok aus nach san francisco, und kam als major frank lion wieder nach deutschland zurück. ich besuchte ihn in friedberg, wo er stationiert war. er wurde mit der umerziehung befasst. einmal um die erde und dann die übriggebliebenen neu erziehen. er fuhr einen silbernen studebaker. wir sitzen noch immer im auto, die nacht vergeht. früher, sagt alberta, zog ich mich schwarz an, meist weil ich mich schlecht fühlte. heute zieh ich mich ganz normal an. sie ist ganz in schwarz. mein anderer patenonkel hans floh in die schweiz. nach dem krieg fand er nur noch seinen hund. die ganze familie war vergast worden. honzo, nannten wir ihn. er war musiker. seine wohnungseinrichtung bestand außer in büchern aus einem flügel, um den ein halber meter platz bis zu den wänden blieb. wenn er erzählte, ging er fahrig um ich herum. draußen ist‘s eisig, die fensterscheiben frieren zu. alberta kratzt sie mit einer der kassetten frei, ich glaube es ist die mit luca bloom drauf. die rückseite r.e.m. „ you shugar sweet, you cinnamon“. nicht ist besser zum enteisen als eine audiokassette, sagt sie. zurück zu den amerikanern. ich würde keine hochhäuser mehr in die luft pusten, obwohl, merke: der symbolische wert war unübertrefflich. aber kämpfen müssen wir.

 

27.02.2005 um 16:33 Uhr

mit alberta auf dem eiffelturm

von: hibou

km2471 (km3035)

mit alberta erkletterte ich dann den eiffelturm. es ist eine demonstration der klimaschützer, sagt sie. machst du mit? wir seilten uns an und nahmen die direttissima. sie hatte sogar an sherpas gedacht. kaum oben, wurden wir verhaftet, noch bevor wir dazu kamen, unsere gleitschirme zu öffnen. um die geldstrafe abzustottern, planten wir, im jardin du luxembourg und in den tuilerien mit unserem puppentheater aufzutreten. alternativ wollen wir "östlich der sonne und westlich vom mond" und eine szenische fassung der chants du maldoror spielen. für wochen lernten wir auswendig, unterbrochen nur von fahrten nach clignancourt, wo wir stoffe für die puppenkostüme und requisiten wie schwimmende inseln, wälder samt chasse à cour, winzige jagdhörner, dreispitze, pelikane, die sich mittels eines verborgenen mechanismus den schnabel in die brust stoßen, weichselkirschensaft, der als blut vorgesehen war und viele andere dinge im kleinformat erwarben. albertas freund khalil, der kebab-mann vom marché aux puces, half uns. ohne ihn wäre das ganze kaum möglich gewesen. ich murmelte auch während dieser einkäufe die expositionen, variierte sie, damit sie hundert tage reichen würden. es war einmal wie keinmal, da lebte auf einem fernen schloss kira die wunderschöne.... da lebte in einem land hinter dem horizont kira kiralina, fee dzina, jungfrau schönes kind, schön wie blumen sind.... alberta deklamierte lautréamont: "Je cherchais une âme qui me ressemblât, et je ne pouvais pas la trouver. Je fouillais tous les recoins de la terre; ma persévérance était inutile. Cependant, je ne pouvais pas rester seul!"

und als wir dann in dem engen puppenkasten kauerten, schaute ich mitten im spiel zu ihr hinüber, sah ihre ernste konzentrierte miene, die buschigen augenbrauen, den flaumigen damenbart, der im widerschein des lichts wie samt schien, das eifrige doppelkinn, winzig wie ein gerolltes rosenblatt. wechsel schon die kulissen! zischelte sie.

26.02.2005 um 10:49 Uhr

alberta kommt ins erzählen

von: hibou

km2467

die kaugummipapiere, der hundedreck. schräg aufgeklebte türkische plakate, die einen DJ oder eine revolution ankündigen. verkehrsschilder, schaufensterparolen, heruntergelassene rolläden, halb heruntergelassene wegen weltschmerz, wolkenstores vom nikotin gelbgefressen. die albernen slogans – fc wangen entthront tabellenführer steinenbronn! maden entlarven mörder - , die unzähligen dinge, die man sieht oder mit sich führt und sie so vor dem verschwinden in die vergangenheit bewahrt. die bemessenen freuden. sie schaffen es kaum, die alten verletzungen zu lindern. aber am meisten bedrückt es sie, dass ihre eltern ihr den namen eines kanadischen bundesstaates gegeben hatten. alberta sitzt mir gegenüber und dreht sich eine. dabei kommt sie ins erzählen.

24.02.2005 um 14:42 Uhr

safranland will ich essen

von: hibou

km 2450

 

sorgfältig beschreiben. stell dir vor, günter grass wäre dick und mollig und trüge eine brille: so etwa sieht sie aus. komme ich wegen ihres mundes darauf? als wenn ein halbgott in verzweiflung zähne durch den kosmos geschmissen hätt, sie stand da, offenen mundes, ergeben, und fing sich die ihren ein, und so wie sie geflogen kamen, sind sie angewachsen. meine mutter wünschte sich immer enkelin, sagt sie. aber ich bekomm tochter. und guck! charakter wie ein mann. die tochter lächelt schief. sie nimmt mich nach bali mit. aber merk dir: streiche niemals einem niedlichen kind übers haar. der kopf: tabu. dort sitzt die würde. ich esse jeden tag weißen reis an erdnusssauce. meinerseits nehme ich sie mit ins südliche hochland. safranernte. die roten, fadenförmigen pollen, krokusgold, wertvoller als trüffel.  die erntenden frauen. der rücken. den ganzen tag gebückt, mit daumen und zeigefinger an den blüten zupfen. sie bergen es wie einen schatz an ihrem busen oder nahe am schoß: ambulantes bankkonto. nur so viel verkaufen, wie gerade geld benötigt wird. ein weibliches gewürz, sagen sie. safran. sehr weiblich.  der boden des paradieses ist ganz damit ausgelegt. man lacht, wenn man viel davon nimmt. zu viel ist giftig. man lacht sich tot. ich würze meine fischsuppe aus ihrem schoß.

23.02.2005 um 14:44 Uhr

schuh erfunden

von: hibou

km 2441

sonntag. alles ruhig. ich sollte nicht aus dem haus gehen, ich erlebe einfach zu viel. ein kleines kind steht wie an fäden aufgespannt, beugt sich nach vorne, damit die beinchen zu laufen beginnen. ein dunkellockiger junge und ein amerikaner mit stetson, sie parlieren völlig ungehemmt auf englisch, und das hier. ich muss dir von meiner neuen erfindung schreiben. ich schreibe viel. habe alle briefkästen des viertels genau im kopf. der eine hinter dem pissoir am bismarckplatz, der andere neben schlecker um die ecke beim waschsalon. einer hinter der hauptstraße neben toto-lotto, einer an derselben beim chinesen. also, pass auf. ich erfand einen neuen schuh, mit zwei absätzen, einem hinten wie üblich und einem vorn. ich verspreche mir export. die truppen! keiner könnte mehr an ihren spuren ablesen, in welcher richtung sie geflohen sind! auf die idee kam ich durch meinen alten verdacht, dass die erde trotz anderslautender meldungen doch eine scheibe ist. der beweis? meine schuhsohlen sind immer vorne und hinten abgelaufen. wäre die erde aber ne kugel, müssten sie es doch in der mitte sein? zugegeben, die erde als kugel: eine berückende, wenn auch abstrakte vorstellung: wo auch immer ich auf ihr bin, stets bin ich die mitte der geschehnisse....ich wähle den briefkasten beim pissoir. vorher nehme ich einen espresso und stecke eines der zuckertütchen in die tasche. blau ist es, vorne ist der schiefe turm von pisa, hinten der mailander dom zu sehen.

22.02.2005 um 15:36 Uhr

Mars sur Allier

von: hibou

km 1627 (km 2028)

du bist schon ein seltsamer typ, sagt vicky, versprichst kaum mehr als du hältst. das an einem kühlen hellen morgen. wir sind klamm aus den zelten gekrochen. der tau kommt noch dazu. vickys freund micha steht als letzter auf. campingaz anzünden, kaffee. wir sind mit zwei zelten unterwegs. heute in nevers, wo die vorleserin vorliest, de sade und beethoven mit dabei. komisch, micha schläft mit mir im zelt, vicky im anderen. sie steuert den 2CV bei, den ich meist lenke. michas aufgabe ist es, die rotweinflasche herumzureichen. anstatt eines korkens bekommen wir ein wergbüschel. und nicht vergessen, vor dem ersten schluck den ölfilm abzugießen. zu hause steht vicky ebenfalls alleine auf der einen seite des gitternetzes, micha und ich auf der anderen. pausentreff, poesie zwischen mädchen- und jungengymnasium. jetzt ist das weit. wir haben die karten der gegend auf der kühlerhaube ausgebreitet, planen die weiterfahrt. um jedes dorf mit irgendetwas romanischem ist ein kringel gezeichnet.  Mars sur Allier, Gimouille, Marzy, St. Parizé–le-Châtel. bald sitzen wir auf einer sonnenwarmen kirchhofsmauer und zeichnen. hier die flucht nach aegypten, da christus in der mandorla. schöne form. vicky hat ihre tage, läßt ein wenig blut auf den weißen kalkstein tropfen. im nächsten semester ist wolfram von eschenbach dran.

 

km 1622

¿ud. esta conforme con su cuerpo? fragt mein blut aus der gruppe null. baskischer rundkopf oder burgundischer langschädel? du machst dir vielleicht gedanken. i can hear your heartbeat, like thunder. und wenn ich mich aufrege, dann sagt sie, ach halt dein maul! sie sagt: pssssssst!

 

21.02.2005 um 19:35 Uhr

zwei vor, eins zurück

von: hibou

km1617 (km2631)

 

tozeur, sahara. das filmteam des englischen patienten ist bei den einwohnern unvergessen. bordel, ces mecs! in unserem reisebus ist jemandem schlecht. der chauffeur hält beim friseursalon kurz vorm ortsende. hierzulande, sagt sami, der reiseführer, ist der friseur zugleich arzt, therapeut aufklärer, hochzeitsmakler, brautputzer. mich überkommt ein verlangen nach depilation. das zwickt an manchen stellen. der bus fährt inzwischen ohne mich weiter. ich habe zeit und lasse mir im selben arbeitsgang den rücken tätowieren. was soll es sein? ein lokal, vielleicht das  café nast, wo die stühle blaugrün gepolstert und die deckchen weiß sind. dort sitzen die leute wie in eisenbahnabteilen. nur logisch, denn das café rast unvorstellbar schnell mit der erdumdrehung mit. glücklicherweise fährt der bürgersteig auch mit, die straße mit den lieferwagen, der comic-shop, das dreifarbenhaus, die stiftskirche. aber keiner schaut nach draußen. jeder einzelne in einem buch des schweizers stauffer. dort sind die fußnoten länger als der haupttext. in einer art foxtrot-rhythmus blättern die leute zwei seiten vor, eine zurück, zwei vor, eine zurück. killing me softly. ich bin schon vorsichtig, sagt der tatoo-friseur. die leute im café leiden etwa an staublunge, arteriosklerose, bandscheibenvorfall oder ulkus. indem sie auf meiner haut ins bild gebannt werden, ist auch ihr leiden stabilisiert. voilà, sagt der berber. ich freue mich auf den sommer, wenn ich mich am strand bäuchlings hinlegen werde. die leute sollen was zu schauen haben.

 

19.02.2005 um 09:42 Uhr

kneipen und küsten

von: hibou

km 1599

die wirtin heißt lys. sie tanzt gerne, und das, obwohl sie gewöhnlich x-beinig daherschlurft. i dont like reggae/ oh no!/ i love it! wir müssen zusammenhalten. sagt sie, sagen ihre knie. der wirt heißt leo, er hat eine rockerfrisur, in seinem alter, und einen recht serbischen schnurrbart. aus liebe hat er ihr lokal "zur lilie" genannt.

km 1610

nahebei eine frau, die nach waldmeister riecht. mein haus am deich. ein zentimeterdünner wasserfilm rinnt über den hof und verschwindet unter der schwelle. mit tapetenleisten lenke ich ihn in den garten. umsonst, vergeblich. ich werde mitglied im verein zur verzögerung der zeit. ich trinke an brüsten von ufern und küsten.

18.02.2005 um 17:15 Uhr

bandscheibenvorfall

von: hibou

km 1557,6

gefühlvoll – denn es hat neulich schon wieder einen vorfall gegeben – fahre ich durchs rückgrat hoch in den obersten stock. pressekonferenz im kleinhirn. auch die hypophyse ist zugezogen. weiße blutkörperchen sind in alarmbereitschaft, um gegen eingedrungene viren auszuschwärmen. denen wird eine verbindung zur al-qaeda nachgesagt. sonderkommandos besetzen die schleimhäute. wer nicht mit uns ist, ist mit den terroristen. indessen wiege ich mich mit evas schlange. mein bett rast krachend und holpernd durch die flure und treppauf-treppab. projektionen an sämtlichen wänden. alles ist besser/ ohne dich! singt sven regener. return to sender! elvis. man, you got a curse on you, as sure as the moon rolls around the earth! meint jarmusch. auf der bettkante sitzen victor hugo und mein hund. sie unterhalten sich über mich, und es scheint sie überhaupt nicht zu stören, dass ich zuhöre. hugo mag mich nicht. zum einen, sagt er, ist er zu wenig patriotisch. zum anderen besichtigt er viel zu selten die diversen körperöffnungen von bezahlten grisetten. mein hund ist sauer, weil ich noch immer nicht gemerkt habe, dass er ein mensch ist. er versteht außer deutsch auch österreichisch, dann katzen und hühner, den mond, die wasseradern. seine reflexe sind unglaublich.. aus tiefstem schlaf schnellt er empor, rennt zur terrassentür und bellt eine entfernte bedrohung an. ebenso unfehlbar reagiert er auf das leiseste rascheln von butterbrotpapier. er ist ein tag-und-nacht- und ein alljahreszeitenhund. seine weißen flecken leuchten des nachts, seine schwarzen im schnee. er steckt seine nase in jeden scheiß. gerade ist er indigniert über die berichterstattung aus salt-lake-city. es erstaunt mich, hatte der kommentator gesagt, dass die japaner im langlauf so weit vorne zu finden sind. und das trotz ihrer kurzen extremitäten.

17.02.2005 um 14:15 Uhr

prosecco

von: hibou

km 1555

zwei verliebte beide studieren sie jura, lassen sich aber davon nicht abhalten, über rex gildo und roy black zu reden. als ich noch in heilig blut war, wohnte er in meinem nachbardorf, in einem bauerndorf. war voll der psychopath. der boogie-effekt. umarm mich! oh, ist noch alles dran. dreh dich noch einmal um. der gratäng, päng,päng. der jurist goethe, der jurist kafka. der jurist handke. so ein glas prosecco, das hält wirklich warm. warum bin ich da die letzten jahre nicht drauf gekommen.

16.02.2005 um 11:51 Uhr

die hyazinthen

von: hibou

km 1543

die veilchen. die schneeglöckchen. die winterlinge. und verrückte vögel, die in den blattlosen bäumen singen. unterhalb des schwäbischen taj-mahal – die liebe höret nimmer auf – wird tim begraben. viele jungs in schwarzen anzügen, viele tränen. konzert ist heute angesagt/im frischen grünen wald. il pomeriggio è troppo lungo ed azurro/per me. die schuhe treten die treppenstufen aus. die treppe nagt an der ledersohle. der tod als spiegel. wir mustern uns darin. haben wir ihn, als es zeit war, geschätzt, bemerkt, erkannt. nur er geht durch die silberwand wie durch laue luft. die krokusse. die gelben hartriegelbällchen. die hyazinthen.

15.02.2005 um 10:15 Uhr

flüchtet in eınen Kuss wie ulla meinecke

von: hibou

km 1532

ein sitzriese, der mit rechts wie ein linkshänder schreibt. die nässe an den fingern, wenn ich eine saure gurke aus dem glas klaube. die idee von essig. diese sandsteinbauten. braune wiesen in autobahnkreiseln. enthemmte karnickel. grundsätze! deutschland war immer so düster. einen tango mit hikmeta. sie weint, sie lächelt. sie steht morgens früh auf. mit einem allein erträgt sie die stille nicht, flüchtet in einen kuss und versteckt ihr gesicht. alle sind an allem schuld. wenn wir das nur wüssten, hätten wir das paradies auf erden.

12.02.2005 um 22:20 Uhr

the dead

von: hibou

km 1521

von den toten. im barbaresco ist die bar aus maurischen kacheln gearbeitet. ein piano, silberne kerzenleuchter und angelaufene barockspiegel tun ein übriges. eine hochschwangere frau schuckelt ihr kind, mit mechanischen bewegungen der hüfte an den wagen und beschwörenden serbischen oder russischen lauten bringt sie es in den schlaf. wie viele werden jetzt eben geboren? tim ist aus den faschingsferien nicht zurückgekommen. aus einer brennenden skihütte hat er es als einziger der jugendgruppe nicht ins freie geschafft. vor kurzem hatten ihn welche aus seiner klasse noch abgezockt. er schüttelt mir die hand. von den toten reden. ice wilhelm röntgen. der zug nach assuan. mein vater, dessen warme stirn ich streiche. dampfwolken steigen aus seinem atemgerät. gerlinde mit der petroleum-lampe. l’inconnue de la seine. day and night/you are the one.... spielt das digitale piano.

11.02.2005 um 17:45 Uhr

kneipen 61 smile

von: hibou

ohne km

zeitschock

plötzlich ist das jurameer wieder nach stuttgart gekommen. hundert meter über den dachfirsten rollt die dünung und alles bei uns unten ist tiefblau. erstaunt klappen wir mit den kiemen. hikmeta lehnt hinter der offenen bronzetür zum café, den arm auf den türknauf gelegt, nur die schmale weiße hand sichtbar, die finger gestreckt und diese hand bewegt sich und bringt das wasser in so feine wallung, dass die kalkpartikel verzögert aber harmonisch zu boden sinken und dort zu entzückenden spiralfiguren versteinern. niemand in der ganzen stadt bewegt die hand wie sie.

hikmeta lehnt auch heute hinter der bronzetür, dort wo es von den arkaden her die treppe zum wintercafé hochgeht. sie hat den arm auf den knauf gelegt. nur die schmale weiße hand ist sichtbar, bewegt sich mit den worten, die sie mit einem nicht sichtbaren kollegen wechselt, bestärkt sie, mildert sie ab, stellt sie in frage, die finger sind durchgestreckt, fein, spitz. alles an ihr ist fein und spitz (außer ihren brüsten). ich war seit zwei wochen nicht hier und sie fragt wo ich war und ich frage nach dem zigarettenautomaten. ihre augen liegen tief in den höhlen und sind blau blau.

11.02.2005 um 17:12 Uhr

traktion st.pölten

von: hibou

km 880

aufgeschüttete kieshügel mit nach oben schwebenden fahrwegen. brombeergestrüpp und die skelette der letztjährigen beifußstauden. überall das nagende und mahlende geräusch gefräßiger seidenraupen. die eier wurden aus südafrika eingeflogen, wegen der vertauschten jahreszeiten kommen sie im jänner und schlüpfen, kaum dass man sie aus dem kühlschrank holt. maulbeerblätter gibt’s jetzt nicht, deswegen die brombeerblätter, angenommen, diese blieben auch im winter grün. ich verschlinge das vielfache meines gewichts, dann spinne ich mich mit lemniskatenförmiger bewegung meines hinterteils in goldenes dunkel ein. katapultiere mich alsbald in eine höhere daseinsform. pilger in sportkleidung warten nahebei auf den triebwagen nach mariazell.

10.02.2005 um 10:19 Uhr

symmetrische sätze

von: hibou

km 821

auf dem kagraner anger

ein atelier mit wohnrändern. tonias bilder, nicht abbilder, haben auftrieb,. ich schaue an den verästelten strukturen des farbauftrags entlang. tonia serviert crèmerollen und pfauenaugen. ich will endlich auch wieder schwarze lederhosen tragen, unter paulonien im sand liegen. irene fährt uns in faeks galerie gleich hinterm ring. das rathaus ist lila beleuchtet. from sarah with love! zeichnen die schlittschuhläufer ins eis. in der volkshalle spricht ein (die menge) überragender magistrat symmetrische sätze von der weltoffenen großstadt, die die kunst liebt. faeks bilder hängen auch da. sie sind geschlossene türen, mit zeichen versiegelt.

09.02.2005 um 13:27 Uhr

bellaria (logbuch)

von: hibou

km 799

rose sitzt in miami beach. rose sitzt im ghetto. rose sitzt in ihrem leben. auf die dachterasse des vokstheaters platschen indes große regentropfen. sie spielt mit füßen und schuhen und das üble jahrhundert wandert an ihr vorbei. ihre zehen holen diesen gedanken, verwerfen jenen. sie hat ringe um die augen und hustet. nein, sie will sich nicht erinnern. andererseits. weißt du noch, sagt irene zur tochter, als ich dich neunjährig ins bellaria mitnahm? pünktchen und anton. in der esche hängt eine mistel. die gehsteige tief unten sind fest in der hand von schneeräumdiensten, die rechtsseitigen von attensam, die gegenüber von kuruz. rose hustet. sie schmiert den samen ihres amerikanerischen freundes an die tür, damit der geist ihres toten geliebten als ein dibbuk in sie einziehe. das leben hält für sekunden inne.

08.02.2005 um 15:46 Uhr

anelka

von: hibou

km 290 - 328

in linksauswickelnder spirale verlassen wir die stadt. geleisegeflecht, schuppen, verwachsene rangierbahnhöfe, haselkätzchenschnüre. über die braunen isarwiesen geht anelka. halb schläft sie noch, halb ist sie schon munter. die neue brille steht ihr gut. am güterbahnhof berg am laim ist ein weißes beiboot vertäut. klar zum halsen! belegt ankerleine! ein kronleuchter hängt im baum. darunter mechanische puppen in kostümen aus der zeit casanovas. ihr abgezirkelter tanz ist von rührender schönheit, ein paar betritt den wagon, bückt sich suchend unter alle tische. haben sie ihr haustier verloren, frage ich. die frau lacht. nein, wir suchen nach steckdosen. ein schälchen strom für den laptop! bestellt sie beim kellner. reggeli. rönditalok. söröh. ich nehme noch einen zwack unicum. auch der inn will zur puszta und macht sich grün.

07.02.2005 um 13:45 Uhr

zur lilie

von: hibou

km 41

bami goreng und gunpowder. gebatikte tischdecken auf deutscher eckeiche. rund und gemütlich schlurft die wirtin den archipel entlang. und an der wand die schattenspielfiguren, im langen bastkleid, mit federhauben, die knochendünnen arme zierlich abgespreizt. das russische paar zeigt das kurzprogramm. perfekt, sagt der sprecher, die koordination der sowjets. kumaran mein freund spielt den wok-rock, den phuket-rock, den perlentaucher-shimmy. einst brach er von penang mit ziel island auf, kam aber nie weiter als bis deutschland, wo er seine karin traf. karin liegt auf den batiktüchern. ich reibe sie mit haselnussmus ein, befeuchte sie mit kokosmilch und bestreu sie mit sojasprossen. dann geben wir den wurf-lutz, den dreifachen toeloop und die eingesprungene waage mit oberschenkelgriff. kumarans lockenkopf hält die mitte zwischen kofi annan und jimi hendrix. er singt noch den ayam-rica-rica-blues und we didn’t start the fire. wir erhalten note 5.7 für die technik und 5.8 fürs künstlerische.

(siehe auch kneipenserie in message in a bottle!)

06.02.2005 um 11:07 Uhr

captain cook in ebene b

von: hibou

km36

the world will devore you, so you better taste good. neben der rolltreppe auf der b-ebene esse ich einen selbst gemischten gemüseteller. betrachte kauend die muttermale meines gegenübers. eine schräge linie. der schwarze punkt rechts der nase tiefer als der links, zusammengehalten von einem goldenen nasenring im linken flügel. darunter mahlende kiefer. keine paradiesvogelfeder quer hindurchgeschossen. ein weiterer fleck, linsengroß, rotbraun, wandert unmerklich den hals hinunter. endeavour, discovery, resolution. mancher entdecker ist am schluss selbst verspiesen worden.