Inner city blues/vagina

05.02.2005 um 15:53 Uhr

jane und mike, brigitte und birgit (rühmkorf im off)

von: hibou

km 31

brigitte oleschewski hat ihre lesung beendet. im kimono. rühmkorf würde das postmodern manieristische bemängelt haben. pause mit prosecco. eine nervöse frau, groß, in kleidungsschichten gehüllt, mit wirren blonden locken, setzt sich neben mich. wir wechseln einige worte, schnell verstummt sie wieder. es ist birgit kempker, stelle ich bald fest, nun trägt sie in schnellem singsang aus "mike und jane" vor.

"mike liegt unter dem baum. jane liebt mike. sie liegt daneben." "i" spricht sie wie die vögel so hell, "a" und alle umlaute abgedunkelt. arabische fernsehsprecher bei al jazeera vokalisieren ihre nachrichten vor der sendung. sicherheitshalber. ob "o" oder "u" gesprochen wird, ist schriftlich nicht festgelegt. "an was denkst du, fragt jane. an dich, sagt mike. jane weint. man denkt nur an das, was nicht da ist, sagt jane." der security-typ, der neben dem podium steht, lächelt. "an was denkst du, fragt mike. an die liebe, sagt jane. aus rache, sagt mike. aus liebe, sagt jane."

04.02.2005 um 10:42 Uhr

die staatsgalerie

von: hibou

km 4317 (km 31)

um die staatsgalerie zu erreichen muss ich nach meinen berechnungen kurs nord 21° ost anlegen. ich will die lange nacht der poesie erleben. schech abu hussein neben mir staunt, dass man nach dem papier reisen kann. immer wieder nehme ich peilungen mit meinem prismen-kompass vor, steige auf transformatorenkästen oder telekom-relais am straßenrand, um den horizont nach den charakteristischen gebäudesilhouetten abzusuchen. schon glauben wir uns verirrt, aber da kündet das dichter werdende halfa-gras und endlich sogar einige dum-palmen das nahe ziel an. meine begleiter spüren ihr maurisches blut und legen im betongrund des parkhauses eine verschwundene quelle frei. das wasser schmeckt leicht salzig. dankbar trete ich in die halle mit dem giftgrünen bodenbelag und den geschwungenen glaswänden. ringsum krieger. sie wissen mit ihren körpern nichts anzufangen, warten sitzend, die knie unschlüssig angezogen darauf, dass sie ihn in die nächste schlacht werfen können.

03.02.2005 um 10:18 Uhr

der kleine vogel zarzura (logbuch)

von: hibou

km 20 (km 4300)

oase selime (wª hat salima)

über die wüste. nachgedacht oder geträumt. die wüste ist ein bewusstsein mit spuren des denkens. hier denkt man, indem man wandert. die sesshaften haben keine geschichten, keine märchen. sie haben grundstücke. im sand verwehen spuren nach stunden, in der steinwüste bleiben alte reifeneindrücke, benzinkanister, skelette für jahrzehnte. ich gehe geschichten. ich suche einmal wieder die weiße stadt zarzura. zarzura ist auch ein vögelchen, schwalbenartig, schwarz mit weißer stirn und weißem schwanz. in seinem schnabel trägt es den schlüssel zum tor. kommst du hinein, findest du prinzessin und prinzen schlafend. wecke sie nicht, aber nimm teil an den schätzen.

festgeklemmt unter einem steinbrocken finde ich einen fetzen zeitung. ich entziffere einen satz, gebe ihn hier sinngemäß wieder. "signifikant höher war da schon mein interesse an der mirakulösen miranda, die mich eine gewisse zeit lang auf eine art faszinierte, wie es sonst nur cameron diaz tut." ich muss nach wegzeichen suchen, ich muss unbedingt auf der darb el arbe’in bleiben, der straße der vierzig tage.

02.02.2005 um 12:53 Uhr

logbuch, fundsachen (könnte auch in Message in a Bottle in der Kneipenserie stehen)

von: hibou

km 15

eissalon fragola. die tische stehen schon draußen, und sind auch im nachmittagsschatten voll besetzt, die hausfassaden gegenüber leuchten und spiegeln. ich bestelle einen espresso und eine eisschokolade. ein schwarzer setzt sich zu mir. wir kommen ins gespräch. ich bin ein yoruba, sagt er. das ist meine ethnische gruppe, so was wie schalke oder dortmund.

meinen einweg-fotoapparat habe ich in der tram liegenlassen. es bleibt mir nur, zur nächsten öffentlichen fundsachen-versteigerung zu gehen. die finden immer in der alten zahnradbahn-station statt. wenn mein fotoapparat nicht mehr auftaucht, werde ich einen schirm ersteigern, oder ein fahrrad, oder eine schrotflinte. damit könnte ich datteln schießen.

01.02.2005 um 10:27 Uhr

logbuch: strange, sagt malkovich

von: hibou

km 11,8

eine schwarze hummel krabbelt am rand des trottoirs. im waschsalon sitzen männer, die john malkovich ähnlich sehen. malkovich, malkovich? malkovich! die nachrichten um mullah omar und bin laden sind versiegt. stattdessen müssen maxima und hildegard idolatrisiert werden. und wir tun es mit. strange, sagt malkovich, wie wir feste übezeugungen mit wenig wissen kombinieren. der himmel ist knallblau, der orangensaft gelb, die pfeiler des salons tieforange, die bodenkacheln grün. darauf ein chaos von wäscheteilen. ich geh vor die tür, rauche eine, schaue zur haltestelle arndt-spittastraße hinüber. keine bahn fährt. es ist samstagmorgen und die welt ist klein.