Inner city blues/vagina

25.03.2005 um 13:11 Uhr

Herr Brosch (Somnamboulevard)

von: hibou

In einem großen, blumengeschmückten Schiff gleiten wir gemächlich die Elbe aufwärts. Der Fluss hat lachende grüne Ufer mit Parks, Statuen, Lusthäuschen. Der Flusslauf erweitert sich bald zu einem Binnensee, welcher in der Sonne golden glänzt, bald verengt er sich unter dem Nadelöhr einer Brückenwölbung. Wir gelangen endlich in ein Hafenbecken direkt neben Herrn Broschs Haus. Dieser hatte auch das Schiff gesteuert. Alle die Dutzende von Insassen, die ich nicht mehr mit Namen erinnere, steigen zum Haus empor. Das Obergeschoss ist offen, besteht aus Pergolen, grünen Lauben, Mauern öit Steingartenpflanzen, Brunnenbecken. Wir sind zu Gast. „Wie Herr Brosch das alles führen kann, wo er doch noch gar nicht verheiratet ist!“, sagt ein Rektor neben mir. „Herr Brosch wird nie heiraten“, entgegne ich. Wir spazieren schließlich noch zum nahen Ort, besichtigen einen mozarabischen Kirchenkomplex. „Das es das hier gibt!“ „Die gleichen Mauersteine wie an Herrn Broschs Haus!“ Vom Kirchenschiff stehen nur noch die beiden Säulenreihen und die Seitenwände. Es neigt sich im Osten tiefer. Davor ein Baptisterium mit ovaler Vorhalle, reichlich zwei Meter unter dem heutigen Niveau. In dieser Grube tummeln sich ausgewachsene, lebhafte Löwen. Einer von ihnen springt über die Brüstung auf die Besucherplattform mitten unter die Leute. Sein Fell und seine Mähne sind gepflegt und geschmeidig. Trotzdem wird uns etwas angst. Ich frage den Cicerone, wo der nächste Briefkasten sei. Eintritt: 5.40

22.03.2005 um 19:14 Uhr

Vogliate lasciare

von: hibou

Wir bringen in der Folge einen Auszug aus dem schmalen Bändchen "Nebengeleise der Literatur" und bedanken uns beim Verlag "Die Schwelle" für die Abdruckgenehmigung!

"Vogliate lasciare questo posto nello stato in cui lo vorreste trovare. Grazie!"

lese ich, fast mit dem Tempo einer Gewehrkugel dahinschießend, zwischen Fulda und Frankfurt, oder zwischen Göttingen und Kassel-Wilhelmshöhe, oder zwischen Stuttgart und Mannheim auf dem Klo des Intercity-Express.

Eine nur zu billige Forderung. Verlassen Sie den Ort in dem Zustand, in dem Sie ihn vorzufinden wünschen!

Ein grün-alternativer Sprayer hinterließ die einleuchtende Variante an der Friedhofsmauer: Verlassen sie diese Welt in dem Zustand...(Was mich an den Grabstein erinnert, auf dem in römischer Antiqua eingemeißelt steht: KOMME GLEICH WIEDER).

Schön wär’s, denke ich. Sitze nachdenklich im Getöse und Gezisch dieses Örtchens...

Aber halt - ist das nicht doch zu wenig? Immer nur den jetzigen Zustand zu konservieren? Die Welt als Mumie....

Vielleicht sollte es heißen:

Hinterlassen Sie diese Welt EIN BISSCHEN SCHÖNER, als Sie sie vorgefunden haben?

Luigi Pendolino

21.03.2005 um 16:51 Uhr

Zerbst

von: hibou

Jetzt aber ab nach Norden, über die Alpen und übers - wie sagt der Wettermensch? -  "Müttelgebürge":

An der Elbe bei Zerbst sitzend, schaue ich den trägen Wassermassen zu. Wer die Welt erkennen könnte! Sehen wir nicht bloß bildhaft und beschreiben überdies ein Bild durch das andere? Verändern und verfeinern wir die Welt nicht im Maße der Erweiterung unserer Beobachtungen? Ein Lächeln wandert mir übers Gesicht. Aber was ist Wirklichkeit? Mir fallen zwei Passagen ein, die ich nachdenklich las, ach es ist nur eine Handvoll Tage her. Den Beginn des "Mädchenkrieges" und eine Meldung über die Verleihung von Nobelpreisen.Was sind wohl Intendantur-Offiziere? und was "Quasiteilchen"? Jedenfalls tanzen sie beide.....

 

 "Die anhaltischen Flüsse hatten es schwer, in die breite Elbe zu münden, die sich selber unter dem Druck der böhmischen und sächsischen Gewässer durch die Ebene schob und nie ihr Maul aufriß, sondern die Mulde, die Saale und die Nuthe nur mit halben Lippen verschluckte.. Die Zuchthäusler des Zerbster Fürsten hatten die Nuthe später ins Bett gebracht und gestaut, und die herzoglichen Vogelhändler hatten Schnepfen, Lerchen und Ammern an die Schloßküche geliefert, bis das Anwesen in den Besitz eines Goldmanufakturierers übergegangen war, der es mit Hilfe von Lusthäusern, überdachten Laubengängen, Tee- und Damenzimmern, einem künstlichen See, einer venezianischen Gondel und einem Roulette-Turm zum Paradies für preußischen und russische Intendantur-Offiziere umbaute....."

 

"Quantenmechanische Zustände

 

Für die Entdeckung eines neuen Teilchens, das eigentlich keines ist, erhalten der Deutsche Horst Störmer (ist er einer? Was 'ist' ein Deutscher?) und die beiden US-Amerikaner Daniel Tsui und Robert Laughlin den Physik-Nobelpreis. Hier ihre Beobachtungen:

Ein ungwöhnliches Verhalten von Elektronen in einem sehr kalten Magnetfeld ist möglich, in dem die Träger der elektrischen Ladung mit den magnetischen Flußquanten eine Bindung eingehen. Diese zusammengesetzten Teilchen kondensieren zu einer Quantenflüssigkeit und können quantenmechanische Zustände einnehmen, die einzelnen Elektronen nicht erlaubt wären. Fließen weitere Elektronen in diesen Quantensee, regen sie die Quantenflüssigkeit an, sogenannte Quasiteilchen zu bilden, die einen Teil der Elektronenladung tragen. Diese Quasiteilchen sind dabei keine Teilchen im eigentlichen Sinne, sondern als 'gemeinsamer Tanz der Elektronen in der Quantenflüssigkeit' zu verstehen!

Der indirekte Nachweis der Quantenflüssigkeit war schon früher gelungen. Die verfeinerte Messtechnik hat es nun erlaubt, diese Phänomene direkt zu beobachten."

 

Und bei Elektronen ist es wie bei Menschen...denke ich. Was einzelnen von ihnen "nicht erlaubt wäre", das tun die vielen ohne Scheu.

 

18.03.2005 um 19:59 Uhr

Prato della Valle

von: hibou

Padova - Prato della Valle

18.03.2005 um 19:54 Uhr

Padova

von: hibou

Bus Linie "M"

Er kommt schon zum Bersten gefüllt an der Ecke des Prato della Valle an, aber Lili, Irene und ich quetschen uns noch zur vorderen Türe hinein. Zu allem dazu hat Irene einen Reisbesen - una scopa - der eben mit den Reisern noch unters Dach passt. Der Fahrer, verschwunden hinter Wällen von Menschen schließt auf Verdacht die Türen, öffnet sie wieder, wenn jemand schreit. La mano! Draußen Nieselregen aber drinnen ein lautes und fröhliches Gespräch über diesen Besen. Fegt er? Aus welchem Material ist er? Zuckerrohr, Bambus, Schilf? Zwei ältere Damen stehen an mich gequetscht und ein Opa krault mich am Schenkel. Lili hält den Blumenstrauß nach unten in die Wadenlücken. Mein Rucksack wird beim nächsten Halt von der aufgehenden Tür zerquetscht werden. Doch zunächst winken die Leute an den Haltestellen vergeblich, denn kein Bein mehr würde zu uns hineinpassen. Und dann beim nächsten Halt geht nur die hintere Türe auf. Geschrei, viele Stimmen, Rufe und Befehle, nach einiger Zeit erreicht uns die Nachricht, dass ein einziger ausgestiegen sei. Noch später wühlt sich doch noch eine Deutsche bei uns herein und verbringt die Fahrt bis Montegrotto in inniger Umarmung mit einem römischen Ehepaar. Lasst doch die Signorina aussteigen! Ai! Meine Hand!! Ich würde singen. È piangere è sospirare....Der Tag huscht an mir vorbei. Einmal rund um den Markt am Prato. Die kleine graue Nonne, die gebannt zum Stand mit den Spitzenhöschen, Büstenhaltern und Strings emporschaut. Das gäbe ein Bild, sie von hinten, in ihren abgetretenen Schuhen, und dann all die weißen und rosa Fähnchen wie Votivgaben an die Madonna della Bellezza. Bioleder-Jacken sind im Kommen, schwarz, braun und rot . Für zehntausend Lire gibt’s elf verschiedene Sukkulenten. Telemilacinquecento! sagt die chinesische Crèpes-Verkäuferin. Wir kennen sie noch vom letzen Besuch her. Die Kirche des Santo mit mächtigen Kuppeln. Heiliger Antonius von Padua/ hilf mir wiederfinden, was ich verloren hab! Ich denke an Moscheen hier wie bei Santa Giustina. Davor am Andenkenstand gibt es Maria mit offenem Herzen, Piratenfahnen und die Stars and Stripes. Ich sitze im Café und hüte die sich sammelnden Einkaufstüten. Die Spatzen fressen fast aus der Hand. Die Menschen schlendern, vom Regen unberührt.

E se l‘aqua me lo bagna/ e il sol l'asciugera! Der Busfahrer drückt aufs Signalhorn, da will einer die Vorfahrt....Die Nächste! ruft Irene mir über sechs Schultern zu.

17.03.2005 um 17:25 Uhr

Arsenale. Alza le vele, o navicella del mio ingegno!

von: hibou

17.03.2005 um 17:16 Uhr

was wird (Venezia)

von: hibou

Ein Tag in weißem Herbstlicht. Immer hat Venedig diesen Aufmerksamkeitszauber. Die Biennale finden wir wie den Weg zur Schule, zur Arbeit, zum Studio. An den dunkelgrünen Toilettencontainern stehen dunkelgrün angemalte Menschen als Mimikry-Kunstwerke. Die Pavillons der Nationen in den Gärten des Arsenale wirken jedesmal eigenartiger. Weißt du noch, hier waren vor zwei Jahren die Fässer mit dem flüssigen Zinn, und hier die kleinen Buddhas, ach und da stand doch vor vier Jahren das Kalaschnikoff-Quartett! Von den aktuellen Werken wirkt vieles heute aus zweiter Hand. Allenfalls der Schwarz-Weiß-Raum, der von zwei Leuten ständig im Kreis herum wieder übermalt wird, so dass immer zwei Wände schwarz und zwei weiß sind und die Schichten sich in den Wochen und Monaten häufen, ist richtig lebendig. Schnell zu den Corderie und dem jetzt noch größeren Arsenals-Gelände. Artiglerie, Isolotto, External, Teatro alle Tese, Gaggiandro. Tese delle Vergini und Giardino delle Vergini, ein altes Kloster, sind dazugekommen, aber noch immer werden nebenan kleine Kriegsschiffe gewartet und mit den Hafenbecken, dem alten Kran, den Werfthallen, dem Pulverlager und den verfallenen Ecken gehört alles das zu meinem allerliebsten Museumskomplex. Was ist vorläufig, was endgültig? Im Eingang der Corderie kauert ein Riesenjunge, beugt seinen wachsbleichen Rücken unterm Dachgebälk und schaut mit verstecktem Blick zum Tor. Von vielen Richtungen her vermischen sich Klang- und Tonspuren der Videoarbeiten. Fotos sind  in großer Qualität vertreten. Die Bilderstürmer warten  draußen. Noch springt die Magie über. Der letzte Seufzer der Postmoderne? Wird sich vieles ändern?

17.03.2005 um 17:10 Uhr

Biennale

von: hibou

16.03.2005 um 18:51 Uhr

tsoccolata dsanni, e dsuchero! per tsinque persone

von: hibou

Schluss mit dem Balkan. Auf nach Venedig........

14.03.2005 um 16:26 Uhr

gleichzeitigkeit

von: hibou

Fast hätte ich den Zug verpasst, denn Nena und Ljubica besprachen auf offener Straße unterschiedliche Verkehrsaufassungen mit einem zum Fürchten großen Rollerfahrer, der sein Gefährt quer vor unsern Wagen abstellte und zum Fenster hineinbrüllte, wir sollten unsere Mutter ficken, während Nena und Ljubica unterstützt von lebhaften Handbewegungen an der Gesundheit seiner Hirnmasse zweifelten. Dann ging es normal weiter. Der Abschied kurz, der Zug wieder überfüllt. Ich hatte mich auf die Klimaanlage gefreut, aber heute war sie defekt.... An der Peripherie jenseits der Savebrücke seh ich, was ich all die Tage nicht gesehen hatte, Bidonvilles für Roma, braune Decken anstatt der Tür und die Männer auf der Suche nach dem nächsten Stück Sperrmüll, eine Wand oder das Dach abzudichten, und große Containersiedlungen für die Kriegsflüchtlinge. Wir fahren durchs bräunliche Grün der Vojvodina, ich späh nach Blumen am Schottergleis. Das letzte Foto heb ich für die zerbombte Donaubrücke auf.

 

Zwei Tage später gehe ich wieder durch Stuttgart. Ich höre die Leute „dobro“ sagen. Alles existiert nebeneinander. Während Hikmeta mir Salat bringt, wird auch in Zemun serviert.

13.03.2005 um 22:57 Uhr

watching the river flow.......

von: hibou

13.03.2005 um 22:49 Uhr

Reka (wegen grossen verlangens noch einmal)

von: hibou

Überm Donauufer – wieder einmal in Zemun – liegt das Lokal "Reka" (River), wir bekommen noch einen Tisch neben den Musikern, einem lieben Hippie,der Gitarre spielt und singt, einem traurigen leichenblassen Flötisten- und Mandolinenspieler mit dicken konkaven Brillengläsern, der sich beim Backgroundsingen das linke Ohr mit der flachen Hand zuhält, und einem stoischen Hühnen und Nasenriesen am Bass, sie spielen Simon & Garfunkel, "Boxer"und "Going for America", dann alte Beatles- Stones- und Dylan-Lieder.

Der Raum ist bunt gefleckt mit Ölbildern, meist Gesichtern, eine Frau mit Elefantenschürze, eine steht Kopf, sie schauen einen an, anders als die Chefin mit ihrem Gesicht einer KGB-Oberen aus "Der Spion, der mich liebte" und den Brüsten von der Größe von Wassermelonen.. Die Stimmen der fröhlichen Partygänger sind laut, die Musik gerade richtig, einige Paare tanzen zwischen den Tischen. "Wiener Schule", sagt Ljubica bewundernd. Nena kommt gegen Mitternacht auch, und bei den serbischen Liedern, die die Band jetzt spielt, funkeln ihre Augen wie die aller Frauen im Raum und sie singen hingegeben mit. Wir reden wieder über allerlei, über Schnaps, über Trunkenheit – ich mag keine betrunkenen Männer, sagt Ljubica -, dann singt auch sie mit. Wovon handelt das Lied? frage ich. Ljubica übersetzt begeistert: "Die Bäume tanzen und die Häuser singen/ sind die Straßen betrunken?/ und wie bloß komme ich nach Haus?" Viele unserer Lieder handeln von Betrunkenen, meint Nena. Die Atmosphäre ist anrührend.. Wo ist der Krieg? Welche dieser Leute könnten jemandem ein Haar krümmen? Die Dinge geschehen, die schrecklichen und die guten Taten, die Unterlassungen, die Wünsche sind da, die vergessenen Tage werden uns im Traum und auch im Alp hochkommen, aber jetzt treibt alles ziemlich unwirklich den wie Satin fließenden Strom hinunter. Unsichtbar werden in der Gegenrichtung neue Impulse und Motive für den Morgen anlangen. Wir gehen sehr spät im Mondlicht nach Hause und von jenseits aus dem Dunkel des andern Ufer leuchtet golden das Licht eines Fischerboots.

"People disagreeing on all just about everything, yeah,/ Makes you stop and all wonder why./ Why only yesterday I saw somebody on the street/ who just could not help but cry./ People disagreeing everywhere you look,/ Makes you wanna stop and read a book./ Why only yesterday I saw somebody on the street/ that was really shook./ But this ol' river keeps on rolling, though,/ no matter what gets in the way and which way the wind does blow/ and as long as it does I'll just sit here/ watching the river flow...."

12.03.2005 um 22:03 Uhr

Knochen unserer Knochen

von: hibou

Dann ist das Holzboot doch wieder heil, wir tuckern an der großen und an der kleinen Hureninsel vorbei – niemand weß, sagt die Führerin, warum die so heißen, auf der großen gibt es viele Arten von Vögeln, auf der kleinen nur Enten, Möwen und Ibisse – mitten in den Zusammenfluß von Save und Donau fast wie auf einen großen See hinaus und die Ufer dunkelgrün und undurchdringlich, nur Fischer fahren mit ihren Booten heran, wenn da ein Fleck Sand zwischen überhängendem Geäst frei ist, und der Mississippi, so ich ihn sehen werde, wird diesen Eindruck erst einmal übertreffen müssen. 1170 km sind es von hier aus bis zum schwarzen Meer. Jason mit der Argo fuhr hier den Strom hinauf, das goldene Vließ gut verwahrt. Nach "zuverlässigen Quellen" ist die Dunav einer der vier Flüsse die im Paradies entspringen, an ihr liegen die vier himmelsschönen Städte mit "B", Beº (Wien), Bratislava, Budimpest, Beograd. Aus der Entfernung ist der Blick auf die Stadt prächtig. Ich sag Vasko Popas Gedicht:

Beograd

Weißer Knochen zwischen den Wolken

sprießt du aus deinem Scheiterhaufen

aus dem gepflügten Grabhügel

Sprießt aus deinem Schwinden

Die Sonne hütet dich

in ihrem goldenen Schrein

hoch über dem Bellen der Jahrhunderte

und trägt dich zur Trauung

des vierten himmlischen Flusses

mit dem sechsunddreißigsten irdischen Fluss

Weißer Knochen zwischen den Wolken

Knochen unserer Knochen

Wir fahren die Save hinauf, hier ist die Großstadt, der Hafen, da sind die Badeplätze, die Inseln mit Wochenendhäusern. Ljubica übersetzt. Zwischen beiden Strömen war früher Sumpf, dann ein Konzentrationslager, wo unter den Faschisten mehr als 40000 Menschen getötet wurden. Ein gebrochenens Kreuz für gebrochene Leben. Jetzt die riesige Schlafstadt, "das große Schlafzimmer".

11.03.2005 um 13:37 Uhr

wie die niere im fett

von: hibou

Der Tageslauf bisher: wir frühstücken gegen neun, Nena ist schon zur Arbeit gegangen, Wassermelonen und türkischen Kaffee, Ljubica erledigt dann ihre Sachen, ich sitze am Küchentisch, schreibe, denke nach, schaue über die Hochäuser. Gegen zwölf oder eins gehen wir aus in die Hitze, um fünf sind wir zurück, ich sitze am Küchentisch. Leben "wie Gott in Frankreich" heißt hier: "leben wie die Niere im Fett". Ich sitze am Küchentisch wie die Niere im Fett, beide Schwestern kochen: Heute serbischen Bohnentopf, Tomatensalat, Schnaps, Zilavka. Abends spät gehen wir nochmal aus, zum Donauquai oder in die Skadarlja, dort reden wir beim Essen über Treue, Ehrlichsein oder Lügen, Malerei, Dostojewski, Dusan Mati¹ , von serbischer Politik, von Katholiken, Exkommunisten, Juden, Roma und so weiter.

Einmal, wir wollten mit dem Sightseeing-Boot eine Runde machen, aber es war kaputt, saßen wir am Donauufer unter einer riesigen Pappel, die von Eisenträgern gestüzt ein Lokal überwölbt. Die letzten zehn Jahre? Ljubica seufzt. Am schlimmsten war es zuletzt, als keine Hoffnung mehr war, als auch noch unsere Sparkonten weg waren, als ob die Politiker uns nicht schon genug betrogen hätten, und die Inflation und dann die Bomben. Nicht reisen können. Es war hart. Mit jemandem zusammenleben? Ja, klar, "but I’ll never be somebodys nurse".

Davor, nachmittags, sahen wir das Museum für moderne Kunst, mitten im Park der Völkerfreundschaft gelegen, ein Reh kreuzt unsern Weg, der Betonpfad ist brüchig, eine riesige steinerne Fackel, gestiftet von Mila Markovic, ragt schon vegessen auf, die Bäume wissen nicht mehr, welcher Diplomat oder Parteisekretär sie einst pflanzte, die Gegend wie auch der große Bau des Museums wirken verlassen. Ich sehe Bilder serbischer Malerinnen und Maler, deren Namen ich nicht kenne. Ljubicas Lieblingsbild: "drunken boat" von Sumanoviº , stürmische See, drei angezogene Matrosen und drei nackte Huren ebenso stürmisch in der schwankenden Nussschale. Es gibt doch ein Gedicht... ah, mir fällt der Name nicht ein.... Rimbaud, sagt Ljubica.

10.03.2005 um 18:32 Uhr

Von den Bussen (und Trams), von Amerika

von: hibou

Es kommt meistens einer, auch private Gesellschaften haben parallel Linien eröffnet, sie sind blau, rot, grün und andersfarben, innen steht: "Fahrgäste ohne gültigen Ausweis....60.-FR", oder "Achtern uitstappen" oder "Bergbus Chiemgau", eine junge Frau hält ein Banknotenbündel und verkauft Fahrscheine zu zehn Dinar, Gedränge, der Schweiß läuft uns über Gesicht und in T-Shirts und Blusen hinein. Beulen, kaputte Scheiben, geklebte Teile, aber es geht flott! Der Fahrer hat seine Freundin neben sich rücklings aufs Armaturenbrett gesetzt, sie reden und lachen, WRHAAMM! fährt der Bus ins Schlagloch, und mblbm! tanzt ihr Busen vor seiner Nase. Manche Leute haben Schußwunden am Bein und Schädelnarben. Es geht vorbei an der ausgebrannten Hochhausruine, dann über die hohe Savebrücke – schon da. Die Tram aber, ein Blechhaufen auf welligen Schienen – ich erkenne eine Hamburger, vielleicht die alte drei nach Schnelsen?-, quält sich den Berg hoch.

Ihr wollt wohl nicht brav sein? sagen die Amerikaner? OK, wir werden Euch schon bravbomben. Ah, ihr seid gesittet? nun gut: hier habt ihr Coca-Cola und McDonalds. Bringt ja Umsatz.

09.03.2005 um 12:32 Uhr

wieder küsst sie die ikonen

von: hibou

Morgens waren wir in Zemun gewesen, es grenzt an Ljubicas Wohnblock, und bald zeigt sie mir ihre Grundschule, ihr Gymnasium - "ich liebe Alexandra!" steht (in Deutsch) auf den neoklassizistischen Pfeilern -, die zerbombte Fliegerschule und ihre sonntägliche Kirche Sveti Gavrilo, wo sie mehrere Kerzen entzündet, darunter eine für mich und eine für meine Gesundheit. Die für die Lebenden kommen in die obere Etage des Schreins, die für die Toten in die untere. Wieder küsst sie die Ikonen. Dann gehen wir über den Markt, kaufen etwas Teig für Käseauflauf – kochst du ihm auch genug? fragt ihre Mutter täglich am Telefon – steigen durch die winzigen Häuserreihen zum Turm hinauf. Wir sind die einzigen Besucher weit und breit auf der großen Terrasse, trinken Jelen-Pivo, Hirsch-Bier. Do you believe in angels? fragt Ljubica. Of course. Vom Hirsch als Symbol. Die Geweihe als Antennen für SMS der höheren Art. Ich erzähl ihr von Beuys. Nun liegt Belgrad gegenüber in der Ferne, und die Donau weiter hinuntergelangen wär schön!

08.03.2005 um 18:22 Uhr

na pitanje

von: hibou

Ich warte in der Kafana „Na Pitanje“ – zum Fragezeichen – auf Ljubica, die ein Vorstellungsgespräch für einen neuen Job hat. Das geduckte, fein weißgeputzte Haus mit schwarzbraunen geschwungenen Holzfenstern ist im Innern mit niederen Tischen und Hockern bestückt, ein alter türkischer „Han“? Vom goldverzierten Zwiebelturm gegenüber  seilt sich gerade einer der Restaurateure ab. Ich pfeife „sinking ships – crashing planes“ vor mich hin, betrachte die Vorübergehenden, schreibe meine Notizen. Und von hier aus eine Postkarte für Dilek nach Istanbul.

 

(Kneipen!)

07.03.2005 um 22:30 Uhr

Über Flüche. Über Liebespaare

von: hibou

 Jebo te! (es möge dich ficken), pi¹ ka, pizda! (Fotze, Möse), puë li kurac! (Rauchschwanz), pi¹ ka ti materina! (Fotze dir Mutters). Das heißt aber tatsächlich: Ey Alder! Pass auf! Ach wie blöd! und: Park doch nicht so bescheuert.... Soweit ich’s mitkriege keinerlei Ausdrücke aus dem Fäkalbereich. *)

Über Liebespaare. Es gibt viele. Vor allem in den Parks von Kalemegdan. Krude Steinfestungen und technischen Tötungsanlagen mutieren also irgendwann zu Liegewiesen im Lindenschatten. Bloß dürfte das nicht Jahrhunderte dauern. In Kafanas sind sie zu sehen, die Zärtlichen, zwischen Müllcontainern und auf Brunnenrändern, auf der Straße gehen sie, tragen ihr Entzücken spazieren, haben wohl oft kein Zimmer und keine Bett, ihrer Bestimmung nachzukommen, aber keine Sorge, sie wissen sich zu helfen.

*) Anmerkung von Mirjana:

begebe dich direkt in die Schei...
govno jedno - Du bist vielleicht eine Schei...!

jedi govna - friß Schei...
jebem te u guzicu - ich f... deinen Arsch
idi un govna - hau ab, bzw.
govance - Scheißerchen

 


06.03.2005 um 19:49 Uhr

Die Beschriftung von Ljubicas Radioapparat:

von: hibou

 

A/E       Lautstärke         Klang        Sender

Pristina        Beograd       Titograd        SWF        DLF

       Luxemburg       Zagreb1       Ljubliana       SDR

                      Wien            Novi Sad         Brno

     Nizza                  Lille                 Skopje         Sarajewo

Abends spät, aber es war kaum einen Hauch kühler geworden, gingen wir über den Donauquai nach Zemun. Mit uns Tausende. Ein Bootrestaurant reihte sich ans andere, auf Pontons und Terrassen weitere Bars und Cafés, dazwischen fliegende Händler, die heiße Maiskolben verkaufen oder Hennatatoos applizieren. Lichterketten, Geruch gegrillten Fisches, Housemusik, der Sommerabendwunschtraum eines jeden Städters, aber welche Menschenmengen und welche Kulisse!. Der ruhige Strom diesseits Marina, Bootegewimmel, und drüben undurchdringlicher dunkler Wald. An Ufern wird’s lebendig? Doch auf dem Weg nach Hause, durch Schlaglöcher und die Steppe unter ausgefallenen Straßenlampen, heißts aufpassen. Die Zikaden singen im Baum. Ein stolzer Autobesitzer läßt die sieben Versionen seiner Alarmanlage erklingen. Ljubica schwört ihm, sie werde demnächst seinen Wagen aufbrechen! Im Jugo oder Zastava daneben döst bei offenem Fenster ein Betrunkener. Es ist fast Vollmond.

05.03.2005 um 13:44 Uhr

immer noch patriarchen

von: hibou

Mit Sveti Sava oben auf dem Hügel soll die größte orthodoxe Kirche des Balkans entstehen, der Rohbau steht, sieht von fern aus wie die Hagia Sophia aus, von nahem sind es Betonfertigteile. Ganz traditionell, Säulen und Kapitelle im byzantinischen Stil des 7.Jahrhunderts, ein massives goldenes Kreuz ziert die Kuppel, Fresken sollen her und Mosaiken. Der Bau wird vollständig durch Privatspenden finanziert.

Dann gegen abend in der Zaborna crkva just zum täglichen Gottesdienst des Patriarchen. Wir sehen ihn über die Straße kommen, ein kleiner alter bärtiger Mann im schwarzen Rock. Mit Wanderstock, begleitet von einem anderen Popen kommte er aus dem gegenüberliegenden Palast. In der Kirche nicht viele Gläubige, aber sie fassen den Erdboden, bekreuzigen sich, küssen die Ikone. Der Gottesdienst ist ausschließlich a capella gesungen..