Inner city blues/vagina

04.03.2005 um 19:08 Uhr

without a trace

von: hibou

Ich hatte morgens mit Nena geredet. Die Leute hier sind offen, laut, nun endlich nach den vielen Kriegen sehr politisiert. An jeder Ecke wird die Zukunft diskutiert, und selbstverständlich weiß jeder am besten, wie es weiterzugehen hätte. Jeder kennt seine Nachbarn, ein kleines Fest sollte doch noch zu schaffen sein, man besucht sich. Musik! tanzen....

Mir fällt auf, dass es viel weniger Hunde als in Deutschland gibt, eigentlich außer einigen verwilderten kaum welche. Vielleicht sind die Menschen bei euch einsamer, sagt Nena.

Die Siesta nehmen wir im weitläufigen Park von Kalemegdan, zwischen der Statue des Siegers, dem Grab Ali Paschas und dem türkischen Uhrturm. Die Aussicht geht auf Save und Donau und über die Blöcke Novi Beograds am anderen Save-Ufer bis zum Hügel von Zemun. Hier oben wechselten die Herren häufig, wurde – wie in der ganzen Stadt - ein steter Rhythmus von Zerstörung und Aufbau eingehalten. Und doch, sagt Ljubica, galt Belgrad – die weiße Stadt – lange als pazifistisches intellektuelles Zentrum, wo Serben, Moslems, Juden und Armenier auskömmlich zusammenlebten. Wird sie’s wieder?

"He who wants to conquer the fortress must first conquer his own soul. The path through the soul leads us to Belgrade, one of the oldest, most battered cities in the world. When Le Corbusier said, that Belgrade was the ugliest city with the most beautiful location, he was looking at the result of centuries of destruction. Those who love and know this city today. know it not from what they have seen or touched. Its greater, perhaps finest part has disappeared without a trace and we shall never see. photograph or touch it again. But the part of it that is gone, that can never be reconstructed, belongs to history too, the history that is inside us." (Milorad Paviº )

03.03.2005 um 16:22 Uhr

Terazije

von: hibou

Am nächsten Morgen steh ich früh auf dem Balkon und schaue in Richtung Zemun – ein Turm steht da auf dem Hügel, wo weiland Prinz Eugen sein Lager aufschlug... na du weißt schon, der edle Ritter. Er ließ schlagen eine Brucken/ dass man konnt hinüberrucken...
Ich sehe auf ein Szenario von Plattenbauten und Hochhäusern, keines gleich, alle weit auseinander, dazwischen, in der von Trampelpfaden gemusterten Steppe, sind illegale Einzelhäuser und Kleinbetriebe aus dem Boden gewachsen, wirr und planlos und so den gedachten großzügigen Aufbau von Novi Belgrad karikierend. PECTOPAH und Frizer ist zu lesen. Das hat die Seselj-Mafia ermöglicht, sagt Ljubica, die saßen da drüben in Zemun. Tief unter mir Platanen, die doch wie Pappeln in den Himmel wachsen , îch schaue den Leuten, die aus unserm Haus kommen, ihre Eimer wegtragen oder sich an einem der Autos zu schaffen machen, auf Scheitel und Schultern. Zwischen Beton hindurch ist das waldige Land am andern Ufer zu sehen, und ein winziger Fleck braunen Wassers. Der Quai, sagt Ljubica, wir gehen heute abend hin. Sie macht Sandwiches mit Käse und Cvarak, dazu füllt sie Brombeersaft vom Dorf in Flaschen. Sie ist wie Lydia einmal sein wird. starkknochig, selbstbewußt, schwerblütig.

Die Wohnung wie aus den fünfziger oder frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Dunkelgrüne Sofagruppe, Plastikblumen, dunkle Einbauschränke, versenkbare Nähmaschine, Alabastertäubchen, Fotos in Rahmen auf dem Schwarzweiß-Fernseher. Eine Reise in die Vergangenheit? Oder nur an den Rand des Geschehens? Zentren (der Kultur) sind wohl da, wo Neues geschaffen wird. Sie sind der Zeit voraus oder jedenfalls am Atem der Zeit. Aber sie pflegen recht unsichtbar zu sein. Wer beachtete Modigliani, als er malte? Wird Kunst erstmal sichtbar und gerühmt, ist der Vegetationspunkt des Neuen meist schon weitergewandert. Dafür kommt – oft erst nach tausend oder mehr Jahren – der Tourismus. Gizeh, Knossos, Athen, Rom, Quedlinburg....Es wäre Gegenwartstourismus nötig. Wofür ist hier, in der Hauptstadt eines fast geächteten Landes, das Zentrum? Was entsteht? Vorläufig werden die globalen Trends zwischen den rissigen Häusern spazierengetragen, die coole westliche Kleidung, die Sportschuhe. Trends schaffen! nicht welche weitertragen. Wenn jeder seinen Trend verwirklicht, wird’s individuell. Noch immer sitze ich am Küchentisch, schaue nach dem Turm von Zemun, dem gleißenden Sonnenlicht, dem gegenüber aufgehängten Unterhosendefilé, oder zu Ljubica, die grade über Selbstmordraten bei Vollmond erzählt und mir den dritten Kaffee serviert.

Erst gegen zwölf starten wir zur Stadtbesichtigung, werden über vier Stunden zu Fuß unterwegs sein. Zuerst über Terazije zum Parlament! Ich will sehen, wo die beiden am 5.Oktober letzten Jahres in der Menge standen. Mir sind die Fernsehbilder gegenwärtig. Die Bulldozerrevolution. Aber schon haben sie den Boulevard der Revolution in Boulevard König Alexander umbenannt... . Hinter der Savebrücke, wo wir aus dem Bus ausstiegen, ein wilder Bazar in allen Unterführungen, auf Treppen und in Seitenstraßen. CDs, Büstenhalter, Shampoosorten zu Dutzenden, Kleiderbürsten, Rosensetzlinge, kleine Kaninchen, alles kannst du da kaufen. In der übrigen Stadt ist die Tendenz ähnlich, zumindest beherrschen die vielen Kioske das Bild. Das Zentrum erinnert mich an Lausanne und Paris, mit Betonkästen aus der Titozeit durchsetzt. Buchhandlungen!! Visa-Card, American Express. Überall kann man mit Mark bezahlen. Können wir in Frankfurt irgendwo mit Dinar was kaufen??

 

 

 

02.03.2005 um 12:49 Uhr

Puszta

von: hibou

Başkatopola. in den endlos weiten Feldern der Vojvodina stehen vereinzelt Baumgruppen, darin versteckt kleine Häuser "mit allem": Garten, Ziehbrunnen, ein kleiner Acker, eine Kuh, Gänsen und Hühnern, Blumen und ein paar Obst- und Nussbäumen. Bei uns sind die Bauern die Reichen, wird Ljubica sagen. Gigantisch! sagt Lydia, und: urviel Kukuruz, und: urheiß ist‘s heut. Ich tausche zwei meiner Postkarten mit Liebesgedichten mit ihr und krieg eine Zigarette. Im Schrittempo fahren wir in Novi Sad auf einer Behelfsbrücke über den Fluss und aus dem K.u.K-Reich hinaus. Die Pfeiler der zerbombten Brücken ragen aus dem Wasser, die versunkenen Brückenteile werden nach und nach weggeräumt. Noch ist die Schiffahrt nicht wieder möglich. Tiefrot steht die Sonne über dem Wasser. Ein kleiner, schwarz-weiß gefleckter Hund schnürt die Sandbank entlang. Dann wird’s schnell dunkel, wir reden über Filme, Marilyn Monroe und Oskar Werner, die sind urgut. Mit einer Stunde Verspätung und ohne mehr als ein paar Lichter zu sehen kommen wir in Beograd an.

Ljubica und Schwester Snezana sind mit ihrem R4 am Bahnhof. Ich sehe nichts, aber sie zeigen mir alles. Hier, die Sava-Brücke. Das ist das zerbombte Hochhaus. Siehst du die chinesische Botschaft? Grad zweihundert Meter von uns weg. Es war schrecklich! Aber wir überlebten. Und beide drehen ihre Gesichter zu mir da hinten auf dem Rücksitz und lachen mich an. Mit dem Elevator, der sehr knirscht, geht’s in den achten Stock. Dann: Schnaps! Huhn von Mama, der Wein heißt T’ga za Jug – Sehnsucht nach dem Süden. Reden fernsehen Wein türkischer Kaffee.. Mein Englisch wird in den nächsten Tagen fließender. Es ist heiß. Nimm doch noch was! Help yourself....

01.03.2005 um 19:16 Uhr

Mit Lydia

von: hibou

5.8.2001

Am Wiener Westbahnhof ein Gewühl von Menschen und der Zug übervoll. Die meisten fahren zum Rockfestival nach Budapest. "Gigantisch!" sagt auf dem Nebensitz eine junge Österreicherin. Sie fährt wie ich nach Belgrad. Vergeblich versuche ich an der Grenze einem Vietnamesen ohne Visum zu helfen. Aus den Augenwinkeln sehe ich sanfte Wiesenhügel, vor Budapest mit tausenden kleinen Häusern gesprenkelt. Da aber haben wir schon viel geredet, die Nachbarin ist zwar aus Wien aber eine Serbin unten von Dimitrovgrad her. Wir lachen gegenseitig über unsre Passfotos. Lydia heißt sie, von dunklem Haar, dunklen Augen, markantem Gesicht, in Sekunden hat sie sich auf dem Sitz einen Rock an und die Jeans ausgezogen. Sie ist quicklebendig, mit einem Chamäleon oder einer Eidechse würde man sie vergleichen, sagt sie. Ich schau wie alle Männer mal wieder auf die Zehennägel, aber das soll ich ja wohl denn sie sind lila und ich sehe auch ein winziges silbernes Kreuz in ihrem Ohr. Wir gehen in den Kola Restoran, reden weiter beim Cappuccino, über Körperformen, über das Nato-Bombardement, über ihren Bruder, der Musiker ist, na, tausend Sachen stehen zur Wahl.

Von Budapest an schleicht der Zug. Ganz Ungarn ist silbern von Pappelblättern im Wind. An den Bahnhöfen steht über den zwei WC-Türen "Nöi" und "Fenfi", über Mauer und Türen der Schriftzug: HipHopNation for ever. Die goldenen Schäfchenwolken, die Hollerbeeren und unsre Lok, ein Taigawolf, rumpelt über die Geleise. Auf riesigen Werbeplakaten eine tief décolletierte Frau und der Satz: Döde millen kirlakot. Heißt das: zieh mich aus und nimm mich?, nein, eher: schöne Möbel ganz billig!

In Subotica an der Grenze müssen alle, die wie ich kein Visum haben aus dem Zug. Lydia wird schon ein Auge auf mein Gepäck haben. Wie die Schafe gehen wir einem Zollbeamten nach, stehen an einem Schalter Schlange, eine hellblaue Beamtin ruft uns mit Vornamen: Natasha! John! Claire! Tomasz!

Nach anderthalb Stunden erst geht’s weiter. Reisen in die Vergangenheit. Abendsonne. Wieder mit Lydia im Speisewagen.

01.03.2005 um 19:15 Uhr

Sommerreise 2001 Wien - Beograd

von: hibou

Govori srpski da te svet rasume!

Sprich Serbisch, damit dich alle verstehen!

Und? wie war’s?? hat Hikmeta gefragt, als ich aus Serbien zurück war. Hast du Bilder gemacht? Oh, wir müssen uns unbedingt treffen......