Inner city blues/vagina

26.04.2005 um 11:02 Uhr

Maso Guidi an E.Pifanie

von: hibou

Barcellona/ Sizilien 6.3.

 

Liebe(r) E.!

 

Mag es auch recht unwahrscheinlich klingen, aber ich fiel auf Ihren Namen nebst „Was Du schreibst - bist Du selbst“, als ich nach etwas suchte, meine Sandalen einzupacken und in der Apfelsinenkiste nach einem Stück Zeitung griff...Ein Phantast hätte wohl behauptet, auf dem stillen Ort unmittelbar vor Gebrauch des Papierfetzens die Annonce gelesen zu haben. Der bin ich jedoch nicht. Fragen Sie mich aber nicht, wie die Zeitung denn hierher verschlagen worden sein mag! Umgekehrt, von hier nach Deutschland, wäre es plausibel, denn die Zitronen und Orangen werden verpackt und zum großen Teil dahin verschickt. Es wird sie einer der Wanderarbeiter mitgebracht haben.

Die Salamitas empfangen außerdem zahlreiche interessierte Besucher, da ihre Farm in Kreisen der Demeter-Verbraucher gerühmt wird und sie selbst sehr kordial und gastfreundlich sind. Manche jugendliche Reisende haben gerade im Winter hier Arbeit gefunden.

Glauben Sie sehr an Zufälle? Ich beschloß sogleich, Ihnen zu schreiben.

Hier einiges zu meiner Person: Nur meine Vorfahren sind wohl, wie der Name vermuten läßt einmal Romanen gewesen, ich selbst wohne in genau Ihrer Gegend und bin durchaus da assimiliert, reise aber gerade mit bestimmten Plänen durch Sizilien. Mir bleibt Zeit genug, so daß ich hoffe, einmal quer und einmal längs und einmal rund um die Insel zu kommen. Jetzt im Frühling umgibt einem zwar ein Meer von Blüten, die Luft ist aber noch klar und kühl, das Land und die Gebirgszüge zeichnen sich so scharf vom Himmel ab, wie die Gedanken eines arabischen Einsieldels es je getan haben.

Also, ich bräuchte ganz einfach ein Ohr und ein Gemüt, dem ich meine Eindrücke in nächster Zeit mitteilen kann. Wollen Sie das sein? Ich halte es für möglich.

                        Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich

                                                Ihr Maso Guidi            

Ihre Antwort postlagernd Palermo?

23.04.2005 um 14:45 Uhr

es beginnt ein briefwechsel zwischen zwei altmodischen herren. von sizilien hören wir darin viel

von: hibou

Aus E.Pifanies nieversiegendem Briefwechsel ein kleines verspieltes Stückchen

Wer schreibt noch? Suche Menschen, die Briefe wechseln, Gedanken, Anschauungen, Gefühle über alle Aspekte der Welt austauschen. Realität = Fiktion? Was du schreibst, bist du selbst.

Oh!

Antworten bitte an E.Pifanie, nach H.

20.04.2005 um 10:40 Uhr

intermezzo im heiligen land

von: hibou

Hi, Jordan!

 

Für Anno trug ich Schuhe

Und Kleider auf dem Rücken,

Ging am Faden übern Platz.

Galiläa, Land der Steine,

Warf ein Lied mir zu;

Zuversichtlich flußwärts

Aus den Armen will ich’s singen:

 

„Hi, Jordan!

Fließt du noch immer? Sind schon viele gegangen

Über Allenby-Bridge und über den See,

tragen deine Wasser noch?

Hast Josuah ziehn lassen

Und die Raben des Täufers.

Hi, Jordan!

Fließ auch für mich!

Nenn dich Elbe meinetwegen,

oder Wasser des Lebens,

oder ‚Kleine Schleife vom Mond’.

Laß uns ein Zeichen, daß du hiergewesen bist.

Einen Glanz

Auf dem Pflaster!“

14.04.2005 um 08:39 Uhr

Paris! und Schluss

von: hibou

Zweimal waren wir an der Porte de Clignancourt im Viertel des weitläufigen "Marché aux puces", das zweite Mal am letzten Tag, als der Flohmarkt geschlossen war. Ich saß den ersten Tag mitten im Gewühle auf abschüssigem Asphalt schräg an einen Plastikstuhl geklammert, während ich auf Irene und Katharina wartete, ich saß vor dem spitzen Winkel eines der ebenerdigen Gebäude, fast auf der Wegkreuzung wo gerade mal 2 oder 3 Tische der Imbissbude Platz fanden, in der Sonnenhitze und in der Hitze des Hähnchengrills, zu dem es steil drei Stufen hinaufging, am jähen Abhang eines Miniaturgebirges, kam mit zwei sehr hellhäutigen jungen Männern ins Gespräch, nein sie sprachen nicht arabisch, es waren Kabylen aus dem algerischen Rif-Atlas. Nein, sie könnten vorläufig nicht nach Hause, obwohl es bei ihnen in den Bergen ruhig sei. Und wunderschön! Und, als Irene kam, sagten sie noch, die Frauen hätten da auch oft rotblondes Haar, sie sehe wie eine vom Stamme der Berber aus! Ob wir nicht einmal da hinfahren wollten?

Das andere Mal fast Menschenleere. Wo die bunten Waren auslagen heruntergezogene Rolläden und verschlossene Garagen. Die Tags der Sprayer, rostige Metallplatten, ganz mit Weinrebe zugewachsene Schuppen, Bidonville in den Hinterhöfen. Gleich daneben Bürohäuser, Schulen, Vorstadtkneipen. Wir gehen unbehindert quer durch die wochenends so gedrängt vollen Straßen. Ich lerne weiter mit Irenes Blicken sehen. Die gedeckten Farben von ausrangierten Haus- und Möbelteilen. Öltanks, Paletten, Heizungsrohre. Die kleine Situation. Ein Zymbelkraut in der Mauerritzte, und ein Weidenröschen, das durch Teer wächst. Verschachtelte Dachsilhouetten. Verblichene Reklame. Müll und verlorene Dinge. Bilder der Stadt. Realien.

14.04.2005 um 08:03 Uhr

Marché aux Puces

von: hibou

13.04.2005 um 15:11 Uhr

Paris! 7

von: hibou

Phönix

 

wenn unsere Seelen zu Mond fliegen

was finden sie da?

eine gedeckte Tafel für uns alle

 

 

Wir wohnen in der Rue des Quatre Frères Peignot, im vierten Stock, mit Minibalkon und steiler Sicht hinunter auf einen Innenhof und steil hinauf auf ein Hochhausensemble, das im Führer als „Kuriosität“ erwähnt ist. Wegen eines Kurzschlusses ist im Bad Kerzenbeleuchtung und die Küche ist so klein, dass immer zwei von uns sitzen müssen, damit der dritte etwas auftischen kann. Katharina kocht Kaffee, Irene Tee und ich geh zum Bäcker oder zu Ed, dem Epicier. Die haben aber meist morgens noch zu und abends auch. Nur der libanesische Delikatessenhändler an der Ecke hat immer geöffnet. An der Place Charles Michel gibt’s Zeitungen. Ein Mann spritzt mit dem Schlauch sorgfältig das Trottoir vor seinem Geschäft, die seltsame, erst jetzt blühende Akazienart, die überall in der Stadt die Straßen säumt, wirft noch dunkle Schatten, der Morgen hat im Café schon begonnen und ich lese im Gehen, mit der Baguette unterm Arm, von der versunkenen „Kursk“. Peng! ein Mülleimerdeckel kracht zu, und fast ebensolaut fliegen die Tauben auf und fegen mit ihrem Flügelschlag die schmutzigweißen Blüten kreisförmig vom Asphalt

Der Libanese hat auf wenig Fläche eine Fülle von Waren, von Farben, von Zuckerwerk und Würzigkeiten. Jetzt wird geliefert und eine Bodenklappe ist offen und ich sehe in der Tiefe noch einmal dieselbe Menge an Säcken und Fässern aufgestapelt. Füllt nicht  sogar Vogel Phönix im Libanon seine Flügel mit Gewürzen?

Einige Schritte weiter ist ein viel bescheidener libanesischer Imbiss, dort holen wir uns in den obligatorischen Plastikgefäßen ein Bouquet von Genüssen für unser Kerzenlicht-Souper. Für Katharina ist das alles viel weniger exotisch als für uns, sie kennt es von Melbourne her. Wie heißen die Sachen rings um die Falafelkugeln, Katharina, sag? Samouse? Taboule? Und die kleinen heißen Teigtaschen?

Selbst örtlichen Wein gibt es. Christen und Muslime und Drusen üben nach 25 Jahren Bürgerkrieg erneut ihr gastronomisch so identisches Zusammenleben. Der Junge hinter der Theke sollte für uns jetzt ein arabisches Lied singen, und wir möchten Tamburin und Saitenklang dazu....

 

 

oh köstliche Taboule

deine Wurzeln liegen in der Vielfalt

wie die unseres Volkes

du bist feiner als Honig im Bienenstock

deine Spielarten

sind ausgewogen und kostbar

wie die Waage der Gerechtigkeit

fehlte auch nur eine Zutat

würdest du deine Seele verlieren

wie der Libanon auch

13.04.2005 um 15:01 Uhr

dort kann man zeichensprache

von: hibou

Un geste pour une syllabe

Le langage parlé complété est une méthode qui s'ajoute à la parole pour les enfants oralisés. Elle consiste à associer à chaque syllabe prononcée le signe qui s’y rapporte. En général, le signe rappelle ou plus moins la manière de prononcer la syllabe.

Cours de LPC : A L P C 21, Rue des Quatre Frères Peignot 75015 Paris Tél: 01.45.79.14.04 Fax: 01.45.78.96.14

12.04.2005 um 10:03 Uhr

Paris! 6

von: hibou

Über die Grabkapellen des Friedhofs Montmartre ist eine Straßenbrücke so niedrig hinweggebaut worden, dass sie fast im Dunkeln stehn. Alle anderen Friedhöfe haben wir nicht besucht. Nicht einmal Simone de Beauvoirs und Jean-Paul Sartres Grab noch das der zerbrechlichen Marie Laurencin, Apollinaires Gefährtin und des Zöllner Rousseaus Muse, die zerbrechliche durchsichtige Bilder malte, nicht das von Heloise und Abälard. Wer hätte gedacht, dass das Liebespaar gerade in "Being John Malkovich" Auferstehung feiern würde....

Warum auch Gräber ansehn? Sie sind alle säuberlich am Friedhofseingang auf Plänen markiert, die berühmten Namen der Vergangenheit. Unerkannt jedoch gehen, sitzen liegen und stehen die wichtigen Leute der Zukunft fein getarnt oft sogar vor sich selbst, gehen ihrem Tag nach, befinden sich an Wendepunkten ihres Lebens oder bei Burger King, riskieren tödliche Unfälle aus Unachtsamkeit, sind vielleicht eben grade geboren worden. Heloise werden sie heißen, Etienne oder auch Noa, Irène und Marie.

11.04.2005 um 10:24 Uhr

being john malkovich

von: hibou

being john malkovich

sich jemanden zurechtlegen. einmal durch des anderen augen sehen. die welt am faden. das stockwerk 7 1/2. aus john malkovich fallen. wegen abaelard und heloise einen in die fresse kriegen. aber das ist ne andere story..........

10.04.2005 um 15:13 Uhr

Paris! 5

von: hibou

Bach. Sainte Chapelle.

Mitten in gotischem Abendblau sitzen, mit etwa tausend Erzählungen um sich, die heute unentschlüsselt bleiben. Die "Archets de Paris" spielen, Bach ganz französisch, in den Farnwäldern des Mittelalters, in den Sanddünen und den Tausenden Bäumen, die wie Phönix in dieses Farbenglas eingeflammt sind, in diesem Raum, der physisch unbegrenzt ist und ganz zum Klangkörper sich wandelt. Wir waren durch prächtige Treppenhäuser des Justizpalastes und seine riesigen, hohen Flure bis zur Kapelle gekommen, von Gendarmen gesäumt. Die beiden kleinen Mädchen der Flötistin und der zweiten Geigerin sitzen auf der Steinbank neben dem Ausgang zur Sakristei, stolz zuerst aber dann bald müde und mit dem träumenden Blick, den Musik oft hervorruft. Ich schaue auf Gesichter und Bewegungen der drei Musikerinnen und der drei Musiker, bewundere sie, sie arbeiten und lieben zugleich und sind öffentlich intim und nicht einmal der Kaplan kann Anstoß nehmen. "Es geht um die Sprachlosigkeit der Bilder und die Bildlosigkeit der Sprache... Ich las diesen Satz, als ich kürzlich "Nabokovs Katze" etwas über der Mitte des Textes aufschlug, ja, dachte ich ohne zu verstehen, das hat etwas, aber jetzt klingt es mir ein.

09.04.2005 um 11:55 Uhr

Paris! 4

von: hibou

Den Park André Citroën am Platz der früheren Citroën-Werke wollten wir schon seit Tagen anschauen, er liegt nur zehn Minuten von unserer Wohnung hinterm Javel-Viertel wo Celan lebte und ich denke natürlich gleich wehmütig an meine vier Enten die ich fuhr, aber vor denen noch wurden hier Granaten hergestellt, meist von Frauen, und bis zu 50000 am Tag, jetzt ist es ein moderner, ein postmoderner Garten und immer noch französisch streng, rechteckig, die Blumen nach Farben sortiert (mir gefiel der blaue Bezirk am besten mit Rittersporn und Lein und Buschveronica und der einen Beuys-Pflanze (grade fällt sie mir wieder ein: Vitex Agnus Castus), aber die Leute sind tangential fröhlich und lagern rundrum und kreuz und quer, - nicht von ungefähr heißt es hier nicht Viertel sondern Arrondissement, ah, nie gabs einen sinnlicheren Begriff für Stadtteile! -, Ein Fesselballon steigt mit immer jeweils dreißig von ihnen in den Himmel, und kaum ein Wind weht. Sicher kann man da oben bis Saint Denis sehen? Ringsherum verglaste gestaffelte Hochhäuser, sie schauen einen an aber man schaut nicht zurück und ein Schiff liegt am Seinequai mit dem hier nicht ganz sachgemäßen Namen Thalassa. Que d’eau, que d’eau! sagte General MacMahon angesichts des Ärmelkanals. Duchamp aber nannte eines seiner Readymades, eine Kiste voller Wasserhähne, so, als Hommage. Ich werde eine Femmage auf Josephine Baker schreiben Wir essen Couscous kalt aus klarsichtigen Plastikpolygonen und nachher zeigt mir Katharina das australische Haus worin es sehr trocken riecht und die Blätter schmal und blaßgrün und der Boden ausgetrocknet, und ich stelle mir vor welche Büsche vor ihrem Fenster zu Hause wachsen. Irene liegt auf einer Bank an der Betonwand in der Sonne. Die Bänke sind einmal nicht flach und kantig sondern geschwungen nach der ruhenden Körperform des Westeuropäers. Savoir rèver.

08.04.2005 um 12:01 Uhr

Paris! (forever)

von: hibou

07.04.2005 um 11:39 Uhr

Paris! 3

von: hibou

Pont Mirabeau

"...Von der Brücken

quader, von der

er ins Leben hinüber-

prallte, flügge

von Wunden, - vom

Pont Mirabeau.

Wo die Oka nicht mitfließt. Et quels

amours! (Kyrillisches, Freunde, auch das

ritt ich über die Seine,

ritts übern Rhein.)

...

Von einem Wort, aus dem Haufen,

an dem er, der Tisch,

zur Ruderbank wurde, vom Oka-Fluss her

und den Wassern.

Vom Nebenwort, das ein Ruderknecht nachknirscht, ins Spätsommerohr

seiner hell-

hörigen Dolle:

Kolchis"

(Paul Celan, aus: Und mit dem Buch aus Tarussa)

Um 12.55 haben Irene, Katharina und ich diese Zeilen, und weiter das Gedicht "Gentil Rousseau" von Guillaume Apollinaire (auf der Rückseite des Blattes) sowie ein Autographenbild "ich fand dich" von Zaharoff/Kutzli, eine grüne Glasscherbe, fünf Centimes (Geld in Fluss bringen), 2 Visitkarten und eine Lavendelblüte in eine Evian-Flasche gesteckt und von der Brücke in die Seine geworfen, wo sie rasch von der Strömung weggetragen wurde.

06.04.2005 um 13:06 Uhr

Paris! 2

von: hibou

Cicerone

Ich rede an diesem Tag vom Foucault’schen Pendel, gleich mehrmals und so, dass ich mich später daran erinnere, als hätten wir es gesehen, dabei ist es inzwischen ins Pantheon transferiert, wohin ich aber nicht komme, weil mir eine Marienprozession den Weg versperrt. Mère de la France, priez pour nous, singen die wackeren Eintagespilger recht schütter und wirken verloren trotz der Fahnen und der himmelblauen Madonna, die sie schwankend mittragen. Ich erzähle von Eco und Yourcenar, von Jacques de Molay und Hugues von Payns, vom leprösen Baudouin IV. von Jerusalem und von Saladin. Es ist DER Templerexperte! hatte man mich offenbar angekündigt, weshalb wir uns mit zwei Bussen den Montmartre hinaufmogeln, unter lautem Protest des Fahrers, dem ich begütigend und suggestiv Straßennamen und Abzweigungen zumurmele. Schon im Kies von Sacré Coeur stürzt eine der sehr alten Damen so, dass ihr Unterarm rechtwinklig verkehrt herum absteht, hört dann aber weiter zu, bis die Ambulanz kommt. Von den hundertundeinunsiebzig versteckten Kanonen der Pariser Kommune, vom Baron Haussmann, der die Grands Boulevards auch deswegen so breit baute, dass man etwaige aufständische Bevölkerung besser zusammenkartätschen konnte. Was ist? eine Revolution? fragt der Pariser, wenn draußen plötzlich Lärm ist. Wir stehen auf einen ausgehöhlten Gipshügel, der die Knochen von Märtyrern birgt. Gertrude Stein ging zu Fuß von der Rue de Fleurus beim Luxembourg hierher in Picassos Atelier, wo sie ihm Portrait saß. Jedesmal auf Hin- und Rückweg schuf sie einen Satz für ihr gerade neuestes Werk. Sie liebte Sätze über alles, ohne viel Aufhebens, versteht sich, fast so sehr wie ihre Alice. Wir sind später am Square du Temple und an Nicolas Flamels Haus. Die Leute saugen alles begierig auf, was man erzählt, eine Weißhaarige fragt mich nebenbei, ob es denn wahr sei, dass die Templer sich am Arsch geleckt hätten? Und auch der Baphomet solle bitte sehr erwähnt werden. Ich bin heiser am Abend auf der Ile de la Citè, am äußersten Ende, wo auf einer Art Bugplattform eben für alle von uns Platz ist, wo die Führung endet und der Scheiterhaufen stand, wo freundlicher Beifall erklingt, bevor Irene, Katharina und ich uns wieder im Weichbild der Stadt auflösen.....

 

05.04.2005 um 16:38 Uhr

Paris! ( 1.Durch Paris gehen)

von: hibou

Durch Paris gehen

„Die Gestalt einer Stadt ändert sich schneller, ah, als die Seele des Menschen“

(Jacques Roubaud)

 

La tète dans les étoiles! verkündete eben noch das Plakat und schon klappen die chromglänzenden Schranken auf und wir sind der Unterwelt entstiegen. Am Métroausgang Barbès-Rochechouart erinnert nur noch dieser Name an Abgeordnete, Marschälle oder Eroberer. Wie die Türken am Wiener Naschmarkt sind die einstigen Exoten hierhergekommen und gehören längst, ob gewollt oder nicht, zur Bevölkerung. Wir bekommen von Senegalesen verschiedene Kärtchen in die Hand gedrückt. Envouté? Ensorcelé? Votre Problème est grave, désespéré ou urgent?            MR MAMADOU! Votre médium. Dons surnaturels. Grand spécialiste des problèmes sentimentaux!! Und ein halbes Dutzend weitere Seher und Okkultisten wie Mr.Oumar, Professeur Pascal, Mr. Hamady und Kemo versprechen totalen Erfolg und wollen sogar erst danach die Prämien....

Protection contre les mauvais esprits.....amour....permis de conduire....

Was könnte ich an mir behandeln lassen? Ich überlege auf dem Weg zur angegebenen Adresse, mir bleibt das Wort envoutè, denn es bedeutet sowohl verzaubert als auch eingewölbt, und anderntags im spätgotischen Chorumgang von Saint Séverin unter dem Zauber von himmelstrebenden Kreuzgratgewölben stehe ich noch immer in seinem Bann.

Inzwischen bin ich im Quartier „Goutte d’Or“ fast ganz in Nordafrika. Einige der buntgekleideten Frauen tragen die Einkaufstaschen auf den Köpfen.

Vor dem Coiffeursalon stehen Menschentrauben, eine Schwarze bückt sich eben, um einen platten Karton unterm Auto hervorzuziehen, ich habe alle Magier vergessen, sitze gegenüber im Straßencafé  und zähle zehn Francs auf ein Tablett.

Am lebhaftesten spricht eine Frau im kräftig grün-gelben Kleid mit einem Kronenturban, es ist ein längeres Thema, mehrere Männer antworten oder geben ihr das nächste Stichwort:

-          also hör, wenn er mich das nächste Mal so anspricht...

-          ich sag dir ich hab den Hass!

-          ich werde ihn zerbrechen diesmal....

-          warum ist es mit Janine, mit Jimmy, mit Hassan immer gut gegangen?

-          sie wollen kein Geld, sie machen Einkäufe, sie helfen im Haushalt...

-          ich schwör dir ich schlag ihn!!

-          er sagt er braucht einen Job für drei Stunden am Tag, da soll er doch gleich in den Bois de Boulogne gehen, da hat er sein Geld nach drei Kunden...

-          und was?

-          jetzt hör...

-          ja, mich immer im Bett haben....das passt ihm...

-          dauernd sagt er: wenn ich dies und das habe, wenn ich reich bin, wenn ich Karriere mache....

-          er kifft und sagt er hört auf damit...

-          was meinst du, warum ich ihn niemandem vorstelle?

-          und mit so einem Typen habe ich es vier Jahre gemacht.....

-          ich töte ihn!!

-          ich werde ihn wohl nachher mal anrufen....

 

Sie sind alle  sehr aufrecht im Oberkörper, es geht von einem Punkt etwa zwischen den Schlüsselbeinen aus, das macht stolz, und den Hintern wie eine Welt wölben schon gar. Zöpfchen werden mit Nadel und Faden gewirkt, nebenan bei den Männern ist der Boden schwarz wie nach der Schur, die Gerüche entfalten sich in der warmen Luft, die durch Yamwurzelhaufen, überreife Bananen, Nelken, Schweiß, Atem von blitzendem Lachen, Schenkelsamt, Waschpulver und Fischstände streicht. Bisso na Bisso heißt der CD-Laden, in dem winzige Raum drängen sich Dutzende, schauen sich um, hören und reden gleichzeitig, trommeln mit den Fingern auf den Auslagen, tänzeln. Der Maquerau im Benz wartet mitten im Verkehr auf seine einkaufende Schöne,  auch er hat Musik an, seine Stirn glänzt. Die beiden Flics nehmen keine Notiz. Auf den Balkons sind Fahrräder, Agaven und ledrige Sanseverien verstaut.

01.04.2005 um 15:32 Uhr

Vorwaerts in die Vergangenheit! Ab nach Kassel

von: hibou

Lassen wir die DokumentaX wiedererstehen

Ein Haus für Schweine und Menschen