Inner city blues/vagina

29.05.2005 um 09:54 Uhr

Von Goethe

von: hibou

Palermo, Dienstag den 3.4.1787

"Wir fuhren Donnerstag, den 29.März mit Sonnenuntergang von Neapel und landeten erst nach drei Nächten und vier Tagen um drei Uhr im Hafen von Palermo. Ein kleines Diarium, das ich beilege, erzählt überhaupt unsere Schicksale. Ich habe nie eine Reise so ruhig angetreten als diese, habe nie eine ruhigere Zeit gehabt als auf der durch beständigen Gegenwind sehr verlängerten Fahrt, selbst auf dem Bett im engen Kämmerchen, wo ich mich die ersten Tage halten mußte, weil mich die Seekrankheit stark angriff. Nun denke ich ruhig zu euch hinüber, denn wenn irgend etwas für mich entscheidend war, so ist es diese Reise.

Freitag, den 30.März

...Der Vesuv verlor sich gegen vier Uhr aus unseren Augen, als Capo Minerva und Ischia noch gesehen wurden. Auch diese verloren sich gegen Abend. Die Sonne ging unter ins Meer, begleitet von Wolken und einem langen, meilenweit reichenden Streifen, alles purpurglänzende Lichter. Nun war kein Land mehr zu sehen, der Horizont ringsum ein Wasserkreis, die Nacht hell und schöner Mondenschein.

Ich hatte noch dieser herrlichen Ansichten nur Augenblicke genießen können, die Seekrankheit überfiel mich bald. Ich begab mich in meine Kammer, wählte die horizontale Lage, enthielt mich, außer weißem Brot und rotem Wein, aller Speisen und Getränke und fühlte mich ganz behaglich. Abgeschlossen von der äußeren Welt ließ ich die innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei ersten Akte des Tasso, in poetischer Prosa geschrieben, hatte ich von allen Papieren allein mit über See genommen. Diese beiden Akte, in Absicht und Plan ungefähr den gegenwärtigen gleich, aber schon vor zehn Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches sich bald verlor, als ich nach neueren Ansichten die Form vorwalten und den Rhythmus eintreten ließ.

...Gegen Mittag war uns der Wind ganz zuwider und wir kamen nicht von der Stelle. Das Meer fing an höher zu gehen, und im Schiffe war fast alles krank. Ich blieb in meiner gewohnten Lage, das ganze Stück ward um und um, durch und durch gedacht...

 

Nachmittags vier Uhr gab der Kapitän dem Schiff eine andere Richtung. Die großen Segel wurden wieder aufgezogen und unsere Fahrt gerade auf die Insel Ustica gerichtet, hinter welcher wir, zu großer Freude, die Berge von Sizilien erblickten. Der Wind besserte sich, wir fuhren schneller auf Sizilien los, auch kamen uns noch einige Inseln zu Gesichte. Der Sonnenuntergang war trübe, das Himmelslicht hinter Nebel versteckt. Den ganzen Abend ziemlich günstiger Wind. Gegen Mitternacht fing das Meer an, sehr unruhig zu werden.

Sonntag, den 1.April

Um drei Uhr morgens heftiger Sturm. Im Schlaf und Halbtraum setzte ich meine dramatischen Plane fort, indessen auf dem Verdeck große Bewegung war. Die Segel mußten eingenommen werden, das Schiff schwebte auf den hohen Fluten. Gegen Anbruch des Tages legte sich der Sturm, die Atmosphäre klärte sich auf. Nun lag die Insel Ustica völlig links. Eine große Schildkröte zeigte man uns in der Weite schwimmend, durch unsere Fernröhre als ein lebendiger Punkt wohl zu erkennen. Eine Gesellschaft von Delphinen begleitete das Schiff an beiden Seiten des Vorderteils und schossen immer voraus. Es war lustig anzusehen, wie sie, bald von den klaren durchscheinenden Wellen überdeckt, hinschwammen, bald mit ihren Rückenstacheln und Floßfedern, grün- und goldspielenden Seiten sich über dem Wasser spielend bewegten.

Da wir weit unter dem Winde waren, fuhr der Kapitän gerade auf eine Bucht zu, gleich hinter Kap Gallo. Kniep versäumte die schöne Gelegenheit nicht, die mannigfaltigsten Ansichten ziemlich im Detail zu zeichnen. Mit Sonnenuntergang wendete der Kapitän das Schiff wieder dem hohen Meer zu und fuhr nordostwärts, um die Höhe von Palermo zu erreichen. Ich wagte mich manchmal aufs Verdeck, doch ließ ich meinen dichterischen Vorsatz nicht aus dem Sinne und ich war des ganzen Stückes so ziemlich Herr geworden. Bei trüblichem Himmel heller Mondschein, der Widerschein auf dem Meere unendlich schön. Die Maler, um der Wirkung willen, lassen uns oft glauben, der Widerschein der Himmelslichter im Wasser habe zunächst dem Beschauer die größte Breite, wo er die größte Energie hat. Hier aber sah man am Horizont den Widerschein am breitesten...

Montag, den 2.April, früh 8 Uhr

fanden wir uns Palermo gegenüber. Dieser Morgen erschien für mich höchst erfreulich. Der Plan meines Dramas war, diese Tage daher, im Walfischbauch, ziemlich gediehen. Ich befand mich wohl und konnte nun auf dem Verdeck die Küste Siziliens mit Aufmerksamkeit betrachten.

Palermo, Dienstag den 3.April

...Zwei Stunden vor Nacht war der Vollmond eingetreten und verherrlichte den Abend unaussprechlich."

09.05.2005 um 17:16 Uhr

Von Maso Guidi an E.Pifanie,

von: hibou

                                                                              Cefalù, den 3.4.19..

 

Mein lieber E.,

inzwischen habe ich Palermo verlassen, nicht ohne just am letzten Tag Ihren Brief noch ausgeliefert zu bekommen. Ich bin in den Madonie, den Bergen südlich von Cefalù. (Würde man Sizilien reiten, wäre da der Sattel, an Messina wäre es aufgezäumt, mit dem Ätna schnaubte es, die äolischen Inseln flögen ihm als Schaum von den Nüstern, die ägadischen als Staub vom Huf, Cap Passero im Osten und Marsala im Westen bezeichneten die im Sprung gestreckten Gliedmaßen und bei Palermo würde man ihm die Peitsche geben!)

Hier suche ich die Frühlingsblüher, es gibt davon ganz seltene, ich hoffe, die Alraune (Mandragora vernalis), den Akanthus und vielleicht die Scabiosa Dallaporta zu finden.

Ein starker Gegensatz in der Stimmung zu der Gewalt von Palermo, dem drohenden Verfall, der Verwesung am lebendigen Leibe, dem Moloch Beton. Die nördlichen Vorstädte, dort wo der Bautenwildwuchs halbfertig lagert und im Entstehen schon Ruine ist, freilich keine von denen, die in den kommenden Jahrhunderten Menschen zur Betrachtung anziehen werden, heißen ausgerechnet ZEN 1+2 /Zona Expansione Nord). Ein kleiner Hinweis auf das seltsamen Gesetz, daß historisch alles dreimal erscheint: als Realität, als Gegenbild und als Zerrbild.

Von der Zeitung hatte ich für die Tage in der Stadt eine Führerin bekommen, Marilù, apathisch-optimistisch, funkelnd-träge, gleichgültig-verschmitzt zeigte sie mir was es zu sehen gibt.

„An jeder Ecke ist ein Museum, die meisten sind sogar geöffnet: Wir stellen aus, was wir haben, Kunstschätze aus zweieinhalb Jahrtausenden - Phönizier, Karthager, Griechen, Römer, Vandalen, Normannen, Staufer, Sarazenen, Araber, Italiener - alle sind sie hergekommen, ein einzigartiger Schmelztiegel. Du siehst alles, und nichts. Mach Dir Deinen Reim selbst!

Damit komme ich zu dem Rat, um den Sie mich bitten. Ihre Fragen treffen mich am richtigen Ort an. Einer unserer Meister ist ja gerade vor etwas mehr als 200 Jahren hierhergereist. Ich lasse heute ihn antworten. Er beschreibt nämlich genau, wie er zu diesen lichten Momenten gelangt, aus denen heraus sein Schaffen fließt. Genausowenig wie irgendwer kann er sie erzwingen oder sogar in Leichtigkeit herbeiführen. Aber hart arbeitet er, so lange er lebt, auf sie zu, um sie dann wie ein Geschenk, willenlos, „hingestreckt“ (wie Paulus!) zu empfangen. Also aufgemerkt:

                                                                        Palermo, Dienstag den 3.4.1787......

07.05.2005 um 10:41 Uhr

E.Pifanie an Maso Guidi

von: hibou

                                            H., den 19.3.1990

 

Lieber Maso Guidi,

natürlich können Sie mir schreiben. Wie es kommt, bin ich ebenfalls an dieser Insel interessiert. Friedrich, Calot Belot und die ganze Pizza Quattro Culture.

Ich verstehe vollkommen. Ich kenne Sie, mein Alter. Ego sum pauper, nihil habeo...Mir liegt es zur Zeit ebenfalls sehr an, zu schreiben. Ständig komme ich in die Not: wie gelange ich an den Punkt, wo es schöpferisch wird? Wenn’s im Innern leer, dann kann ich kein Wort, das Bestand hat, niederlegen. Wenn eine Idee, eine Handlung - oder auch nur eine Pointe, eine Essenz - ankommt, bei mir, in meinem Bewußtsein nämlich, strömen die Sätze nur so aufs Papier, stunden- tagelang. Ich kann dann die Sache auch im Innern weiterführen, ausgestalten, ich behalte sie.

Aber sagen Sie mir: Wie zu diesem Nadelöhr, dem Zustand äußerster Verdichtung/Lockerung kommen?? Ich weiß nie, wann er da ist (selten genug!). Ich knirsche mit den Zähnen. Habe zu nichts anderem die Seele frei. Leide unter Absencen. Tigere hin und her. Mache mein unzufriedenstes Gesicht. Gleichzeitig aber, wenn ich es ein Stück vorangetrieben habe, freue ich mich auf den Moment der Erscheinung, habe Geduld und weiß, daß der Ofen angewärmt und in naher Zukunft das Brot gebacken ist. Und die Geschichte selbst: ich empfange sie wie eine Fremde. Lese sie selbst zum ersten Mal am ersten Schöpfungstag. Jungfräulich. Sie kennen das.

Nun, bitte, geben Sie mir Rat.

                                                Mit freundlichem Gruß!                       EP