Inner city blues/vagina

18.10.2005 um 16:38 Uhr

Bei Signora Baubo

von: hibou

Von Maso Guidi an E.Pifanie Syracus, den 16.5.1990

Lieber E.,

Ihr Brief ist gut hier gelandet und gab mir reichlich Stoff zu weiteren Erörterungen. Es scheint, als ob wir bereits ein kongeniales Thema gefunden hätten. Gebt uns einen Hebel, und wir heben die Erkenntnisgrenze aus den Angeln! Eher jedenfalls als der gute Seume seinerzeit, als er von Leipzig hierherspazierte. Was er über den Ort hier schreibt, finde ich zwar gutwillig, aber bieder.

Nach einigen guten Wanderungen auf den Höhen bin ich schließlich rasch durch die Inselmitte hindurchgefahren. Besonders in der Nähe von Cefalù noch wie zyklopische kalkene Wände anmutend, gehen die Madonie an den sanfteren südlichen Hängen bald in Lagen von tonschiefrigen Gesteinen über. In der Nähe von Castelbuono sah ich die Mannaesche angebaut! Wie ich es verstand, wird aus ihr ein Extrakt als Säuglings-Medikament gewonnen. Noch weiter südlich im Binnenland herrscht das satte Grün endloser Getreidefelder fast unangefochten.

Bei Enna auf einer sanft muldenförmigen Blumenwiese sah ich die Entführung der Persephone! Das Mädchen, eben dabei eine Narzisse anzuschauen und zu pflücken, oder: das Mädchen, in Selbstbetrachtung versunken. Das ist ja dasselbe! Sie, Kore, ernst, jung, schrecklich lebendig. Da öffneten sich die Pforten der Tiefe und die Rosse der Finsternis sprengten heraus. Aides, König der Unterwelt, ergriff sie und hub die Widerstrebende auf seinen Wagen.. Noch ein Stück über Land als graue Wolke dahingejagt! Vom Abgrund verschlungen verhallte ihr Schrei.

Cyane, die dunkle Quelle, entsprang damals am Ort ihres Verschwindens. Eben da, in Sichtweite Syracus’, sitze ich jetzt und ich sehe Schilf und Papyrusstauden wachsen und wehen im Lufthauch. Das spiegelnde Auge der Nymphe, und Schreibpapier gleich am Ufer wachsend: was braucht es mehr, um Briefe zu schreiben!

Absolut denkwürdig war gestrigen Tages auch mein Treffen mit der Signora Baubo, bei welcher ich auch diesmal wieder ein Zimmer zu mieten hoffte. Sie ist eine würdige Dame in mittleren Jahren, macht wenig Worte, ist aber sehr gastfreundlich, so daß man, einmal bei ihr aufgehoben, sie kaum mehr verlassen mag. Ihr Merkmal ist ihr ungeheuer runder und mächtiger Bauch. Appetit und viele Schwangerschaften haben ihn zu gleichen Teilen gefördert. Sie selbst wohnt irgendwo in einem Untergeschoß, ihre Gäste aber verteilt sie im ganzen Quartier. Meist muß man von einem dienstbaren Geist hingeführt werden; die Zimmer liegen aufs merkwürdigste angeordnet in verwinkelten Gäßchen und Hinterhöfen.

Diesmal dämmerte es schon, als ich die Treppenstufen zu ihr hinunterstieg, die Vorhänge aus billigen Perlschnüren im Vorbeigehen teilte und mit einemmal in fast vollkommenem Dunkel stand.

Seltsam, ich hatte diesen Raum ganz anders in Erinnerung! Zwei schmale Fensterchen rechts und links des Einganges ließen nur Streifen fahlen Dämmers ein. Mir gegenüber führte eine einzige, von einer groben, erdfarbenen Wolldecke verhängte Türe weiter ins Haus hinein. Den Wänden entlang erstreckten sich teils Regale, teils schlechte, grob gezimmerte Sitzbänke. Flaschen, Statuetten, Votivbilder, Krüge, Dreifüße und verstaubte Plastikblumensträuße standen in den Fächern verteilt.

Am Ehrenplatz das Bild eines dunklen Mannes, im Ernst der Miene die Augenbrauen wie zur Ahnung eines Lächelns hochgezogen.

Mitten im Raum stand ein bescheidenes Tischchen, darauf eine Schale voller Orangen und Limonen, obenauf ein angebrochener Granatapfel, dessen Fruchtkerne prall und schwarzrot aus der ledrigen Hülle herausleuchteten. Ansonsten verbreitete nur der von tausend Füßen blankgetretene, holprige Steinplattenboden einigen Schimmer.

In der Ecke saß eine Alte, ganz in schwarze Tücher gehüllt. Mit fast abgewandtem Gesicht bedeutete sie mir, ebenfalls Platz zu nehmen. Lärm und Geschäftigkeit der Straße klangen hier nur noch gedämpft hinunter.

Im nächsten Raum schienen Menschen zu sein, schwaches Murmeln, Rauschen, Knarren ließ sich durch die unbeweglich herabhängende Wolldecke vernehmen.

Endlich kam eine Bedienstete. Sie hatte ein volles, heiteres, ja verschmitztes Gesicht, über der Nasenwurzel fast zusammengewachsene Brauen und viele Lachfältchen um die Augen. Das lange Haar trug sie straff zu einem Knoten gebunden, die Schürze energisch festgezurrt. Ihre Gliedmaßen waren auffallend schön in Gestalt und Bewegung.

Ich sprang auf und fragt nach der Signora. Sie schob mich mit sanftem Nachdruck wieder auf die Bank zurück und kicherte:" Accidenti, ein gut gewählter Moment für einen Neuankömmling! Sie müssen warten, wissen Sie. Nehmen Sie von dem Obst, wenn Sie wollen. Ich führe Sie nachher zu ihr. Adesso non disturbatemi!"

Noch mehrere Male ging sie hin und her, verließ das Haus mit einer Schüssel, kam mit Wasser zurück, fegte den Vorraum, spähte auf die Straße. Ich bewunderte ihr flinkes Hantieren. Unaufhörlich redete und lachte und gluckste sie dabei vor sich hin, doch für mich waren nur Fetzen zu verstehen: "Madonna del Parto!....und der Signore ist nach oben zu den Behörden gegangen...in der Wäscherei...sempre io!....hat sie alles noch machen wollen...eine Nachricht an Maria Ludovisi senden...willst du wohl raus, cattivo, via!...nicht genug Tücher....oh, ah, le mie gambe!!!.."

Selbst die versteinerte Alte konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

Und, als der Vorhang sich einmal für Sekundenbruchteile öffnete, sah ich ein mächtiges Bett, einen Bauch, einen Schoß und...das Gesicht eines eben Geborenwerdenden, sich daraus hervordrängend! Nie vergesse ich das Gesichtchen, von den schwarzen, wasserglänzenden Locken umgeben. Wirklich und wahrhaftig!

Als ich ein wenig später in das Gemach geführt wurde, lag unter ihrem Deckengewölbe Signora Baubo und hieß mich gleichmütig lächelnd willkommen, während der Neugeborene eben gewaschen und in ein fließend herabfallendes, zartes Tuch gehüllt wurde. Sophia hätte es heißen sollen, nach dem Tag, oder Cora wie die Mutter, doch es war ein junge, ein kleiner Jacopo.

Sie glauben mir, daß ich dem seltsamen Empfang noch geraume Zeit nachgesonnen habe?

17.10.2005 um 16:00 Uhr

aus den nördlichen gegenden

von: hibou

Von E.Pifanie an Maso Guidi nach Syracus

den 1.5.1990

Mein lieber Guidi,

haben Sie recht schönen Dank für Ihren Brief! Ich will nicht Seumen, Ihnen nach Syracus zu antworten. Zwar bin ich noch immer ganz erfüllt und innerlich aufgewühlt von der Antwort, die Sie mir durch Goethe gaben. Aber vielleicht werden eben deshalb einige Ideen- und Gedankenfragmente an die Küste meines Alltagsbewußtseins gespült, und ich will versuchen, sie aufzusammeln.

Goethe selbst vergleicht seinen Seelenzustand bei der Ankunft in Palermo ausdrücklich dem des Jona und des Ulyss. Ich bin jedenfalls auch gleich zum Regal nach dem Homer gegangen und habe den 6.,7. Und 8. Gesang der Odyssee wiedergelesen. Nun will ich Ihnen eine Stelle zitieren, die mir dabei aufgefallen ist: Als der Sänger Demodokos beim Festmahl für den Gestrandeten und von Nausikaa zu ihrem Vater Geführten aufspielt und anhebt, von Ilions Fall zu singen, bricht Odysseus in Tränen aus. Niemand bemerkt es außer Alkinoos, dieser aber spendet ihm den (seltsamen) Trost:

"Sage mir auch, was weinst du, und warum trauerst du so herzlich,

Wenn du von der Achaier und Ilions Schicksale hörest?

Dieses beschloß der Unsterblichen Rat und bestimmte der Helden

Untergang, daß er würd’ ein Gesang der Enkelgeschlechter."

Also: Es geschieht eine Umwandlung des Handelns vom schicksalshaften Kampf der Heroen, der zum Untergang aller führt, zur freien Schöpfung, zur Kunst des epischen Gesangs von den Helden. Diese vollzieht sich durch und in Homer. Eine ähnliche Verwandlung vollbringt Goethes (durch die Meerfahrt angeregte, oder "gerufene") Genius vom geplanten Drama " Nausikaa" zum Erfassen der Urpflanzen Sie verläuft jedoch in gewisser Weise gegenläufig zu der Homers. Dort: vom Walten des Götter- und Menschenschicksals zum Abbild in der Kunst, hier: vom Abbilden einer Sage zum unmittelbaren Erleben der Schaffenskräfte der Natur. Beide Male führt der Weg durch den "Tod". Die Helden fallen. Der Plan zur Tragödie "Nausikaa" wird fallengelassen. Ist es das, was Sie mit "Metamorphose" meinten? (Die griechische Mythologie ist in der ständigen Verwandlung ihrer Gestalten ja eigentlich ähnlich flexibel und vielseitig schaffend wie die Natur in der Pflanzenwelt!)

Noch etwas anderes. Vielleicht wissen Sie mehr darüber als ich. In dem Epos wird vom König der Phäaken immer als "die heilige Macht Alkinoos" gesprochen. Was mag das bedeuten? Eine fast weiblich und sehr dunkel klingende Bezeichnung!

Sie mögen am richtigen Orte sein, diesen Gedanken nachzugehen. Oder sind sie ausschließlich auf botanische Abenteuer aus?

Wir sind in diesen Tagen kurz in den Schwarzwald verreist. Auf tausend Meter über Meer war der Frühling nur noch eine ferne Ahnung, und zu guter Letzt bekamen wir noch ein ordentliches Schneegestöber um die Ohren geweht. Die Fichten und Tannen berührten und durchstießen die Wolken. Hier zuhause schweben letztere nun wieder vornehm und distanziert über uns vorbei, ohne groß Notiz von uns Erdengeschöpfen zu nehmen.

Für heute genug. Ich grüße Sie aus den nördlichen Gegenden, etc. Ihr

E.Pifanie

16.10.2005 um 15:56 Uhr

ein weltgarten hatte sich aufgetan

von: hibou

Nun ist Goethe angelangt, aber ich lasse ihn weiter berichten, da die Früchte dieser Fahrt erst noch geerntet werden. Was ist Metamorphose?

Palermo, Sonnabend, den 7.April

"In dem öffentlichen Garten, unmittelbar an der Reede, bracht ich im Stillen die vergnügtesten Stunden zu. Es ist der wunderbarste Ort von der Welt. Regelmäßig angelegt, scheint er uns doch feenhaft; vor nicht gar langer Zeit gepflanzt, versetzt er ins Altertum. Zitronenspaliere wölben sich zum niedlichen Laubengange, hohe Wände des Oleanders, geschmückt von tausend roten nelkenhaften Blüten, locken das Auge. Ganz fremde mir unbekannte Bäume, noch ohne Laub, wahrscheinlich aus wärmeren Gegenden, verbreiten seltsame Zweige. Eine hinter dem flachen Raum erhöhte Bank läßt einen so wundersam verschlungenes Wachstum übersehen und lenkt den Blick zuletzt auf große Bassins, in welchen Gold- und Silberfische sich gar lieblich bewegen, bald sich unter bemooste Röhren verbergen, bald wieder scharenweis, durch einen Bissen Brot gelockt, sich versammeln. An den Pflanzen erscheint durchaus ein Grün, das wir nicht gewohnt sind, bald gelblicher bald blaulicher als bei uns. Was aber dem Ganzen die wundersamste Anmut verlieh, war ein starker Duft, der sich über alles gleichförmig verbreitete, mit so merklicher Wirkung, daß die Gegenstände, auch nur einige Schritte hintereinander entfernt, sich entschiedener hellblau voneinander absetzten, so daß ihre eigene Farbe zuletzt verloren ging, oder wenigstens sehr sie sich dem Auge darstellten...Man sah keine Natur mehr, sondern nur Bilder, wie sie der künstlichste Maler durch Lasieren aneinander gestuft hätte.

Aber der Eindruck jenes Wundergartens war mir zu tief geblieben; die schwärzlichen Wellen am nördlichen Horizonte, ihr Anstreben an die Buchtkrümmungen, selbst der eigene Geruch des dünstenden Meeres, das alles rief mir die Insel der seligen Phäaken in die Sinne sowie ins Gedächtnis. Ich eilte sogleich einen Homer zu kaufen, jenen Gesang mit großer Erbauung zu lesen und eine Übersetzung aus dem Stegreif Kniepen vorzutragen, der wohl verdiente, bei einem guten Glase Wein von seine strengen heutigen Bemühungen behaglich auszuruhen.

 

Palermo, Dienstag, den 17.April

...Es ist ein wahres Unglück, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt und versucht wird! Heute früh ging ich mit dem festen, ruhigen Vorsatz, meine dichterischen Träume fortzusetzen, nach dem öffentlichen Garten, allein, eh’ ich mich’s versah, erhaschte mich ein anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen.

Die vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kübeln und Töpfen, ja die größte Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen hier froh und frisch unter freiem Himmel und, indem sie ihre Bestimmung vollkommen erfüllen, werden sie uns deutlicher.. Im Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes fiel mir die alte Grille wieder ein: ob ich nicht unter diese Schar die Urpflanze entdecken könnte? Eine solche muß es denn doch geben! Woran würde ich sonst erkennen, daß dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären?

Ich bemühte mich zu untersuchen, worin denn die vielen abweichenden Gestalten voneinander unterschieden seien. Und ich fand sie immer mehr ähnlich als verschieden, und wollte ich meine botanische Terminologie anbringen, so ging das wohl, aber es fruchtete nicht, es machte mich unruhig, ohne daß es mir weiterhalf. Gestört war mein guter poetische Vorsatz, der Garten des Alcinous war verschwunden, ein Weltgarten hatte sich aufgetan..."

Ich hoffe nun, Ihnen etwas zu ihrer Frage dazugetan zu haben und ich glaube sicher, daß Sie sich Ihren Reim darauf machen werden. Für meinen Teil ziehe ich meine Spur durch die Insel weiter. Auch ich habe das Gemüt getränkt mit dem süßen Wein und dem reinen Wasser des Phäakenreiches. Wenn Sie mir demnächst wieder schreiben mögen, sollte es dann nach Syracus sein.

Saluti cordiali da Cefalù! Ihr Maso Guidi