Inner city blues/vagina

25.01.2006 um 09:57 Uhr

E.Pifanie an Ulli List

von: hibou

...den 25.8.1990

Lieber Ulli, die Runde ist bereits abgeschlossen, hier alle Ergebnisse:

Vorrunde:

Juventus Senile - BlauWeiß Entropie 1:0

Chaos Cosmos - Tödliche Dosis 3:3, 3:7 n.E.

Frühauf Gnadenstoß - Concrete Crocodiles 4:3

Shakes Beer - Attacke Eilendorf 5:0

Real Kleinbonum - Traktor Flüssig 5:1

KurparkGrizzlies - Inter Atemlos 0:2

Begnadete Körper - Revolutionäre Füße 4:1

Lokomotive Türmchen - Kombinat Kleinhirn 0:5

 

Zwischenrunde:

Juventus S. - Begnadete K. 0:2 0:5

Frühauf Gnadenst. - Real Kleinb. 4:4 3:5

Inter Atemlos - Shakes Beer 0:5 0:1

Kombinat Kleinh. - Tödliche D. 2:4 5:2

Endrunde, jeder 2x gegen jeden:

Körper - Kombinat 2:2 4:1

Real - Shakesb. 4:5 3:4

Shakesb. - Körper 3:2 4:4

Kombinat - Real 5:1 2:2

Real - Körper 1:3 5:2

Kombinat - Shakesb. 3:3 2:2

Woraus sich folgende Tabelle ergibt:

  1. Shakes Beer
  2. Kombinat Kleinhirn
  3. Begnadete Körper
  4. Real Kleinbonum

Die Mannschaft von Shakes Beer wurde ganz überlegen Meister, beschränkte sich zum Schluß sogar auf Remis, so sicher hatte sie die anderen im Griff. Zweiter und dritter Platz waren hart umkämpft, schließlich half den Kleinhirnen nur das bessere Torverhältnis, nachdem die etwas über ihren Möglichkeiten spielenden Kleinbonumer - zusätzlich durch die Schwangerschaft ihrer Torfrau Molly Womb gehandicapt - doch einigermaßen überraschend im letzten Spiel noch die Begnadeten Körper zum Gaudi der ZuschauerInnen nach Strich und Faden auszogen.

Das Turnier hatte Rasse und viel Farbe und die Ensembles gaben alles, vielleicht bis auf die sang- und klanglos ausgeschiedenen Cracks von Attacke Eilendorf, die sich ausschließlich durch die drei Eigentore ihrer Sturmreihe als erinnerungswürdig erwiesen. Ihren Anteil am Erfolg hatte Oberschiedsrichterin Annie B. Sand, die eine sanfte, aber unerbittliche Pfeife pfiff. Mir hat’s gefallen!

Gruß! E.Pifanie

25.01.2006 um 09:53 Uhr

Maso Guidi an E.Pifanie

von: hibou

Agrigento, den 21.8.19..

Lieber E.,

Sie waren verreist? Kann es sein, daß Sie in einer Zeitungsnotiz über eine nahöstliche Räuberpistole vorkamen? (Siehe dazu: "Und wir fanden den Platz verlassen .Ein Brief aus dem Orient" von E.Pifanie)

Dann habe ich wohl deshalb nichts von Ihnen vernommen. Solche Geschichten wären hier auch mög.....ssst!

Lassen Sie gleich mein Seufzen über sich ergehen: ich habe leider sehr wenig Post aus den wohltemperierten Ländern erhalten...

Über die Hitze dieser Wochen brauche ich Ihnen nichts zu sagen: Wäre nicht die Mittagsbrise...wir hätten das Wehgeschrei aller Insassen des ehernen Tyrannenstiers angestimmt. Auch so war es manchmal, als ob das Blut zusehends eindickte, die Finger gleich Quittenwürsten hingen, die Hände auf keine Mückenstich mehr mit der leisesten Bewegung reagierten, die Lider wie rotglühende Topfdeckel die Augen bedeckten. Das Bad in den späten Abendstunden, in samten dunkler Luft und silbrig fließendem Wasser wird so zum Parameter des ganzen Tages.

Doch es sind immer genügend Besucher auf dem Gelände. Sie nehmen jede Strapaze auf sich und sind wahrhaft unbeirrbar. Zum Beispiel die beiden Altphilologen,, die sich so heftig über die korrekte Aussprache des klassischen Griechisch stritten. Beide wollten sie mich auf ihre Seite ziehen. Der eine vertrat, daß auch die alten Hellenen eta (h ) und auch oi, ei, bereits wie die heutigen i ausgesprochen hätten, worauf der andere voller Groll, aber auch nicht ohne leisen Triumph die Schafe aus der Komödie des Kratinos aufführte, die b h also Bäh! Bäh! machen! Worauf der erste versetzte, es sei doch wohl eine Beleidigung der Wissenschaft, Schöpse zu Sprachrichtern zu ernennen! Sie seien es sogar im höchsten Maße, so wiederum der andere, den würden sie sich nach unserer Zeit richten, so müßten sie wi, wi! rufen, und ob jemand daß wirklich für möglich halten könne, der noch seinen gesunden Menschenverstand und seine zwölf Sinne beisammen habe? Wie er denn auf zwölf Sinne käme, schrie der erste, das sei ja bereits die nächste wirre These...und so ging es lautstark hin und wieder, und das kurzweiligste war, daß derweil eine große Schafherde mit viel Geblök an ihnen vorbeigetrieben wurde, ohne daß die beiden Forschernaturen nur die geringste Notiz von ihnen nahmen.

Auch unter den Schweizer Touristen spielen sich originelle Szenen ab. Der Mann, der seine schweißnasse und erschöpfte Frau höchst beflissen durch die archäologische Zone schleppt, worauf diese sich mit dem Rücken zu allen antiken Monumenten auf einen Schutthaufen setzt und in breitestem Züritüüsch erklärt, sie sei doch nicht tempelverrückt!. Ach ja, noch viele solcher Döntjes hätte ich zu berichten.

Ich will aber im nächsten Brief erzählen, wie es mir im Ort oben ergangen, und was mir dort alles zustieß. Für heute genug. Ich erwarte ungeduldig Ihren Brief.

Tanti saluti ed auguri! Maso G.

P.S. Noch eine Bitte, die mich Ulli an Sie weiterzugeben bat: Er kann in der hiesigen presse die Resultate der Bunten Liga nirgends finden. Ob Sie sie ihm zusenden könnten?

15.01.2006 um 09:04 Uhr

E.Pifanie an Maso Guidi in Agrigent

von: hibou

                                                                                        den 3.7.1990

Lieber Guidi,

Ihr Bote ist eingetroffen. Wir haben ihn eine kurze Zeit beherbergt. Ein sonderbarer Mensch, oh, nicht in unangenehmem Sinne. Er strahlt viel aus: Bescheidung, Wärme, Schweigen. Ein wenig hat er dann auch erzählt, von seiner Lehre auf dem Hofgut Wernstein, den Jahren auf verschiedenen Almen. Und natürlich von dem bevorstehenden Hochzeitsfest seiner Schwester in Perugia, zu dem er jetzt aufgebrochen ist. "Vergelt’s Gott", sagte er im Gehen und strich einem mit den Rücken von Zeige- und Mittelfinger über die Wange. Das ist für hiesige Verhältnisse ein Gefühlsausbruch.

Ich danke für Ihren Brief: Couplet und Adresse waren heil, der Rest ziemlich zerfleddert. Der arme Herr List hat uns ein bißchen von den Begebenheiten, die ihm zustießen, erzählt. Da wurde er ernst. Meinte, es habe ihn ein klein wenig verwandelt.

Um Ihren Sommerjob beneide ich Sie, so etwas täte ich auch einmal gerne. Wir haben dem Bücherstapel, der zu Ihnen gebracht wird, noch eins hinzugefügt: "Die letzte Welt" von Christoph Ransmayr, die Metamorphosen des Ovid werden Sie ja haben. Nehmen Sie’s als Geburtstagsgeschenk und "weiterführende" Lektüre.

Und schreiben Sie. Mehr von Ihren Erfahrungen. Es soll auf fruchtbaren Boden fallen. Auch nach Karthago will ich im Geiste mitreisen. (So alles klappt, im nächsten Jahr in corpore). Wir fahren diese Woche für einige Zeit nach Piemont - und vielleicht schaffen wir sogar den Abstecher nach Sidon (Ihre Botschaft ist angekommen, ja,- oder ist es zu gefährlich?.

"Hätte ich einen guten Esel, ich würde den ganzen Weg zurückreiten", hatte Ulli List noch gesagt. Dann hätte er es Friedrich II. Gleichgetan. Der soll ja insgesamt mehr als die Hälfte seines Lebens im Sattel verbracht haben!

Ich verbleibe einstweilen mit herzlichen Grüßen Ihr etc. E.P.

12.01.2006 um 08:59 Uhr

pazienza!

von: hibou

Ulli List an Maso Guidi, X.., den 11.Juni 1990

Werter Chef!

Ich bin wirklich nicht schuld, daß es so lange gedauert hat! Wenn Sie nun hören, wie sich alles zugetragen hat, werden Sie sogar staunen, daß alles real hier angekommen ist, der Brief, die mündliche Botschaft und ich noch mit.

Zuerst klappte es ganz gut. Gleich in Reggio aber habe ich einen Fehler begangen. Weil ich schon so lange an der Straße stand in der Hitze, dem Staub - können Sie sich’s vorstellen? - ließ ich mich von einem mitnehmen, der nicht die Autobahn, sondern untenrum die Küste nach Tarent fuhr. Man hat ja nicht die genaue Vorstellung von den Gegenden da im Kopf, oder? Jedenfalls ging das sowieso langsam vor sich, es war nämlich ein kleiner Kühlwagen mit Fleisch, der fuhr in den Provinzstädten und anderen Nestern die Krankenhäuser an und belieferte sie. Das ging so kreuz und quer, aber der Fahrer, Angelo, sagte, ich könne von ihm aus den ganzen Tag mitfahren. D.h., wenn ich ihm ein wenig zur Hand ginge. Also wir, immer der Küste entlang, das Meerrechts, blau wie ein großes Veilchen. Dann Catanzaro, Crotone, Rossano. Nun war Endstation und Abend dazu. Da kam mein zweiter Fehler. Ich wollte unbedingt weiter. Mit Schwein erwischte ich einen Tanklaster, so ‘nen Sattelschlepper, unbeladen, bei jedem kleinen Schlagloch haute es einem in den Rücken, daß man Sterne sah, und die Bodenwellen hoben einem förmlich vom Sitz. Ich bin so müde gewesen, daß ich nichts mehr mitkriegte, wache nach ‘ner Weile im Dunkeln auf. Der Wagen hält. Jemand fummelt an mir herum, an den Taschen. Ich will raus, reiße mich schlaftrunken los. Tumult. Er sticht noch mit was nach mir. Fliege auf die Straße. Blackout! Wache geschunden - nach wie langer Zeit? auf. Immer noch alles dunkel. Die Rippen - ein stechender Schmerz. Irgendwie geh ich los, einfach der Straße nach, die vorbeiziehenden und stehenden Lichter verschwimmen, tanzen. Nur nicht anhalten! Warum kommt die Lampe auf mich zu? Ich renne steil den Berg hinauf, rudere mit dem rechten Arm, halte den andern im Schmerz steif. Es rauscht. Es zieht, ich halte mich an einem Baum fest. Die Brandung trägt mich hoch, und meinen Magen mit, wie in einem schnellen Lift. Die Wellen des Meeres brausen mir in die Ohren. Hinter dem Trommelfell dröhnt ein 12-Zylinder-Diesel. Da steckt der Schlüssel, wenn ich den erwische, den Knopf hinunterdrücke, dann geht er rüttelnd aus nach ‘ner zeit vielleicht schaff ich’s Beiße mir auf die Lippen. Salz.

Aufwachen aber tu ich wundervoll: in einem schmalen, aber bequemen Bett. Wände aus Stein. Ein Heiligenbild auf der Kommode. Ein schwarzer Stuhl. Ein Krug mit Wasser. Ich taste nach dem Brief auf meiner Brust. Da ist ein Verband, aber kein Couvert. Zu schwach zum aufstehen. Habe auch nichts an. Wann kommen die Leute?

Aber es ist angenehm, halb hinüber, halb wieder da, zu dämmern in Zeit wie Watte...

Eine Gestalt pflegt mich. Bringt mir Minestrone. Wechselt den Verband, leert den Nachttopf undsoweiter. Sie ist bis über den Scheitel verhüllt. Ich sehe die ganzen sieben Tage, die ich da bin, tatsächlich nur ihre Hände und einen Schimmer ihrer Augen. Sie schauen traurig, scheint mir. Und, wissen Sie, das Zimmer ist abgeschlossen! Bald stehe ich auf, ziehe mir die Sachen an, die ich da finde, gehe zum Fenster und - schaue aus einer Felswand in die Tiefe, in ein Flußtal hinunter. Die Wohnungen müssen in den Berg gehauen sein! Gegenüber sind sie zu sehen, wie Schwalbennester. Ich taste die Wände ab, sie sind aus reinem Tuff, weder Fugen noch Ritzen, auch am Boden und in der Decke nicht. Was ist das für eine Stadt? (Matera, wie ich nachher herausfinde, und sie ist wirklich fast ganz in den Felsen gehauen, jedenfalls die alte Oberstadt.).

Meine Wunde auf der Brust heilt schnell. Die Verhüllte will mir in stummer Überredung Medizin aus einer schwarzen Flasche geben. "Giovinezza per sempre" kann ich darauf lesen.. Ist das irgendwas kosmetisches? Ich verweigere, bleibe bei Minestra, Brot und Wein. Bin ich ein gefangener? "Pazienza", murmelt die Verschleierte, "va di bene in meglio!" Jaja, ihr Patient muß ihr schon dankbar für Pflege und Hilfe sein.

Aber ich sitze lange auf der Steinbank am Fenster und schaue hinaus, und Sie werden glauben, daß meine Gedanken noch nicht die fröhlichsten waren! Ich frage nach dem Brief, den ich im Brustbeutel trug. Nichts! Sie versprechen, nachzuforschen. Aber erst am siebenten Tag kommt ein guter Bote, er hat ihn an der Stelle, wo sie mich auflasen, gefunden, halb zerrissen und blutig, aber gerettet. Endlich komme ich los. Auf einem hölzernen, klapprigen Fuhrwerk verlasse ich diese Höhlenstadt. Die Verhüllte läßt sich nicht mehr blicken. Oh, wissen Sie, ich hätte mich doch gerne noch bei ihr bedankt! Seltsames Wesen.

Nun, der Rest der Reise verlief dann glimpflich. Aber die verlorene Zeit konnte ich ja nicht mehr einholen. Sonst geht es mir aber gut. Ich werde hier bald alles erledigt haben, was Sie mir auftrugen, so daß ich schätze, Anfang Juli den Rückweg unter die Beine nehmen zu können. Das wird eine Hitze werden.. Und hiermit grüße ich Sie ergeben Ulli

10.01.2006 um 17:45 Uhr

Bankett, du reizendes Bankett

von: hibou

Von Maso Guidi an E.Pifanie,

Agrigento, den 30.Mai 19..

Maso Guidi da Salute allo stimato Ernesto Mitologico! (Dieser Brief wird vielleicht eine Weile zu Ihnen brauchen, da ich ihn einem Boten mitgebe).

Der sizilianische Dialekt hat noch die starken, dunklen Vokalendungen, wie man sie im Walliserdeutsch (dri Franku) oder im Urbild des Sonnengesanges findet: ed ellu e bellu e radiante cum grande splendore...,und ich fand ein Liedchen, ein Hochzeitscouplet (Gregorovius hat es übertragen), und Sie werden sicher feststellen, daß darin unsere ganze Kore-Geschichte noch einmal enthalten ist:

Bankett, du reizend Bankett,

Prächtiges Bankett und heitres,

Sag mir nun, sag die Wahrheit,

Wer hat geordnet dieses Bankett?

Die Mutter des Bräutigams.

Bankett, du reizend Bankett,

Prächtiges Bankett und heitres

Wo nahm der Bräutigam her die schöne Farbe?

Von dem roten Granatapfel.

Bankett, du reizend Bankett,

Wo nahm doch her die Ähnlichkeit

Der schwellende Busen der Braut?

Vom süßen Apfel.

Wie klingt es in Ihrem Herzen? Herrschen bei der Trauung schon die Todestriebe? "Der Tod ist die Wurzel des Lebens" sagt man, nicht wahr.

In der heißen Bucht von Agrigent am afrikanischen Meer beginnt mein Sinn, noch vom schönsten der Tempel entzückt, sich mit Karthago zu beschäftigen.

Mitten in Blütezeiten fielen von Osten und Süden die Karthager, von Westen und Norden die Römer über die griechischen Kolonien her und zerfleischten sie von allen Seiten. War die Frucht reif? Warum haben sie sich, die Alkibiades und Nikias demütigten, kaum gewehrt? Was sind die Impulse Karthagos? Sind sie "alt" oder "neu"? Ich hoffe auf weitere Fragen.

Nun noch eine überraschende Neuigkeit: ich habe für den ganzen Sommer hier auf dem Tempelfeld als Fremdenführer Arbeit gefunden. Das ist die Gelegenheit, auch selbst mit dem Ort wirklich vertraut zu werden! Aus diesem Grunde habe ich auch meinen "Diener" (als den er sich selbst hartnäckig bezeichnet) Ulli nach Deutschland geschickt, nach einem hübschen Packen Bücher und weiteren Unterlagen. Er ist ein netter Kerl, ich empfehle ihn Ihnen, nur daß er List heißt, ist nicht passend: kein Falsch an ihm, nur reichlich Fabulierkunst. Man darf ihm nicht alles abnehmen, was er (mehrere Worte unleserlich)

kenne ihn schon seit seiner Kindheit und

(große dunkle Flecken auf dem Papier)

wiedergetroffen.

Vielleicht werde ich jetzt endlich den Leopardi, und in Italienisch!! schaffen. Habe oben im Ort Quartier in einer kleinen Pension gefunden. Kurz nachdem ich eingezogen war, verlockte...

(Tinte verwaschen, nicht leserlich)

....Gioiella unter Tränen... (Papier durchtränkt und zerknüllt)...ist ein Schuster, der tagsüber auf der Straße arbeitet, abends und bei schlechtem...(Papier zerrissen)

...meine Adresse:

Pensione Concordia

Via S.Biagio 13

Agrigento/Sicilia

Mit h (Ecke abgerissen)

02.01.2006 um 08:22 Uhr

vom apfel

von: hibou

Von E.Pifanie an Maso Guidi,

Samstag, den 19.5.1990

"Siehe, er geht vor Dir über, ehe Du’s gewahr wirst und verändert sich, ehe daß Du’s merkst..."

Buch Hiob

Lieber Guidi!

Ihr Bericht begeistert mich! Ich lebe fast schon in Sizilien. Und die Skizze der syrakusanischen Küste! Erinnert mich an die zwei Hälften einer Kugel, die eine ausgewölbt als Gebirge, die an- dere als Wasserschale des großen Hafenbeckens, und darin, wiederum erhaben, die Insel, sowie als Antwort in der Ebene der Quellentopf der Cyane...Das Kleine im Großen und das Große im Kleinen, als Gegensätze sich ergänzend und fördernd, Landschaft als Kunstwerk. Oh, wäre ich da!

Aber auch hierzulande ist Schönheit: der Apfel blüht. Und auf seine Weise hat er mich an Ihre tapfere Nymphe am Tor zur Unterwelt erinnert. Hören Sie die Geschichte:

Vom Apfelbaum

Wo immer Menschen im Leben seßhaft werden, bauen sie ein Haus und pflanzen einen Apfelbaum. Vom Paradiese an ebenso heimatlos, ist dieser ihnen fast überallhin gefolgt. Und gibt es einen Tag, an dem sie keinen Apfel essen?

Im Frühjahr überzieht ihn die weiße, grünrosa angehauchte Blütenpracht wie ein Traum von vollkommener Rosenschönheit. Er währt nicht lange, und würde auch der gedrungenen Gestalt des Baumes, seinen recht knorrigen Ästen und derben Zweigen nicht zukommen. Sie sind da, um im Herbst die vielen schweren Früchte zu tragen, und erst im rotgoldenen Glanz der Reife ist dieser Baum ganz Bild seiner selbst. (Anm. hibou:

Wann, liebe Leserin, fällt mir, hibou, der ich hier ganz unromantisch aber doch wenigstens philosophisch den Erzählstrom Guidis unterbreche, ein, ist der Mensch ganz Bild seiner selbst?

Die Früchte des Apfelbaumes und seiner ihm verwandten Obstpflanzen (Birnen-, Quitten-, Aprikosen-, Pfirsich-, Mandel-, Mirabellen-, Kirsch-, Pflaumen- und Zwetschgenbaum, Erdbeere, Himbeere, Brombeere, Moltebeere, Hagebutte, Mehlbeere, Mispel, Eberesche - sie alle sind Rosengewächse!) zeigen eine besondere Fähigkeit dieser Pflanzenfamilie: In überreichen Maße Zucker bilden zu können.

Um uns diese Wesenseigenheit voll zu verdeutlichen, müssen wir uns klar machen, daß sie für die Pflanze selbst keine weitere Bedeutung hat. Der Zucker vergeht mit der abfallenden reifen Frucht, die faulend den Samen freigibt. Für den Menschen aber bildet nun wiederum der Zucker im Blut ein wichtiges Werkzeug zur Eingliederung und Aufrechterhaltung seines wachen Ich. Der selbstlose, an der Peripherie des Obstbaumes stattfindende Zuckerbildeprozeß ermöglicht dem Menschen, in seinem Innern ein Fundament seines Selbstbewußtseins zu erbauen. So ist es nicht verwunderlich, im Mittelalter den Repräsentanten des irdisch mächtigen Menschen, den Kaiser, mit dem goldenen Reichsapfel in der richtenden, zwischen Gut und Böse abwägenden Hand zu finden. Auch das Urbild der Mutter mit dem Kinde, ob sie nun von den Völkern Isis, Hera oder Madonna genannt wurde, ist in allen Zeiten mit dem Apfel in der Hand abgebildet worden.. Wie Milch und Wolle der Hirten ist die Frucht des Apfelbaumes eine Gabe für jedes heranwachsende Menschenwesen. Sie will es erdentüchtig machen.

Fast vergäße man den Apfel der Zwietracht mit der Aufschrift "der Schönsten" unter die tafelnden Göttinnen gerollt und am Ursprung des trojanischen Heroensterbens stehend, aber nein, nichts geht im Leben ganz ohne die nachtschwarze Seite auf: So rot und pausbäckig der Apfel ist und macht, im Innern trägt er, unmerklich und wie eine ferne Reminiszenz an die Schlange des Paradieses, den Tod in sich. In seinen Kernen, noch stärker in denen von Steinobst und Mandel, waltet der Zyan-Prozeß. Es ist dies eine zweite, rätselvolle Fähigkeit der Rosengewächse, daß sie Blausäure, eines der unheimlichsten und tödlichsten Gifte, bilden können. Sie tun es im Samenbereich, also dort, wo das Leben durch den Tod muß, um neu erstehen zu können.

 

Und noch zwei andere Fundstücke will ich Ihnen mit diesem Brief mitgeben, ein Bild, das ich gestern fand und einen Text von Roberto Calasso dazu (obwohl es beides fast Mädchen nach Enna tragen heißt!):

"Mit der Forderung nach einer lebendigen Frau, die Hades seinem Bruder Zeus vortrug, war das Gleichgewicht jener Ordnung in Gefahr geraten, die bis dahin nur ein überquellendes, von göttlichen Eingriffen aufgewühltes Leben kannte und die Toten dann einem leeren, trägen, körperlosen Weiterleben überantwortete. Zeus ließ seine sterblichen Geliebten nicht verschwinden, er nahm sie und verließ sie. Hades dagegen will Kore zur Frau, will eine Lebende neben sich auf dem Thron...Alles hatte inzwischen das fließend Unbeständige des Anfangs verloren und einen festen Umriß angenommen - und von der Partie, die einstmals zwischen der einen Form und der anderen gespielt wurde, blieb jetzt nichts weiter übrig als der Wechsel von Erscheinen und Verschwinden...

 

Als sich Persephone auf den Thron des Hades setzte und ihr duftendes Gesicht hinter dem Spitzbart ihres Gemahls auftauchte, als Persephone vom Granatapfel kostete, der in den Gärten der Finsternis gewachsen war, erfuhr der Tod eine nicht weniger einschneidende Veränderung, als sie das Leben erfahren hatte, seit ihm das Mädchen genommen worden war. Die beiden Reiche waren jetzt nicht mehr im Gleichgewicht, und jedes öffnete sich zum anderen hin. Hades setzte die Abwesenheit auf der Erde durch, er setzte durch, daß sich um jede Präsenz ein weitaus größerer Mantel aus Abwesenheit legte. Persephone setzte unter den Toten das Blut durch: doch nicht mehr das schwarze Blut der Opferungen, nicht mehr das Blut, an dem sich die Toten gierig satt tranken, sondern das unsichtbare Blut, das weiter durch ihre weißen Arme floß, das Blut dessen, der weiterhin ganz lebendig ist, auch im Palast des Todes."

Ja, schließlich, warum nicht: die Odyssee als nachtodlicher Bericht, als Lebensrückschau? Ihre Vermutungen zu den Phäaken ließen es auch mir wie Schuppen von den Augen fallen! Ich habe noch in Büchern nachgeblättert: Alke = stark, Nous = Geist, Alkinous = der starke Geist, führwahr ein treffender Name für einen Jenseitsfährmann.-

Lieber Guidi, und nun bin ich begierig nach Berichten von Ihren weiteren Abenteuern. Und hoffe, daß mein Brief Sie ungesäumt erreicht.

Grüße, Empfehlungen an die Schlummermutter etc.

Ihr E.Pifanie

02.01.2006 um 08:16 Uhr

in artemis verliebt. die heilige macht alkinoos

von: hibou

Von Maso Guidi an E.Pifanie, den 17.Mai

Eine Morgenstunde, wie man sie gerne vor heißen Tagen genießt, wo die Luft fast wie milde kühlendes Wasser die Haut umspielt. Eine schmale Mondsichel steht abnehmend hoch am Himmel. Und ich sitze am Kai der Insel Ortygia, die Sonne im Rücken, und blicke auf den "großen Hafen", das Delta von Anapus und Cyane, wie auf ein prächtig ausgebreitetes Gemälde. Fühle ich mich nicht wie neugeboren?

Wissen Sie, wie Syracus liegt? Hier eine kleine Skizze:

(die Zeichnung ging leider verloren, Anm. hibou)

 

Ich bin schon sehr früh von meinem Quartier bei den Latomien (den antiken Kalk- und Marmorsteinbrüchen, die tief in den Berg hineingehöhlt sind, dort schmachteten zur Zeit des Alkibiades die gefangenen Athener) hierhergekommen, um die zweite berühmte Quelle der Stadt, die Arethusa, aufzusuchen. Den Mythos dazu will ich Ihnen nun berichten:

Es hatte sich ein Jäger, Alpheios, in Artemis verliebt und verfolgte sie durchs wilde, weglose Gebirge Arkadiens. Die Göttin war ihm wohl auch gewogen, denn sie strafte ihn nicht so hart wie ihre anderen Freier, die von wilden Tieren zerrissen und zerfleischt wurden. Sie bemalte sich und ihren Dienerinnen das Gesicht mit Kalk, und als der Jäger ihrer ansichtig wurde, konnte er sie nicht mehr von ihren Nymphen unterscheiden. Da brach die ganze Schar der gestrengen Jungfrau in Gelächter aus! Artemis lenkte sein Verlangen auf eine ihrer Nymphen, die schöne Arethusa, welche vor ihm übers Meer floh und hier dicht am Ufer zu einer Quelle wurde. In großer Sehnsucht verwandelte sich Alpheios in einen Fluß, strömte das Tal von Olympia hinab und stürzte sich bei Pyrgos ins Meer, welches er unversehrt unterquerte und sich in diesem Becken mit seiner Geliebten vereinigte.

In der Tat ist das Wasser der Quelle, die so dicht am Strand entspringt, von großer Süße. Und man hat eine ähnliche Zusammensetzung wie das Alpheioswasser herausgefunden. Zudem soll es die Sommersprossen vertreiben, was ihm die Verehrung sämtlicher Syracusanerinnen sichert.

Nun zu guter Letzt zu Ihrer Frage nach Alkinoos. Ich vermute und lese es aus mehreren Anzeichen, daß das Reich des Phäakenkönigs -häufig mit dem heutigen Korfu gleichgesetzt- nicht ganz von dieser irdisch geographischen Welt ist. Odysseus gelangt nur nackt und bloß, halb ertrunken und zerschmettert dahin. Er hat alle seine Gefährten zuvor zurücklassen müssen. Auf paradiesischer Aue erblickt er erwachend ballspielende Mädchen. Diese bemerken ihn erst, als ihr goldener Ball ihnen entspringt und zum Wasser wie zu Froschkönigs Brunnen hinabrollt.

Nausikaa (Naos = das Schiff) hat alle freier ihres Reiches abgewiesen. Den Fremden nimmt sie gastlich auf, wie überhaupt die Gastfreundschaft der "heiligen Macht Alkinoos" von jedermann gerühmt wird.

Odysseus erbittet nicht die Prinzessin, sondern die Weiterreise auf den berühmten Schiffen der Phäaken, "die ihren Weg alleine finden". Vorher muß er aber an langen Gastmälern und Opfern teilnehmen und auf Drängen des Königs all seine Abenteuer vor den Geladenen - und sich - ausbreiten.

Hier entsteht vielleicht wie ein hinter einem liegendes Panorama erst die Lebens-Odyssee.-

Ist das Phäakenland also nicht wie eine Art Zwischenreich der Fährleute von einer Welt in die andere? Ist das Ithaka, in das der Weitgereiste gelangen will, überhaupt noch das irdisch seiner Geburt? Aber, mein lieber Novalis, wohin gehen wir denn? "Immer nach Hause".

Für heute grüßt recht herzlich aus der Welt, wo die Götter mit den Menschen gelebt haben

Ihr Guidi

P:S.:Schreiben sie mir, wenn Sie wollen, an die Adresse meiner Schlummermutter. Sie wird mir die Post nachsenden. Ich weiß noch nicht, wo es demnächst hingeht!

Signore Eubuleo Baubo

Vicolo del Prato Oscuro 11

Syracusa/Sicilia