Von E.Pifanie an Maso Guidi,
Samstag, den 19.5.1990
"Siehe, er geht vor Dir über, ehe Du’s gewahr wirst und verändert sich, ehe daß Du’s merkst..."
Buch Hiob
Lieber Guidi!
Ihr Bericht begeistert mich! Ich lebe fast schon in Sizilien. Und die Skizze der syrakusanischen Küste! Erinnert mich an die zwei Hälften einer Kugel, die eine ausgewölbt als Gebirge, die an- dere als Wasserschale des großen Hafenbeckens, und darin, wiederum erhaben, die Insel, sowie als Antwort in der Ebene der Quellentopf der Cyane...Das Kleine im Großen und das Große im Kleinen, als Gegensätze sich ergänzend und fördernd, Landschaft als Kunstwerk. Oh, wäre ich da!
Aber auch hierzulande ist Schönheit: der Apfel blüht. Und auf seine Weise hat er mich an Ihre tapfere Nymphe am Tor zur Unterwelt erinnert. Hören Sie die Geschichte:
Vom Apfelbaum
Wo immer Menschen im Leben seßhaft werden, bauen sie ein Haus und pflanzen einen Apfelbaum. Vom Paradiese an ebenso heimatlos, ist dieser ihnen fast überallhin gefolgt. Und gibt es einen Tag, an dem sie keinen Apfel essen?
Im Frühjahr überzieht ihn die weiße, grünrosa angehauchte Blütenpracht wie ein Traum von vollkommener Rosenschönheit. Er währt nicht lange, und würde auch der gedrungenen Gestalt des Baumes, seinen recht knorrigen Ästen und derben Zweigen nicht zukommen. Sie sind da, um im Herbst die vielen schweren Früchte zu tragen, und erst im rotgoldenen Glanz der Reife ist dieser Baum ganz Bild seiner selbst. (Anm. hibou:
Wann, liebe Leserin, fällt mir, hibou, der ich hier ganz unromantisch aber doch wenigstens philosophisch den Erzählstrom Guidis unterbreche, ein, ist der Mensch ganz Bild seiner selbst?
Die Früchte des Apfelbaumes und seiner ihm verwandten Obstpflanzen (Birnen-, Quitten-, Aprikosen-, Pfirsich-, Mandel-, Mirabellen-, Kirsch-, Pflaumen- und Zwetschgenbaum, Erdbeere, Himbeere, Brombeere, Moltebeere, Hagebutte, Mehlbeere, Mispel, Eberesche - sie alle sind Rosengewächse!) zeigen eine besondere Fähigkeit dieser Pflanzenfamilie: In überreichen Maße Zucker bilden zu können.
Um uns diese Wesenseigenheit voll zu verdeutlichen, müssen wir uns klar machen, daß sie für die Pflanze selbst keine weitere Bedeutung hat. Der Zucker vergeht mit der abfallenden reifen Frucht, die faulend den Samen freigibt. Für den Menschen aber bildet nun wiederum der Zucker im Blut ein wichtiges Werkzeug zur Eingliederung und Aufrechterhaltung seines wachen Ich. Der selbstlose, an der Peripherie des Obstbaumes stattfindende Zuckerbildeprozeß ermöglicht dem Menschen, in seinem Innern ein Fundament seines Selbstbewußtseins zu erbauen. So ist es nicht verwunderlich, im Mittelalter den Repräsentanten des irdisch mächtigen Menschen, den Kaiser, mit dem goldenen Reichsapfel in der richtenden, zwischen Gut und Böse abwägenden Hand zu finden. Auch das Urbild der Mutter mit dem Kinde, ob sie nun von den Völkern Isis, Hera oder Madonna genannt wurde, ist in allen Zeiten mit dem Apfel in der Hand abgebildet worden.. Wie Milch und Wolle der Hirten ist die Frucht des Apfelbaumes eine Gabe für jedes heranwachsende Menschenwesen. Sie will es erdentüchtig machen.
Fast vergäße man den Apfel der Zwietracht mit der Aufschrift "der Schönsten" unter die tafelnden Göttinnen gerollt und am Ursprung des trojanischen Heroensterbens stehend, aber nein, nichts geht im Leben ganz ohne die nachtschwarze Seite auf: So rot und pausbäckig der Apfel ist und macht, im Innern trägt er, unmerklich und wie eine ferne Reminiszenz an die Schlange des Paradieses, den Tod in sich. In seinen Kernen, noch stärker in denen von Steinobst und Mandel, waltet der Zyan-Prozeß. Es ist dies eine zweite, rätselvolle Fähigkeit der Rosengewächse, daß sie Blausäure, eines der unheimlichsten und tödlichsten Gifte, bilden können. Sie tun es im Samenbereich, also dort, wo das Leben durch den Tod muß, um neu erstehen zu können.
Und noch zwei andere Fundstücke will ich Ihnen mit diesem Brief mitgeben, ein Bild, das ich gestern fand und einen Text von Roberto Calasso dazu (obwohl es beides fast Mädchen nach Enna tragen heißt!):
"Mit der Forderung nach einer lebendigen Frau, die Hades seinem Bruder Zeus vortrug, war das Gleichgewicht jener Ordnung in Gefahr geraten, die bis dahin nur ein überquellendes, von göttlichen Eingriffen aufgewühltes Leben kannte und die Toten dann einem leeren, trägen, körperlosen Weiterleben überantwortete. Zeus ließ seine sterblichen Geliebten nicht verschwinden, er nahm sie und verließ sie. Hades dagegen will Kore zur Frau, will eine Lebende neben sich auf dem Thron...Alles hatte inzwischen das fließend Unbeständige des Anfangs verloren und einen festen Umriß angenommen - und von der Partie, die einstmals zwischen der einen Form und der anderen gespielt wurde, blieb jetzt nichts weiter übrig als der Wechsel von Erscheinen und Verschwinden...
Als sich Persephone auf den Thron des Hades setzte und ihr duftendes Gesicht hinter dem Spitzbart ihres Gemahls auftauchte, als Persephone vom Granatapfel kostete, der in den Gärten der Finsternis gewachsen war, erfuhr der Tod eine nicht weniger einschneidende Veränderung, als sie das Leben erfahren hatte, seit ihm das Mädchen genommen worden war. Die beiden Reiche waren jetzt nicht mehr im Gleichgewicht, und jedes öffnete sich zum anderen hin. Hades setzte die Abwesenheit auf der Erde durch, er setzte durch, daß sich um jede Präsenz ein weitaus größerer Mantel aus Abwesenheit legte. Persephone setzte unter den Toten das Blut durch: doch nicht mehr das schwarze Blut der Opferungen, nicht mehr das Blut, an dem sich die Toten gierig satt tranken, sondern das unsichtbare Blut, das weiter durch ihre weißen Arme floß, das Blut dessen, der weiterhin ganz lebendig ist, auch im Palast des Todes."
Ja, schließlich, warum nicht: die Odyssee als nachtodlicher Bericht, als Lebensrückschau? Ihre Vermutungen zu den Phäaken ließen es auch mir wie Schuppen von den Augen fallen! Ich habe noch in Büchern nachgeblättert: Alke = stark, Nous = Geist, Alkinous = der starke Geist, führwahr ein treffender Name für einen Jenseitsfährmann.-
Lieber Guidi, und nun bin ich begierig nach Berichten von Ihren weiteren Abenteuern. Und hoffe, daß mein Brief Sie ungesäumt erreicht.
Grüße, Empfehlungen an die Schlummermutter etc.
Ihr E.Pifanie