Inner city blues/vagina

18.04.2006 um 09:16 Uhr

Anna, Der Auftrag (Ullaika 9)

von: hibou

 

Geworfensein.

Und zeitlos fallen.

Mit einem einzigen, nicht gewollten Augenaufschlag.

Ganz leer und rein und neu ist es, eine Welt und ein Tag, ein mit rasender Geschwindigkeit bis ins einzelne bekannt werdender Ausschnitt farbiger Schatten, Farbflächen, Linien, Dunkel und Licht, eines Raumes, Schlafzimmers. Verbrauchte Luft, Geschmack im Mund, klebende Füße. Da drückt etwas im Rücken, ach, eine Falte im Laken, im Bett liegen war nicht immer, gestern, GESTERN, war es spät, wo – WER – ach – ICH!

Oh je...so müde im Bauch und eben noch dieser Bruchteil von Überklarheit. Wo war ich? Na, egal. Die Beine aus dem Bett gedreht. Was macht die blöde Fliege da? Die Schritte zum Klo gemacht und erst dabei die Blase gefühlt. Ahhh. Endlich. Das letzte Blatt Papier mal wieder. Gleich eine neue Rolle holen. Was ist heute eigentlich dran? Vielleicht treff ich Karl -.

Jetzt unter die Dusche. Im Vorbeigehen sehe ich meine Brüste und die Haarbüschel unter den Armen im Spiegel.. Etwas wärmer darfs schon. Luuula lula. Wie ein Fisch. Ich pruste. Da bin ich!

Gott hat den Menschen Haare an den Stellen wachsen lassen, wo Seifenschaum hin soll, so habe ich mir es als Kind immer zurechtgelegt. Jetzt das Handtuch, ich vergesse immer das Kreuz , da zieht es mir dann kühl hin, wenn ich vor dem Spiegel stehe. Zähneputzen. Ein schönes Gesicht ist das. Schon die ganzen Tage einen Pickel am Hals. Habe beim Tanzen immer gedacht: ob er wohl auffällt? Etwas Massageöl. Witzig das eine Haar direkt neben der Brustwarze, krumm und zittrig. Wie bei Maria. Zum Schrank. BH, Schlüpfer, T-Shirt, Jeans, Pullover. Bett gemacht ohne Bewußtsein und sicher in jedem Griff. In die Küche schon fast singend, den Schnellkocher in Gang gebracht und dann endlich den ersten Schluck Kaffee getrunken.

Auf seiner Eckbank ist Budimir aufgewacht. Wegen seines seidig getigerten Fells und sanften Wesens hatte ich ihn früher Griseldis genannt. Er streicht mir um die Beine. Katzen sind wandelnde Vorzeichen für uns, sozusagen tägliche "déjà-vus". Sich selbst sind sie freilich vollkommen genug und bedürfen zu ihrem Leben keines zusätzlichen Sinnes.

Ich denke daran, wie es damals anfing, im März 1966.

Heute abend kann es klappen. Günter ist im "Schwarzen Walfisch", wie ich gesehen habe, auf seinem Stammplatz rechts in der ersten Nische neben der Tür. Wetten, dass er gerade hinter seinen dicken Brillengläsern feixt, der alte Schwadroneur und Saufaus! Die anderen beiden sind ja mit Vicky in Griechenland. Also nichts wie hin! Kleidung ist schon schwarz, gut. Schuhe mit Kreppsohlen, Stablämpchen? Draußen ist’s schon etwas länger hell jetzt. Vorhin habe ich eine Hummel fliegen sehen, das muss ich mir merken, 17.März: erste Hummel, und die erste Biene vor etwa einer Woche auf Krokus fliegend..

Von der E-Kirche klingt das Sechs-Uhr Läuten. Ich bin gerade richtig.

Nummer 14. Eine Treppe hoch. Es knarrt zwar, aber hier gehen so viele ein und aus. Auch ich hab hier schon übernachtet, während meiner kurzen Schwäche für Günter. Ach, er kann so schön und in Endlosschleifen erzählen, alles ist mit allem verknüpft, Politik mit Wolkenbildern, oh ja das stimmt im wahrsten Sinne für ihn, doch! Ich muß noch über den Lichthof mit der Außentoilette. Niemand ist zu sehen oder zu hören. Die kurze Treppe mit dem Eisengeländer und der Flur mit den aufgereihten Türen. Hier soll früher ein Puff gewesen sein. Das am Ende muss es sein. Mit dem Dietrich ist’s kein Problem, hineinzukommen. Am besten schließe ich von innen ab.

Was sie jetzt sieht, den Rücken an die Tür gelehnt, die beiden Handflächen mit hängenden Armen gegen die Füllung gepresst, die Brust noch flach im Atem, was sie dann im einzelnen durchsucht ist dies:

Ein recht dunkles Zimmer. Nur zwei Fenster blicken an der Schmalseite gegenüber der Tür zum Licht. Die Wandfarbe unbestimmbar, die Gardinen vergilbt, die Fensterscheiben fleckig und trübe. Ein großer Schrank steht rechts an der Wand, alt, wertlos. Der Boden ist ganz mit dem Bastteppich aus dem Spanien-Import-Geschäft belegt, den hat fast jeder Student hier, er ist absolut pflegefrei, da alles hindurchrieselt.. Links der Tür eine verwühlte Bett-Couch, am rechten Fenster ein Tisch, zwei Stühle, ein paar Apfelsinenkisten. Eine Holzsäule etwa brusthoch, ein riesiger Teddy, sich müde daran anlehnend. An der Wand überm Bett ein Plakat mit dem Gesicht General Kys und dem Text: Support your local dictator! Und zwei Linolschnitte, ein Jungen- und ein Mädchengesicht zeigend, einfach und ernst wie eine Landkarte.

Auf dem Boden verteilt: leere Bier- und Weinflaschen, Schallplatten mit und ohne Hüllen (sie liest unwillkürlich "under the boardwalk", Flugblätter und Traktate, Bücher, Aschenbecher, Leuchter mit Kerzenwachsstalaktiten, eine schwarze Filzjacke. Der Plattenspieler ist auf einem Stuhl aufgebaut. Ein Sack Kohle, Briketts und Holz am Ofen . Es riecht muffig, nach Räucherstäbchen, Tabak, Vormittagsschlaf und Spätabendbesäufnis.

Nun stakt sie quer durch den Raum, blickt kurz aus dem Fenster über den Kanal auf ihre eigene Wohnung, dann nimmt sie sich geduldig den Tisch vor. Ein Haufen Papier, eine Hermes-Baby-Schreibmaschine, Stifte, Flaschenöffner, Kinokarten, Krümel, Fotos, ein Armband aus Bernstein....

Ist es Guidis Zimmer? Ja, da liegt ein Presseausweis, Studentenzeitung, AKUS Uni Marburg. Jetzt fängt sie an, aufmerksam die Blätter zu mustern, so, als ob sie sie auswendig lernen möchte. Sie horcht aber dabei weiter auf Geräusche, setzt sich endlich, packt ein Hustenbonbon aus und steckt es sich in den Mund, fährt sich durchs Haar und über die Narbe, runzelt die Brauen, lächelt, verzieht den Mund.....

Ein Streifen Papier, maschinengeschrieben:

"In le Puy waren wir auch. Die Gegend ist wirklich sehr fündig und flechtbandreich, wir sind begeistert. Zurück fuhren wir durch die Loireschluchten – wo die Schmetterlinge inzwischen hingeflogen waren – über Roanne bis Fleury la Motagne zum Picknick neben einem burgundischen Tympanon des romanischen Barock mit Madonna und schwungvollen Weisen, David, Goliath und Eselein mit Laute, nach Nevers, wo wir St.Etienne nicht fanden und dafür St.Cyr mit romanischer Apsis, rasten abends durch Auxerre, es war noch zu früh zum zelten, und übernachteten dann auf dem Plan, wo lebte Meister Chrestian. Am nächsten Tag nach Reims – oh krön - , der Wärter der Kathedrale schlug eben mit seiner Schaufel eine Taube tot, ohne anzuhalten durch Châlons und die katalaunischen Felder bis in die wildschweinreichen Ardennen, dort aßen wir auf Muschelkalk. Endlich kam das hübsche Charleroi und über eine Zeit der deutsche Zoll in Aachen in Sicht, den Rest schenken wir uns. Leider ist mein Belichtungsmesser im Eimer, so dass die Dias spärlich blieben."

13.04.2006 um 15:18 Uhr

Elias Canetti erhält den Nobelpreis (Ullaika 8)

von: hibou

...und angeregt setzt er sich hin und schreibt seine Regensburger Tage:

"Nur eine knappe Stunde Bahnfahrt. Der Zug geht weiter nach Wien. Wie wäre das? In die Spanische Reitschule und die Cafés, wo Steiner verkehrte? Ich las, daß Elias Canetti den Nobelpreis erhalten habe.

Sapiens anima confert coelesti operationi quamadmodum optima agricola arendo, purgando confert naturae.

Südliche Luft weht mich an. Woran liegt es? Eine nicht vom Krieg zerstörte Stadt mit engen Gäßchen und vielen Durchgängen in offene Innenhöfe. Noch selten habe ich so viele Gewölbe gesehen, zum Beispiel fand ich eine Modeboutique in einer romanischen Kapelle, die Kreuzgewölbe, Gurten und Pfeiler sind vollkommen erhalten, sogar die Apsis. Ich ging hinein und wurde fragend angesehen. Auf meine Bitte, zwar nicht die Kleider, aber doch den Raum ankucken zu dürfen, meinte die Besitzerin, ja, halb Regensburg wäre in alte Kapellen gebaut, ob die eigentlich früher nur gebetet hätten?

Die Donaubrücke: eine wahre, 700 Jahre nicht alternde Schönheit. Tonnenschweres Gestein, ganz leicht und schwebend, sie ist wohl von einem musikalischen Geist errichtet. Drüben auf der Insel wohne ich heute, in einem Gasthof mit Fremdenzimmern, über einer schummrigen Gaststätte.

Eine gute Stunde ging ich in der frühen Dunkelheit einfach der Nase nach kreuz und quer durch die Stadt, kam manchmal an demselben Platz wieder an, verlor aber auch oft die Richtung. Gleichzeitig laufen meine Gedanken, und wohin? Den Sinneswahrnehmungen in die Arme und geboren ist mein Begriff "Regensburg", unbeholfen noch, aber quicklebendig. Da steht ein Abbild des Don Juan d’Austria. Bei Lepanto ruderte in einer seiner Galeeren Miguel Cervantes mit.

Ein Restaurant heißt: "Zum Fröhlichen Türken" Ein Boot liegt am Ufer......sind wir über den Strudel gefahren...Auf den Wirtshausschildern steht "Thurn & Taxis Bräu" Es riecht nach Weihrauch, Nonnen schauen aus den Fenstern des Mädchenlyzeums, unter ihnen Edelfräulein Kunigund. Im Rathaus tagte der Permanente Deutsche Reichstag. Rote Kiefernstämme, grüne Nadeln, staubgelber Sandstein. Regnitz, Pregnitz, Schwarze Laaber, Naab, Regen!

Ein weiser Geist trägt zur himmlischen Wirksamkeit bei, wie ein vorzüglicher Landmann durch Pflügen und Ausjäten zur Natur beiträgt. Ptol.SentVIII

Dieser Spruch steht als handschriftliche Widmung seines Sohnes in einem der Bücher Johann Keplers, dessen Wohn- und Sterbehaus (15.11.1630) am Fluß liegt. Darin viel zu sehen, besonders bleibt mir ein astronomischer Tisch, in den kreisförmig eingeritzt sind: Tage mit Taufnamen, Monate, Wochentage mit bildlicher Darstellung der Planetengötter und Wochentagssprüchen, Tierkreis, Jahreszeiten, Temperamente...An der Kreuzung liegt das Haus des Pfarrers Schaeffer, dessen Naturalienkabinett Goethe besuchte. Ein längerer Fußmarsch führt um das Schloß Ihro Durchlaucht, des Fürsten, im Hof breitet sich auf mehreren Hektar satt und gepflegt der Kies, den man für Schulhöfe brauchen könnte, ganz feinkörnig und mild an den Sohlen. Ein Türchen führt zur Küche, mit einer von Dero Durchlaucht 1919 der notleidenden Bevölkerung gestifteten Armenspeisung. Was Seine Durchlaucht an diesem regnerischen Morgen wohl tun?

Die Schottenkirche erbauten Mönche von den grünen Inseln, und sie belebten die Portallaibung mit zweischwänzigen Meerjungfrauen, Vögeln, Drachen, Löwen und Flechtbändern.

Die Stephanskirche ist sehr unüblich gebaut: fast drei Meter dicke Mauern, in die lauter Nischen wie Seitenabsiden eingekleidet sind, ähnlich wie in Kroatien und Dalmatien. Im Altar ebenfalls lauter Arkaden mit Durchbrüchen, die Fremdenführerin erklärte, das sei, damit die Kraft des darunterliegenden Heiligen auf die Gläubige übergehen könne. Alles lachte:

"Ist wohl eher, damit er genug Luft bekommt".

"Sieht aus wie ein Ofen"

"Komm, jetzt gehen wir in die Dampfnudelküche."

In einem böhmischen Renaissancepalast gab es am Abend von Aristophanes: "Der Frieden". Vorher betrete ich in einer der allerschmalsten Gassen einen Rotlichtklub, "Die Schwalbe" ist draußen auf einem rotblauen Schild zu lesen. Drinnen herrscht fast atemberaubende Dunkelheit, ich taste mich verlegen an einen der Tische heran, setze mich auf eine abgeschabte Kunstlederbank. Der Raum ist leer bis auf einige Frauen am Tresen. Eine sehr großgewachsene setzt sich zu mir, ich habe eben noch die Geistesgegenwart, nach der Getränkeliste zu greifen, um nicht geneppt zu werden. Bestelle zwei Bier. Auf die Wand gegenüber wird ein Film projiziert. Ein Mann stößt einer Frau seinen Penis in den Anus, man hört Stöhnen und seltsamerweise immer wieder das Wort "ja", als ob es in dieser Lage noch was zu erlauben gäbe...Die Frau bittet mich eindringlich, mit ihr auf ein Zimmer zu gehen, nestelt an meiner Hose herum...Sie hat eine großflächige Tätowierung auf dem einen Oberarm. Männer aus den Großstädten haben ihr mit heißer Nadel neunschwänzige Katzen, Tintenfische, Schlangengewürm, Rosen und einen fauchenden Tiger in die Haut gemalt. Soll ich mich nicht ins Freie retten? Andererseits würde ich gerne vor dem Theater noch duschen. Sie gefällt mir so ausnehmend gut, daß ich ihren Busen berühre und mit der Hand über ihr Haar streiche. Ich gehe also mit und erwerbe mir für 150.-Mark ein Handtuch und den freien Gebrauch einer bauchigen Flasche Toilettenseifenlösung, schäume mich überall gründlich ein, während die Frau, die sich ausgezogen hat und jetzt auf dem Klo neben der Dusche sitzt, mir erzählt, wie sie hierhergekommen sei. Sie würde sehr schlecht behandelt, es sei wie in einem Gefängnis hier, trotz der reichlichen Speisung. Warum sie denn nicht gehe? frage ich. Er hat meinen Paß, ich kann nicht weg, sagt sie, kommt auch unter die Dusche. Aber ich hoffe, daß ich bald genug Geld abgegeben habe und er mich zurück nach Polen läßt, der, benimmt sich wie der König, meint, er habe Sklavinnen! Wenn das ihre Familie wüßte! Die denken, sie arbeite als Kellnerin...

Nachdem ich mich abgetrocknet habe, legen wir uns aufs Bett, ich komme unter sie zu liegen und hoffe, daß ihre Kraft auf mich übergehe.

Der Athenische Bauer und die Götter im Hof des Palazzo sprechen bairisch und sehen aus wie der Veit, den ich einen Sommer auf der Alp kennenlernte. Herrschte hier in Regensburg nicht einstmals Herzog Tassilo? Von dessen Tochter Theudelinde hatte König Authari vor allem die Schönheit rühmen hören, so zog er inkognito als sein eigener Brautwerber über die Alpen hierher und verlangte die Prinzessin zu sehen. Sie gefiel ihm so ausnehmend gut, daß er ihren Finger berührte und mit der Hand wie unversehens über ihr langes goldenes Haar strich. Blutrot vor Scham stand Theudelinde da, bis ihr klar wurde, daß niemals ein Werber, sondern nur der Bräutigam selbst solche namenlose Kühnheit begehen konnte. Sie sprach also zu niemandem davon, denn auch ihr hatte der Fremde sehr gefallen. Man verabschiedete sich, um in Pavia zu berichten. Bairische Krieger geleiteten die Gesandtschaft bis zur Grenze. Dort nahm der König seine Axt, schlug sie mit aller Kraft in einen Baumstamm und sprach: "Solche Schläge führt Authari!" Im nächsten Frühjahr zog Theudelinde nach Süden und wurde Königin.

Die Donau hat Hochwasser, wie vielleicht an dem Tag, als Kepler draußen vor der Stadt, bei den Protestanten, bestattet wurde. Bis zehn Uhr abends wandere ich umher. Die Wirtsleute sind weg, mein Zimmerschlüssel aber in der Schankstube.

Um zum Kloster Prüfening zu kommen, muß man mit der Buslinie 1 hinaus in die Vororte fahren. Es sind dort noch Fresken des 12. Jh. Erhalten. Ich überquere noch zwei Bahnlinien und stehe plötzlich vor einer drei Meter hohen Mauer, die einen Park umgibt. In welcher Richtung entlanggehn? *1)

Sonnenlicht erwärmt fleckweise die milde Luft. Mauern! Geheimnisse, gehütete Schätze! Sonntags geschlossene Kaufhäuser, die einen im Menschenrecht auf Konsum einschränken!! Anderswelten, aus denen ein Entkommen nicht absolut sicher ist. Bewußtseinsstufen. Antifaschistische Schutzwälle. Eidechsenparadiese.

Da erscheint ein Tor, in der Höhe flankiert von zwei gewaltigen Sphingen, die Welt- oder eher Kanonenkugeln in ihren Tatzen halten. Die Allee, die in den Park hineinführt, ist allerdings rechts und links wiederum von etwas niedrigeren Mauern gesäumt. Dicht liegt Laub auf Fuß- und Fahrweg, die Steinwände sind mit Efeu und Waldrebe bedeckt, alles ist verwachsen, verjährt, verrostet, sich selbst überlassen. Jeden Augenblick kann Joringel, zur Bewegungslosigkeit gebannt, vor einem auftauchen.

Ein Barockschloß, eine Barockkirche, ein Bauernhof und ein kleines Kirchlein, seinerseits wieder von Eisengittern umschlossen.

Das Schloß ist gewaltig groß. Einige wenige Fensterläden stehen offen, ein Rauchfähnchen kräuselt sich überm Dachfirst.

Gerade will ich umdrehen, da klappt ein Fenster zu, eine alte Frau zieht die Vorhänge dicht. Auf mein Klopfen an Tür und Scheiben regt sich nichts.

Die Fensterfront im Auge setze ich mich auf den Rand des schalenförmigen römischen Brunnens in die Sonne. Hinter mir winden sich lautlos die fürstlich Thurn- und Taxischen Blutegel durchs leuchtende Algengrün..

*1)Steffi Graf, Nr.1 der Damentennisweltrangliste wird später, am Tage ihres Rücktritts (dem 13.8.1999), von Journalisten als "melancholische Verkörperung deutschen Pflichtbewußtseins" beschrieben werden, ähnlich komme ich mir in dieser Sekunde vor: in welche von beiden Richtungen ich auch immer gehe, es wird just die falsche sein......

12.04.2006 um 10:19 Uhr

Christenberg (Ullaika 7)

von: hibou

bald aber versinkt er doch in Erinnerung):

Sonntag, 27.8.1992

"Die Nomaden zogen den Strömen und Linien des Erdgeistes nach. Später lokalisierte man ihn an bestimmten Orten, wo man sich niederließ, um seine Wirkung dauerhaft und verstärkt zu haben. Man schuf Orakel, Tempel, Kirchen, ‘Heimat’. Nur dort wollte man leben, fühlte man sich wohl.

Heute ist man wieder heimatlos. Man reist. Haben die Wirkungen des Genius Loci, nachdem sie, durch immer stärkere und dekadentere Maßnahmen fixiert worden sind (blutige Opfer, Faschismus), aufgehört, oder sind sie universell geworden? Christus ist mit der Erde vereint. Man kann sich gleichwohl nicht vorstellen, daß die Wirkungen überall gleichartig, stetig sind, also reist man. Die christliche Seefahrt. Wie kann ich mich für die unwägbaren Wirkungen eines bestimmten Ortes empfindlich und empfänglich machen?

Was ist zum Beispiel mit diesem Ort hier, Christenberg? Allgemeine Wahrnehmungen und Empfindungen sind leicht faßbar: die exponierte Lage auf der Anhöhe, der dichte Waldkranz, die Gestalt der kleinen Kirche, das Wetter dieser Abendstunde, Sonnenstrahlen schräg von Westen in die glänzende Nässe des eben vorbeigezogenen Gewitters, Ruhe und Sicherheit des Steinbaus, die Gebärde des Kirchhofmäuerchens, das frische, satte Grün der Obst- und Laubbäume, das Weiß und Rosa der Heckenrosen, der warme rötliche Ton des Sandsteins, das Grau der Dachschindeln und das - hellere - Grau der Wolken im Osten, die Silhouetten der Hügelzüge gegenüber.

Aber was ist typisch? Soll ich hier übernachten? Erfahrungsgemäß weiß man am nächsten Morgen auch nicht mehr. Was ich mir in diesen Reisetagen fast stündlich vornehme: offen zu sein für das, was auf mich zukommt. Den Wegweiser hierher sah ich im letzten Augenblick, mußte sogar rückwärts fahren. Wieviel versäumt man in den langen Momenten innerlicher Abwesenheit? (Gar nichts! der Autor)(What you get is what you see! die Setzerin). Ich sitze nachdenklich in der Gaststätte, mit direktem Blick auf die Kirche. Ich frage die Bedienung, ob man hier übernachten könne, sie fragt den Chef, ihren Onkel Fritz. Ja, er will eine Ausnahme machen. Ich stelle mein Auto vors Haus. Er bittet mich, nicht hinten aus meinem Zimmer ins Freie zu gehen, dort laufe die Schäferhündin und sie habe Junge. Im wieder einsetzenden Regen schlendere ich ums Gelände, schaue die Reste der Befestigungen an, erhalten ist ein Südturm mit Tordurchfahrt. Das Plateau, nach drei Seiten abfallend, mußte fast mit einer Burg bebaut werden.

Ich setze mich zum Essen wieder an denselben Tisch. Das Lokal ist jetzt gut besucht. Alles Münchhausener. Zu mir setzen sich drei Leute: eine rothaarige Frau mit grüngeschminkten Lidern in schwarzer Bluse und türkisfarbenem Rock, ein junger schnurrbärtiger Arbeitsloser und ‘Nudel", 42 Jahre, Typ Hardy Krüger, Klempner und Installateur.

Als ich aus dem Fenster blicke, sehe ich einen vollständigen Regenbogen über den Himmel hinter der Kirche gespannt, genau durch die Turmspitze gezogen. Ich verstehe das Zeichen. Im Lokal lärmt es. Erhabenes und Profanes müssen verquickt sein.

Im Verlauf des Abends bekomme ich Bier und Wein ausgegeben *1) und eine Lebensgeschichte Nudels zu hören:

"Als ich 55 in Marburg zur Lehre kam, in der Wettergasse...Der Vogel links vom Schloßeingang, der ist von mir. Wie wir Lehrlinge noch antreten mußten...Schon am Vorabend hatte die Werkzeugtasche gepackt zu sein. Um eine Schlüsselschraube wurde ich vom Schloß in die Werkstatt geschickt. Aber ich kann noch heute eine Gießkanne oder einen Trichter von Hand machen...Seit sieben Jahren arbeite ich im Sägewerk in Simtshausen. Alles computergesteuerte Maschinen. Habe mich auf Pneumatik verlegt, sehr interessantes Gebiet. Bin ja Klempner und Flaschner. Meine Älteste fängt jetzt ihre Lehr’ an, als Friseuse; fragt sie mich, Papa, kannst mer Geld leihe für’n Kittel? Weißte, wie ich zur Lehr’ gegangen bin?

Meine Frau.—Die ist halbseitig gelähmt, Schlaganfall, mit 26. Man muß sein Schicksal tragen. Bin nicht der Typ zum Urlaub machen, gehe lieber in’ Betrieb, oder in meine Werkstatt, das ist mein Hobby. Maschinen! Stehe davor und überleg’. Stunden! Da darf mich keiner stören, da bin ich weg. Habe schon viel verbessert. Oder ich komme hierher. Für die Münchhausener ist der Christenberg ein Heiligtum! Frühschoppen, sonntags. Und der Wirt, der Fritz, ist gut. Fährt mit seinem Geländewagen durch den Burgwald, Wege, sag ich dir! Das stiebt und kracht nur so! *2)

Die Bonifatiusquelle, kennst du die? Mein Vater, auch Klempner, lebt noch, hat davon getrunken, ich habe davon getrunken, meine Tochter, die weiß noch nicht mal, wo der Spessart ist! Die Lehrer...Ich geb ihr keine Schuld. Wir haben noch die schönen Bleiarbeiten gemacht, mein Vater, ich auch (leckt sich den Daumen, fährt mit dem feuchten Daumen über eine saubere imaginäre Lötnaht), so ein richtig feiner Bleisyphon!...

Anderntags am Morgen früh: Fritz’ Autotür ist eingedellt. Der Versicherungsvertreter kommt, Nudel kommt, erinnert sich an nichts, aber die Leute haben ihn in der Nacht beim Ausparken gesehen. Während des gereizten Palavers gehe ich ins Kirchlein. Schöner, riesiger Schlüssel, mir ganz alleine anvertraut.

Dann nehme ich einen Heimischen die kurze Strecke nach Marburg mit.

Marburg. Elisabethkirche, eine ältere Frau namens Gudrun Muth empfängt mich glossolalisch und mit leuchtenden Augen sprudelt förmlich über: dies ist eine Sternstunde, kommen sie und sehen! Warum? Weil sie gekommen sind und mich verstehen. Jeder, der versteht, ist selber Christus! Auf die Namen kommt es an...ein Mann mußte es sein! Wie ich nach einer Weile die Kirche verlasse, singt Gudrun einer Touristengruppe lauthals Jesus meine Zuversicht vor.

Großenlinden. Wunderbares Portal. Der Drache. Die Schlange, der Speer. Schon ziemliche Verwitterungsspuren am Sandstein.

Battenberger Hof. Ohne einmal gefragt zu haben, fahre ich direkt darauf zu. Warten auf Herrn Plett. Ein massiger Mann, strähniges, helles Haar, vorquellende Augen, wahrer Orson Welles der Demeter-Landwirtschaft, stapft über den Hof. So, den suchen sie, tja, der steht vor ihnen...

Gehört der cholerisch-phlegmatische Typ hier in die Gegend oder sind das alles umgesiedelte Pommern? Ich warte noch die Arbeitsbesprechung mit den Lehrlingen ab, 3 Schritte seitwärts. Möchte wohl hier arbeiten.

Ilbenstadt. Ein barockes Stadttor, das einen wie ein Mund verschluckt. Ich summe den Reigen seliger Geister. Einmal rings um die über doppelt mannshohe Mauer spaziert. Es ist offensichtlich, wie sehr jedes menschliche Bauwerk die Landschaft verändert, die Stimmung ebenfalls. Eine Mauer um mich: nicht nur äußerer Schutz, sondern Stimmung des Friedens, der Geborgenheit. Außen um eine Mauer herumgehen: Neugier, Verlangen. Entlang gehen: Spannung. Durchs Schlüsselloch schauen!

Mir scheinen die Maulbeerbäume recht am Platz. Ich entzünde der Löwenmutter eine Kerze.

Büdingen. Die fürstliche Rentenanstalt bittet, Fahrräder und Mofas nicht zu benutzen. Reichlich Stadtmauern, Türme und Tore.

Schotten. Fahre ins Vogelsberggebiet und in eine schwarze Wolkenwand und komme im dichten Platzregen, durch den die Sonne waagerecht scheint, an. Hotel zum Adler.

Dienstag, 29.6.

Über dem Berg hängt eine Wolke von demselben Farbe wie der Basalt des Erdbodens. Im Hochmoor an der Niddaquelle findet sich Wasserhahnenfuß ("flutender"?), Schlangenwurz, Arnika(?) und Tormentill (contre les tourments du sang). Es ist die Wasserscheide zwischen Main und Fulda, zwischen Rhein und Weser, weiter gesprochen. Die Gegenden, durch die man kommt, wie Goethe nach ihren Flußeinzugsgebieten beschreiben. Ich fahre unentschlossen durch den Regen und richte mich schließlich nicht mehr nach Wegweisern, sondern nach den hellen Flecken in den Wolkenlandschaften. In Fritzlar habe ich noch dem Abendgottesdienst beigewohnt, fahre dann unter farbig leuchtendem Himmel durch ein weites Panorama, fast durch ein Diorama, auf Kassel zu. Alte abgetragene und dadurch sehr anmutig gewordenen Vulkankegel schmücken den Horizont wie eine Perlenkette den Hals der Prinzessin Celeste. Kleine, waldgekrönte Kuppen unterbrechen und gliedern ringsum die sanftgeneigten, weiten Kornfelder. Sonnenuntergang direkt vor mir: ich höre Rahel zu mir sprechen:

"An Guidi in Hamburg, 2.7.1815

Gestern abend kam ich....von Ranneck, einem hohen Berg mit Ruinen, wo ein dreyeckiger Thurm steht, den ich noch obendrein durch viele Treppen bestieg. Göttliches sah man oben. Ringsum ins unabsehbare, Horizont über Horizont; das unglaublichste Lichterspiel von Dunkel und Hell, auf Kornfeldern, der Schwächat, der wie ein Thier das Thal bekroch, und sich wand, auf Dörfern und Besitzungen ohne Zahl, auf dunklen, eigensinnigen Bergen.

Schafe weideten, Holz wurde gefällt in den Bergwäldern und lag reichlich, todt und duftend da; auch einen Gewitterschlag hörten wir, aus einer zum Platzen verdrießlichen, dunklen, sich senkenden Wolke. In manchem Thalfleck im Gebirge war’s so still, daß man nichts, und nur Vögel hörte; denn auch wir, die Nationen, schwiegen . Es war ein Sonnentag nach langem Regen. Nicht feucht; junges Wetter, herrlich! Ohne Dich...-

Ein Moment war, unbeschreiblich, als wir von unserer Ruine so ziemlich ins Thal gestiegen waren, wo es nicht groß und nicht klein war, schien die Sonne nicht mehr; nur auf eine uns gegenüberragende andere Ruine, die durch Optik ganz im kreise unseres nicht beschienen Thales eingeringt war: es war der Abend selbst. Unschuldig, verhältnißlos, unpersönlich, ungekränkt, ohne Forderung, paradiesisch, ohne Unfall: ganz still athmete er selbst, Glük ein, Glük aus, ohne Zukunft, er war da, befreyt, in Glük".

Ich war erschöpft und wirr im Kopf, als ich nach einer Bummelfahrt durch die grünsteinigen Ortschaften der Soester Börde in Freckenhorst eintraf. Sieben Stationen des Lebens Christi auf dem Taufstein: Verkündigung, Geburt, Jordantaufe, Kreuzigung, Vorhölle, Himmelfahrt und Thron in der Mandorla, sehr gerafft erzählt, über sich aufbäumenden Löwen, auf warmem gelbem Sandstein. Auch die Kirche ist sehr schön, gut erhalten, mit Westwerk und Krypta. Die Seitenschiffe zeigen, wie Kreuzgratgewölbe bei schräg einfallendem Licht lebendig, leicht, ungegenständlich werden. Haben die romanischen Baumeister sie für die Kunstgeschichtsbücher gebaut?

Wie ich die Visbeker Braut fand: Schon einmal auf der Klassenreise hatten wir sie vergeblich gesucht, obwohl die Ahlhorner Heide direkt an der Autobahn liegt. Diesmal probiere ich es von der anderen Seite und finde nach kurzem Fußmarsch den Bräutigam, ein Riesenbett aus 124 Findlingen, am Kopfende vier besonders mächtige Platten und in der Mitte fünf tonnenschwere Blöcke, die eine Kammer bedecken. Ich sehe einen Wegweiser "Brautweg" und mache mich auf. Erst unterwegs wird mir klar, daß es nach der Karte etliche Kilometer sein müssen. Macht nichts. Es ist das gewohnte Abendwetter: Regen mit Sonne und fernem Donnergrollen. Unterwegs fange ich an zu zweifeln, da keine Wegweiser mehr vorhanden sind. Bin ich nicht schon zu weit? Ich beschließe, umzukehren, setze mir aber noch eine Marke am Waldrand, bis zu der ich gehen will. Und genau da ist sie! Wie das andere Bett, aber verborgen im Wald, man sieht sie erst auf zehn Schritte. Ich lächle vor Freude und setze mich auf eine Zigarettenlänge in die Kammer."

 

1) Schon in vorchristlichen Zeiten waren exakt dieselben Saufopfer an die Götter überliefert...

2) Wotan stürmte im Brausewind durch die Nordhessischen Wälder, sein Geist ist offenbar noch lebendig in den Tiefen der kollektiven Erinnerung

12.04.2006 um 10:13 Uhr

Die Hörner von Hattin (Ullaika 6)

von: hibou

."...kann aber auch Syrien oder Persien sein. Wir haben vor ein paar Jahren mal beim Krak des Chevaliers gedreht, heute ginge das nicht mehr."

"Mensch, dann ist das ja unser Gebiet! Hast du eigentlich die Burgund-Kartei noch?"
"Kannst sie mal haben. War schon nicht schlecht damals, mit Vickys Ente..."

"S’gibt noch ein Foto, wie wir auf dem Zeltplatz - Bourges?.."

"Ja, oder Chinon.."

"..- die Michelin Karte über den halben Rasen ausbreiten!"

"Und du hattest beim Abzeichnen der Kapitelle gar keine Geduld, warst meistens gleich fertig. So von Dorf zu Dorf, im Zickzack! Aber der Regen dann in Orléans die Woche, der hat uns mürbe gemacht. Flechtbänder, Flechtbänder, ungeheuer, Fabelwesen, kleine Menschenköpfe...Ich hab’ dir doch später nochmals was geschickt, über Großenlinden und Heiligenberg."

"Mhm, ich weiß."

"Also, über die Templer, zähl mal auf!"

"Neun Chevaliers haben den Orden gegründet, aus der Champagne, aus der Normandie. Ich glaube, der wichtigste hieß Hugues de Payns. Wann? Wohl im frühen 12.Jahrhundert. Auf dem Tempelberg in Jerusalem, im Geheimen. Hinter der Al Aqsa-Moschee soll es noch unterirdische Räumlichkeiten geben, "Pferdeställe". Komisch, weißt du was?. Mir fällt ein, daß sich Mohammed vom Felsen gleich nebenan auf seinem Pferd Burak zum Himmel aufschwang, alle Sphären bis zur obersten Gottheit durchmaß, und doch im Augenblick, ehe der Krug, den der Schweif des Pferdes beim Absprung gestreift hatte, zu Boden gefallen war, wieder zurückgelangte und ihn glücklich noch auffing. Und das Pferd...das Pferd..."

"...steht für den Irdischen, blitzschnell schließenden Verstand."

"Kabale und Liebe!"

"Die Kabbala gehört als drittes hinzu, die Schriftgelehrten..."

Wann ist der Tempelberg dann wohl zum Ort des Hasses geworden?"

"Na, wenn vorher nicht, hätten es bestimmt die Kreuzzüge geschafft."

Am anderen Tag schaute Guidi in der Bibliothek nach und fand die Namen der neun:

Hugues de Payns

André de Montbard

Godefroy de Saint Omer

Payen de Montdidier

Archambaud de Saint Amand

Gondemare ...

Rosal ...

Godefroy ...

Geofroy Bisol

"Welche Ziele hatten sie?

Modest wühlt sich von der Couch hoch und geht mit dem Weinglas in der Hand vor den beiden anderen hin und her. Die schweren Vorhänge des recht hohen Zimmers sind völlig zugezogen. Sein Gesicht, ohnehin bleich genug, wird nur von dem perlmuttenen Schein aus der Jukebox beleuchtet.

"Weiß man das überhaupt? Oder sind das alles obskure Geschichtchen?"

"Klar ist freilich gar nichts. Und allerlei ist absichtlich verfälscht worden... Weißt du, die Story ist aber wirklich gut. Ich überlege, ob man nicht ein Computerspiel draus machen könnt, ‘Der Fluch des Baphomet’ oder so ähnlich..."

"Baphomet’?"

"Gleich...wo waren wir? Ja, ein Geheimbund. Von Anfang an war es das. Die sichtbare Seite? Eine Ritterschaft zum Schutz der Pilgerstraßen und der Wallfahrer zum heiligen Grab. Sie haben in Palästina, aber vor allem auch in Europa eine dichte Infrastruktur von Herbergen, Komtureien, Handelskontors errichtet. In Frankreich konnte man in bequemen Tagereisen durchs ganze Land kommen und jeden Abend ihr Gast sein.

Dann kämpften sie besonders erbittert und unversöhnlich gegen die ‘Ungläubigen’, wurden nach verlorener Schlacht nicht wie die anderen Ritter selbstverständlich zu Geld gemacht, nämlich ausgetauscht, sondern bevorzugt gemartert und hingerichtet, wie sie es am Ende ihrer Geschichte von ihrem obersten Schutzherren, dem Papst gleichfalls erfahren sollten...

Nach der Entscheidungsschalcht bei den Hörnern von Hattin - unweit von Magdala, dem Ort der Maria Magdalena, gelegen - reichte Saladin den gefangenen Christenführern einen Trank im goldenen Becher, während er den Templeroberen kurzerhand den Kopf abschlug, und das im selben Festzelt... ..Damaszener Klingen..."

"Hör auf."

Guidi dachte an die Schauergeschichten von den alten Chinesen, die so unbeschreiblich scharfe Messer besaßen, daß sie ihre Delinquenten im Stehen köpften, diese aber gar nichts davon merkten, bis sie ein Geldstück vor die Füße geworfen bekamen, wonach die neugierigen Köpfe herunterpurzelten.

"Ein großes Fragezeichen. Diese seltsame Haßliebe zwischen ihnen und Teilen der Muselmanen. Muselmänninen? Muselleute?....

Im Übrigen bauten sie ein perfekt funktionierendes Bankwesen auf, mit Wechseln, Anweisungen und Konten. So brauchte man nicht mit Goldstücken beladen auf die unsichere Reise zu gehen."

"Come i longobardi!"

"Siguro. Und das Gold landete im ‘Temple’ von Paris, wo es die Aufmerksamkeit des habgierigen Königs Philipp des Schönen auf sich ziehen sollte."

Sie erörterten nun mehr oder weniger ausführlich und genau noch folgende Fragen:

Was waren die Ziele der Templer?

Handelte es sich in irgendeiner Art um eine Einweihung, und welcher Art?

Wie hängen damit die Vorwürfe der Abgötterei, der Verehrung des "Baphomet", der Afterküsse und der heimlichen Kumpanei mit den Moslems zusammen?

Hatten die Templer Verbindungen zu Dombauhütten und Franc-Maçons?

Oder was will "Wiederaufbau des Tempels Salomonis" bedeuten?

Unser Häuser Balken sind Zedern, unser Getäfel Zypressen."

Haben die Templer die Arche Cederis gefunden, und den sagenhaften salomonischen Tempelschatz?

Auch das Ende des Ordens ist ja grausam rätselhaft genug - bis hin zu dem Ruf aus der Menge: das war für Jacques de Molay! als Louis XVI. Kopf unter der Guillotine rollte...womit sich also irgendein namenloser Sansculotte des ausgehenden 18.Jahrhunderts auf den fast am selben Ort verbrannten letzten Großmeister der Templer bezogen hat.

Elfie hörte ganz konzentriert zu, verließ nur einmal kurz den abgedunkelten Raum. Die Spur des Abends aber war weiß: genau wie die Sufis und, Modest wies darauf hin, die Assassinen, waren die Tempelherren weiß gekleidet, mit etwas rot, einem kleinen Kreuz am rechten Arm.

Maso Guidi, wieder zu Hause, gräbt in Gedanken an Modest und die alten Marburger Zeiten seine Tagebücher aus und blättert zögernd darin herum (manchmal berühren ihn seine eigenen so naiven Sätze etwas peinlich, und er windet sich im nachhinein, bald aber versinkt er doch in Erinnerung):

10.04.2006 um 18:26 Uhr

Guidi, Reisen in der Zeit und in der Tram (Ullaika 5)

von: hibou

Ein anderes Mal nimmt Guidi für die Fahrt die Hilfe der Mitfahrerzentrale in Anspruch. Eine Dame Coretta Thielke, mit viel Gepäck in ihrem Golf, stellt sich ein. Sie ist nichtrauchende Dauerfahrerin. Sie lösen sich alle paar Stunden ab. Abseits der Tanksäulen dreht Guidi sich hastig seine Zigaretten. Erst weit nach Mitternacht wird er in der Vorstadt seines Zielortes an einer Straßenbahninsel abgesetzt. Coretta wendet schwungvoll, Guidi sieht ihr forsches Winken durch den glitzernden Regen. Über die Fahrt zum Bahnhof sagt Guidi nichts aus, obwohl er reichlich Zeit hätte, da er die Stunden bis zum Öffnen der Cafés im Wartesaal verlebt.

Ein riesiger Raum, halbhoch die sehr gedunkelte Wandtäfelung, darüber Stuckjünglinge, die das Gewölbe tragen. Fünf, sechs Menschen, die meisten schlafen, den Kopf auf den Tisch gelegt, bis sie hochgerüttelt werden, da dies nicht erlaubt ist.

Der Kellner, nach Guidis Beschreibung halte ich ihn für einen Griechen, bewegt sich für ein Publikum von hunderten. Er hält sich beschäftigt, indem er von Zeit zu Zeit etwas hin- und herräumt, einsammelt und wieder austeilt, bald die bleichen Kunstblumen, bald die Pfeffer- und Salzfässer. Nur Kaffee oder Tee können bestellt werden. Aber mit Grandezza serviert! Guidi denkt an Straßenbahnen. Die grünen, die er als Kind mit seiner Schwester in der Rohrschacherstraße sitzend beobachtete, Oma beklagte sich immer über die Höhe der Trittbretter, kein Wunder, mit ihrer Arthritis! Oder die Prager. Zusammen mit Heike hatte er sie letztes Jahr befahren, ohne herauszufinden, wo die Fahrkarten erhältlich seien. Auch die blauen Zürcher sind eindrucksvoll, sehr modern, geräumig trotz Schmalspur, quasi der Stolz der Stadt. Zu denken, daß Van der Pals im gelben Zehner nach Dornach in aller Eile ein Lied zu Ende komponiert hat (...sandt er ein Engel schnell/ mit Namen Gabriel...)!

Einmal träumte Guidi, er säße in einer schwimmenden Tram, die gemächlich eine schilfgesäumte, sonnenglitzernde Meeresbucht überquerte, um plötzlich in einen engen Kanal mit senkrechten Felswänden zu steuern. "Tramway nach Ankara entführt!" Im "Mädchenkrieg" fährt der nordische Vavra mit der Tram nach Bubenetsch, nachdem ihn die Liebe gestreift hatte. Und noch heute wähnt er sich auf der Abschiedsfahrt, damals, mit der letzten, mit der sie noch einmal die ganze holprige und schlingernde Strecke von Landwehr bis Eppendorf ausgekostet hatten.

Nach dem Morgenkaffee - wo? - geht Guidi ins Museum, ist leicht enttäuscht vom Anblick der erwarteten westgotischen Gürtelschnallen, angenehm berührt aber vom nachdenklichen Apostel Paulus, einem bärtigen, zerfurchten und doch zarten Mann, die Schreibfeder hat er sinken lassen, mit vorgeneigtem Kopf sitzt er da und schaut in sich hinein. Was wird er seinen Gemeinden schreiben?. Der Vordergrund ist ganz dunkel. Von links fällt ein warmer Schein auf seine runde lichte Stirn...

Die Luft ist wie frischgewaschen, als er aus dem Gebäude tritt. Vom Straßenhändler gibt es eine Brühe gratis, und nun kann es losgehen auf der "Suche" nach der Jugendherberge, die , wie er weiß, auf der Burg liegt. Am Schönen Brunnen und der Sebaldskirche vorbei gerät er mitten in eine Burgführung. Die Frau spricht nach Art der lebenden Automaten, als ob man ein Geldstück in sie eingeworfen hätte, wie gestanzt.

Die Müdigkeit überwölbt Guidi wie eine Kuppel, die Sinneseindrücke lösen sich zusehends von ihm ab. Es ist gerade erst mittag, und Guidi wird heute und auch morgen kein Glück mit den Herbergen haben. Nicht nur, daß deutlich ist, daß kein deutscher Jugendherbergsvater einen am hellichten Tag zu Bett lassen wird, zudem ist die ganze Anlage wegen Renovierung geschlossen. Und am nächsten Tag in der nächsten Stadt wird Guidi endgültig an der Schwelle dieser Einrichtung scheitern. Wer nicht merkt, daß er inzwischen älter geworden ist... Auf diese Weise, denkt Guidi eine Zeit später, wird der letzte Besuch der in Pontarlier gewesen sein, als er und Heike in das Zimmer mit dem gesprächigen Franzosen geteilt hatten. Dieser war splitternackt auf dem oberen Bett gesessen und Heike hatte unwillkürlich auf sein dunkelrotes, wurstförmiges Glied starren müssen..

An diesem nebligen Frühnachmittag bietet das erste Hotel im Hintergäßchen, mit Zimmern zu 22.-DM endlich Bett und Schlaf.

"Er stand an der Stelle, die der alte Mann seine Küche genannt haben würde: am Fenstersims mit dem Gaskocher darauf und dem selbstgebastelten Vorratskästchen, in das Luftlöcher gebohrt waren. Wir Männer, die unsere Kocherei selber besorgen müssen, sind Halbmenschen, dacht er, als er die zwei Regale musterte, den Topf und die Bratpfanne herauszog, zwischen Cayennepfeffer und Paprika herumstocherte. Überall sonst im Haus - sogar im Bett - kann man sich einigeln, seine Bücher lesen, sich einreden, daß der Mensch am besten allein sei. Doch in der Küche sind die Zeichen der Unvollständigkeit zu augenfällig. Ein halber Laib Schwarzbrot. Eine halbe Mettwurst. Eine halbe Zwiebel. Eine halbe Flasche Milch. Eine halbe Zitrone. Ein halbes Päckchen schwarzer Tee. Ein halbes Leben."

Und im wirren Dämmern vereinigte sich die Bibel auf dem vergilbten Nachtschränkchen mit der des Männerwohnheims in Ljubliana, der Geschmack der Lektüre Le Carrés mit geträumten Zitaten, wie "Asinus asino, sus sui pulcher", dem krautig herben Geruch der Bettücher, dem fahlen Schein vom Fenster her und sogar mit den Träumen seiner Kollegin Carla, die darin einer Freundin eine harmlose persönliche Bemerkung gemacht hatte, worauf diese so betroffen war, daß Carla erwachend sogleich beschloß, dieselbe zu unterlassen, zu einem opaken Halbbewußtsein ohne jede Trennung von innen und außen. Ist dieser Unterschied dem Tagesbewußtsein immer geläufig?

Guidi hatte alles, was er über Kaspar Hauser wußte, mit auf diese Reise getragen. Es waren in den letzten Jahren so viele Bücher - vor allem von Anthroposophen - darüber erschienen, daß Guidi halb erwartete, demnächst eine gründliche Dokumentation der Beobachtungen von Hausers Friseur, reich illustriert, in den Auslagen von Knappsaft, seinem Volksdorfer Buchhändler, auftauchen zu sehen.

Jetzt reiste er mit dem Vorsatz, seinen gleichaltrigen Freund und Schamanen aus hessischen Schul- und Studientagen über das Jahr 1833, um das es ihm auf dem Ullaika-Zettel zu gehen schien, zu befragen. Über Regensburg - diesmal mit Zimmer über dem Sexclub jenseits der Brücke - und Freising ("Ich stieg auf den Domhügel und sah die Alpen und schmeckte die ätzende Nähe des Kardinals") fuhr er nach München weiter. Am zeitigen Nachmittag klingelte er an der Tür Habsburgerstr.42. Eine ruhige Gegend, U-Bahnstation in der Nähe, ein rechteckiger, braunschattiger, zugeparkter Platz inmitten der hochbrüstigen Häuser, die so total von mondänen Schwabingern belegt waren, daß es in weiter Umgebung, ja fast bis zum Maximilianeum keinen Tante-Emma-Laden mehr gab.

Guidi klingelte wiederholt, es herrschte eine Ruhe, die Läden alle in der Sommerhitze bis auf einen Spalt zugelehnt. In der riesigen Wohnung Dämmerlicht, die bekannten Kistenmöbel und noch vertraute Bücher, die alte, modrige Couch, die alten Platten, eine Jukebox, ein Flipperautomat, mehrere Katzen. Diese wähnten sich versteckt, obschon sich ihre Umrisse deutlich unter den Bettbezügen abzeichneten. So scheu - erst nach Tagen ließen sie sich sehen.

Eine Elfie, angenehm unschön, recht behend und schweigsam wie die Katzen, öffnete ihm schließlich die Tür.

"Grüß’ Gott, der Modest ist noch im Studio, komm rein!"

Ein langer Flur mit knarrenden Dielen. Elfie lacht die Katzen aus, macht Kaffee.

"Wie geht’s ihm so?"

"Er war heute in Köln, mit Filmen für’n WDR, zeigt er da vor, hernach muß er wohl noch ins Büro."

Guidi murmelt was von viel Arbeit.

"Naa, es geht, mal viel, mal gar nichts, er kann selbst einteilen. Ich bin seine Sekretärin, vor drei Jahren ist er hierhergezogen."

Sie äußert sich nicht weiter, sitzt nachdenklich rauchend neben Guidi auf der Couch, streicht sich die Strähnen aus der Stirn. Ihr Profil ist eins von denen, die einem an eins erinnern, das man im Leben noch nie gesehen hat. Starke, schwungvolle Brauen, schwarz wie das kräftige Haupthaar und das feine, welches Waden und Schienbeine tönt.

Abends trinken sie dann Rotwein, in Mengen und achtlos. Auf die alten Tage wird Sad eyed Lady of the Lowlands gehört, dann Piper at the Gates of Dawn. Gelegentlich eines Schweigens zeigt Elfie Guidi sein Bett im Bücherzimmer. Erst in den frühen Morgenstunden wird er sich draufwerfen. Da ist es wieder, das Gefühl von früher, wenn sie bei lautem Vogelgezwitscher aus dem "Schwarzen Walfisch" nach Hause gekommen waren und dann im Augenblick des Hinlegens die ganze Welt, und zwar linksherum, zu kreisen begann.

Elfie aber, ohne Kleider, ist kühl und frisch, so daß wenigstens Modest für heute sicher an ihrer Seite ankert.

Sie sind alte Kumpane, die, von der Zeit unmerklich auseinandergetrieben, sich diesmal nicht recht was zu sagen wissen. Guidi hat schon immer seinen Geist bewundert, zuerst grenzenlos, dann mit Einschränkungen. In endlosen Gesprächen, zur Nachtzeit, vormittags während des Unterrichts im Café, unterwegs, haben sie ihre gemeinsamen Überzeugungen abgesteckt und befestigt. Seine schneidende Arroganz in Verbindung mit der Unbeholfenheit des Körpers! Die rituellen Handbewegungen: Eindrehen der Haarlocken oder des Bartes, sich kreisförmig über den Bauch streichen! Modest hat sich schon früh um Stilisierung beflissen. Aber gut war er als Woyzeck, mit Bully als Tambourmajor und Christine als Marie. Unvergeßlich wird Guidi die Szene in Lieberknechts Vorgarten bleiben: Modest hatte Günter die Susanne ausgespannt, dieser kommt eines Abends hinzu, wie beide aus dem Haus treten und schlägt den Glücklicheren nieder. Modest steht wortlos auf und läßt sich noch mal schlagen, bis sein Rivale ratlos die Hände sinken läßt.

Un estasi fiammegiante

"Es könnte sich um Al’Ullaiqa handeln, ich meine, ich hätte schon davon gehört. Irgendwo im Schuf- Gebirge?

10.04.2006 um 08:51 Uhr

Erstes Mal Liliane (Ulleika 4)

von: hibou

Picture yourself on a train in a station...um für ein paar Tage an den Nordrand des Schwarzwaldes zu fahren. Wir werden im strömenden Regen von einem Gärtnerkollegen abgeholt, er erklärt uns auf der kurzen Autofahrt zur Burg Rabenstein (ach Gott, doch wieder eine Jugendherberge!) in seiner unverbindlich tastenden Art, was man draußen vorbeiziehen sieht: "Die Innenstadt ist modern, unschön, Kaufhäuser und so, alles Alte wurde im Krieg zerstört, ja zerstört, zerbombt wohl, oder wie sagt man, ha, da der Ort schon immer als Zentrum der Uhren- und Präzisionsindustrie bekannt war. Warum Uhren zerstören? Na, alles wurde halt von oben zerschmettert, jede deutsche Stadt... doch, es gab schon auch Waffenproduktion, Zünder und so..."

Die Fahrt an diesem Sonntag im Intercity Hans Holbein hatte Guidi gefallen. Er fuhr sowieso sehr gern Bahn, er schätzt die leeren Züge. In der Regel sind sie’s um diese Zeit. Nach einer angemessenen Strecke sucht er auch heute den Speisewagen auf. Draußen sieht man zwischen Friedland und Bad Sooden die Zonengrenze, eh, die DDR-Grenze, links ganz nah Todesstreifen, Zaun, Mauern, Wachttürme, Streifen mit Hunden, kübelartige Mannschaftswagen...

Als Guidi sich eine Zigarette dreht, wird er vom Kellner an einen anderen Tisch verwiesen und kommt so gegenüber einer etwa 30-35-jährigen Frau zu sitzen, die sich alle paar Augenblicke hastig durch ihr dunkles, gerade herabhängendes Haar fährt.

Er nennt sie für sich "die schwarze Martina", wenigstens einstweilen. Sie erinnert Guidi an eine Nachbarin, die er in früheren Jahren in ihrer seinem Zimmer genau gegenüberliegenden Wohnung bemerkt hatte. Es waren kurze, nichtssagende Ausschnitte im Dunkeln jenseits des Kanals gewesen. Ihrer beiden Fenster waren direkt aufs Wasser hinausgegangen. Einmal, als Guidi aus Ärger über einen schlechten Film seinen Fernseher aus dem Fenster geworfen hatte, war sie grade zu Hause gewesen und hatte unbewegt die Szene verfolgt. Sonst war sie selten zu Hause gewesen. Guidi vermutete - die Anhaltspunkte dafür waren ihm nicht mehr bewußt - daß sie Medizinstudentin war (weißer Kittel?). Wahrscheinlich hatte er sie ein- oder mehrere Male auf dem Fachschaftsball gesehen.

Wie auch immer, sein jetziges Vis-à-vis hatte ganz ähnliche dichte schwarze Augenbrauen, und ungefähr dieselben breiten, flachen Backenknochen. Auch ihre Brüste, soweit sie sich unter der offenen Lederjacke und dem dunkelgrünen Pullover abzeichneten, ähnelten den ihren, die, so er sich richtig erinnerte, leicht nach außen zu den Oberarmen hin abgestanden hatten oder noch immer abstanden.

Wie das Gespräch begann? Vielleicht, weil sie beide im selben Moment ihre Zigaretten ausdrückten und sich dann unwillkürlich musterten. Reden als Verallgemeinerung, als Schutz der Intimität. Sich schweigend mehr als eine Sekunde lang anzusehen erfordert schon einen höheren Grad der Bekanntschaft... Guidi fand es sehr schwer, einem Menschen ernst in die Augen zu sehen. Beider Lächeln entstand aus dem Nichts, zog von unten nach den Augen hin und blieb dort eine ganze Weile in den Krähenfüßen hängen, nachdem die Mundwinkel sich schon längst wieder nach unten gesenkt und die Nase beiläufig ausgeatmet hatte, bevor es verflog.

Sie einigten sich auf ein Spiel: jeder sollte abwechselnd den anderen etwas fragen dürfen, doch keiner dasselbe.

Der Zug fuhr nun in beschleunigtem Tempo das Kinzigtal hinunter, die Strecke führte bald links, bald rechts des schön mäandernden Bachs entlang. Pappeln und Erlen markierten die Ufer. Braun und naß lag das Weideland. Schließlich erschienen die häßlichen Ränder eines flachen, wasserlosen Stausees.

"Wie heißt Du?"

"Anne. Eigentlich Anne-Christin. Naja, Anne reicht. Und was machst Du im Leben?"

"Ich habe gerade ein Jahr Praktikum auf einem biodynamischen Hof gemacht. Bis Juni bleib ich noch da. Im Teufelsmoor, jaja, bei Worpswede, aber ohne Touristen. Hauptsächlich Schweine gefüttert, im Holz gearbeitet und im Gemüsebau. Leider nicht gemolken. Den Bullen Elon gepflegt, HF-Linie, in Bremervörde ersteigert; neulich hat er einen Nagel geschluckt, worauf der Tierarzt ihn einen Magneten an einer Schnur fressen ließ, ungelogen. In Wirklichkeit bin ich Lehrer, freie Schule, kennst Du? Ach herrje, wollt ich gar nicht fragen!"

"Nö, nie gehört." Sie zündet sich eine neue Zigarette an.

"Wo fährst Du heute hin?"

"Mit dem hier bis Karlsruhe. Nimmst Du noch einen Kaffee?"

"Ja."

So geht es Guidi öfter. Er will was über Leute erfahren und erzählt dann von sich.- Immerhin weiß er nach einer Weile etwa folgendes über Anne: Sie kommt aus Seesen im Harz, die Eltern sind wohl Fabrikanten und sehr besitzergreifend. Studiert hat sie in Göttingen. Sie hält übrigens Ullaika für arabisch. Verheiratet, keine Kinder. Sie hat ihren Mann an der Uni kennengelernt:

"Ich hatte für das Examen Thema Körpersprache gewählt, da sollten viele Fotos in die Arbeit mit hinein, die Unterschiede zwischen Mann und Frau vor allem, Beinhaltung, Arme, Ellenbogen, Hände, Finger und alles, na, inzwischen frag ich mich, ob man durch so ne Kollektion nicht alles an uns auf tierische Verhaltensweisen reduziert, angenommen beim Ballett, klar, da wirkt ohne verbale Vermittlung was gemeint ist, aber gibt’s nicht andere Bewegungen, die der Mensch ausführen kann, denk ich mir jetzt manchmal, wo wir zwar gebrochen und unbeholfen ein bißchen mehr als Balzgehabe ausdrücken können?"

An dieser Stelle hatte Guidi belustigt an die beiden dicken Ringeltauben gedacht, die er vor Tagen aus dem Küchenfenster beobachtet hatte, wie der Tauber sich nicht gespreizt um sich selbst drehte, wie er es sonst meist zu tun pflegte, sondern sich tief gebückt hatte, den Kopf mit dem Schnabel an der Erde lang vorgestreckt und den Schwanz fächerförmig in die Luft erhoben!

"Ich hab die Bilder selber gemacht, die Typen, die ich vom Sehen her kannte, gefragt. Natürlich erst hinterher, durfte ja nicht gestellt sein. Bloß, geh mal rum und fotografiere lauter Leute! Mit einem von denen bin ich dann zusammengekommen, ziemlich schnell sogar, und weißt du, was dabei mit den Anstoß gegeben hat? Ziemlich blödsinnig: Er grummelte öfter ein Lied vor sich hin und hat mir dann den Text dazu übersetzt:

Herrlicher Baikal, herrliches Meer!

Auf einer Lachstonne will ich dich zwingen.

Spann’ meinen Kittel als Segel umher,

Rettung, sie wird mir gelingen.

Soweit Anne Marheineke.

Und Guidi fiel dazu der Vers ein: Un scaphandrier n’a pas le droit de rèver, il doit plonger.

09.04.2006 um 11:09 Uhr

Ullaika. 3.Kriegsnamen

von: hibou

Den ersten Hinweis erhielt Guidi nur ein paar Stunden später. Seinen Dienst hatte er für diesmal hinter sich. Wie der Mensch doch an den kleinen irdischen Freuden hängt! Samstagnachmittag vor dem freien Wochenende war so ein Moment. Er ließ sich Zeit beim Essen, stieg auch vorm Duschen ganz gemächlich aus den Kleidern, streifte die Werktagshaut ab, wusch sich mit Seife und Gesang, schnackte noch einen Augenblick auf der Diele mit Wilfried, fuhr den kurzen Weg zur Hütte per Fahrrad, schloß die Hüttentür wie immer mit dem glänzenderen der beiden Schlüssel auf - doch in völlig anderer Stimmung als die Woche hindurch - und legte sich schlafen, ohne den Wecker zu stellen

Im Einschlafen wandelten sich seine Gedanken unmerklich, entrangen sich seinem Kommando, fingen an, sich selbständig und mutwillig zu bewegen. Sie wurden Fleisch und Blut, je mehr Guidi sich aus seinem eigenen Körper entfernte, riefen Fremde herbei, mit denen sie dies und jenes beredeten, unternahmen, darstellten und erlebten - leider aber dabei oft außerhalb Guidis Reichweite gerieten - und er schlief.

Gerade an diesem Tag dachte er an John Lennon, der wohl irgendwie mit seinem Leben gespielt hatte, um auf so brutale Weise daraus entfernt zu werden. Woran hatte er gerührt? Und woran Sharon Tate? Wie muß es für einen Verstorbenen sein, wenn seine Stimme, die nicht mehr seine ist, wieder und wieder von Tonbändern und Schallplatten ertönt? Ob es ihn berührt? Vielleicht sogar stört oder schmerzt. Kann er sich davon entfernen, oder bannt es ihn ans Irdische, wie der Korken im Astloch das Sennentoggeli? Zieh den Korken heraus! Bitte, nur einmal, ganz kurz! Ich kann es nicht selbst, daß weißt du, du hast doch die drei Kreuze mit glühendem Messer darauf geritzt! So mach doch! Hab dir jetzt lange gedient, in allem. War dein, dein. Bin bleich geworden und schmal. Tu’s wenn du mich lieb hast! Und der Senn entfernt den Korken und HUI ist sie weg, endlich frei!! Ein Farbenmeer umgibt sie, während sie rasend fällt, ruckweise aufwärts, durchs Grün hindurch, welches sich von rechts unten schräg nach oben zieht. Jetzt ist sie darin, ist selbst Farbe. Körperlos, kein Magen, der beim Fallen rebelliert. Niemand fällt. Womit die Farbtöne sehen, hören? Plötzlich nach Jahren Licht Ruhe. Viele da. Innen sein. Sprechen durch mich. Hatten Namen vor der Farbgeburt. Abgeben, Haut um Haut, Hall um Hall, Fell um Fell, vollfellvornefett, Hülle um Fülle, Zwille Illumqu.

Guidi erwacht mit schlechtem Geschmack im Mund. Er spürte mit Unbehagen die Sandkörner zwischen Fußsohlen und Laken. Aus der Wärme der Decken sprang er auf, ja, er, Herrscher des Miststreuers und Bändiger der Drillmaschinen, schlüpfte in Hose und Troyer, griff nach Mantel und Mütze und machte sich auf den Weg.

Der Kies knirschte unter seinen Schritten, als er über den Vorhof der Moordiele auf die Kneipentür zuging, im Öffnen der Tür die Mütze abnahm, es war immer dieselbe Zeremonie, von schwarzen Fensterscheiben angestarrt und doch wissend, daß Benita sein Kommen schon bemerkt hatte. So wie sie das Kommen und Gehen eines jeden Kunden genauestens registrierte.

"Na, Maso, heute frei? Ein kleines Bier?"

"Ja, bitte, und Streichhölzer."

Wenn es dich noch gibt, sag, wo ich dich finde...

Guidis Zeit hier im Moordorf geht zu Ende. Noch hängt er verzweifelt daran, aber mit dem Kopf wird er gehen und niemand wird ihm dieses Jahr vom Gesicht ablesen können;

Es ist bereits dämmrig, das bißchen Licht, das durch die tiefen Wolken dringt, bleibt in der großen Kastanie auf dem Hof hängen. Benita hat ihren "Miss America"-Pullover an.

"In Erdkunde war ich gut," das ist Martin Schmidt, ein paar Hocker weiter, er zeigt ihr Boston rechts, Vancouver links, sie haut ihm gutmütig auf die Finger, "und Feuerland? Schall ick di wisen?"

"Hat mir letzt schon einer zeigen wollen, mit mir nich, nee!"

"Freies Wochenende?"

"Mhm."

"Brauchst Jolanthe, Samantha und Dolores nich füttern?"

Guidi tauscht den wackligen Hocker gegen den mit dem aufgeplatzten roten Bezug und setzt sich seitwärts ans rechte Ende des Tresens, mit dem Rücken zur Schiebetür. Sein Platz, wenn er abwartet, Auge ist und stumm ("So’n ruhiger Typ!" sagt Dieter, der Wirt, immer).

Am linken Ende steht er später, wenn er aufwacht, wenn Heike da ist oder Bärbel oder Birgit.

Aber vor allem, wenn Heike kommt.

"Um ehrlich zu sein", denkt er, "hab’ ich hier fast immer auf Heike gewartet, ein ganzes Jahr."

Benita ist geschäftig, mit ihrer Stupsnase und den hohen, vorspringenden Wangen hat sie etwas sehr tüchtiges an sich. Wenn keine Kundschaft da ist, sieht sie fern oder löst Kreuzworträtsel in den Illustrierten oder blättert nur. Oft spricht sie mit einem über die Leute im Dorf, Klatsch, aber recht gutmütig. Jan Kurve, der wieder so blau war, daß er dem Streifenwagen über die Felder zu entkommen versuchte. Benny, der seine Hose verwettete. Charly hat was angesetzt, dabei wollte er doch Schluß machen...

"Und, was haste mit Heike heute Abend vor?"

Ein glücklicher Mensch, zweifellos. Hält sich alle gut vom Leibe und möchte doch niemals ohne sie sein.. Ihre rührende Art, hübsch zu sein. Guidi denkt gut von ihr. Mit Benita gibt es keine Mißverständnisse, selbst wenn man weit nach Mitternacht mit ihr im "Delphin" ins Schwimmbecken springt.. Danach war er allerdings doch baff gewesen, und ratlos vor allem, als sie aus dem Haus auf die Straße rannte, und er mit ihren Klamotten hinterher...

Jetzt bei ihrer letzten Bemerkung fällt ihm der Vormittag ein und der komische Zettel.

"Schon mal von Ullaika gehört?"

"Wie bitte", schrill, "nö, die kenn’ ich nicht", sie bringt Martin das nächste Bier, "ne Kartoffelsorte? S’ gab mal ne Ulrike in der einen Wohngemeinschaft vorne in Bornreihe, aber die ist lange weg..."

"Ich weiß nicht, ob Ullaika ein Mädchen ist -.."

"Wieso? Wäre gar nicht schlecht als Name!"

Sie unterhalten sich über ihre bevorzugten Namen, verrückte und weniger verrückte, kommen bald auf die typischen Familiennamen der Gegend, die Brünjes, Stelljes, Lütjen, Tietjen, Bohling, Schnakenberg, Flathmann und Böttjer zu sprechen, und wie völlig normal es ist, daß jeder aber auch jeder seinen Spitznamen, oft blumig ausgeschmückt, oft eine halbe Geschichte, hat. Wie die Kriegsnamen der Indianer, denkt Benita. *) Jetzt kommt Dieter reingeschlichen, verplätteten Gesichts ("fühle mich wie ein Schellfisch"), und macht die Sportschau an.

Drüben am Fenster haben sich Charly und Camacho zum Schachspielen hingesetzt.

"Wer Anita sagt, muß auch Benita sagen!" Martin regt sich wieder. Charly rochiert. Guidi blickt zerstreut auf den weißen Turm, da sieht er es plötzlich: Eine ungeheure, blendendhelle Siedlung, wie tausend Santorins, auf steilen Hügeln. Er nähert sich ihr Fuß vor Fuß. Noch geht er durch Vorstadt-Slums. Schlammige Wege, tiefe Wagenradfurchen, Unrat, gesäumt von kubischen, fensterlosen Bretterbuden, aus denen streitende Stimmen in einer unbekannten Sprache ertönen. Doch ge

genüber, hoch über dem Mülltal die Stadt, DIE STADT, ein Schwindelgefühl und ein immer stärkeres Benommensein. Er hat Athen gesehen und Pitigliano und Orvieto, doch das ist unvergleichlich viel größer und unwirklicher, vor allem jetzt, wo er vorsichtig hangelnd auf dem Talgrund angekommen, vor dem Bab-es-Schams steht. Nach kaum ein paar Minuten vermißt er im Gewimmel eines Platzes mit Stufen, Brunnen, Hufeisenbögen seine gesamte Barschaft und dazu Reisepaß und die anderen Papiere..

"Trink aus! Ist dir nicht gut?"

"Das Labyrinth ist...zugleich der Kosmos, die Welt, das Leben des einzelnen, der Tempel, die Stadt, der Mensch, der Schoß, die Eingeweide der Mutter Erde, die Windungen des Hirns, das Bewußtsein, das Herz, die Pilgerfahrt, die Reise und der Weg."

Demnach mußte es sich um einen festen Ort mit Namen Ullaika oder so ähnlich handeln, eine Siedlung oder Burg.

"Trink noch einen mit!"

"Jo," gutmütig, "Prost, auf alle Reisenden!"

"Du warst wohl eben wieder mal weit weg?"

 

*) Edu von der Post (Benita, du bist ein Königskind!)

Benny, schlaksig

Rita, die nach Oklahoma geheiratet hat

Radau-Kück

Hannes, der Milchkontrolleur

Susanne, mit Manni verlobt (hat auch was angesetzt)

Gemüse-Mariechen (...muß man großhacken!)

die drei Frauen im Wurzelkeller

Bärbel Tacke, sucht Arbeit (Eifersucht: sie hat mit Brase einen gezischt)

Klaus, der Schönste im Dorf. Wenn er getrunken hat, spricht er nicht mehr

Thea, Hinnis Frau

Fidi: wo ist Johann?

Dragomir, der Kaninchenzüchter

Mao und Kongo, Geldbeutel verloren

Irmgard, Frau des Hundes

Cylax, Opfer des Hundes

Norbert, der Hund

Brigitte Bornreihe auf dem Miststreuer

Jan Kurve, Thido und der schwatte Dierk

Korea und Knolle

Schorse und seine Rottweiler

Little

Jan, der Flankengott

"Schneidsie" und Marion, die Bratkartoffeln mag

Luey aus Wallhöfen und Thailand, "Knack und Back!"

Charly, von Hannah getrennt

Hannah, von Charly getrennt

Wilfried ist nicht da, Günther ist nicht da, küß mich!!

Chrisby, Vater von Susannes Sohn

Skippy, Viehhändler und schlechter Mensch

Egon und Bienchen

Heike Düwel aus Himmelpforten...

08.04.2006 um 09:24 Uhr

Ullaika/mal herkommen

von: hibou

"Ein wenig lohnt es sich von Guidis Herkommen zu erfahren. Maso Guidi wurde kurz nach dem 2.Weltkrieg in La Sarraz im schweizerischen Kanton Waadt geboren. Es ist nicht ganz klar, ob sein Name vom Chronisten als Pseudonym ausgesucht wurde oder ob sein Großvater väterlicherseits seinerzeit aus Italien (ich glaube er war einfacher kaufmännischer Angestellter an der Mostra d’Oltremare in Neapel gewesen) auf der Suche nach besserem Auskommen - dem Glück- nach St.Gallen verschlagen worden war. Sein Vater, kurz vor Guidis Geburt ins Welschland umgezogen, hatte schon kaum noch italienisches an sich, Guidi selbst zeigte eine eher nach Norden weisende Lebenslinie. Nur ein Dutzend Lebensjahre verbrachte er in der Schweiz, schon damals eher wie ein Fremder, und doch war es -logisch- die goldene Zeit: Pompaples au Milieu du Monde: da gibt es eng zusammenstehende Bauernhäuser, aus Kalkstein aufgemauert, Eckquader, Fenstersimse und Türstürze sowie die rundbogigen Scheunentore aber aus grauem Sandstein, den Dorfplatz mit dem langgezogen rechteckigen Brunnen, das Café des Amis und die Burg mit der Mistrutsche grad auf dem Absturz ins Tal hinunter. Die steile, gewundene Straße, auf der man zum Bahnhof (Voie 1 Lausanne, Voie 2 Vallorbe) und zur Genossenschaft gelangte, die mit dem Lineal gezogene Zahnradbahn zum Oberdorf, auf deren Schienen wir uns Rappenstücke plattwalzen ließen. Die Höfe mit Remisen und Schuppen, Scheuern und Keller sind recht verwinkelt. Guidi sieht sich noch mit den Freunden Fangis spielen (die wilde Jagd durch weite Teile des Dorfes nannten sie "Napoleon"): Durch schmale Passagen zwischen hohen Steinmauern, hinter denen die Gärten versteckt lagen, ging es in dunkle Hinterhöfe, durch einen von schief in den Angeln hängenden rissigen Holztüren begrenzten stockfinsteren Flur auf die nächste Gasse hinaus, um die Schmiede herum auf die Querstraße und von da in den nächsterreichbaren Kuhstall hinein. Verboten war es nach den Regeln, sich auf die Weiden oder in die Weinberge hinaus zu flüchten.

Da waren aber vor allem die mächtigen, sorgfältig gezopften Misthaufen vor den Häusern. Am heiligen Sonntagmorgen wurde die Außenkante Forke für Forke vom Bauern weitergebaut, der Mist wurde untergeschlagen, so daß sich Rippe auf Rippe bildete, und der Duft mischte sich, streng wie in Flandern, mit dem ebenso herben der Glyzinien, deren Blütentrauben im Mai von den Fassaden hingen.

Neyret und Lipp hießen die Nachbarn oben und unten. Neyret untersetzt, rotgesichtig und stark, Lipp drahtig und braungerunzelt. Weißt du noch den Sonntagmorgen, als Neyret mit der Mistforke vor die Haustür trat, auf der Schwelle vom Schlag getroffen niederstürzte und starb? Eine der Erinnerungen, die wirklich sind, obwohl Guidi bei genauem Nachdenken nicht sicher ist, ob er es tatsächlich gesehen oder nur erzählen gehört hatte.
Die Saucisses au Choux, die er so gräßlich fand, daß er in Lipps Küche heimlich halbgekaute Bissen unter den Tisch fallen ließ! Er sieht noch die alte Bäuerin vor sich -20 Jahre später wird sie noch immer fast gleich alt aussehen -, wie sie hingekauert in Zinkeimern Schweinedärme wäscht und Blutsuppe rührt, während die Katzen, leicht angeekelt, ihre sanften Pfoten auf Kuhmist setzen, um von den weggeworfenen Innereien der Sau zu kosten.
Schließlich die weiter Umgebung, insgesamt ein Streuobstgarten der Erinnerung, zweifach vergangen, jederzeit betretbar, bis zu Geruch und Geschmack eingeprägt, gegenwärtig - einlösbar: die Hänge des Jura hinaufsteigen auf den knochigen Steinen bis zur hölzernen Kegelbahn im Nacken der Dent de Vaulion mit den nebelverschleierten enzianblauen Wiesen, an den flachen, wellblechgedeckten, tieftraurigen Alphütten vorbei immer weiter hinauf, und im Rücken niederwärts die blanke Fläche des Sees und dahinter wachsend, wachsend der ungeheure Mont Blanc und die vierundzwanzig Ältesten der Alpengipfel.
Der junge Herzog von Weimar zieht mit seinem Minister denselben Weg; weit unten im Tal überschreitet Stephan II. den Nozon bei Pompaples-derrière-la-lune, er macht Station in der versteckt liegenden Abtei von Romainmôtier, bald macht er Geschichte mit der konstantinischen Fälschung, die er zu Pippin nach Frankreich trägt.

Felder von Weizen und Wälder der Himbeeren und Türkenbundlilien. Gerade eben unter der Ackerkrume liegen die Mosaikböden römischer Villen , manche farbig eingelegt ,eines mit einem majestätischen Vogel, eine goldene Kugel in den Fängen und Flügeln von lauter Edelstein. Die Hitze des Sommers flimmert auf den Straßen, während Guidi sich in die Bauerngärten schlägt, ein paar zu Boden gefallene Walnüsse zu sammeln.

Un kilomètre à pied, ça use, ça use, un kilomètre à pied, ca use les souliers. Oder die Bise bläst ihm schneidend um die Ohren und läßt die Drachen so rasch steigen, daß er die Leine mit aller Kraft halten muß.

Unter den Schlössern erinnert Guidi besonders das quaderförmige von St.Barthélemy mit dem runden Eckturm, es beherbergte ein heilpädagogisches Heim. Frau Vachatse, das nachtfarbene, grobgestrickte Dreieckstuch um die Schultern und den gewölbten Busen gelegt, ließ ihn manchmal auf dem Esel reiten. In seinen Augen war sie gewiß zumindest eine vertriebene Gräfin. Wie hätte sie sonst wohl ihre Söhne Alexander und Basil genannt? Diese beiden, zusammen mit Guidi, Mayenfisch, Schwegler und Féat, schlugen sich Winters wie Sommers mit den Jungen des Dorfes. Nur das Nachbardorf wurde gemeinsam verspottet, besonders wegen seines Bahnhofs, der so klein war, daß er des Nachts hereingenommen wurde.

Spielen taten sie am liebsten in der verlassenen Kiesgrube mit den Loren und zerbrochenen Maschinen; für die unzähligen Königskerzen und den Sandmohn hatte wohl noch keiner von ihnen ein Auge. Sie hatten auch eine geheime Bande - den "Schwarzen Pfeil", ("ein schwarzer Pfeil/in jedes schwarze Herz!"), auch nur ein Treffen aller Mitglieder zustandezubringen war schier unmöglich, so geheim war sie. Schnitzeljagden endeten oft beim Chromlech auf der Anhöhe oder aber am Bach, dort, wo er die tief eingefressene schattige Schlaufe schlug. Unter dem Prallufer standen die Forellen, man brauchte sie nur mit der bloßen Hand zu "pflücken".

Mittwochs fuhr Guidi in die Stadt, um seine Klavierstunde zu beziehen, oder er begleitete seine Schwester zur Krankengymnastin. Im Flur roch es so seltsam, und wenn es ihm nicht gelang, den Weg des unbekannten Mädchens zu kreuzen, oder sie wenigstens durch die Glastür zu sehen, wie sie an allerlei mitleiderregenden Geräten festgebunden dasaß, war ihm fast wie traurig. Der Trolleybus, blau-weiß, fuhr die "Ewigkeitsstraße" hinunter. Der Architekt aus dem Neubauviertel, auf seiner gewaltigen Indiana mit Seitenwagen reitend, das buschige Haar völlig unter einer enganliegenden schwarzen Lederkappe verborgen, die Hakennase im Wind, überholte...

Abends mag Guidi gerne auf einem Mäuerchen am Platz sitzen, um die Beine mit dem Vieh zum Brunnen wippen zu lassen. Frau Schöpfer im Blumenkleid kehrt schweren Schrittes vom Einkauf heim. Noch später wäscht die Fee in der Quelle vor der Höhle ihre Wäsche, wenn genug Nebel im Tale lagert, die Nymphe von Orbe, Nozon und Venoge, an der Wasserscheide zwischen Nordsee und Mittelmeer, Lady Feather, ihre Silberwäsche waschend und dem verspäteten Hirtenjungen nicht zu den Menschen folgend.

Ja, dies alles hat Guidi geprägt und er hofft, dadurch die eine oder andere Hilfe zu bekommen."

06.04.2006 um 09:57 Uhr

ein langer erzähltext: Ullaika. 1. teufelsmoor

von: hibou

Guidi, 1.Kapitel: Phönix

"Böse Geister können, wie jedermann weiß, nur in gerader Linie fliegen."

Kürzlich erinnerte sich Guidi, wie er eine Zeitlang jeden Sonnabend früh über Land fuhr, meist drei bis vier Schweine hinter sich im Hänger, die er alsbald beim Schlachter abzuliefern hatte. Vor der Abfahrt galt es, sich zu vergewissern, ob alle Wannen und Kisten, die Wurstgläser und die Hölzer hinten im Kombi lagen, und auch, sich eine Zigarette für unterwegs zu drehen. Vorsichtig über das holprige Pflaster des Hofes anfahrend, bog Guidi links in die schmale, gerade Straße ein, an der all die Häuser des Dorfes, den mageren, abgetorften Weiden und dem verlandeten Graben gegenüber lagen. Und ja nicht zu schnell fahren, mein Lieber, um, Malaika im Ohr an Postels Gasthaus vorbei in die Weite des Moors hinauszukommen und den glücklichen Augenblick zu verlängern, über die Hamme durch morgenlichtgetränkten Dunst schließlich die langgezogene Rechtskurve nach Karlshöven hinein bereits die enge Einfahrt zu Seiferts Hinterhof zu erwischen!

Komm mit mir, meine Braut vom Libanon,

tritt her von der Höhe Amana,

von der Höhe Senir und Hermon,

von den Wohnungen der Löwen, von den Bergen der Leoparden!

Günther S. ist im Unterschied zu seiner Frau Lily, der resoluten Gemeindeschwester, eine massige Erscheinung, ebenso rot- wie dünnhäutig, sein Gesicht sieht, wenn er in Lederjacke und Sturzhelm auf seiner schweren BMW sitzt, noch säuglingshafter als bei der Arbeit aus. Guidi versteht nicht viel von Motorrädern, sieht aber, daß es eine nagelneue, starke Maschine ist. S. behandelt sie wie einen Roller, wie ein Trottinett, wie ein "Budirad- Brenshen"

Er schlachtet an Wochenenden fast rund um die Uhr. Abgespannt und reizbar sieht er heute aus. Guidi überlegt, wodurch ein Berliner wohl in diese Weltecke verschlagen wird? (und wohin hat es denn dich verschlagen?) und bleibt für die Zeit des Ausladens in diesen Gedankengängen hängen, während er mechanisch und zügig seinen Teil der Arbeit tut. (Wenn seine Schweine diesen Gang tun, ist er selbst oft wohlüberlegt in leichter Trance, jedesmal fällt ihm hinterher ein, daß er sie schließlich nicht einmal mehr angekuckt hat).

    1. Den Hänger rückwärts an die Hoftür bugsieren.
    2. Klappe senken, Seitengitter anlegen.
    3. Ruhig in den Hänger steigen, sanft auf die Schweine einreden, tätscheln, mit den Knien nachschieben, die widerspenstigen an Schwanz und Hinterbeinen hochheben und unter Aufbietung aller Kraft die Schräge herunterdrängen, während S. in seiner lachsroten Gummischürze vor Ungeduld zu brüllen beginnt, was nachgerade nichts erleichtert.
    4. Wenn alle vier in ihren Boxen sind die Klappe hochwuchten, die verstreuten Strohbüschel aufsammeln.
    5. Wagen und Hänger wenden und zum Vordereingang fahren.
    6. Die Wannen, Hölzer, Wurstgläser, die Eier und Zwiebeln ins Haus tragen.
    7. Die Schinken und Speckschwarten vom letzten Mal, die mit dem großen blauen L markierten, hinausschleppen und einladen. Auch die Mettwurst. Lily achtet drauf, daß nichts vergessen geht.

Da hat man sie nun bei ihrer Geburt beobachtet, sie vorm Zerquetschtwerden bewahrt, infrarotgewärmt, gefüttert ausgemistet eingefangen kastriert beringt, Mann, haben die mich dabei an die Buchtenwände geknallt!! ins Kleegras gebracht getränkt gefüttert eingefangen gepflegt getreten gehaßt für ihren Lärm, gewogen und nicht für zu leicht befunden, hierhergebracht, na!

S. bietet Bier und Zigarette an. Sie stehen in der gekachelten, obenhin grüngestrichenen Diele. Rechts eine niedrige Holzbank, die nie benutzt wird, links Tischplatten, Wannen, fahrbare Gestelle, wo die Würste, Mettwürste etc. aufgehängt werden können. Darunter Plastikfässer mit Salz, Traubenzucker, Konservierungsmitteln. Noch hatte er die Auseinandersetzung um den Salzgehalt nicht überwunden.

"Weißt du, ihr habt ja gute Schweine, schönes Fleisch. Ich würde euch sooo ne Wurst draus machen! Aber ich darf ja nicht!"

"Mhm"

"Wieviele sind noch nach?"

"Ich glaube...-"

Guidi zählt innerlich nach, sieht dabei die Buchten und den Futtergang, die Molkeeimer, den Kartoffelkocher (der eine alte Waschmaschine ist), den schwärzlich gesprenkelten Boden und die frischen Flecken grünen Kleegrases vor sich...

"22, nein, noch 23, ja."

Ein paar Minuten geht das Gespräch so dahin, von S. mit lauter, herausfordernder Poltrigkeit geführt, Guidi wie oft zögernd, horchend, ablenkend. Ihm wird der unterschied von Brühwurst, Kochwurst, Rotwurst erklärt. Er fragt nach den Einflüssen von Klima und Landschaft auf die Reifung des Schinkens? Der von San Daniele zum Beispiel?. Jahhh, der sei luftgetrocknet! Zutaten und Abschmeckungen, alles recht flüchtig, während Lily räumt und rumort.

Und nach fünfhundert Jahren fliegt er in die Wälder des Libanon und füllt seine Flügel mit Gewürzen.

Daß sich von all den Sonnabendmorgenfahrten just die eine heraushob, lag an einer Bewegung von Guidis linker Hand, die in die Tasche des Blaumannes fuhr und mit einem ziemlich schmierigen und zerfalteten Zettel wieder herauskam. Guidis Eingebung, an der Hauswand lehnend, den Rauch seiner Zigarette einziehend zu lesen und wahrzunehmen, bewirkte, daß diese Geschichte ihren Lauf nahm. Wieviele andere unerzählt bleiben, wer es wüßte!

Auf dem entfalteten Papierchen las er 1984, 1256, 728, AJJUMKU, Ullaiqa. Daneben, und das erkannte er wieder, hatte er selbst hingeschrieben: Halo, tkg erkundigen, Raiffeisen.

Wie seltsam. Guidi glaubte nicht an Zufall, ging aber gerne Zufällen nach. So begann diese Geschichte.