Inner city blues/vagina

18.04.2006 um 09:16 Uhr

Anna, Der Auftrag (Ullaika 9)

von: hibou

 

Geworfensein.

Und zeitlos fallen.

Mit einem einzigen, nicht gewollten Augenaufschlag.

Ganz leer und rein und neu ist es, eine Welt und ein Tag, ein mit rasender Geschwindigkeit bis ins einzelne bekannt werdender Ausschnitt farbiger Schatten, Farbflächen, Linien, Dunkel und Licht, eines Raumes, Schlafzimmers. Verbrauchte Luft, Geschmack im Mund, klebende Füße. Da drückt etwas im Rücken, ach, eine Falte im Laken, im Bett liegen war nicht immer, gestern, GESTERN, war es spät, wo – WER – ach – ICH!

Oh je...so müde im Bauch und eben noch dieser Bruchteil von Überklarheit. Wo war ich? Na, egal. Die Beine aus dem Bett gedreht. Was macht die blöde Fliege da? Die Schritte zum Klo gemacht und erst dabei die Blase gefühlt. Ahhh. Endlich. Das letzte Blatt Papier mal wieder. Gleich eine neue Rolle holen. Was ist heute eigentlich dran? Vielleicht treff ich Karl -.

Jetzt unter die Dusche. Im Vorbeigehen sehe ich meine Brüste und die Haarbüschel unter den Armen im Spiegel.. Etwas wärmer darfs schon. Luuula lula. Wie ein Fisch. Ich pruste. Da bin ich!

Gott hat den Menschen Haare an den Stellen wachsen lassen, wo Seifenschaum hin soll, so habe ich mir es als Kind immer zurechtgelegt. Jetzt das Handtuch, ich vergesse immer das Kreuz , da zieht es mir dann kühl hin, wenn ich vor dem Spiegel stehe. Zähneputzen. Ein schönes Gesicht ist das. Schon die ganzen Tage einen Pickel am Hals. Habe beim Tanzen immer gedacht: ob er wohl auffällt? Etwas Massageöl. Witzig das eine Haar direkt neben der Brustwarze, krumm und zittrig. Wie bei Maria. Zum Schrank. BH, Schlüpfer, T-Shirt, Jeans, Pullover. Bett gemacht ohne Bewußtsein und sicher in jedem Griff. In die Küche schon fast singend, den Schnellkocher in Gang gebracht und dann endlich den ersten Schluck Kaffee getrunken.

Auf seiner Eckbank ist Budimir aufgewacht. Wegen seines seidig getigerten Fells und sanften Wesens hatte ich ihn früher Griseldis genannt. Er streicht mir um die Beine. Katzen sind wandelnde Vorzeichen für uns, sozusagen tägliche "déjà-vus". Sich selbst sind sie freilich vollkommen genug und bedürfen zu ihrem Leben keines zusätzlichen Sinnes.

Ich denke daran, wie es damals anfing, im März 1966.

Heute abend kann es klappen. Günter ist im "Schwarzen Walfisch", wie ich gesehen habe, auf seinem Stammplatz rechts in der ersten Nische neben der Tür. Wetten, dass er gerade hinter seinen dicken Brillengläsern feixt, der alte Schwadroneur und Saufaus! Die anderen beiden sind ja mit Vicky in Griechenland. Also nichts wie hin! Kleidung ist schon schwarz, gut. Schuhe mit Kreppsohlen, Stablämpchen? Draußen ist’s schon etwas länger hell jetzt. Vorhin habe ich eine Hummel fliegen sehen, das muss ich mir merken, 17.März: erste Hummel, und die erste Biene vor etwa einer Woche auf Krokus fliegend..

Von der E-Kirche klingt das Sechs-Uhr Läuten. Ich bin gerade richtig.

Nummer 14. Eine Treppe hoch. Es knarrt zwar, aber hier gehen so viele ein und aus. Auch ich hab hier schon übernachtet, während meiner kurzen Schwäche für Günter. Ach, er kann so schön und in Endlosschleifen erzählen, alles ist mit allem verknüpft, Politik mit Wolkenbildern, oh ja das stimmt im wahrsten Sinne für ihn, doch! Ich muß noch über den Lichthof mit der Außentoilette. Niemand ist zu sehen oder zu hören. Die kurze Treppe mit dem Eisengeländer und der Flur mit den aufgereihten Türen. Hier soll früher ein Puff gewesen sein. Das am Ende muss es sein. Mit dem Dietrich ist’s kein Problem, hineinzukommen. Am besten schließe ich von innen ab.

Was sie jetzt sieht, den Rücken an die Tür gelehnt, die beiden Handflächen mit hängenden Armen gegen die Füllung gepresst, die Brust noch flach im Atem, was sie dann im einzelnen durchsucht ist dies:

Ein recht dunkles Zimmer. Nur zwei Fenster blicken an der Schmalseite gegenüber der Tür zum Licht. Die Wandfarbe unbestimmbar, die Gardinen vergilbt, die Fensterscheiben fleckig und trübe. Ein großer Schrank steht rechts an der Wand, alt, wertlos. Der Boden ist ganz mit dem Bastteppich aus dem Spanien-Import-Geschäft belegt, den hat fast jeder Student hier, er ist absolut pflegefrei, da alles hindurchrieselt.. Links der Tür eine verwühlte Bett-Couch, am rechten Fenster ein Tisch, zwei Stühle, ein paar Apfelsinenkisten. Eine Holzsäule etwa brusthoch, ein riesiger Teddy, sich müde daran anlehnend. An der Wand überm Bett ein Plakat mit dem Gesicht General Kys und dem Text: Support your local dictator! Und zwei Linolschnitte, ein Jungen- und ein Mädchengesicht zeigend, einfach und ernst wie eine Landkarte.

Auf dem Boden verteilt: leere Bier- und Weinflaschen, Schallplatten mit und ohne Hüllen (sie liest unwillkürlich "under the boardwalk", Flugblätter und Traktate, Bücher, Aschenbecher, Leuchter mit Kerzenwachsstalaktiten, eine schwarze Filzjacke. Der Plattenspieler ist auf einem Stuhl aufgebaut. Ein Sack Kohle, Briketts und Holz am Ofen . Es riecht muffig, nach Räucherstäbchen, Tabak, Vormittagsschlaf und Spätabendbesäufnis.

Nun stakt sie quer durch den Raum, blickt kurz aus dem Fenster über den Kanal auf ihre eigene Wohnung, dann nimmt sie sich geduldig den Tisch vor. Ein Haufen Papier, eine Hermes-Baby-Schreibmaschine, Stifte, Flaschenöffner, Kinokarten, Krümel, Fotos, ein Armband aus Bernstein....

Ist es Guidis Zimmer? Ja, da liegt ein Presseausweis, Studentenzeitung, AKUS Uni Marburg. Jetzt fängt sie an, aufmerksam die Blätter zu mustern, so, als ob sie sie auswendig lernen möchte. Sie horcht aber dabei weiter auf Geräusche, setzt sich endlich, packt ein Hustenbonbon aus und steckt es sich in den Mund, fährt sich durchs Haar und über die Narbe, runzelt die Brauen, lächelt, verzieht den Mund.....

Ein Streifen Papier, maschinengeschrieben:

"In le Puy waren wir auch. Die Gegend ist wirklich sehr fündig und flechtbandreich, wir sind begeistert. Zurück fuhren wir durch die Loireschluchten – wo die Schmetterlinge inzwischen hingeflogen waren – über Roanne bis Fleury la Motagne zum Picknick neben einem burgundischen Tympanon des romanischen Barock mit Madonna und schwungvollen Weisen, David, Goliath und Eselein mit Laute, nach Nevers, wo wir St.Etienne nicht fanden und dafür St.Cyr mit romanischer Apsis, rasten abends durch Auxerre, es war noch zu früh zum zelten, und übernachteten dann auf dem Plan, wo lebte Meister Chrestian. Am nächsten Tag nach Reims – oh krön - , der Wärter der Kathedrale schlug eben mit seiner Schaufel eine Taube tot, ohne anzuhalten durch Châlons und die katalaunischen Felder bis in die wildschweinreichen Ardennen, dort aßen wir auf Muschelkalk. Endlich kam das hübsche Charleroi und über eine Zeit der deutsche Zoll in Aachen in Sicht, den Rest schenken wir uns. Leider ist mein Belichtungsmesser im Eimer, so dass die Dias spärlich blieben."